7. Juli 2020

Antonio Scurati: „M. Der Sohn des Jahrhunderts“

Benedikt Kaiser / 33 Kommentare

Die Geschichte des Sozialismus, so der israelische Gelehrte Zeev Sternhell, schreibt man nicht von seiner extremsten Depravation, dem Stalinismus, aus.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Man blicke zu den Ursprüngen entsprechender Denkansätze, um von dort aus das Gelände zu vermessen. Just dies versucht nun Antonio Scurati (Jg. 1969) in bezug auf den Faschismus zu leisten. Gleich Sternhell geht der neapolitanische Schriftsteller und Universitätsdozent ad fontes, aber seine Zugangsweise ist nicht akademisch, sondern belletristisch.

M. Der Sohn des Jahrhunderts erzählt vom Entstehen des Faschismus im März 1919 bis zur Zementierung seiner Macht 1925 entlang der Erlebnisse Benito Mussolinis und weiterer Protagonisten aus seinem Umfeld. Gegner sind ebenso vertreten wie Geliebte, unnachgiebige Feinde wie fanatische Anhänger. Dokumente, Briefe, Parteierklärungen, Polizeiberichte und Geheimdiensteinschätzungen umrahmen die Erzählung, die kolportagehaft, bisweilen tagebuchartig, aufgebaut ist, und sich, je nach Kapitel, mal wie ein politischer Krimi, mal wie ein Abenteuerroman liest.

Vorwissen über die italienische Sondersituation nach dem »verstümmelten Sieg« von 1918 aufzuweisen und das Phänomen Fiume einordnen zu können, ist für die gelöste Lektüre des Romans hilfreich. Ebenso sollte man etwas über die Widersprüche zwischen Großgrundbesitz und Landarbeitern, norditalienischen Industrieballungen und Mezzogiorno, sozialistischer Zerrissenheit und faschistischer Sammlung wissen. Aber auch jene Leser, denen das Italien der frühen 1920er Jahre fremd ist, werden sich einfinden in der Atmosphäre aus enttäuschten Hoffnungen und menschlichen Abgründen, die Scurati virtuos erzeugt.

In dieser Atmosphäre wird Politik als »Arena der Laster, nicht der Tugenden« beschrieben, in der nach dem »hundsföttischen Schneid der Straßenkämpfe« verlangt werde. Diese Kämpfe werden plastisch geschildert; Verena von Koskulls Übersetzung erlaubt einen einwandfreien Nachvollzug der Geschehnisse.

Scurati gelingt es, nicht nur das »Menschelnde«, Banale und Abstoßende einzufangen, sondern auch, ganz im Sinne Sternhells, die Ursprünge des Faschismus in Theorie und Praxis zu umreißen. Mussolinis wechselnde Parteinahmen, ideologische Sprünge und weltanschauliche Häutungsprozesse werden ebenso greifbar wie seine Sehnsucht, gegen alle ins Feld zu ziehen. Die einzigen, »mit denen die Faschisten einer Meinung sind, sind die Arditi und die Kriegsfreiwilligen«. Sie waren das Grundgerüst der Fascio, der Bünde. Gegen alle zu sein war für sie selbstverständlich; Sozialisten, Demokraten, Konservative, Nationalisten – die Frühfaschisten werden als »Synthese sämtlicher Behauptungen und sämtlicher Gegenteile davon« präsentiert, deren »einzige Doktrin« jene der Tat sei. Die Faust erschien ihnen als die Letztbegründung jeder Theorie.

Als junge dynamische Bewegung verstand der Faschismus unter »Tat« oftmals Gewalt. Scurati gelingt es, die diesbezüglichen Differenzen bildlich darzustellen. Während viele Ras – regionale Fascio-Führer – und ihre Schwarzhemden Gewalt um der Gewalt willen kultivierten, unbekümmert Jagd auf provozierende Linke aller Couleur machten, um sich dann tagelang dem Genuß von »Morlakenblut« (Kirschbrandy) und Frauen hinzugeben, kennzeichnete Mussolini ein instrumentelles Verständnis von Gewalt. Ein anderer Diktator, Mao Zedong, sollte einst formulieren, Gewaltanwendung habe »wohlüberlegt, genau gezielt, unerbittlich« zu erfolgen – just so wollte es Mussolini (»Faschisten sind Krieger, keine Terroristen«), der daher mit den Heißspornen seiner Bewegung oft zusammenprallte.

