Sommerlektüre: Vor Rehen wird gewarnt

Dieser großartige Roman der 1888 geborenen Wienerin Vicki, eigentlich: Hedwig Baum erschien erstmals 1960 in deutscher Übersetzung.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Baum leb­te kon­se­quent: Nach­dem sie (ihre Wer­ke fie­len 1933 wegen »seich­tem Amo­ra­lis­mus« der Bücher­ver­bren­nung zum Opfer) 1938 aus­ge­bür­gert wor­den war, schrieb sie nur noch in ame­ri­ka­ni­schem Eng­lisch. Sie leb­te dann übri­gens mit ihrem Mann recht herr­schaft­lich in den kali­for­ni­schen Paci­fic Pali­sa­des in Nach­bar­schaft zu Tho­mas Mann und Lion Feuchtwanger.

Ihr eige­ner schrift­stel­le­ri­scher Ruhm kam spät und setz­te erst mit ihrem heu­te als Haupt­werk gel­ten­den Roman Men­schen im Hotel (1929) ein, das erfolg­reich dra­ma­ti­siert, ver­tont und ver­filmt wur­de. Im Grun­de genügt es, das Gesicht Baums zu stu­die­ren, die­sen groß­zü­gig dimen­sio­nier­ten Mund, die auf­fäl­li­gen Augen samt Brau­en, um zu wis­sen, daß wir es hier mit einer beson­de­ren Frau zu tun haben. Vicki Baum ist eine Men­schen­ken­ne­rin par excel­lence. Es sagt viel aus über das kul­tu­rel­le Res­sen­ti­ment des Natio­nal­so­zia­lis­mus, unter ande­ren die­ses Talent ver­kannt und als »Asphalt­li­te­ra­tur« (Joseph Goeb­bels) ver­bannt zu haben.

Das »Reh«, vor dem hier gewarnt wird, heißt Ange­li­na. Sie ist eine von zwei Töch­tern eines schwer­rei­chen, aber rela­tiv kul­tur­lo­sen ame­ri­ka­ni­schen Ehe­paars. Maud, die älte­re, ist eher »breit­hüf­tig«, blond und gütig. Ange­li­na – Ann – ist das zar­te, ver­letz­li­che Reh. Oh, wie sie stets lei­det! Sie ist dabei durch­trie­ben und hinterlistig.

Bei­de Schwes­tern lie­ben den Wie­ner Gei­gen­vir­tuo­sen Flo­ri­an Ambros, einen wah­ren Künst­ler­ty­pen: gro­ßes Genie, hohe Pro­mi­nenz, wei­che Hän­de und ein zwar treu­es, aber labi­les Gemüt. Ambros, der Star, liebt Maud innig. Sie zeu­gen ein melan­cho­li­sches Kind mit dem unzu­tref­fen­den Namen »Joy« (der Gei­ger sagt: »Tschoy«).

1906 wird ihre Wohn­statt San Fran­cis­co durch das berühm­te Erd­be­ben erschüt­tert. Maud, schwer­krank, ist der­weil auf Kur. Das »Reh­lein« Ange­li­na ist zur Stel­le, um den Haus­halt zu besor­gen. Eigent­lich ist sie aber empört, daß sich nun die kräf­ti­ge Maud kurie­ren darf:

Ange­li­nas unmit­tel­ba­re Reak­ti­on war ein hit­zi­ger Unwil­len. Sie will mei­nen Don­ner steh­len. War das nicht Shake­speare? Nie­mals war bezwei­felt wor­den, daß Ange­li­na das Sor­gen­kind war, ein zar­tes, heik­les Pflänz­chen, der behut­sa­men Pfle­ge bedürf­tig, wäh­rend Maud groß und kräf­tig auf­wuchs, gesund und unin­ter­es­sant wie ein Blumenkohl.

Das ist groß­ar­tig über­setzt! Ange­li­na gelingt nun, es so aus­schau­en zu las­sen, als habe sie Joy (der sie wegen ihrer Quen­ge­lei in Wahr­heit gern den Hals umge­dreht hät­te) aus den Trüm­mern geret­tet. Tat­säch­lich war es das hel­den­haf­te Kin­der­mäd­chen. Ange­li­na, die­ses mani­pu­la­ti­ve Genie, ver­mag es in die­ser exis­ten­ti­el­len Kri­se, Ambros für sich zu gewin­nen. Klar: Ein­mal in ihren Hän­den, erscheint er ihr bald fahl.

Am Ende (im Roman bil­det es den Anfang ab) hat die geal­ter­te, noch immer reh­ar­tig-unan­tast­ba­re Ange­li­na (jeder kennt die­sen Typus!) fast alle ihre Leu­te über­lebt. Von einer Per­son, die beson­ders unter die­ser Täu­sche­rin zu lei­den hat­te, wird sie – unge­plant, in rasen­dem Affekt – aus einem fah­ren­den Schnell­zug gesto­ßen. Das hät­te logi­scher­wei­se das Ende des Rehs sein sol­len. Hät­te … ! Hier trifft alles zusam­men, was gute Bel­le­tris­tik aus­macht: exzel­len­te Men­schen­kennt­nis, Zeit­co­lo­rit, Span­nung: ers­te Klasse.

Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt. Roman, Zürich: Arche 2020. 411 S., 24 €.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (1)

Andreas Walter

10. August 2020 03:05

“Sie zeugen ein melancholisches Kind.“

Zeugen vielleicht nicht, aber machen es dazu, oder prägen es womöglich so.

Wobei die Zwillingsforschung da anderer Meinung ist, denn es gibt ja auch Zwillinge, die bereits unmittelbar nach der Geburt getrennt wurden.

Wobei auch das nichts aussagt, weil Kinder sogar schon im Mutterleib anfangen zu lernen.

Selbst ein Klavierstück, oder auch Emotionen, aber auch ganze Ereignisse registrieren und verinnerlichen Babys bereits in der Plazenta. Manches davon überträgt sich sogar über Generationen, unbewusst. Besonders traumatische Erlebnisse zum Beispiel, die einer schwangeren Frau widerfahren sind.

Verschüttet worden zu sein, lebendig begraben, durch einem Bombenangriff der “Befreier“, der Zerstörer Deutschlands.

Auch das hat meine Grossmutter zu so einem “Reh“ gemacht, neben wohl, vermute ich zumindest, anderen Dingen, die einer jungen Frau womöglich widerfahren, wenn sie als Weise aufwächst. Not macht erfinderisch, Schwäche manipulativ, Missbrauch zornig.

Dieses “Reh“ in meiner Familie hat übrigens auch alle überlebt, einschliesslich ihre Tochter. Ich dagegen habe sie bereits als Jugendlicher erkannt und deshalb zurechtgewiesen.

Wofür sie sich selbstverständlich dann brutal gerächt hat. Heute kann ich darüber lachen, mit dem Herz voll Narben (in Anlehnung an eine Geschichte von Paulo Coelho im Handbuch des Kriegers des Lichts).

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