1. Oktober 2019

Ökologische Beleuchtungen (1) – postmoderne Maßlosigkeit

Jonas Schick

PDF der Druckfassung aus Sezession 92/Oktober 2019

Fährt man nachts durch das südliche Sachsen-Anhalt breitet sich vor einem ein Szenario aus, das der Landebahn des Frankfurter Flughafens gleicht – blinkende rote Lichter erstrecken sich über die ganze Breite des Blickfelds. Es wirkt wie eine Invasion; so, als ob stabartige Raumschiffe auf der flachen Felderlandschaft gelandet seien, die das Land unter Beschlag nehmen, die weite Fläche für sich beanspruchen. »Invasiv«, das beschreibt es ganz gut, wie die Windkraft in den Raum, die Umwelt, den Boden drängt.

Waren Industrieparks vor der Energiewende räumlich begrenzte Areale gewesen, hat sich die Industrialisierung seit dem Erneuerbaren Energien Gesetz 2000 in die gesamte Fläche ergossen. In Sachsen-Anhalt stehen mittlerweile 2863 Anlagen mit einer installierten Leistung von 5118 Megawatt. Wahre Kolosse aus Stahl und Beton: Eine der modernsten Anlagen der Firma Enercon, die E-126, bringt mit allen Bauteilen 6950 Tonnen auf die Waage.

Für ihr Fundament werden 1500 Kubikmeter Beton und etwa 180 Tonnen Bewehrungsstahl tief in den Boden hineingepreßt. Die ökologischen Negativfolgen dieser Ungetüme sind mannigfaltig: Rotmilane, Schwarzstörche, Uhus, Fledermäuse und Insekten werden gehäckselt; Wald muß weichen, Fläche wird versiegelt. Das gesamte Ökosystem, das die Anlage umgibt, wird aus den Fugen gerissen.

Ein relativ unbeachteter »Nebeneffekt« der 1500 Kubikmeter Beton im Boden ist die Störung des natürlichen Wasserhaushalts – der oberflächliche Abfluß wird gesteigert, Dürreschäden werden gefördert. Außerdem läßt die Filtrationsleistung des Bodens nach, wodurch die Stoffkonzentration und die Grundwasserbelastung zunehmen. Die Umweltfolgen dessen, was vorgeblich das Klima schützt, werden, so scheint es, konsequent ausgeblendet.

Das liegt auch daran, daß in der breiten Öffentlichkeit der Naturschutz und der Klimaschutz dieser Tage deckungsgleich behandelt werden. Die Proteste der Jugendbewegung #FridaysForFuture (FFF) geben dafür das offenkundige Beispiel: Für die demonstrierenden Schüler und Studenten dreht es sich bei der Ökologie zuvorderst um Fragen, die das Klima betreffen.

Das hat zur Folge, daß etliche Umweltverheerungen – so wie die hier explizierten der Windkraft –, die in erster Linie keinen signifikanten Einfluß auf die Gaskomposition unserer Atmosphäre haben, mißachtet werden oder ihnen lediglich eine marginale Aufmerksamkeit zuteil wird. Technik wird zuallererst anhand seiner CO2-Emissionen bewertet – Auswirkungen auf die Biodiversität, Eutrophierung der Böden und Gewässer, genereller Wasserverbrauch oder radioaktiver Abbaustaub verschwinden im Hintergrund.

Darüber hinaus versteift man sich auf ein Modell des Klimawandels, das ausschließlich anthropologisch begründet wird  – »natürliche« Faktoren sind absent. Die »Klimahysterie« entsteht auch dadurch, daß man den monokausalen Auslöser für die Erwärmung der letzten Jahrzehnte in felsenfester Glaubenstreue im Menschen ausgemacht haben möchte, wodurch man ein hochkomplexes System auf lediglich eines seiner Wandel induzierenden Bestandteile beschränkt.

Das ökologische Weltbild der FFF-Demonstranten gleicht demzufolge einer Schwarz-Weiß-Schablone. Daher verwundert es nicht, daß der Mensch aus dieser Perspektive wie ein externer, außerirdischer Faktor behandelt wird, er also als ein außerhalb der Natur stehendes Wesen erscheint. Zuweilen artikulieren sich daraus Forderungen, die jegliche Form der Kulturlandschaft ihr Existenzrecht absprechen und quasi zu einer Barbarisierung der menschlichen Umwelt aufrufen.

Daß auch andere Spezies durch ihr Verhalten Einfluß auf das sie umgebende Ökosystem nehmen und dieses nachhaltig verändern, wird dabei übersehen. »Natur« wird bei FFF als harmonisches System perzipiert, dem ohne den Menschen jedwede Krisenhaftigkeit fremd wäre. Jedoch sind Umweltzerstörungen in evolutionären Maßstäben nichts Ungewöhnliches, sondern vielmehr die Regel.

