Thomas Piketty: Kapital und Ideologie

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, München: C. H. Beck 2020. 1312 S., 39.95 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die­ses Buch des Pari­ser For­schers Tho­mas Piket­ty schreibt sozia­le Glo­bal­ge­schich­te. Der Mei­len­stein inter­dis­zi­pli­nä­rer Ana­ly­se könn­te als Semes­ter-Rea­der für Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, His­to­ri­ker, Sozio­lo­gen und Volks­wirt­schaft­ler die­nen. Kapi­tal und Ideo­lo­gie betrifft deren For­schungs­ge­bie­te und ver­knüpft sie man­nig­fal­tig. Piket­tys Aus­gangs­punkt ist die The­se, wonach jede Gesell­schaft ihre mate­ri­el­len Ungleich­hei­ten legi­ti­mie­ren muß, da ansons­ten ihre poli­tisch-sozia­le Recht­fer­ti­gung entfällt.

Anhand eines Par­cours, der den Leser von Anbe­ginn der drei­glied­ri­gen Gesell­schaf­ten über die Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaf­ten hin zu den Eigen­tü­mer- und Indus­trie­ge­sell­schaf­ten sowie dem heu­ti­gen Hyper­ka­pi­ta­lis­mus führt, zeigt Piket­ty, daß die­se Recht­fer­ti­gung unter­schied­lich aus­fal­len kann: tra­di­tio­na­lis­tisch, ideo­lo­gisch, reli­gi­ös usw. Die der­zei­ti­ge Wirt­schafts­ord­nung legi­ti­mie­re sich »pro­prie­ta­ris­tisch« (Ver­göt­zung des Pri­vat­ei­gen­tums an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln) und »meri­to­kra­tisch« (Leis­tung schaf­fe Wohl­stand) und ver­kör­pe­re als Kapi­ta­lis­mus eine Son­der­form des Pro­prie­ta­ris­mus. »Kapi­ta­lis­mus« defi­niert Piket­ty »als eine his­to­ri­sche Ent­wick­lung der stän­di­gen Aus­wei­tung des Pri­vat­ei­gen­tums und der Akku­mu­la­ti­on von Ver­mö­gens­wer­ten über tra­di­tio­nel­le Besitz­for­men und alte Staats­gren­zen hin­weg«, wäh­rend »Pro­prie­ta­ris­mus« als poli­ti­sche Ideo­lo­gie zu ver­ste­hen sei, die dem abso­lu­ten Schutz des Pri­vat­ei­gen­tums das Pri­mat zuweist (nicht Volks- oder Staatsinteressen). 

Piket­ty ana­ly­siert nach die­sem his­to­ri­schen Teil – wie in sei­nem Best­sel­ler Das Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert –  Ver­mö­gens­kon­zen­tra­tio­nen (in den USA, Chi­na und West­eu­ro­pa), umreißt Steu­er­mo­del­le und erklärt fis­kal- und sozi­al­po­li­ti­sche Zäsu­ren. Der meri­to­kra­ti­sche Mythos kön­ne seit dem Ende des Sys­tem­ge­gen­sat­zes 1989 / 1990 und dem Sie­ges­zug markt­li­be­ra­ler Ansät­ze nicht mehr ein­hal­ten, was er ver­spre­che: Piket­ty zeigt unter Zuhil­fe­nah­me von Tabel­len und Daten­er­he­bun­gen, daß die ero­die­ren­de Mit­te und die unte­ren Schich­ten von der kapi­tal­ori­en­tier­ten Wirt­schafts­wei­se nicht pro­fi­tie­ren, wäh­rend die abso­lu­te Ober­schicht unbe­grenz­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on betreibt. Piket­ty schwebt eine sozi­al­re­for­ma­to­ri­sche Umwäl­zung vor.
In der Eigen­tums­fra­ge plä­diert er für einen Pro­zeß, der das auf der All­macht der Aktio­nä­re basie­ren­de Sys­tem über­win­de und drei Eigen­tums­for­men beinhal­te. Öffent­li­ches Eigen­tum sehe vor, daß staat­li­che oder kom­mu­na­le Akteu­re anstel­le der pri­va­ten Aktio­nä­re Eigen­tü­mer eines Unter­neh­mens wer­den; gesell­schaft­li­ches Eigen­tum mei­ne, daß sich Beschäf­tig­te mit staat­li­chen und pri­va­ten Aktio­nä­ren die Macht teil­ten; Eigen­tum auf Zeit bedeu­te, daß die reichs­ten Pri­vat­ei­gen­tü­mer jedes Jahr einen Teil ihres Besit­zes der All­ge­mein­heit über­tra­gen, damit das Kapi­tal zir­ku­lie­re und die mono­pol­ar­ti­ge Kon­zen­tra­ti­on des Pri­vat­ei­gen­tums abnehme.
Piket­ty sieht einen wei­te­ren Hebel, um zu einer der All­ge­mein­heit die­nen­den Wirt­schafts­ord­nung zu kom­men, dar­in, Steu­er­sys­te­me neu aus­zu­rich­ten. Er unter­sucht, wie eine pro­gres­si­ve­re Besteue­rung von Ver­mö­gen zu einer Ent­las­tung der unte­ren und mitt­le­ren Schich­ten und zu einer adäqua­te­ren Belas­tung der obers­ten Schich­ten füh­ren wür­de. Die­se Pas­sa­gen sind eben­so lehr­reich wie ein Ver­gleich, den Piket­ty zwi­schen Markt­gläu­bi­gen und Kom­mu­nis­ten zieht: So, wie die »Real­so­zia­lis­ten« Angst vor kleins­ten Ver­än­de­run­gen ihrer Ord­nung hat­ten, weil man sonst das gro­ße Gan­ze kapi­ta­lis­tisch infi­zier­te, leh­nen heu­ti­ge Kapi­tal­hö­ri­ge jede sozia­le Ver­än­de­rung ab, weil man fürch­te, daß sonst die »Büch­se der Pan­do­ra« refor­ma­to­ri­scher Bestre­bun­gen geöff­net wer­de. Eben­falls her­vor­zu­he­ben sind Piket­tys Betrach­tun­gen zur Trans­for­ma­ti­on der Lin­ken (von Arbei­ter­par­tei­en zu Aka­de­mi­ker­for­ma­tio­nen) und Rechten. 