Zurückweichen, und sei es strategisch bedingt, bewerteten viele Squadristen als Verrat. Mussolini gelang es jedoch, sämtliche Krisen innerfaschistischer Disharmonie zu überwinden und aus ihnen Kapital zu schlagen – durch Geduld und gezielte Schläge gegen den vielgestaltigen Feind. Er schuf den Faschismus, so zeigt es Scurati, »als Schüler und Erbe der sozialistischen Lektion«: Als Renegat der radikalen Linken vermengte er deren Stärken mit imperialer Dynamik. Scurati, dies wird im Verlauf der Handlung deutlich, ist Antifaschist; er will das Faszinosum Mussolini »entlarven«: Der »Duce« erscheint getrieben von Egomanie und sexueller Begierde, als mediokrer »Sohn des Schmieds«, als »Polit-Zigeuner« und »Autodidakt der Macht«. Das geht mitunter fehl.

Denn der Versuch, die heroisch-edle Gegenwehr zersplitterter Linker der machiavellistischen und zynischen Machtpolitik Mussolinis gegenüberzustellen, birgt ein Problem: Wenn die Faschisten durch die Bank dumm, brutal und apolitisch waren, spricht es nicht zwingend für die antifaschistische Fronde, gegen diesen Gegner, der aus dem Nichts der sozialistischen Spaltung kam, innerhalb weniger Jahre beispiellos unterlegen gewesen zu sein. Auch so ist es zu erklären, daß Scurati für diesen Roman – er soll den Auftakt einer Trilogie darstellen – zwar den wichtigsten italienischen Literaturpreis (»Premio Strega«) verliehen bekam, daß er aber auch harsche Kritik einstecken muß.

Linke Rezensenten stören sich weniger an freien Interpretationen, historischen Sachfehlern und der gelegentlich unklaren Quellenlage, sondern vielmehr daran, daß Scurati Mussolini und seine camicie nere nicht hart genug angepackt habe. Angesichts des immensen Publikumserfolges könnte er gleichwohl ein nonchalantes Me ne frego brummen.

M. Der Sohn des Jahrhunderts von Antonio Scurati kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (33)

Niekisch

7. Juli 2020 12:23

"Gegen alle zu sein war für sie selbstverständlich; Sozialisten, Demokraten, Konservative, Nationalisten"....Als erster Schritt zum Eigenen keine schlechte Idee und so naheliegend. 

Laurenz

7. Juli 2020 16:20

@Niekisch

Mit oder ohne Faschisten, hat es sich in Italien nicht geändert. Denken Sie an Don Camillo und Peppone. Oder gemäß Dr. Ganser hielt die NATO den radikalen Konflikt in den 70ern & 80ern dort am schüren. In Italien ist quasi immer Weimar. Und hier braucht man auch nicht vergessen, daß Italien ein Kunst-Produkt ist, noch ziemlich jung. Die Italiener revolutionierten in derselben Zeit, wie wir, 1848/49. Josef Garibaldi brauchte im Grunde mehr als 10 Jahre um Italien zu dem Staatsgebiet zu machen, welches es heute darstellt. Italien ist also nur 150-160 Jahre alt. Italiens Existenz als Staat ist noch unsicherer anzusehen als unsere. Und von daher, glaube ich, der einzelne Italiener weiß noch weniger als wir deutschen Individuen, was er politisch ist. Das unterscheidet beiden Nationen auch vom Franzmann. Der Franzmann ist immer erst Franzmann & dann erst politisch.

heinrichbrueck

7. Juli 2020 17:08

Wenn die liberalen Antifaschisten den Faschismus bekämpfen, wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Der Liberalismus erzieht falsch.

Gustav Grambauer

8. Juli 2020 03:37

Die Einführung von Herrn Kaiser liest sich für mich relativistisch, mir fehlt der archimedesche Punkt. Aber ohne ein Aufräumen mit den im Schnellroda-Umfeld leider teilweise grassierenden Dogmen

"Der 'höhere' Faschismus und der 'niedere' Liberalismus sind (- seien angeblich -) bis tief in die Anthropologie hinein die eigentlichen Gegenpole" sowie

