5. August 2020

Wachsende Ringe – Tagebuch (1)

Götz Kubitschek / 20 Kommentare

Kartoffeln geerntet, mit dem "Karst", einer dreizackigen, langstieligen Hacke, die ich erst in Sachsen-Anhalt kennenlernte.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Mein Karst (ich fand ihn hinterm Haus, als wir einzogen) liegt wie angegossen in der Hand, die Arbeit mit ihm ist ohne Vergleich auf unserem schweren Boden. Bloß: Arbeit war es diesmal nicht. Die angehäufelte Erde war unter dem verwelkten Kartoffelkraut wunderbar krümelig und schon fingerbreit aufgerissen, so üppig drängten die rötlichen Knollen.

Man haut den Karst in die Furche und rüttelt die Kartoffeln nach oben. In diesem Jahr, das nasser und kühler ist: ein Kinderspiel. Von acht Pflanzen füllte ich einen großen Eimer, und das Zwanzigfache liegt noch im Boden. Zu Mittag gab es eine gekochte Schüssel voll, dazu von den eigenen Zwiebeln und vom frischen, mit Kräutern und scharfer Paprika überstreuten Ziegenkäse.

Manchmal ist das Leben ganz einfach, ganz konkret, sehr befriedigend, sehr stimmig. Man begreift etwas, und dann ist es so, wie Rilke es meinte, als er von "wachsenden Ringen" schrieb, "die sich über die Dinge ziehn".

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Als ich am 3. August zum ersten Mal nach langem wieder ins Internet ging, lagen auch Berichte über die Corona-Demo in Berlin im Postfach.

Ich hatte in völliger Nachrichtenabstinenz fast eine ganze Woche mit Freunden und Büchern verbracht und weder von der Demonstration noch vom bereits während der Veranstaltung tobenden Streit um die Höhe der Teilnehmerzahl etwas mitbekommen. Aus diesem Grund hatte ich mich natürlich auch nicht dazu "geäußert", hatte diese "mit Macht anbrandende, zweite politische Welle" nicht "eingeordnet" und auch nicht den Versuch unternommen, da "etwas mitzugestalten, wenigstens im Nachhinein".

Die Zitatfetzen: aus ein paar Mail zusammengestellt, aus euphorischen, fordernden, auffordernden Mails von Lesern, die in der Berliner Demo eine Frischzellenkur für uns "Neue Rechte" vermuteten und nun voller Ungeduld "einen Fingerzeig, eine Richtungsweisung" erwarteten.

Vermutlich enttäuscht meine Antwort diese Ungeduldigen: Selbst dann, wenn ich nicht unterwegs, nicht in eine besondere Ruhe abgetaucht gewesen wäre, hätte ich mich keinesfalls nach Berlin aufgemacht. Ich will die Gründe dafür nennen, und vielleicht mildert das die Enttäuschung.

Ich bin zum einen der Überzeugung, daß die "Neue Rechte", als einer deren Knotenpunkte unsere Arbeit hier gelten darf, für diese "zweite politische Welle" keine Rolle spielt. Wir kennen weder die Organisatoren noch die Spielmacher dieser Protestbündnisse, wir haben nichts angeleiert, angeschoben, aufgebaut oder begrifflich versorgt. Wir könnten aufspringen, aber das ist nicht notwendig: Das, was ich unter "Neue Rechte" verstehe, ist ein kommentierendes, publizierendes, nachdenkendes und nachdenkliches Projekt, dessen Beteiligung an Massenveranstaltungen nicht ins Gewicht fällt.

Und mehr, also zweitens: Wir stehen seit fünf Jahren im Mittelpunkt eines Spektakels, in dessen Verlauf es dem politischen und metapolitischen Gegner gelungen ist, uns einen Stempel aufzudrücken, der zu uns zwar nicht paßt, dessen Prägung aber dennoch mächtig wirksam geworden ist. Wir gehören mittlerweile zu denjenigen, mit denen man andere, noch unverbrauchte, noch nicht klar markierte Akteure kontaminieren, beschädigen, sogar zur Distanzierung von uns zwingen kann.