Ungeachtet dessen ergibt sich die substantiellste ökologische Impotenz der Bewegung daraus, daß sie sich selbst als Teil des progressistischen Lagers betrachtet und damit ein (Industrie-) System stützt, dem die Vernutzung von Beständen und ein unkontrolliertes Über-sichHinausgreifen inhärent sind. Es ist unwahrscheinlich, daß die durch dieses System erzeugten ökologischen Verwerfungen den Menschen bzw. das Leben als Ganzes vom Planeten tilgen werden.

Hingegen steht das »westliche« Industriesystem vor seinem Kollaps, das mittlerweile in seinen Grundzügen den ganzen Globus umspannt. Letzten Endes treibt die jungen Demonstranten die Sorge um ihre Überflußgesellschaft an, die sie mit der lautstarken Forderung nach »grünem Wachstum« zu retten versuchen. Wenn sich in den Reihen von FFF ein Anrecht auf eine unbeschwerte Zukunft artikuliert, dann handelt es sich um eine Zukunft des garantierten Wohlstands samt Konsumerismus in einer vermeintlich möglichen Harmonie ebenjenes Industriesystems mit der Natur.

Diese Verblendung ist unter anderem darauf zurückführen, daß die Schüler- und Studentenbewegung sich hauptsächlich aus der gleichen Klientel rekrutiert, die im großen und ganzen grün wählt: großstädtisch, fortschrittlich, akademisch. Für diese Gruppe sind die ökologischen Auswirkungen der von ihnen wie Heilsbringer angepriesenen Erneuerbaren Energien nicht erfahrbar bzw. leichter abzutun, insofern als ihre eigene Lebensrealität mit eine der naturärmsten darstellt, die sich innerhalb der bundesdeutschen Grenzen findet.

Insbesondere aus dieser Blase heraus können die tonnenschweren Windradkolosse aus Stahl, Kohlefaser und Beton zu nachhaltigen Hoffnungsträgern verklärt werden. Daß gerade die von ihnen gepflegten urbanen Lebensstile von stetigen Energieflüssen abhängig sind und dadurch in distinktem Widerspruch zu einer volatilen Energieerzeugung stehen, gehört nur zu einer weiteren Verdrängungsleistung unter vielen der konformistischen Rebellen.

Darüber hinaus tendiert dieses Milieu dazu, eine Vorstellung von Landwirtschaft zu pflegen, die sich lediglich aus bunten Alnatura-Prospekten speist. Etliche Verordnungen, die in grünen Parlamentszimmern geschmiedet oder von führenden Politikern der »Öko-Partei« lautstark propagiert wurden, entpuppten sich nach ihrer Implementation als ökologische Agrarirrlichter, die mehr Schaden anrichten als sie beheben sollten (siehe »Biokraftstoffe« oder die Monokulturalisierung aufgrund des Anbaus von »Biomasse«).

Erschwerend für eine ernstzunehmende ökologische Positionierung von FFF gesellt sich zur Urbanität ein ausgeprägter Kosmopolitismus hinzu, dessen Aufrechterhaltung bzw. flächendeckende Etablierung nur durch eine weitreichende Mobilität realisiert werden kann. Diese Entortung gibt es wiederum nur im Austausch für einen ökologischen Preis, der kein geringer ist. Schlußendlich sind wir damit wieder an dem Punkt angekommen, an dem offensichtlich wird, daß Soziales, Ökonomisches und Ökologisches untrennbar miteinander verzahnt sind.

Angestrebte Veränderungen auf einem Feld allein müssen zwangsläufig scheitern – wenn keine Kongruenz zwischen den drei Sphären besteht, resultiert aus dieser Inkonsistenz eine Disruption, die zumindest eine dauerhafte Dysfunktionalität des Gesamtsystems und in letzter Konsequenz einen völligen Kollaps induzieren kann. Für die FFF-Protagonisten liegt eine derartig ganzheitliche Auffassung umweltbezogener Zusammenhänge in weiter Ferne, scheitert es ja schon daran, daß man selbst in der ökologischen Sphäre zur Verengung neigt.

Letztlich verdichtet sich in #FridaysForFuture all das, woran die auf links gewendete Ökologiebewegung generell krankt – postmoderne Maßlosigkeit. Händeringend versuchen die Anhänger emanzipatorischer Ideologeme die Risse zuzukleistern, die sie selbst immer wieder in die Substanz reißen.

Doch in dem Moment, wo progressive Protagonisten einen grundlegenden Ökologieansatz in die Praxis umzusetzen versuchten, führte sie ihr Weg geradewegs ins »rechte Leben«, auch wenn sich das mancher der zwangsweise Gewendeten nie eingestehen könnte. Der Ausbruch aus der konformistischen Rebellion wird nicht vielen gelingen.



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