1. Juni 2020

Michail Prischwin: Tagebücher Band 1: 1917 – 1920.

Erik Lehnert

Michail Prischwin: Tagebücher. Band 1: 1917 – 1920. Hrsg. von Eveline Passet, Berlin: Guggolz 2019. 459 S., 34 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Begonnen werden sollte die Lektüre dieses Buches mit dem hervorragenden Essay des Schriftstellers Michail Schischkin. Er zeichnet den Lebensweg des studierten »Agronomen« Michail Prischwin (1873 – 1954) nach, der als Schriftsteller drei Karrieren vorzuweisen hatte.
Die erste fand um die Jahrhundertwende statt, als sich Prischwin einen Namen als ethnographischer Autor machte. Die zweite folgte in der Sowjetunion nach dem Bürgerkrieg, in der Prischwin als Autor von Naturbüchern Millionenauflagen erzielte. Die dritte schließlich begann mit dem Untergang des Kommunismus und der Edition seiner Tagebücher, die in Rußland zwischen 1991 und 2018 in 18 Bänden erschienen.
Ohne diese Hinführung (und dem ausgezeichneten Kommentar) erschließen sich die Tagebücher, unbearbeitet und hermetisch, nur schwer. Sie offenbaren mit Prischwin einen Schriftsteller, der sich im Moment der bolschewistischen Revolution bewußt für die Innere Emigration entschieden hatte und mit seinen Tagebüchern sein eigentliches Werk schuf. In welcher Gefahr er sich damit befand und was ihm bei Entdeckung der Tagebücher drohte, war ihm bewußt. Vor diesem Hintergrund macht Schischkin klar, warum Prischwin sich in seinen – teils auf Deutsch vorliegenden – Büchern der Natur widmete: »Die einzige Wahrheit inmitten der kommunistischen Lüge war die Natur«.
Prischwin, der zu Beginn des 20.  Jahrhunderts marxistische Anwandlungen hatte, stand dem Bolschewismus ablehnend gegenüber; eine Haltung, die sich im Laufe des Bürgerkrieges zum Haß steigerte. Das war weniger seiner Anhänglichkeit dem alten System gegenüber geschuldet, als der Tatsache, daß das neue ihm jeden Rückzugsraum abschnitt. Die Verlusterfahrungen waren für Prischwin einschneidend: Er wurde enteignet, lebte an wechselnden Orten und schlug sich als Lehrer und Bibliothekar durch. Er war kurzzeitig inhaftiert, zahlreiche Freunde und Bekannte wurden getötet. Er nimmt auch den allgemeinen Niedergang wahr, der in dem Moment einsetzte, als sich niemand mehr für irgend etwas verantwortlich fühlte, weil niemandem mehr etwas gehörte: Der Kommunismus ist ein »System der gänzlichen Verschmelzung von Mensch und Affe«.

Die Tagebücher kann man hier bestellen.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Kommentare (0)