Michael Esders: Sprachregime. Die Macht der politischen Wahrheitssysteme

Michael Esders: Sprachregime. Die Macht der politischen Wahrheitssysteme, Lüdinghausen /Berlin: Manuscriptum 2020 (= Werkreihe von Tumult 10). 147 S., 18 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Als der säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent nach den Ereig­nis­sen von Chem­nitz 2018 von einem »Angriff auf unse­re Wahr­heits­sys­te­me« sprach, war ihm in den alter­na­ti­ven Medi­en Spott gewiß. Zu deut­lich hat­te er sich ver­plap­pert: Nicht bloß bestimm­te Wör­ter wie »Will­kom­mens­kul­tur« oder »Haß in den Her­zen« bestim­men die Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit. Es han­delt sich um ein aus­ge­wach­se­nes seman­ti­sches Herrschaftssystem.

Der Sozio­lo­ge und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Micha­el Esders schöpft theo­re­tisch aus dem vol­len. Wenn er im Kapi­tel »Die Nar­ra­ti­ve der Hyper­mo­ral« nach­zeich­net, wie Gre­ta Thun­bergs Mis­si­on sprach­lich insze­niert wor­den ist oder wie die Chem­nit­zer »Hetz­jag­den« ent­stan­den sind, wie nud­ging und framing durch die Main­stream­m­edi­en funk­tio­nie­ren, dann fin­det der Leser Erklä­run­gen, die ihm von Klei­ne-Hart­la­ge, Uwe Krü­ger oder aus Mit Lin­ken leben bekannt sein kön­nen. Auf die­ser Ebe­ne wird ver­ständ­lich, wie Sprach­re­gime herrschen.