"Der Antifaschismus ist der Antifaschismus und der Faschismus ist der Faschismus",

wobei man bei Letzterem immer den Eindruck hat, der insgeheim geliebte Faschismus solle nur nicht durch den schmutzigen Antifaschismus befleckt werden, wird bei diesem Thema immer alles oberflächlich und amorph bleiben bzw. keine Tiefe und keine Klarheit einziehen können. Man wird auf dieser Basis auch z. B. das System Merkel niemals tiefer und klarer erfassen können. Ich verstehe, daß manche gern eine Disposition der Vertikalspannung in den Faschismus hineinprojizieren wollen, aber denen muß ich sagen, daß sie nicht imstande sind, hinter die Fassade zu blicken und daß sie die noch viel dreckigere Instrumentalisierung nicht erkennen können. Und da diese Pseudo-Vertikalspannung lediglich Konsequenz des oligarchischen Prinzips respektive des "Elite"-Masse-Systems ist, ist sie sogar die Wurzel vieler Probleme, die hier immer wieder diskutiert werden.

So wird die Eindimensionalität der Betrachtung jedenfalls nicht aufgebrochen sondern nur vertieft.

- G. G.

RMH

8. Juli 2020 06:54

Das Buch hat über 800 Seiten und soll der erste Band einer "Trilogie" sein - OMG, da warte ich doch lieber, bis das Ganze als Serie bei Netflix läuft (Achtung, Ironie, aber Spaß beiseite: Könnte sicher eine gute Serie werden).

PS: Wenn M. der "Sohn" des Jahrhunderts war, wer war dann wohl der "Mann" des 20. Jhdts.?

Nath

8. Juli 2020 08:29

Den Italienern hat man, was die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit anbetrifft, in der Nachkriegszeit weitaus mehr durchgehen lassen als den Deutschen. Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie, hat sich doch, was die namentliche Bezeichnung des absolut Bösen angeht, das italienische Wort ""Fascismo" statt "Nationalsozialismus" durchgesetzt. Schon vom Lautlichen her wirkt ersteres abschreckender. Am Ende haben auch die Konservativen den Namen übernommen, der eigentlich auf die Begriffsdefinition der Komintern zurückgeht: Faschismus = die letzte Patrone des Kapitalismus.

Die Faschsiten und Nationalsozialisten betonten immer wieder ihre Ablehnung des marxistischen bzw. liberalen Materialismus, aber was haben sie dem entgegenzusetzen? - Doch nur den amorphen Begriff des Lebens - des Kinetischen, Affektiven, Voluntaristischen. Rasse, Volk, Kollektiv usw. sind anti-idealistische Versuche, das Ewige, Unsterbliche im "Diesseits" zur Geltung zu bringen - im Kontrast zur Vergänglichkeit des Individuums, das dazu bestimmt sei, sich unterzuordnen.

Maiordomus

8. Juli 2020 09:39

@RMH. Dieses Buch werde ich nicht lesen. Substanziell war einst "Brot und Wein" von Ignazio Silone, dem Erfinder der Wortprägung vom linken Faschismus. Für mich war es aus der Sicht etwa von Joseph de Maistre schon immer eine linke Angelegenheit.

Laurenz

8. Juli 2020 09:53

@Gustav Grambauer

Könnten Sie bitte Ihre Sicht der Dinge etwas weniger geschwollen ausdrücken?

Ich lese, daß Sie mit der, in meinen Augen, durchaus gelungenen Buch-Vorstellung Herrn Kaisers nicht zufrieden sind, aber ich verstehe nicht, was Ihnen nicht gefällt (?). Herr Kaiser geht im wesentlichen auf die Arbeitsweise des Autoren ein, im Bezug auf die im Buch vorgestellte historische Komponente. Selbst ich, jemand, der das Bücher-Lesen weitestgehend abgeschafft hat, hatte überlegt, das Buch zu bestellen.

Ich stelle desweiteren auch keine Bewertung fest, da hätte ich doch dann gerne mal von Ihnen ein Zitat eingesehen. Natürlich kann man Historie moralisch bewerten, aber die eskalierende Unsitte bei der historischen Betrachtung, den jeweiligen Zeitgeist außer Acht zu lassen, stammt wohl aus der 70 Jahre propagandistisch aufbereiteten retro-perspektivischen Betrachtung des Nationalsozialismus. Und die damit verbundene Schlußfolgerung, die Welt sei heute (moralisch) besser als vor 80 oder 100 Jahren, ist wohl nicht zu halten.

Und was Schnellroda betrifft, so ist dort sicher der selbst-erfahrene Ursprung des Gedankens der "Mosaik-Rechten". Herr Wessels mag den europäischen Reichs-Gedanken, andere sicher einen verstärkten Föderalismus, und?

