Matthias Janson, Florian König, Thomas Wendt (Hrsg.): Philosophie und Epochenbewußtsein

Matthias Janson, Florian König, Thomas Wendt (Hrsg.): Philosophie und Epochenbewußtsein. Untersuchungen zur Reichweite philosophischer Zeitdiagnostik, Würzburg: Königshausen & Neumann 2020. 309 S., 39.80 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Wer den Nischen­platz, den die Phi­lo­so­phie gegen­wär­tig in den aktu­el­len Debat­ten ein­nimmt, für unan­ge­mes­sen hält, wird sich der The­se, »daß die Phi­lo­so­phie die Aka­de­mie ver­las­sen muß und als gesell­schafts­bil­den­der Akteur im öffent­li­chen Dis­kurs auf­tre­ten soll«, grund­sätz­lich anschlie­ßen. Mit ihr wird der Band eröff­net, der Unter­su­chun­gen einer Arbeits­ta­gung Phi­lo­so­phie und Epo­chen­be­wußt­sein, die im März 2019 an der Uni­ver­si­tät Leip­zig statt­fand, versammelt. 

Die The­se stammt von Tho­mas Wendt, der die Tagung orga­ni­siert hat und in dem vor­lie­gen­den Band mit drei Tex­ten ver­tre­ten ist. Neben ihm haben sich zwölf wei­te­re Phi­lo­so­phen an der Tagung betei­ligt, die alle ent­we­der in Leip­zig stu­diert oder gelehrt haben oder dies heu­te noch tun, dar­un­ter mit Stef­fen Dietzsch und Pir­min Steke­ler-Weit­ho­fer auch zwei bekann­te Namen. Der ein­zi­ge Text, der schon durch den Titel in Rich­tung der Neu­en Rech­ten weist, stammt von
Mir­ko Fischer, einem Pro­mo­ven­den, der am Bei­spiel des Vor­märz die Meta­po­li­tik als »typisch lin­ke Stra­te­gie der Dis­kurs­er­obe­rung« unter­sucht, sich dabei aber lei­der für den Begriff der »Meta­po­li­tik« auf ten­den­ziö­se Lite­ra­tur bezieht. 

Eine wirk­li­che Über­ra­schung in dem Band ist Wendt selbst, der bis­lang so gut wie gar nicht durch Publi­ka­tio­nen in Erschei­nung getre­ten ist. Wendt lehrt als Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Leip­zig, ist Jahr­gang 1958 und wur­de 1984 in Leip­zig mit einer Arbeit über den ver­ges­se­nen Ber­li­ner Phi­lo­so­phen Fried­rich Edu­ard Bene­ke (1798 – 1854, des­sen Kar­rie­re Hegel erfolg­reich behin­der­te) promoviert.

Er ist Schü­ler des mar­xis­ti­schen Erkennt­nis­theo­re­ti­kers Die­ter Wit­tich (1930 – 2011) und hat es geschafft, sich über die Ein­schnit­te in der aka­de­mi­schen Land­schaft der ehe­ma­li­gen DDR im Mit­tel­bau der Uni­ver­si­tät zu behaup­ten. Er ver­tritt heu­te eine »kri­ti­sche Anthro­po­lo­gie« oder »Posi­ti­ve Phi­lo­so­phie«, die er als eine am »hei­li­gen Drei­eck« Mensch-Natur-Abso­lu­tes ori­en­tier­te Meta­phy­sik gegen Posi­ti­vis­mus und Deter­mi­nis­mus in Stel­lung bringt. Erkennt­nis­theo­re­tisch will er die (christ­lich fun­dier­te) Idee des Men­schen mit sei­ner Lebens pra­xis und Geschich­te abglei­chen, um von die­sem Punkt aus deter­mi­nis­ti­sche Ablei­tun­gen zu wider­le­gen. Von die­ser War­te aus ent­wi­ckelt Wendt eine beach­tens­wer­te Libe­ra­lis­mus­kri­tik, die wohl nur des­halb an einer deut­schen Uni­ver­si­tät geäu­ßert wer­den kann, weil sie von links kommt (auch wenn das im Ergeb­nis der Kri­tik kei­nen gro­ßen Unter­schied macht; inter­es­sant zudem, daß Wendt für eine »rech­te Ver­nunft« plä­diert, womit er eine umfas­sen­de meint). 

Sei­ne Über­zeu­gung, daß der Mensch­heit ein Epo­chen­wech­sel ins Haus steht, tei­le er mit so ver­schie­de­nen »Autoren wie Fran­cis Fuku­ya­ma, Samu­el Hun­ting­ton, Rolf Peter Sie­fer­le, Thi­lo Sar­ra­zin, Bassam Tibi, Mein­hard Mie­gel, Eric Hobs­bawm und Antho­ny Gid­dens«. Das ist in der Tat eine erstaun­li­che Zusam­men­stel­lung, in dem das Bemü­hen zum Aus­druck kommt, das Kri­sen­phä­no­men von allen Sei­ten zu beleuch­ten. Dem­entspre­chend fin­den sich in dem (etwas her­me­ti­schen) Text zahl­rei­che Anspie­lun­gen zu gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lun­gen in Deutsch­land, etwa wenn er Pegi­da mit den Maschi­nen­stür­mern iden­ti­fi­ziert, Alain de Benoist zitiert, den Grü­nen Tota­li­ta­ris­mus bemerkt, Schelsky zur Lek­tü­re emp­fiehlt oder Ree­du­ca­ti­on mit dem »Abrich­ten« von Men­schen vergleicht. 

Sei­nen Haupt­text been­det Wendt mit den latei­ni­schen Wor­ten: »Dixi et sal­va­vi ani­mam meam!« Das bedeu­tet so viel wie: »Ich habe gespro­chen und mei­ne See­le geret­tet«, hat sei­nen Ursprung im Buch Hese­kiel des AT und wur­de von Marx am Ende sei­ner Kri­tik des Gotha­er Pro­gramms (1875) der spä­te­ren SPD zitiert. Das Wendt die­se pathe­ti­schen Wor­te am Ende sei­nes ver­gleichs­wei­se harm­lo­sen Tex­tes wie­der­holt, läßt Raum für Spe­ku­la­tio­nen – über die gegen­wär­ti­ge Ver­fas­sung der Uni­ver­si­tä­ten und den lin­ken Dis­kurs, der Abweich­ler offen­sicht­lich mit Höl­len­stra­fen bedroht. 

Phi­lo­so­phie und Epo­chen­be­wußt­sein. Unter­su­chun­gen zur Reich­wei­te phi­lo­so­phi­scher Zeit­dia­gnos­tik, her­aus­ge­ge­ben von Mat­thi­as Jan­son, Flo­ri­an König und Tho­mas Wendt, kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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