Esders geht noch eine Ebe­ne tie­fer. Hier erweist er sich als Ken­ner der post­mo­der­nen Lin­ken – ein Sozio­lo­gie­stu­di­um in den 90er Jah­ren prägt. So kann er erklä­ren, war­um Sprach­re­gime herr­schen. Frap­pie­rend: Es ist über wei­te Stre­cken nur mit­hil­fe der Beob­ach­tungs­ras­ter der post­mo­der­nen Lin­ken mög­lich, ihre Macht­über­nah­me zu for­mu­lie­ren. Der »Kon­for­mis­mus der Dif­fe­renz« und die »Agen­da der poli­ti­schen Dekon­struk­ti­on« lösen den mar­xis­ti­schen Klas­sen­kampf ab. Der Post­struk­tu­ra­list Jaques Der­ri­da hat­te in Die Schrift und die Dif­fe­renz (1967) über die Nivel­lie­rung von Unter­schie­den durch ihre Fest­schrei­bung geschrie­ben, die­ser aber der­art ubi­qui­tä­re Macht zuge­spro­chen, daß es kein Ent­rin­nen aus dem »Pho­no­lo­go­zen­tris­mus« des abend­län­di­schen Den­kens mehr gab – außer der Fei­er der »Dif­fe­renz« als sol­cher. Wer sich auf die Sei­te der »Dif­fe­renz« schlägt, hat his­to­risch gewon­nen und kann fort­an dar­an­ge­hen, über­all »gewalt­för­mi­ge Ein­schrei­bung« von irgend­was in »die Kör­per« zu wit­tern. Esders kommt zur Dia­gno­se: Die ent­kern­te Lin­ke habe Der­ri­das Theo­rie para­si­tiert, und der als »Loop pro­gram­mier­te Dis­kurs ist dar­auf ange­legt, das Den­ken in den Auto­ma­tik­mo­dus zu ver­set­zen, also abzuschaffen«.
Typisch dafür ist, daß »Dif­fe­renz­den­ken« offen­sicht­lich kei­ne Schwie­rig­kei­ten hat, sich mit Karl Pop­pers »kri­ti­schem Ratio­na­lis­mus« zu ver­brü­dern (in der postruk­tu­ra­lis­ti­schen Schu­le war kaum etwas so ver­pönt wie »Ver­nunft«). Die »offe­ne Gesell­schaft«, die in Gestalt der Open Socie­ty Foun­da­ti­on des Pop­per-Schü­lers Geor­ge Soros gewal­tig in Dis­kur­se und rea­le »Expe­ri­men­te« (Yasha Mounk) hin­ein­langt, voll­zieht die­sel­be Mis­si­on wie die Pro­pa­gan­dis­ten der »Diver­si­ty« und der »offe­nen Gren­zen«. Micha­el Esders prägt dafür den Begriff »Anti­topik«, der hübsch post­mo­dern zwei­deu­tig ist. Er bedeu­tet die Ort­lo­sig­keit der any­whe­res und das Nie­der­rei­ßen von »Gren­zen«, aber auch ein Gegen­pro­gramm zur Topik der anti­ken Rhetorik.
Der Autor der Sprach­re­gime geht noch einen Schritt wei­ter. Die dekon­struk­ti­vis­ti­sche Lin­ke kam nicht unvor­be­rei­tet in die Welt. Esders nennt die Denk­fi­gur, auf der die Macht der poli­ti­schen Wahr­heits­sys­te­me auf­ruht, im Rück­griff auf den Kul­tur­phi­lo­so­phen Boris Groys »Met­a­noia«. Die­ser hat­te 2006 in Das kom­mu­nis­ti­sche Post­skrip­tum das Sowjet­re­gime als ein Sprach­im­pe­ri­um, das auf der »Ver­wal­tung der Met­a­noia« grün­de­te, cha­rak­te­ri­siert. Der Begriff geht – hier ver­las­se ich Esders und bezie­he mich auf Hans Blu­men­bergs Höh­len­aus­gän­ge – auf Pla­tons Staat zurück, wo die­ser die »Umwen­dung der See­le« aus der sinn­li­chen Erfah­rungs­welt hin­auf zu den Ideen periago­gé nennt. Im Neu­pla­to­nis­mus wird dar­aus ein Pro­gramm des tota­len Umbaus der Erkennt­nis: Metá­noia ist die über­le­ge­ne Welt­wahr­neh­mung, die struk­tu­rel­le Ein­nah­me einer Meta­po­si­ti­on. Von der Gno­sis über Hegel wird die­se Über­le­gen­heit durch­ge­reicht zu Marx: »Die mate­ria­lis­ti­sche Dia­lek­tik, die das Para­do­xon zum Aus­weis geis­ti­ger Über­le­gen­heit mach­te, nimmt eine sol­che Posi­ti­on ein« und macht sich dadurch unkritisierbar.
Wer immer Ein­wän­de gegen sie erhebt, ver­setzt sich frei­wil­lig in die Nie­de­run­gen der Höh­len­be­woh­ner zurück, die nur die Schat­ten der Wahr­heit sehen. Das Hin­ter­lis­ti­ge an der lin­ken Denk­ope­ra­ti­on der Met­a­noia ist, daß sie über­aus wahr­heits­kri­tisch daher­kommt – logisch, sie hat sich ja selbst an die Stel­le der herr­schen­den Ver­nunft gesetzt. Sie unter­gräbt den all­täg­li­chen, lebens­welt­li­chen Sprach­ge­brauch und gewinnt dadurch die Hoheit über sol­che Aus­drü­cke wie »fake news« und »hate speech«, weil sie bestim­men kann, was die­se neu­en Tat­be­stän­de erfüllt. Refle­xi­on ist ihre Waffe.
Was kann man dage­gen auf­bie­ten? Noch mehr Refle­xi­on? Hier bleibt der Autor fest auf dem Boden der Rea­li­tät: Wer wie Esders die Funk­ti­ons­wei­se von Macht­sys­te­men mes­ser­scharf file­tiert hat, ist gegen Illu­sio­nen gefeit. Die Über­nah­me der Geg­ner­spra­che (also bei­spiels­wei­se unter Rech­ten von »lin­kem Faschis­mus« zu reden) ist stets die schwä­che­re Kopie des über­le­ge­nen frames. Wer das weiß, gibt sich der Illu­si­on nicht hin, »Gegen­nar­ra­ti­ve« zu erfin­den. Mit dem Satz »Obwohl die Macht des Sprach­re­gimes auf orga­ni­sier­ter Unkennt­lich­keit beruht, hat die Ent­stel­lung zur Kennt­lich­keit ihm bis­lang wenig anha­ben kön­nen«, schließt das vor­lie­gen­de Buch. Die poli­ti­schen Wahr­heits­sys­te­me wer­den noch eine Wei­le herrschen. 

Sprach­re­gime. Die Macht der poli­ti­schen Wahr­heits­sys­te­me von Micha­el Esders kann man hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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