Niekisch

8. Juli 2020 11:32

@ Laurenz 7.7. 12:23: Es geht hier nicht um Con Camillo und Peppone, sondern um die grundsätzliche Frage, ob sich politisch tätige Menschen durch ihren Charakter oder Sozialisierung bzw.beides gemeinsam von einer möglichst wenig vorgefassten  Lagebeurteilung abhalten lassen. Damals wie heute müssen systemischer Sozialismus, liberal-repräsentative Demokratie, beharrend-beobachtender Konservatismus und etatistisch- überheblicher Nationalismus auf den Prüfstand. 

Bevor Du den Teppich ausrollst solltest Du ihn ausklopfen!

 

Niekisch

8. Juli 2020 11:55

"schon immer eine linke Angelegenheit"

@ Maiordomus 8.7. 2020: Das mag sein. Der linke faschistische Vogel hatte aber eine nationalistisch- imperialistische Herzkammer: "..Dein Italien macht aus allen Ozeanen einen einzigen Ozean, verherrlicht in dem einzigen Namen "heroischer Ozean". Außer denen der ganzen Welt hat er keine Grenzen in denen der italienischen Macht und des italienischen Willens..." Telegramm Gabriele d´ Annunzios an Benito Mussolini anlässlich einer fliegerischen Leistung des Sohnes Bruno Mussolini (B. Mussolini, Ich rede mit Bruno, S. 73)

Für mich ist ein auf das eigene Volk und seine Transzendenzien beschränkter unpolitischer Sozialismus aus persönlicher Haltung durchaus denkbar.

Maiordomus

8. Juli 2020 14:49

@Das Buch, in allen Kapiteln gelesen (bei ganz wenigen ausgelassenen  Buchbesprechungen nur ideologischer Natur) : "Das Buch im Haus nebenan" ist  zeitig eingetroffen, wurde schnurstracks gelesen, mit Gewinn bei und von jedem Autor, selbst dem von mir auf Vorrat kritisierten Sellner, dessen Mishima-Abenteuer mit Ausnahme des unreifen Schluss-Satzes ich spannend fand; Heidegger eine positive Überraschung, selbst nach regelmässigen Treffen mit Kennern in Messkirch. Aus meiner Sicht die reichhaltigste Leistung hat wohl Lichtmesz in der geistesgeschichtlich-metapolitisch lehrreichen Gegenüberstellung Eisenstein - Tarkowski erbracht. Die eigentliche Entdeckung war für mich bei ihm Ernest Becker. Kubitschek möchte ich sagen: Sie überschätzen Weissmann unnötig. Bin bei fast allem von ihm (z.B. Luther) nie über Prädikat Mittelmass hinausgekommen;  von der reinen Klasse her (als Autor) scheint mir Lichtmesz andere Liga. Sommerfeld schien mir im Gegensatz zu Kositza ("Die Frau") nicht so überzeugend wie auch schon.

Volksdeutscher

8. Juli 2020 20:10

"Der Stalinismus als Depravation des Sozialismus/Kommunismus"

Ach, klingt das nicht niedlich? Und wie lange wird man diesen Unsinn wieder und immer wieder erzählen? Sternhell hatte wohl weder Marxens "Manifest der kommunistischen Partei" noch Motschmans "Sozialismus, das Geschäft mit der Lüge" gelesen. Oder er ist voreingenommen. Aus auf dieser Seite nicht benannbaren Gründen....

RMH

8. Juli 2020 21:22

@Laurenz,

wenn G.G. schreibt:

"Und da diese Pseudo-Vertikalspannung lediglich Konsequenz des oligarchischen Prinzips respektive des "Elite"-Masse-Systems ist, ist sie sogar die Wurzel vieler Probleme, die hier immer wieder diskutiert werden."

Drückt er sich sehr präzise und klar aus und riskiert damit auch nicht, nicht frei geschaltet zu werden.

Wie auch immer, die Buchbesprechung von B. Kaiser hat grundsätzlich auch bei mir ein starkes Interesse an dem Buch ausgelöst - was klar für B. Kaiser spricht. Die 800 Seiten Umfang haben es dann etwas abgekühlt. Die Zeiten, wo ich Eco gelesen habe, sind eben lange vorbei.

heinrichbrueck

8. Juli 2020 23:53

„Wenn die Faschisten durch die Bank dumm, brutal … beispiellos unterlegen gewesen zu sein.“

Aber es spricht für diejenigen, die der Bewegung das Geld gaben. Solche politischen Bewegungen bedürfen einer Geldquelle. Vorausgesetzt natürlich, der Geldgeber war sich dessen bewußt, daß der Faschismus keine langfristige Lösung beinhaltete, die dem Finanzier zuwiderlaufen konnte. Und heutzutage wird der Antifaschismus finanziert. Das Eigene wird nicht verteidigt, es steht zur Disposition. Weiße Privilegien werden nicht gelebt, sondern ausgelöscht. Die Degeneration der Kirchen, deren Ökumene des Verrats das eigentliche Problem markiert, zeigt eine Ideologie der Unterwerfung. Lösungsvorschläge?

