Leif Randt: Allegro Pastell. Roman

Leif Randt: Allegro Pastell. Roman, Köln: KiWi 2020. 280 S., 22 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ver­rückt: Dürf­te ich unter x‑Photos »aktu­el­ler« Autoren fünf aus­wäh­len, deren Bücher ich gern lesen wür­de – Leif Randt wäre defi­ni­tiv nicht dar­un­ter. Als alte Loo­kis­tin gebe ich – sei es: lei­der – etwas auf den äuße­ren Ein­druck. Herr Randt (Jg. 1983) trägt auf allen Bil­dern, die im Netz ver­füg­bar sind, form­los-bun­te Kla­mot­ten und oft Base­caps, ein wenig wie »Rezo«, der CDU-Kaputtmacher.
Die­ser Stil mag iro­nisch gemeint sein, süf­fi­sant anspie­lungs­reich oder wie auch immer – ich kom­me nicht dahin­ter. Es irri­tiert mich, weil nun mit Alle­gro Pas­tell bereits der drit­te Roman aus Randts Feder vor­liegt, der mich beein­druckt hat. Die bei­den vor­an­ge­hen­den Wer­ke sind in Sezes­si­on 51 (2012, Schim­mern­der Dunst über Coby Coun­ty) und Sezes­si­on 66 (Pla­net Magnon, 2016) aus­führ­lich bespro­chen wor­den. Die­se Roma­ne spiel­ten in der nahen Zukunft; Alle­gro Pas­tell hin­ge­gen ist in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit loka­li­siert, im Jahr 2018. Hier geht es vor­der­grün­dig nicht um Gesell­schafts­ent­wür­fe, son­dern um rea­le Paar­be­zie­hun­gen im Zeit­al­ter des »Post­prag­ma­tis­mus«.
Was soll das hei­ßen? Eine »prag­ma­ti­sche Bezie­hung«: Das wäre ein ten­den­zi­ell unro­man­ti­sches Ding, eine Sache, die man frü­her wohl »Brat­kar­tof­fel­ver­hält­nis« nann­te. Unser post­prag­ma­tisch Ver­ban­del­ter hat die Ebe­ne der Auf­rech­nung, des do ut des, längst ver­las­sen. Nun geht es dar­um, das Gefühl des »Okay­seins« mög­lichst pho­to­gen zu insze­nie­ren. Unse­re Roman­fi­gu­ren hüten sich, nicht okay zu sein mit sich, mit dem Gegen­über, den Umstän­den. Und war­um soll­te man auch – denn: alles ist, ein Mini­mum an Tole­ranz vor­aus­ge­setzt, doch völ­lig okay! Tole­ranz ist auch in die­sem Roman ein Dau­er­ge­fühl, das nie auf die Pro­be gestellt wird. Es gibt kei­ne Abweich­ler mehr: »Alles darf, nichts muß.«
Wer nicht ganz auf den Kopf gefal­len ist oder vom Schick­sal hart geschla­gen wur­de (und um sol­che Leu­te geht es hier dezi­diert nicht, selbst die schwer depres­si­ve Sarah, eine Neben­fi­gur, kommt letzt­lich ganz okay durch), der erreicht – und sei es unter Zuhil­fe­nah­me markt­gän­gi­ger Dro­gen – einen gewis­sen Well-being-Fak­tor. Spe­zi­ell geht es um Jero­me. Er ist Web­de­si­gner, Mit­te drei­ßig, wohn­haft in einem Kaff namens Main­tal – übri­gens wie Leif Randt selbst. (Mir hat das Buch womög­lich auch gefal­len weil ich, 28 Jah­re direkt neben Main­tal lebend, vie­le Schau­plät­ze, Clubs etc. gut ken­ne.) Er hat eine Bezie­hung mit Tan­ja, einer Autorin, die mit ihrem Debüt »Pan­op­ti­kum­Neu« einen Publi­kums­er­folg gelan­det hat­te. Tan­ja, jün­ger als Jero­me und noch eine Spur coo­ler (Randt stellt das nicht aus, er beschreibt nur) als ihr Freund, ist seit ihrem Buch­er­folg »eine Art Iko­ne« vor allem »für schwu­le Aka­de­mi­ker zwi­schen zwan­zig und fünf­und­vier­zig Jah­ren.« Tan­ja (Ber­lin) und Jero­me (hes­si­sches Kaff) bil­den das Traum­paar eines auf- und abge­klär­ten Bindungsparadigmas.
Bei­de sind ten­den­zi­ell »offen« und nicht aus­ge­spro­chen mono­gam (was zu Ver­wer­fun­gen führt; man kann die­se Din­ge hand­len, selbst wenn sie letzt­lich einen – okay­en – Abschied von­ein­an­der bedeu­ten); Jero­me hat mit Absicht kein Auto, son­dern mie­tet gele­gent­lich einen Tes­la; Tan­ja nimmt The­ra­pie­stun­den bei ihrer super­lo­cke­ren Psy­cho­the­ra­peu­ten­mut­ter – alle Eltern sind hier extrem easy drauf –, die boh­rend nach­fragt, war­um Tan­ja denn nicht ein­fach eine Neben­be­zie­hung star­te: »Ist Moral wirk­lich dein The­ma?« Es gibt kei­nen Schwur, kei­ne Aus­weg­lo­sig­keit, kein Fatum. Die­ses Leben gleicht einer Gum­mi­zel­le. Das stahl­har­te Gehäu­se besteht: ja. Aber es ist schein­hei­lig abge­fe­dert durch »Com­mit­ments«, Sprach­nach­rich­ten, Dro­gen, hüb­sche Lügen und wun­der­ba­re Insze­nie­run­gen. »300% Joy« paßt noch unter jedes Insta­gram-Pho­to. Tan­jas Lover Janis ver­tritt die Mei­nung, daß ein »nach­hal­ti­ger Kol­laps des Finanz­sys­tems« not­wen­dig sei, »um diver­se Gesell­schaf­ten auf­zu­rüt­teln«: »Vie­le Men­schen, die viel Zeit aufs Fei­ern ver­wen­de­ten, hat­ten sich die­se Sicht­wei­se ange­eig­net. Dass Janis die­se Hal­tung auch als jun­ger Dad kul­ti­vier­te, über­rasch­te Tan­ja eher positiv.«
Ein­mal gehen Jero­me und Tan­ja unter leich­tem Dro­gen­ein­satz mit einem »anti­deut­schen« Pär­chen aus. »Je wei­ter die Zeh­ner­jah­re vor­an­schrit­ten, des­to ein­ver­stan­de­ner war Jero­me damit, daß es eine Anti­fa gab. Solan­ge sie nie­man­den mis­sio­nie­ren woll­ten, fand Jero­me das in Ord­nung. Er trau­te sich, zuzu­ge­ben, dass er kei­ne Ahnung vom Anti­deutsch­sein hat­te. Tan­ja ver­sucht es zu erklä­ren: ›Man ist gegen den deut­schen Staat und pro Isra­el. Man ist Kom­mu­nist, aber nicht Anti­ka­pi­ta­list, weil man im Anti­ka­pi­ta­lis­mus immer auch Anti­se­mi­tis­mus ver­mu­tet.‹« Paßt ja! Eini­ge Kri­ti­ker haben Alle­gro Pas­tell mit Chris­ti­an Krachts Epo­chen­ro­man Faser­land (1995) ver­gli­chen. Das könn­te hinkommen. 

Alle­gro Pas­tell von Leif Randt kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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