Joris Karl Huysmans: “Lourdes. Mystik und Massen”

Durch Michel Houellebecq haben zahlreiche Leser Joris Karl Huysmans (1848 – 1907) entdeckt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

In Hou­el­le­becqs Roman Unter­wer­fung setzt sich der Prot­ago­nist aus­führ­lich mit Huys­mans’ Hin­wen­dung zum Chris­ten­tum aus­ein­an­der. Der Roman­cier, der zuvor »sit­ten­wid­ri­ge« Schrif­ten publi­zier­te und von sata­nis­ti­schen Prak­ti­ken fas­zi­niert war, hat­te 1884 mit À rebours (dt: Gegen den Strich; neu­es­te Über­set­zung: Gegen alle) mit der deka­den­ten Gesell­schaft abgerechnet.

Kurz vor sei­nem Krebs­tod (er hat­te sich in ein Bene­dik­ti­ner­klos­ter zurück­ge­zo­gen) ver­öf­fent­lich­te Huys­mans 1906 Les foules de Lour­des. Nun (erst jetzt!) wur­de das Buch ins Deut­sche über­setzt, und zwar unter einem ungleich pas­sen­de­ren Titel: Es geht Huy­mans bei die­ser Groß­re­por­ta­ge näm­lich kei­nes­wegs allein um die »Mas­sen«.

Die­se biblio­phi­le Aus­ga­be (Halb­lei­nen, Faden­hef­tung, phan­tas­ti­sches Titel­bild; ein­ge­streut sind Schwarz­weiß­pho­to­gra­phien von Lour­des aus der ers­ten Hälf­te des 20 Jahr­hun­derts) des klei­nen Lili­en­feld-Ver­lags ist gar nicht genug zu loben. Die Über­set­zung von Hart­mut Som­mer ist eben­so for­mi­da­bel wie sein kun­dig-kom­pak­tes Nach­wort. Hin­zu kom­men ein­und­neun­zig knap­pe End­no­ten, kei­ne zuviel, kei­ne zuwe­nig, die sämt­li­che Hin­ter­grün­de die­ser vier­zehn Kapi­tel voll­ends erschlie­ßen. Das ist erst­klas­si­ges Verlegertum!

Ein beson­ders ehr­gei­zi­ger Leser wür­de Franz Wer­fels Lour­des­ro­man Das Lied von Ber­na­det­te (1941) und Huys­mans’ Buch hin­ter­ein­an­der­weg lesen (in die­ser Rei­hen­fol­ge). Er wür­de reich entlohnt!

Huys­mans war einst ein ätzen­der Zyni­ker, wie­wohl sich in À rebours bereits eine unter­grün­di­ge Sym­pa­thie für das Chris­ten­tum aus­ge­drückt hat­te. In spä­te­ren Wer­ken hat er sei­nen stei­ni­gen Weg zur Kon­ver­si­on nach­ge­zeich­net. Aus ihm ist ein From­mer gewor­den, aber kein Frömm­ler, davon gibt Lour­des bered­te Aus­kunft. Nur durch Zure­den eines Freun­des hielt er (des­sen neu­ge­won­ne­ner Glau­ben sich zunächst eher als eli­tär und ästhe­tisch beschrei­ben ließ) sich 1903 und 1904 je eini­ge Wochen in dem einst­ma­lig unbe­deu­ten­den Pyre­nä­en-Kaff Lour­des auf, wo ab dem 11. Febru­ar 1858 an meh­re­ren Tagen der vier­zehn­jäh­ri­gen, unge­bil­de­ten Pre­ka­ri­ats­toch­ter Ber­na­det­te Sou­bi­rous die Hei­li­ge Jung­frau in einer Grot­te am Fluß Gave erschie­nen war.

Eini­ge Jahr­zehn­te dar­auf ist Lour­des zu einer gna­den­los über­rann­ten Pil­ger­stät­te gewor­den. 1904, in Huys­mans’ Bericht­zeit­raum, biwa­kier­ten 45 000 Heil­su­chen­de in dem Städt­chen. In den Mas­sen­un­ter­künf­ten lagen sie teils »gesta­pelt«, vie­le über­nach­te­ten auf den Kir­chen­bän­ken, obwohl dort unab­läs­sig Mes­sen gele­sen wur­den. Kaum zu glau­ben, daß bereits das Jahr 1908 eine gan­ze Mil­li­on Pil­ger zählte!

Huys­mans beschreibt den Tru­bel in einer Mischung aus Skep­sis und Wohl­wol­len. Er ist einer­seits abge­sto­ßen (vom Klim­bim, von der mons­trö­sen Archi­tek­tur, von den flüch­ti­gen »Schnell­mes­sen«, von Frau­en, die dem »Lum­pen-Hei­li­gen« Bene­dikt Lab­re nach­fol­gen, sich dar­um nie waschen und ent­spre­chend aus­düns­ten), ande­rer­seits höchst ange­zo­gen von der uner­schüt­ter­li­chen Gläu­big­keit, die die Lei­den­den aller Her­ren Län­der unter teils wid­rigs­ten Umstän­den an die­sen Ort rei­sen läßt.

Wel­che Dra­men spie­len sich hier ab! Das Mäd­chen mit den wund­b­ran­di­gen Füßen, das wim­mernd mit dem Zug anreist, der­weil die Bin­den nicht genü­gen und der Eiter in unter­ge­stell­te Eimer trop­fen muß! Der Mann ohne Mund, des­sen Zun­ge die Patres bei der Kom­mu­ni­on überfordert!

