1. Juni 2020

Klaus Theweleit: Männerphantasien

Erik Lehnert

Klaus Theweleit: Männerphantasien. Vollständige und um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe, Berlin: Matthes & Seitz Berlin 2019. 1278 S., 39.90 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Theweleits Männerphantasien erschienen zuerst 1977 / 78 in zwei Bänden im Verlag Stroemfeld / Roter Stern und haben seitdem eine Karriere gemacht, die für so ein umfangreiches und eigenartiges Buch von Seltenheitswert sein dürfte. Von den Dimensionen reichen die Stückzahlen zwar nicht an Spenglers Untergang heran, doch bezogen auf die Kompatibilität mit dem jeweiligen Zeitgeist drängt sich der Vergleich förmlich auf. Nach Taschenbuchausgaben, die seit 1980 in mehreren Verlagen erschienen sind, liegt das Buch jetzt als gebundene Ausgabe vor, was zu der Vermutung Anlaß geben könnte, daß es zum Klassiker geworden ist, den man nicht mehr mit heißem Herzen liest, sondern sich als Erinnerung an die eigene Jugend ins Regal stellt.

Die Risikobereitschaft des Verlegers, solch Ziegelstein erneut zu verlegen, wurde offensichtlich belohnt. Mittlerweile liegt die zweite Auflage vor. Das Buch ist aus der literaturwissenschaftlichen Dissertation von Theweleit (*1942) hervorgegangen, die er unter dem Titel Freikorpsliteratur. Vom deutschen Nachkrieg 1918 – 1923 eingereicht hatte.
Das Buch widmet sich den schriftstellerischen Erzeugnissen derjenigen Männer, die nach Kriegsende aus Verantwortungsgefühl heraus die deutschen Grenzen schützten und während der bürgerkriegsähnlichen Zustände die Ordnung aufrechterhielten. Theweleit gießt das Ganze in eine wilde Collage aus Selbstreflexionen, Zitaten und Abschweifungen, die von einer kaum überzeugenden Theorie zusammengehalten wird. Theweleit ist davon überzeugt, daß diese als Faschisten klassifizierten Männer nicht zu vollwertigen Menschen werden konnten, weil ihre Selbstwerdung vorzeitig durch die Deformation im patriarchalen Elternhaus abgebrochen wurde, was sie in übergeordnete Strukturen von Männerbünden fliehen ließ.

Rudolf Augstein, Herausgeber des Spiegel, hatte das Buch bei seinem ersten Erscheinen als »vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres« bezeichnet und ihm Ende 1977 eine achtseitige Rezension gewidmet. Seine These: »Kratz an der Oberfläche des Mannes, und ans Licht kommt der Faschist vom Anfang der Welt.« Auch wenn er bei Theweleit die Nutzanwendung der Enthüllungen vermißt, war er doch davon überzeugt, daß sich Theweleit auf dem richtigen Weg befindet.
Die Gegenwart scheint in dieser Hinsicht deutlich weiter gekommen zu sein, da die politische Nutzanwendung dieser Theorie mittlerweile Allgemeingut ist: Alles, was weiße Männer geschaffen haben, ist faschistisch und gehört deshalb auf den Müllhaufen der Geschichte. Daher ist die Kritik, die anläßlich der Neuauflage zu lesen war, eher eine systemimmanente, wie die der Historikerin Birte Förster in der Süddeutschen Zeitung. Kritisch ist sie nicht, weil sie die Thesen für falsch halten würde, sondern weil Theweleit mittlerweile von seinen Nachfolgern in Gender-Mainstreaming und ähnlichen Disziplinen weit überholt wurde.
Förster interpretiert die Neuausgabe als Ausdruck einer unbewußten Verehrung alter weißer Männer wie Theweleit. Andere Kritiker legen noch eine Schippe drauf, wenn die fehlende Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus bemängelt wird oder Theweleit vorgeworfen wird, daß sein Festhalten an zwei Geschlechtern nicht mehr ganz zeitgemäß sei. Das Buch ist mittlerweile selbst zum Gegenstand historischer Forschung geworden, die sich besonders der Erklärung des Erfolgs gewidmet hat. In der linksalternativen Szene wurde es zum Klassiker, weil es eine interessante Verschränkung von damals virulenten Themen darstellt.
Die Gestaltung des Buches und die Ablehnung des objektivistischen Standpunkts in der Wissenschaft schlugen ebenso ein wie die Themen Faschismus, Gewalt, Geschlechterverhältnis und der Versuch, über Marx und Freud hinaus eine postmoderne Theorie zu präsentieren. Die Begeisterung des linksliberal-bürgerlichen Milieus ist für den Erfolg aber viel wichtiger gewesen, weil die Infragestellung der Autorität über diese Kanäle mehrheitsfähig wurde. Theweleit hat seinen Frontalangriff auf Männerbund, Institutionen und Anthropologie in einem geschickten Mix präsentiert, in dem jeder finden konnte, was er suchte.
Daran hat sich bis heute nichts geändert, was von den Rezipienten als Beweis seiner Aktualität betrachtet wird. Es ist dabei unvermeidlich, daß die Linie von den Freikorps über den Faschismus bis in die Gegenwart ausgezogen wird und man schließlich bei der Neuen Rechten und dem Rechtspopulismus landet.
Was Theweleit seinerzeit nicht bedacht hat, ist, daß sein Buch auch als Steinbruch für diejenigen zu gebrauchen war, die, aus einem linksliberalen Elternhaus stammend, noch nie etwas von Freikorps oder Ernst Jünger gehört hatten und denen er eine neue, gefährliche Welt präsentierte. Die bizarre Theorie konnte man dabei gut überlesen. Dennoch ändert dieser schöne Neben effekt nichts daran, daß Theweleits Buch für die Schleifung der Institutionen, für die Pathologisierung der Wehrbereitschaft und die Entmännlichung des Mannes zumindest mitverantwortlich ist. Da all das gelungen ist, strömt die Neuauflage den Geruch der Dekadenz aus.

Männerphantasien von Klaus Theweleit kann man hier bestellen.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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