Für kon­ser­va­ti­ve Leser ent­schei­dend ist die Ana­ly­se der »kauf­män­ni­schen Rech­ten«. Die­se Strö­mung wei­se gro­ße Wirt­schafts­hö­rig­keit auf und kri­ti­sie­re ein­zel­ne Aspek­te der ansons­ten befür­wor­te­ten öko­no­mi­schen Glo­ba­li­sie­rung: Letzt­lich han­delt es sich bei »kauf­män­ni­schen Rech­ten« um wert­kon­ser­va­ti­ve Libe­ra­le. Zudem wird bei der Prü­fung der fran­zö­si­schen Lage schla­gend, was die größ­te Gefahr für das libe­ra­le Estab­lish­ment und sei­ne lin­ken Kol­la­bo­ra­teu­re dar­stellt: ein »nati­vis­ti­sche­ga­li­tä­rer Block«, der sozia­le und natio­na­le Wider­sprü­che auf­greift und in Gestalt des Ras­sem­ble­ment Natio­nal (RN, ehe­mals: Front Natio­nal) ein­wan­de­rungs- und kapi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Ein­stel­lun­gen bündelt.
Dies wird vom RN-Geg­ner Piket­ty gefürch­tet, da ihm schwant, daß die Syn­the­se aus Befür­wor­tung von sozi­al gerech­ter Umver­tei­lung und iden­ti­tä­rer Selbst­be­haup­tung ein Erfolgs­mo­dell in Kri­sen­si­tua­tio­nen abbil­det. Neben den skiz­zier­ten Stär­ken muß auf Schwä­chen hin­ge­wie­sen wer­den. Piket­ty geht kli­ma­ideo­lo­gi­schen Exkur­sen nach, die der Wis­sen­schaft­lich­keit des Autors nicht gerecht werden.
Zum ande­ren wird deut­lich, daß er mul­ti­kul­tu­ra­lis­tisch-zeit­geis­ti­gen Prä­mis­sen folgt. So stel­len für Piket­ty Ein­wan­de­rer in Frank­reich  auto­ma­tisch Fran­zo­sen dar, wäh­rend fran­zö­si­sche Fami­li­en, die 150 Jah­re in den drei Dépar­te­ments Fran­zö­sisch-Alge­ri­ens leb­ten, nach ihrer Ver­trei­bung als »zurück­ge­kehr­te Alge­ri­en­sied­ler« bezeich­net wer­den – als ob sie nicht über fünf, sechs Genera­tio­nen dort hei­misch gewor­den wären. Die­se Logik impli­ziert, daß mit zwei­er­lei Maß gemes­sen wird, was frei­lich typisch für links­ori­en­tier­te Akteu­re ist. Auf­fäl­lig ist es, weil es einem her­aus­ra­gen­den Werk ent­behr­li­che Abzü­ge einbringt. 

Kapi­tal und Ideo­lo­gie von Tho­mas Piket­ty kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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