1. August 2020

Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land

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Eine Rezension von Jörg Seidel

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Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm, München: C. H. Beck 2020. 219 S., 16.95 €

Maaz’ Psychogramm speist sich aus zwei Kraftquellen: der Sorge um den seelischen Zustand des Heimatlandes und der jahrzehntelangen Arbeit mit psychoanalytischen Methoden. Aus dieser Vereinigung zweier scheinbar inkommensurabler Kategorien ergeben sich spannende und ungewohnte Einblicke, aber auch einige argumentative Schwierigkeiten.
Die Demokratie – um die geht es vordergründig – ist in Deutschland akut gefährdet. Nicht nur äußerlich, institutionell, sondern auch innerlich: Ihre Teilnehmer sind ihr seelisch nicht gewachsen. Das Urübel macht der Analytiker ganz klassisch in frühen Beziehungsstörungen aus, die nicht selten auf zu zeitige Muttertrennung, auf Traumata zurückzuführen sind. Sie führen zur Selbst-Entfremdung oder zur Verpanzerung, wie Wilhelm Reich es genannt hatte, von dem Maaz wohl am stärksten beeinflußt ist.
Verschont bleibt davon niemand: Jeder stellt in der Folge einen je eigenen, individuellen und schon verzerrten Zugang zur Realität her. Die Störungen lassen sich kategorisieren. Maaz dekliniert sie gleich dreifach, jeweils unter anderem Vorzeichen – Demokratie, Freiheit, Liberalität – durch. Der Mensch reagiert mit Kompensationsstrategien, die der jeweiligen seelischen Fehlentwicklung entsprechen. Das Ergebnis ist eine Normopathie und zwar im doppelten Sinne. Das Individuum tendiert zur Konformität, aber wenn die Deformationen die Masse betreffen, so entsteht in der Summe ein falsches gesellschaftliches Leben als Normalität. Auch weltanschauliche Inklinationen beruhen letztlich auf frühkindlichen Defiziterfahrungen – das Leid eint die Menschen, die jeweiligen Bewältigungsversuche trennen sie. Wenn wir unser gemeinsames Leid als solches gegenseitig anerkennen würden, dann müßte doch ein Dialog auch über die Ideologiegrenzen hinaus möglich sein.
Freilich, die unzähligen krankhaften Idiosynkrasien können in einer funktionierenden äußeren Demokratie abgefedert und verkraftet werden. Verliert diese aber an Plausibilität, etwa weil sie die Meinungsfreiheit oder die materiellen und sozialen Sicherheiten nicht mehr garantieren kann, so wächst die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung. Wir müssen mit uns selbst ins Gericht gehen, jeder, wenn wir diesen fatalen Erosionsprozeß aufhalten wollen, wir müssen wieder wahrhaft zuhören lernen, dürfen den anderen nicht a priori beschuldigen und sind auch genötigt, unsere eigene Schuld an jedem Konflikt einzusehen.
Bis hierher klingt das alles recht ausgewogen, es spricht den Leser ganz konkret an, ermuntert ihn zur kritischen Selbstbefragung. Die Beispiele, die Maaz dann aber immer wieder bringt, zeigen die schwere gesellschaftliche Schieflage. Denn seine Themen sind die AfD und Pegida, die Migrationspolitik, der Islam, der Genderismus, der Populismus, der Feminismus, die Klimadebatte, also just all das, was der linke Mainstream thematisch weitflächig kategorial besetzt hält. Gegen diesen wendet er sich: »Unter demokratischen Verhältnissen bedeutet Zivilcourage, sich dem Mainstream zu widersetzen, politische Korrektheit infrage zu stellen … und dem normopathischen Druck der Zugehörigkeit zu widerstehen«.
Man könnte dem Autor hier Mut attestieren. Maaz scheint sich des Risikos bewußt zu sein: Ein einziger Denunziant genügte, um auch ihm das »Nazi«-Etikett anzuhängen, daß er als Symptom des seelischen Verfalls kennzeichnet – deshalb meint er, immer wieder Unabhängigkeitserklärungen einbauen zu müssen.
Das Buch krankt aber an größeren Problemen. Wenn alles innerseelisch determiniert ist, dann wird die rationale Einsicht, das Argument, entmachtet. Auch diese Schrift ist de facto obsolet: Private Therapie ersetzt öffentlichen Dialog. Vor allem aber scheinen im Argumentationsgetriebe einige Zahnräder zu fehlen, jene nämlich, die die Transformation von der individuellen Störung hin zur gesellschaftlichen Erkrankung erklären. Sind die in ihrer frühkindlichen Entwicklung gestörten Individuen Politiker, Journalisten, Manager und dergleichen, dann ist das noch einsichtig – Maaz’ Idee eines Politikerstudiums ist dort folgerichtig und originell – wie aber eine je individuelle Überforderung sich auf ein »kollektives Überforderungsverhalten« transformieren läßt, bleibt dunkel. Anders gesagt: Kann sich jemand mit tiefer Einsicht ins nur Spezifische die allgemeine Aussage zutrauen?

Das gespaltene Land. Ein Psychogramm von Hans-Joachim Maaz kann man hier bestellen.


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