4. September 2020

Joris Karl Huysmans: „Lourdes. Mystik und Massen“

Ellen Kositza / 5 Kommentare

Durch Michel Houellebecq haben zahlreiche Leser Joris Karl Huysmans (1848 – 1907) entdeckt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

In Houellebecqs Roman Unterwerfung setzt sich der Protagonist ausführlich mit Huysmans’ Hinwendung zum Christentum auseinander. Der Romancier, der zuvor »sittenwidrige« Schriften publizierte und von satanistischen Praktiken fasziniert war, hatte 1884 mit À rebours (dt: Gegen den Strich; neueste Übersetzung: Gegen alle) mit der dekadenten Gesellschaft abgerechnet.

Kurz vor seinem Krebstod (er hatte sich in ein Benediktinerkloster zurückgezogen) veröffentlichte Huysmans 1906 Les foules de Lourdes. Nun (erst jetzt!) wurde das Buch ins Deutsche übersetzt, und zwar unter einem ungleich passenderen Titel: Es geht Huymans bei dieser Großreportage nämlich keineswegs allein um die »Massen«.

Diese bibliophile Ausgabe (Halbleinen, Fadenheftung, phantastisches Titelbild; eingestreut sind Schwarzweißphotographien von Lourdes aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts) des kleinen Lilienfeld-Verlags ist gar nicht genug zu loben. Die Übersetzung von Hartmut Sommer ist ebenso formidabel wie sein kundig-kompaktes Nachwort. Hinzu kommen einundneunzig knappe Endnoten, keine zuviel, keine zuwenig, die sämtliche Hintergründe dieser vierzehn Kapitel vollends erschließen. Das ist erstklassiges Verlegertum!

Ein besonders ehrgeiziger Leser würde Franz Werfels Lourdesroman Das Lied von Bernadette (1941) und Huysmans’ Buch hintereinanderweg lesen (in dieser Reihenfolge). Er würde reich entlohnt!

Huysmans war einst ein ätzender Zyniker, wiewohl sich in À rebours bereits eine untergründige Sympathie für das Christentum ausgedrückt hatte. In späteren Werken hat er seinen steinigen Weg zur Konversion nachgezeichnet. Aus ihm ist ein Frommer geworden, aber kein Frömmler, davon gibt Lourdes beredte Auskunft. Nur durch Zureden eines Freundes hielt er (dessen neugewonnener Glauben sich zunächst eher als elitär und ästhetisch beschreiben ließ) sich 1903 und 1904 je einige Wochen in dem einstmalig unbedeutenden Pyrenäen-Kaff Lourdes auf, wo ab dem 11. Februar 1858 an mehreren Tagen der vierzehnjährigen, ungebildeten Prekariatstochter Bernadette Soubirous die Heilige Jungfrau in einer Grotte am Fluß Gave erschienen war.

Einige Jahrzehnte darauf ist Lourdes zu einer gnadenlos überrannten Pilgerstätte geworden. 1904, in Huysmans’ Berichtzeitraum, biwakierten 45 000 Heilsuchende in dem Städtchen. In den Massenunterkünften lagen sie teils »gestapelt«, viele übernachteten auf den Kirchenbänken, obwohl dort unablässig Messen gelesen wurden. Kaum zu glauben, daß bereits das Jahr 1908 eine ganze Million Pilger zählte!

Huysmans beschreibt den Trubel in einer Mischung aus Skepsis und Wohlwollen. Er ist einerseits abgestoßen (vom Klimbim, von der monströsen Architektur, von den flüchtigen »Schnellmessen«, von Frauen, die dem »Lumpen-Heiligen« Benedikt Labre nachfolgen, sich darum nie waschen und entsprechend ausdünsten), andererseits höchst angezogen von der unerschütterlichen Gläubigkeit, die die Leidenden aller Herren Länder unter teils widrigsten Umständen an diesen Ort reisen läßt.

Welche Dramen spielen sich hier ab! Das Mädchen mit den wundbrandigen Füßen, das wimmernd mit dem Zug anreist, derweil die Binden nicht genügen und der Eiter in untergestellte Eimer tropfen muß! Der Mann ohne Mund, dessen Zunge die Patres bei der Kommunion überfordert!

Daneben schildert Huysmans farbig nationale Eigenheiten: Die Belgier sind stets bestens organisiert – helfen aber ausschließlich belgischen Landsleuten. Die spanischen Patres rauchen und flirten, derweil die Spanierinnen alle anderen Pilger jubelnd übertönen. Die holländischen Geistlichen sind besonders schmuck und genießen es, hier in der Öffentlichkeit Soutane tragen zu dürfen. »O nein, Lourdes ist kein Ort der Wohltat für diejenigen, die eine innige Nähe zur Jungfrau in der Stille dämmriger, alter Kathedralen suchen! Aber man muß doch immer fragen: Wo blüht die Gnade, wo entfaltet sich die Nächstenliebe inniger als hier?«

Huysmans hatte privilegierten Zugang zum »Konstatierungsbüro«. Wenn sich je Wunder ereigneten, sammelten sich Tausende vor der Tür des begutachtenden Arztes. Huysmans befand sich oft mit drin. Er, der Kritikaster, bezeugt unglaubliche Wunder. »Warum aber heilt Maria nicht einfach alle?«

Huysmans, der übrigens die moderne Lehre der Psychosomatik vorwegnimmt und jeder wunderbaren Heilung zunächst skeptisch begegnet, zieht letztlich den Schluß: »Sie rettet in vielen Fällen die Seele auf Kosten des Leibes, der ja, selbst wenn er geheilt würde, doch einmal wieder krank werden müßte, und sei es nur, um zu sterben.«

Lourdes. Mystik und Massen von Joris Karl Huysmans kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (5)

Ein gebuertiger Hesse

4. September 2020 11:26

Sehr schön, daß Huysmans eine Würdigung erfährt. "La-bas" bescherte mir vor einigen Jahren eine der abgründigsten, abstoßendsten und ergreifendsten Lektüren meines Lebens. Die Art und Weise, wie dort geschichtliche wie fiktionale und vom Autor in der Niederschrift von beidem leibhaftig erfahrende Dinge ineinandergreifen, ist einzigartig und überzeugt zutiefst. Der verbrauchte Feuilleton-Begriff vom "Spiel mit Spiegeln" war selten so zutreffend.