Laurenz

8. Juli 2020 23:59

 

@Niekisch

Wir können hier für uns alles mögliche auf den Prüfstand setzen. Aber außerhalb solch kleiner Kreise ist es 0 relevant. Das erkennen Sie daran, daß für große Teile der heute Lebenden, historische Erfahrungen keine Rolle mehr spielen. Heutzutage interessieren über uns hinaus doch eh nur noch Kampfbegriffe, wir leben wieder mit einer für was auch immer gearteten Inquisition. 

Und Sie täuschen sich, Niekisch, die Radikalisierung breiter Bevölkerungs-Schichten, wohin auch immer, passiert immer nur bei sozialer Verelendung, von daher ist Don Camillo & Peppone Sinn erheischender als @Gustav Grambauer. Sie können es auch im NT nachlesen, wenn Ihnen das mehr behagt.

Daß es nichts bringt, abseits des Giral-Geldes Eigentum Reicher unter den Armen zu verteilen oder zu vergesellschaften, wissen wir hier vielleicht, aber der Berliner Senat weiß es zB nicht.

Laurenz

9. Juli 2020 00:01

@RMH

Das mag alles sein. Die Verfolger von SiN sind aber noch weniger als Ihre Elite im Elite-Masse-Verhältnis. Von daher drückt das für niemanden etwas präzise aus. Es steht außerhalb irgendeiner nachvollziehbaren Realität.

ALD

9. Juli 2020 00:57

@RMH

PS: Wenn M. der "Sohn" des Jahrhunderts war, wer war dann wohl der "Mann" des 20. Jhdts.?

 

Antw.: Mustafa Kemal Atatürk.

(siehe auch hier: https://www.amazon.de/King-Mountain-Nature-Political-Leadership/dp/0813190681)

Lotta Vorbeck

9. Juli 2020 02:08

@RMH - 8. Juli 2020 - 06:54 AM

Wenn M. der "Sohn" des Jahrhunderts war, wer war dann wohl der "Mann" des 20. Jhdts.?

---

Erlaube mir, diese Frage an die Redaktion des TIME-Magazin weiterzureichen.

Maiordomus

9. Juli 2020 09:15

"Das Buch im Haus nebenan." Gehört zu den orientierungsstarken neueren Titeln des Verlags, wozu auch Sie, @ Kaiser, beigetragen haben. Warum ich indes Weissmann, mit dem @ Kubitschek sich abermals auseinandersetzt (aufgrund wohl nicht abgekühlter Reibungstemperatur), ausgerechnet wegen Luther-Buch kritisiere (war ja nur "für junge Leser"): Gerade ein solches Buch muss Spitze sein, wenn möglich absolute Spitze. Erlaube mir zu sagen, dass für mich ein Buch über den heiligen Berg der Schweizer für die Jugend unmöglich nur auf Forschungsstand heutiger Professoren geleistet werden durfte. Es war eine der absolut anspruchsvollsten Aufgaben, wiewohl  ein Jugendbuch von der Forschung nicht zur Kenntnis genommen wird. Mit Weissmann fühle ich mich über dessen Berufsausübung und Bildungsgeschichte mit Theologischem und Historischem durchaus verbunden, komme mir insofern nicht "klüger" vor; ausser dass ich wegen der Gnade der früheren Geburt das Glück hatte, noch bei weit besseren Lehrern, als er hören konnte, studieren zu dürfen.

Laurenz

9. Juli 2020 11:26

@ALD

Wie kommen Sie bitte auf Kemal Atatürk? Der ist bei einer Mehrheit der türkischen Bevölkerung verhaßt.

Ohne Otto Liman von Sanders & Wilhelm Souchon hätte es auch keine weitere militärische Karriere für Atatürk gegeben. Atatürk wäre auf Gallipoli gescheitert.

