15. Juni 2020

Sonntagsheld (150) – Ein Reiter verlässt die Stadt

Till-Lucas Wessels / 9 Kommentare

Dem letzten Franzosen zum Gedenken

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Ein Reiter verlässt die Stadt.

Die sanften Schritte tragen noch den Staub
unendlich vieler Straßen, alter Welt.
Er kann schon lange nicht mehr so gut sehen
und fremder Zeiten schauerndes Vergehen
fällt hinter ihm wie unsichtbares Laub.

Geschichten schlafen tief in seinen Brauen
als er erhaben in die Knie fällt
und betet, seine Hände mühsam schließt
und aus dem frommen Mund ein Lied ergießt
von kaltem, unerbittlichem Vertrauen.

Vergnügt fast summt er ein chanson noir
und geht die letzten Schritte zum Altar
Bedächtig steigt er auf die alten Stufen,
da hört er draußen eine Möwe rufen
und flüstert rau ein leises „au revoir!“

Sein Lächeln bis ins Heiligste verfeinert
wird weiß, die Augen leuchten seltsam klar
Man sieht: Darin hat sich etwas bewahrt
für seine letzte Abenteuerfahrt
Da nimmt er Haltung an, nickt, und versteinert.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (9)

Avalon

15. Juni 2020 08:39

Einfach nur: Danke! Es berührt mich sehr! Mehr davon.

Ein gebuertiger Hesse

15. Juni 2020 09:01

Gänsehaut. Danke!

Der_Juergen

15. Juni 2020 10:27

Prächtiges Gedicht! Aufrichtigen Dank.

Franz Bettinger

15. Juni 2020 12:57

Großartiges Gedicht! Winzige Beckmesserei zur drittletzten Zeile: ‚Was' statt ‚Etwas' (denke ich). 

Brettenbacher

15. Juni 2020 21:48

@ Franz Bettinger

Wenn Sie "etwas" durch "was" ersetzen, läuft die Zeile aus wie eine angestochne Wasserblase und die folgenden werden im Tonus beschädigt. Das ist keine Frage des Denkens sondern des Hörens. Ihrem Lob aber, wie dem aller anderen, schließe ich mich aus vollem Herzen an.

Der_Juergen

16. Juni 2020 09:53

Ebenfalls noch eine Beckmesserei: Chanson noire, nicht chanson noir. "Chanson" ist weiblich.

Simplicius Teutsch

16. Juni 2020 11:38

@ Franz Bettinger: Großartiges Gedicht! Winzige Beckmesserei zur drittletzten Zeile: ‚Was' statt ‚Etwas' (denke ich). 

.........................................

Danke, für Ihre Anregung zum Nachdenken. Erst dadurch habe ich - heute Morgen beim Frühstück - das eindrucksvolle Gedicht noch einmal gründlich gelesen. Aber recht geben in jenem Punkt möchte ich trotzdem @Brettenbacher. - Obwohl ich Ihnen, @Bettinger, gerade in Bezug auf die Corona-Krise fast immer vollständig recht geben würde.

Ich persönlich meine, bei der besagten Verszeile „Man sieht: Darin hat sich etwas bewahrt“ muss man über den Doppelpunkt hinweg lesen, keine Sprechpause beim Doppelpunkt einlegen, - erst hinter "Darin". 

 

Joerch

16. Juni 2020 13:28

Sehr, sehr anrührend. Wunderschön. Danke.

Franz Bettinger

19. Juni 2020 00:01

@Simplicius Teutsch: Danke für die Blumen. Und auch was Wessels Gedicht betrifft, haben Sie recht: Mit der von Ihnen vorgeschlagenen Intonation hört es sich perfekt an.

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