Die von Zweitausendeins (leider unter einem blödsinnigen neuen Titel) veröffentlichte Neuübersetzung ist ebenfalls, wie die von "Lourdes", eine einzige Wonne. Wie schön unsere Sprache, bezogen auf die französische, in guten Händen doch immer wieder sein kann! Die Übersetzerin Caroline Vollmann hat Huysmans, wie einen vormals allzu hohen Berg, praktisch erst richtig erschlossen und begehbar gemacht, so auch hier und hier. Huysmans' weitblickendes (hundert Jahre später in unsere entgottete Moderne hinein) Buch über die Gotik wurde zwar von einem anderen übersetzt, ist aber ebenfalls hervorragend.

Und überhaupt: Wie sollte man einen Autor nicht lesen wollen, der so ausgeschaut hat?

Andreas Walter

4. September 2020 12:17

Wobei das nicht stimmt. Es sind nicht die Körper, die übel riechen, wenn man sie nicht regelmässig wäscht, sondern es ist die ungewaschene Kleidung, die irgendwann anfängt ungesund zu riechen. Weil die nämlich tot ist, im Gegensatz zu lebendiger Haut und Drüsen. Wobei es auch da eine ungewöhnliche Ausnahme gibt, nämlich Merinowolle.

Auch dabei zeigt nämlich die Natur, dass sie viel genialer, ausgereifter ist als die meisten Menschen sich darüber bewusst sind (als unsichere Konsumenten bewusst sein sollen).

Der Mensch stammt nun mal aus warmen Gefilden und ist biologisch für FKK konzipiert. Selbst jede Geschlechtskrankheit führe ich deshalb bereits auf den Lendenschurz zurück.

Kositza: Ein fraglos wichtiger Beitrag zum Buch!!

Niklaus

4. September 2020 16:17

Das Buch wurde von Frau Kositza auch in der Sezession Nr. 97 besprochen. Hatte es daraufhin gleich bestellt und mit grossem Gewinn gelesen. Mein Einstieg in die Lourdes-Literatur war ganz zufällig: Hatte vor paar Jahren in meinem kleinen Segelboot vor der ostfriesischen Küste eine halbe Woche Sturmwetter in Aussicht und kramte mir aus einer Gratis-Bücherkiste in Norden Franz Werfels Lied der Bernadette. Die Tage waren gerettet. In der Folge habe ich alles gelesen was mir im deutschsprachigen Bereich zum Thema in die Finger kam. Huysmans überraschte mich aber noch mit viel Unbekanntem. Etwa die Geschichte um Emile Zola und seiner Haltung: Was nicht sein kann, darf auch nicht sein, die er trotz aller Evidenz mit grösster Arroganz durchgezogen hat und dabei auch nicht vor Lügen zurückgeschreckt ist. Hingegen scheint mir Huysmans ästhetische Kritik an den Bauten etwas überzogen. Es wäre interessant zu wissen, was er zur unterirdischen Basilika Pius X gesagt hätte, die erst in den 50er Jahren gebaut wurde und der, offenbar in positiver Reaktion auf Huysmans Kritik, den Charme einer Beton-Lagerhalle verpasst bekam.

Maiordomus

5. September 2020 09:58

Das Buch von Huysmans wurde schon vor Monaten in der Zeitschrift des Klosters Einsiedeln, Salve, hervorragend besprochen, ist insofern erfreulicherweise nicht auf das rechte Alternativgeistesleben angewiesen; wobei man ja die Qualität von Kositza als Rezensentin kennt.

Da können zum Beispiel Mitarbeiterinnen der Neuen Zürcher Zeitung schlicht nicht mithalten, etwa Birgit Schmid. Diese Frau wunderte sich vor etwa zwei Monaten über den Namen Wilfred (Sohn von Boris Johnson), den sie einerseits mit einem reinen Chiffre-Namen verglich, andererseits darauf aufmerksam machte, dass ein Kind sich für einen solch exotischen Namen schämen müsse. Es war immerhin der germanische Name des heiligen Bonifatius, des britischen Apostels Deutschlands. Klar, muss man sich für einen solchen Namen schämen! Nur die Neue Zürcher Zeitung muss sich nicht schämen, eine eigentliche Kultur-Analphabetin zu ihren Mitarbeiterinnen zählen zu müssen. Diese Sorte Analphabetismus ist heute freilich gängig. Frau Kositza, machen Sie weiter so! (PS. Leserbriefpassage betr. diese Sache an die NZZ wurde nicht gedruckt.)

Teufel

7. September 2020 04:54

Joris Karl Huysmans

Kann man den bei Ihrem Verlag kaufen?

Ja?

Kositza: Ja. https://antaios.de/antaios-liefert-jedes-buch/102735/lourdes?number=978-3-940357-65-6