Dane­ben schil­dert Huys­mans far­big natio­na­le Eigen­hei­ten: Die Bel­gi­er sind stets bes­tens orga­ni­siert – hel­fen aber aus­schließ­lich bel­gi­schen Lands­leu­ten. Die spa­ni­schen Patres rau­chen und flir­ten, der­weil die Spa­nie­rin­nen alle ande­ren Pil­ger jubelnd über­tö­nen. Die hol­län­di­schen Geist­li­chen sind beson­ders schmuck und genie­ßen es, hier in der Öffent­lich­keit Sou­ta­ne tra­gen zu dür­fen. »O nein, Lour­des ist kein Ort der Wohl­tat für die­je­ni­gen, die eine inni­ge Nähe zur Jung­frau in der Stil­le dämm­ri­ger, alter Kathe­dra­len suchen! Aber man muß doch immer fra­gen: Wo blüht die Gna­de, wo ent­fal­tet sich die Nächs­ten­lie­be inni­ger als hier?«

Huys­mans hat­te pri­vi­le­gier­ten Zugang zum »Kon­sta­tie­rungs­bü­ro«. Wenn sich je Wun­der ereig­ne­ten, sam­mel­ten sich Tau­sen­de vor der Tür des begut­ach­ten­den Arz­tes. Huys­mans befand sich oft mit drin. Er, der Kri­ti­kas­ter, bezeugt unglaub­li­che Wun­der. »War­um aber heilt Maria nicht ein­fach alle?«

Huys­mans, der übri­gens die moder­ne Leh­re der Psy­cho­so­ma­tik vor­weg­nimmt und jeder wun­der­ba­ren Hei­lung zunächst skep­tisch begeg­net, zieht letzt­lich den Schluß: »Sie ret­tet in vie­len Fäl­len die See­le auf Kos­ten des Lei­bes, der ja, selbst wenn er geheilt wür­de, doch ein­mal wie­der krank wer­den müß­te, und sei es nur, um zu sterben.«

Lour­des. Mys­tik und Mas­sen von Joris Karl Huys­mans kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (4)

Andreas Walter

4. September 2020 12:17

Wobei das nicht stimmt. Es sind nicht die Körper, die übel riechen, wenn man sie nicht regelmässig wäscht, sondern es ist die ungewaschene Kleidung, die irgendwann anfängt ungesund zu riechen. Weil die nämlich tot ist, im Gegensatz zu lebendiger Haut und Drüsen. Wobei es auch da eine ungewöhnliche Ausnahme gibt, nämlich Merinowolle.

Auch dabei zeigt nämlich die Natur, dass sie viel genialer, ausgereifter ist als die meisten Menschen sich darüber bewusst sind (als unsichere Konsumenten bewusst sein sollen).

Der Mensch stammt nun mal aus warmen Gefilden und ist biologisch für FKK konzipiert. Selbst jede Geschlechtskrankheit führe ich deshalb bereits auf den Lendenschurz zurück.

Kositza: Ein fraglos wichtiger Beitrag zum Buch!!

Niklaus

4. September 2020 16:17

Das Buch wurde von Frau Kositza auch in der Sezession Nr. 97 besprochen. Hatte es daraufhin gleich bestellt und mit grossem Gewinn gelesen. Mein Einstieg in die Lourdes-Literatur war ganz zufällig: Hatte vor paar Jahren in meinem kleinen Segelboot vor der ostfriesischen Küste eine halbe Woche Sturmwetter in Aussicht und kramte mir aus einer Gratis-Bücherkiste in Norden Franz Werfels Lied der Bernadette. Die Tage waren gerettet. In der Folge habe ich alles gelesen was mir im deutschsprachigen Bereich zum Thema in die Finger kam. Huysmans überraschte mich aber noch mit viel Unbekanntem. Etwa die Geschichte um Emile Zola und seiner Haltung: Was nicht sein kann, darf auch nicht sein, die er trotz aller Evidenz mit grösster Arroganz durchgezogen hat und dabei auch nicht vor Lügen zurückgeschreckt ist. Hingegen scheint mir Huysmans ästhetische Kritik an den Bauten etwas überzogen. Es wäre interessant zu wissen, was er zur unterirdischen Basilika Pius X gesagt hätte, die erst in den 50er Jahren gebaut wurde und der, offenbar in positiver Reaktion auf Huysmans Kritik, den Charme einer Beton-Lagerhalle verpasst bekam.

Maiordomus

5. September 2020 09:58

Das Buch von Huysmans wurde schon vor Monaten in der Zeitschrift des Klosters Einsiedeln, Salve, hervorragend besprochen, ist insofern erfreulicherweise nicht auf das rechte Alternativgeistesleben angewiesen; wobei man ja die Qualität von Kositza als Rezensentin kennt.

Da können zum Beispiel Mitarbeiterinnen der Neuen Zürcher Zeitung schlicht nicht mithalten, etwa Birgit Schmid. Diese Frau wunderte sich vor etwa zwei Monaten über den Namen Wilfred (Sohn von Boris Johnson), den sie einerseits mit einem reinen Chiffre-Namen verglich, andererseits darauf aufmerksam machte, dass ein Kind sich für einen solch exotischen Namen schämen müsse. Es war immerhin der germanische Name des heiligen Bonifatius, des britischen Apostels Deutschlands. Klar, muss man sich für einen solchen Namen schämen! Nur die Neue Zürcher Zeitung muss sich nicht schämen, eine eigentliche Kultur-Analphabetin zu ihren Mitarbeiterinnen zählen zu müssen. Diese Sorte Analphabetismus ist heute freilich gängig. Frau Kositza, machen Sie weiter so! (PS. Leserbriefpassage betr. diese Sache an die NZZ wurde nicht gedruckt.)

Teufel

7. September 2020 04:54

Joris Karl Huysmans

Kann man den bei Ihrem Verlag kaufen?

Ja?

Kositza: Ja. https://antaios.de/antaios-liefert-jedes-buch/102735/lourdes?number=978-3-940357-65-6