Desweiteren sorgten Atatürks Maßnahmen für eine weitere An-Alphabetisierung der türkischen Bevölkerung, deren Aufhebung wieder wir Deutschen dann bezahlen mußten.

Wenn irgendeiner "Sohn des 20. Jahrhunderts" war, dann ist es der Deutsche Steuerzahler.

Der_Juergen

9. Juli 2020 11:43

Laut Zeev Sternhell ist der Stalinismus die "extremste Depravation des Sozialismus". Diese Auffassung ist bei "demokratischen" Sozialisten Gemeingut. Hier eine Gegenthese:

1) In Russland geniesst Stalin bei einem sehr bedeutenden Teil der Bevölkerung, darunter den meisten patriotischen Oppositionellen, hohes Ansehen. Der Grund: Er war erfolgreich und hat sein Land, wenn auch um den Preis enormer Menschenopfer (vermutlich ca. 10 Millionen, nicht die mythischen 20 oder 40, mit denen manche Antikommunisten hausieren) gross gemacht. Die Industrialisierung der dreissiger Jahre, atemberaubend rasch durchgeführt, war die Voraussetzung für den Sieg im 2. Weltkrieg. Gewiss, aufgrund der rieisigen Fläche sowie der krassen Überlegenheit an Menschen und Material war dieser Sieg eigentlich von Anfang an zu erwarten, zumal die UdSSR als Verbündete die USA und das Britische Weltreich hatte und die Deutschen nur Kleinstaaten wie Ungarn, Rumänen und die Slowakei. Aber Sieg bleibt Sieg. Insofern war der Stalin'sche Sozialismus der erfolgreichste Sozialismus aller Zeiten, und am praktischen Erfolg misst man die Tauglichkeit eines Systems.

ff.

 

 

Der_Juergen

9. Juli 2020 11:48

Teil 2

Der Stalinismus war - obwohl Stalin kein Russe war - ein nationaler Sozialismus, nachdem die auf "permanente Weltrevolution" erpichte Clique um Trotzki liquidiert worden war. Abgesehen von seiner rabiaten Feindschaft gegen die orthodoxe Kirche - die ab 1941 aus bekannten Gründen stark gemildert wurde - war er wertekonservativ. Er hielt die - unter Lenin und seiner zu 80% nichtrussischen Elite - stark angegriffene traditionelle Familie in Ehren und predigte Werte wie Patriotismus, Fleiss und Ordnung. Es dürfte schwerlich ein Zufall sein, dass bekennende Stalin-Anhänger wie Pjakin oder Fursow unermüdlich den Wertezerfall und den Untergang der Moral im dekadenten Westen attackieren. Dieselben Leute sind - wie die überwältigende Mehrheit der Russen - klar für Trump und stellen die Demokraten, zu Recht, als Zerstörer der Zivilisation schlechthin dar.

 

Franz Bettinger

9. Juli 2020 12:01

Da meint ener, Kapitalismus und Sozialismus seien keine, sich von Natur aus einstellende Ordnungen. Doch, das sind sie. Der K, wie ich ihn verstehe, ohnehin. K in seiner Urform (nicht pervertiert) bedeutet ja nur, dass das angeborene oder erworbene Kapital (Anlagen, Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Geschick, Machtoptionen, Eigentum, Eigentümlichkeiten) beim 'Kampf ums Dasein' auch zum Einsatz kommt. Das ist so banal wie natürlich und überall in der Natur erkennbar, von der Amöbe bis zum Gorilla.

Sozialismus gibt es ebenfalls in der Natur, wenn auch nicht so offensichtlich und seltener. Sozialismus bedeutet ja lediglich, dass das Ich (Ego) zugunsten des oder der Anderen (Familie, Clan) zurückgestellt wird. Diese altruistische Haltung ist bei unterschiedlichen Gattungen verschieden ausgeprägt. Sie ist hoch entwickelt bei Bienen, Ameisen, Termiten, Elefanten..., aber nur wenig bei Katzen (wo sie nur eine kurze Zeit zur Aufzucht der Jungtiere beobachtbar ist). Beim Menschen sind beide Anlagen vorhanden, die rechte wie die linke. Die letztere setzt sich fast nur dann durch, nachdem erstere voll befriedigt wurde. Linkssein ist danach also dem Rechtssein untergeordnet. Alles andere wäre fatal. - Deshalb kann man gar nicht die Systemfrage stellen. Das liefe darauf hinaus zu fragen, ob man das System Mensch für gut hält oder nicht; ob man es etwa abschaffen sollte. Das ist natürlich so lächerlich und unmöglich wie der Versuch, einer Katze das Mausen ab-trainieren zu wollen. Es funktioniert nicht.  ff

