1. August 2020

Ian Morris: Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen

Götz Kubitschek

Ian Morris: Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen, München: DVA 2020. 430 S., 26 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Der Titel dieses Buches ist bestechend, der Ansatz auch: Drei unterschiedliche Formen der Energiegewinnung hätten – so die Kernthese des an der Stanford University lehrenden Archäologen Ian Morris – drei Menschheitsepochen ausgebildet und geprägt. Die Moral sei dem Fressen nachgeordnet, die materielle Grundlage habe den Menschen jeweils unmittelbar davon ableitbare Organisationsformen nahegelegt: flache Hierarchien und hohe Gewaltaffinität in der »Urgesellschaft« der Wildbeuter und Sammler; ausdifferenzierte Hierarchien und niedrige Gewaltaffinität in Agrarstaaten; wiederum flache Hierarchien sowie starke Ablehnung von Gewalt und Zwang in jenen Gesellschaften, die mittels fossiler Brennstoffe die Energiezufuhr pro Kopf ins Unvorstellbare getrieben hätten. Jede Energieform lege einer Gesellschaft also andere Werte zugrunde – zwingend, überall. Darüber und über die Ableitungen kann man nachdenken. Es leuchtet nicht ein, warum fossil angetriebene Gesellschaften Gewalt ablehnten: im Innern vielleicht, aber nach außen? Die USA? Holt man sich da nicht vielmehr, was man braucht, einfach so und mit einer gigantischen, auf Öl und anderem basierenden, militärischen Überlegenheit?

Man mag grundsätzlich diese Art des Zugriffs: den Überflug über die Kraterlandschaft der Geschichte, den Überblick aus großer Höhe, die grobe Einteilung, die vieles ignoriert, aber Entscheidendes sortiert. Bei Morris ragt das Lob des gesunden Menschenverstands heraus. »Der gesunde Menschenverstand ist zersetzend und zerfrisst die Ideologien wie Säure«, schreibt er, und womöglich ist dieser Satz der zentrale Satz seines Buches.
Morris meint damit, daß sich die Menschen grundsätzlich entlang der Möglichkeiten ein- und ausrichten, die funktionieren, die ihr Leben erleichtern und ihnen einen Überschuß an Nahrung, Zeit, Ruhe, Komfort verschaffen. Das ist die Neugier des Jägers auf eine bessere Waffe und die des Bauern auf einen Wendepflug, auf einen Traktor oder ein Pestizid. Diese Lebenseinstellung ist in diesem Sinne zugleich die Abwesenheit jeglicher bukolischen Romantik. Außerdem, so Morris, sei der gesunde Menschenverstand unbestechlich in der Bewertung der Herrschaft, der man sich zu unterwerfen habe: Er wehre sich schonungslos gegen ihre womögliche Dysfunktionalität und räume sie ab, sobald es ihm möglich sei.

Morris läßt seine Thesen von vier Gesprächspartnern infrage stellen, unter anderem von der Schriftstellerin Margaret Atwood. Im Schlußkapitel greift er die Einwände auf und formuliert zwei Schlußfolgerungen. Sie sind leider nicht der Rede wert. Morris macht damit sein Buch zu einem Beispiel für flache Hierarchien – eine nervtötende Angelegenheit. Meine These: Dieses ständige Austarieren des Gesagten ist der Tanz durchs Minenfeld der political correctness, ist der Tanz um den blinden Fleck. Zöge Morris die eigentliche Schlußfolgerung aus dem, was er zusammentrug, wäre er wissenschaftlich erledigt.
Diese Schlußfolgerung lautet nämlich: Die nahezu grenzenlose und vor allem mühelose Verfügbarkeit von Energie erlaubt es jedermann, das zu verschleudern, was früher mühevoll erarbeitet werden mußte. Dies wirkt sich verheerend auf die »Werte« einer Gesellschaft aus: Alles Konservative (Fleiß, Dankbarkeit, Haushalten, Bewahren, Einrichten) bleibt auf der Stecke, wenn im Hintergrund und ohne daß man sie selbst antreiben müßte, hunderte Pferdestärken, hunderte Sklavenstunden für jeden von uns das wegräumen, was wir verpfuschen und das bereitstellen, worauf wir nicht achteten und was wir aus einer Laune heraus konsumierend ersetzen. Fossile Energie ermöglicht fahrlässige Emanzipation von allem und jedem, ermöglicht Experimente, Lebensentwürfe, Verfettungen, über die der gesunde Menschenverstand der letzten 20 000 Jahre völlig ungläubig den Kopf geschüttelt hätte.

Entmündigung durch materiellen Überschuß: Das wäre ein Thema für Morris gewesen. Man rebelliert nicht, wenn man alles hat, und man kann jeden Unterschied leugnen, wenn für alle Alles aus der Steckdose kommt. Beute, Ernte, Öl: Erst das Öl (nicht bereits die Kohle!) machte die harte Arbeit überflüssig. Das ist die Kulturschwelle, über die Morris sprechen und von der her er die »Werte« unserer Zeit hätte ableiten sollen. Aber das kann einer nicht, wenn er in Stanford lehrt.

Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen von Ian Morris kann man hier bestellen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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