Franz Bettinger

9. Juli 2020 12:05

ff:  Die Erfindung des Geldes ist zwar nichts Natürliches und Zwingendes gewesen, aber Geld hat sich bewährt, auch wenn es sich um ein immer größeres Betrugsgeld-System handelt. Niemand ist gezwungen, sich Geld zu leihen. Wer's tut, sollte Zinsen (Geld) dafür zahlen oder dafür arbeiten (eine gewisse Mehrarbeit erbringen). Wer das eine oder andere abschaffen will (Stalin, Castro, Mao, Pol Pot), handelt widernatürlich und widerwärtig. Das Ergebnis ist bekannt. Fazit: Kapital (Geld) und Gesellschaft (Soziales) sind natürliche Prinzipien, ohne die weder die Biologie noch die Zivilisationen funktionieren. Beidem muss man dienen. 

nom de guerre

9. Juli 2020 12:17

@ ALD

PS: Wenn M. der "Sohn" des Jahrhunderts war, wer war dann wohl der "Mann" des 20. Jhdts.?

Antw.: Mustafa Kemal Atatürk.“

Warum?

Maiordomus

9. Juli 2020 13:19

@Laurenz. Mit Ihrer sinngemässen These von der Ersetzung historischer Bildung durch Kampfbegriffe haben Sie leider recht, wiewohl ich lebenslang dagegen ankämpfte.

Zu meiner obigen sachten Kritik an Weissmann: Natürlich hatte auch er bedeutende Lehrer, nicht zuletzt seinen Doktorvater. Was aber z.B. im Bereich der politischen Theorie fehlt, sind für die jüngeren Generationen grosse Systematiker, nicht nur im Bereich der Logik, wie das etwa ein Wilhelm Kamlah (Lehrer Lübbes) und ein Ioseph M. Bochenski (Freiburg Schweiz) noch gewesen sind. Wenn ich denke, dass die superkluge @Monika noch bei Oswald von Nell-Breuning studiert hat! Dabei geht es nicht um den "Glauben" an dessen enorm einflussreiche Soziallehre. Was sich zumal die noch Jüngeren als Weissmann, also die heutigen Mitarbeiter des IfS, wohl gar nicht mehr vorstellen können, ist die unglaubliche Systematik eines Denkers wie Oswald v. Nell-Breuning. Hier müssen die jüngeren Rechten bei all ihrer Belesenheit Lücken zugestehen, auch im Bildungs- und Schulungsbereich. Gegen Philosophie u. Theorie als Geschwätzwissenschaft (in den Medien leider Standard) muss permanent und auch bei sich selber angekämpft werden. 

 

heinrichbrueck

9. Juli 2020 14:05

@ Laurenz

Die Verelendigungsthese bleibt Wunschdenken. Gerade in einer westlichen Demokratie, immer wieder gebracht, wird Phantasie und Realität vermischt. Um sich mit Politik beschäftigen zu können, muß Freizeit und Geld vorhanden sein. Wer im Elend lebt, hat ganz andere Sorgen; ihm geht es schlecht, und er muß einen Weg finden, daß er wieder auf die Beine kommt. Depressionen sind nicht hilfreich. Es muß schon in der Realität funktionieren können. Auch die Annahme, es müssen ausreichend Eindringlinge in der unmittelbaren Nachbarschaft Stellung beziehen, damit sie politisch aktiv wird, ist eine irrige.

ALD

9. Juli 2020 15:53

@Laurenz:

1. Atatürk und seine Ideale sind heute so präsent und lebendig in der Türkei, wie seit 70 Jahren nicht mehr. Unzwar über alle politischen Lager hinweg. Man kann durchaus von einer Art kemalistischen Renessaince sprechen, die sich derzeit abspielt.

2. In Gallipoli haben Türken (und vereinzelt loyale osmanische Christen - Griechen, Armenier etc.) gekämpft und gewonnen. KEINE Deutschen. Von Sanders und Co. waren beobachtend und anfangs z.T. koordinierend vor Ort tätig. Nicht mehr, nicht weniger. Das Heer haben türkische Offiziere geführt. Allen voran Mustafa Kemal Pascha. 

3. Es gibt keine zuverlässigen statistischen Erhebungen über die Alphatesierung der osmanischen Bevölkerung vor der Revolution. Geschätzt wird, daß ca. 10-15% der Bevölkerung lesen und schreiben konnten. 70 Jahre nach der "Buchstabenrevolution" von 1928 waren es 95%. Mehr braucht man dazu wohl nicht zu sagen.

4. Sie klugscheißern mir generell zu sehr.

 

ALD

9. Juli 2020 16:08

@nom de guerre

Weil es keinen politischen Führer im 20. Jahrhundert gibt, dessen Wirken und dessen Geist auch im 21. Jahrhundert ungebrochen Früchte trägt. Seine politischen Ideale sind aktueller denn je. Seine Weitsicht war außergewöhnlich. Die grundlegenden Prinzipien, die er für die  Türkische Republik anlegte verköpern das Ideal von der Zukunft zugewandter Nationalstaaten, die in größeren, sinnvolleren geopolitischen Einheiten im gemeinsamen Interesse agieren. Für die Türkei war diese größere Einheit aus seiner Sicht nie Europa, sondern Westasien. Und dahin bewegt sich das Land nun fast 100 Jahre später in immer größeren Schritten. (Fast) alles richtig gemacht also.

Nicht nur seine Statuen, sein gesamtes Wesen strahlt fort. Nicht nur in der Türkei.

links ist wo der daumen rechts ist

9. Juli 2020 16:38

Und während wir auf Teil 2 warten (auch auf den von "Das Buch im Haus nebenan"), noch zwei hastige Bemerkungen zu Letzterem:

Auffallend ist doch, daß keine einzige Biografie vorkam.
Woran mag das liegen?

Und Zwotens: Während im linken Bildungsbürgertum diejenigen, die ihren Hamsun, Pound, Celine usw. verteidigen (von den Benn-Liebhabern ganz zu schweigen), Legion sind, gibt es im neurechten Spektrum kaum jemand, der etwa "seinen" Brecht zu schätzen wüßte.
Von den Grenzgängern/Renegaten kam im o.a. Buch nur Ernst von Salomon vor (dafür gleich mehrmals), von den kanonisierten Linken nur Lukacs.
Vielleicht sollte man sich nicht nur ab und an auf die Verhaltenslehren (der Kälte) beziehen, sondern auch den einen oder anderen aus dem "gegnerischen" Feld lesen.
Wie wär's mit Kracauer und seinem Spätwerk "Geschichte - Vor den letzten Dingen"?
Oder wenn wir biografische und geschichtstheoretische Fragestellungen kombinieren: wie wäre es mit Sartre?
Empfehle dazu die Tagebücher aus der Zeit des sog. "Sitzkriegs", in denen er anhand der Lektüre von Emil Ludwigs Buch über Willem Zwo die Fragestellungen seines Mammutwerkes über Flaubert, inwiefern jemand Kind seiner Zeit sei oder diese Zeit (mit)gestalte, skizzierte.

Warten wir also.

Maiordomus

9. Juli 2020 17:37

@brueck. Sie sehen richtig, dass rechterseits deutlich spürbar oft allzu stark darauf gehofft wird, dass die Dinge noch viel schlimmer kommen müssen, will man, dass sich was ändert. Das ist im Prinzip genau die rechte Variante der marxistischen Verelendungstheorie. Sollte als Reflexion zur Bekämpfung von politischer Verzweiflung stärker bedacht werden.

Monika

9. Juli 2020 17:51

@ Maiordomus ; ich musste Tränen 😭 lachen, die „superkluge Monika“ hat doch tatsächlich bei dem noch superklügeren Karlheinz Weißmann einen Fehler in dessen Buch „Deutsche Geschichte für junge Leser“ gefunden. Ein promovierter Historiker lässt die GERMANIA auf dem Niederwalddenkmal nach Westen gegen Frankreich gucken, wo sie doch tatsächlich nach Osten in Richtung des Rheingaus schaut. Davon konnte ich mich überzeugen nach meiner Rückkehr aus der Benediktinerinnenabtei  St. Hildegard in Eibingen, wo ich dem  wirklich klugen Altabt Benedikt von Maria Laach begegnete. So hochgebildeten, aber bescheidenen Männern durfte ich dreimal im Leben begegnen. Der dritte im Bunde war Gerd-Klaus Kaltenbrunner. Das umfassende Denken ist das eine, die demütige Person allerdings beeindruckender. 

 

Götz Kubitschek

9. Juli 2020 18:20

warten wir auf teil 2.

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