Man muß, ist es einmal soweit mit einem gekommen, gründlich erwägen, ob man hier oder dort überhaupt auftauchen sollte. Ich will niemanden in die Lage bringen, sich von den "Superspreadern" (Haldenwang) zu distanzieren. Vermutlich würden das die Veranstalter noch nicht einmal tun, das nehme ich an, weil der geradezu sanfte, harmonisierende, von warmen Herzen, nicht vom kalten Verstand kommende Charakter des Auftritts unübersehbar ist. Das mag übrigens auch der Grund dafür sein, daß (im Gegensatz zu den Überfremdungs- und AfD-Demos) ein so hoher Frauenanteil auf der Straße zu sehen war.

Ein Drittes: Natürlich erleiden die Medien täglich Glaubwürdigkeitsverluste, aber was ändert das an den Machtverhältnissen? Den DDR-Medien hat überhaupt niemand geglaubt, und mit Teilen der Westmedien stand sogar eine komplette, professionelle Gegenöffentlichkeit zur Verfügung. Trotzdem war im Alltag entscheidend, was das "Neue Deutschland" verkündete, denn dort erfuhr der DDR-Bürger, wie er sich zu verhalten hatte, wie er reden mußte, wann er das Maul halten mußte, wenn er keine Schwierigkeiten bekommen wollte.

Heute wie damals verbindet sich mit der Lügen-, der Lückenpresse reale Macht, und darauf kommt es an. Ein Restle, eine Reschke, eine Diekmann, ein Gensing: Die können alles, was auf der Straße los ist, gut eingeölt an sich abtropfen lassen und sich darauf konzentrieren, wie sie den nächsten Nazi, den nächsten Fall für den Verfassungsschutz konstruiert kriegen.

Kurzum: keine Romantik, sondern Nüchternheit! Das nicht Eindeutige, das nicht Festlegbare, das Wage, Unkalkulierbare - das könnte die große Stärke der neuen Demonstrationen sein. Denn wenn es überhaupt etwas gibt, das dem politisch-medialen Komplex unheimlich ist, dann das Gefühl, etwas nicht in den Griff zu kriegen, etwas nicht kategorisieren zu können.

Soll sich das neue Bündnis doch erst einmal festigen, oder vielmehr: gar nicht recht festigen, sondern auf eine überraschend amorphe Weise mit möglichst vielen Leuten auftauchen und da sein. Genau das machen sie doch sehr gut. Und wenn dann deutlich werden sollte, daß man eine politische Korsettstange braucht, wenn also von dort (nicht aus unserer Richtung) Fragen kommen - dann wäre doch eher die AfD die richtige Kammerzofe, also eben auch eine Struktur, die auf Masse (auf Wähler) zu zielen hat, nicht wie wir auf ein paar tausend Leser oder höchstens auf eine Buchmesse.

Projekthygiene also, auch hier. Über uns geht gerade die zweite Welle hinweg, das ist für unser Land und für uns selbst nicht schlecht. Wir haben unser Blatt ziemlich ausgereizt, oder? Wir haben fünf Jahre lang gewirbelt und ordentlich etwas abgekriegt. Auf Anraten des Staatsschutzes ist unser "Elfenbeinturm" mittlerweile teilvergittert.

Daß dies notwendig wurde, mag an der Beteiligung seiner Gründer, Bewohner und Autoren an einem mehrjährigen Provokations- und Strukturgemetzel liegen, das sie unter anderem auch in Dresden, Leipzig, Berlin, Frankfurt und Halle auf die Straße und ins Getümmel geführt hat - ohne Maske und Masse, ohne Pseudonym und Rückversicherung.Wir haben es bis zum Karrierebaustein Haldenwangs gebracht, und die Namen unserer Projekte und Protagonisten muß man niemandem im politischen Betrieb mehr erklären.

Ein bißchen Windschatten wäre mir für uns nicht unrecht. (Bloß: daraus wird nichts, das weiß ich.)

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In den wenigen freien Tagen lernte ich fast den ganzen ersten Teil des Stundenbuchs von Rilke auswendig. Rezitierend Fahrenheit-451-Gänge durch einen Wald und über eine Höhe, die vom Vertrockneten und Abgestorbenen ausgelichtet sind. Schon schiebt wertvolle Substanz nach: junge Buchen, Eichen, Birken, die sich festzukrallen beginnen und nicht mehr brauchen als Regen, Sonne, Platz und ein wenig Boden.

Wie schon so oft der Eindruck: Das Buch suchte sich seine Landschaft. Mit dem Rücken an einem von der Sonne aufgeheizten Stein sitzend Meditation über einen rätselhaften (oder schon sonnenklaren?) Vers, der auf den Boden in uns zielt:

Auch wenn wir nicht wollen:
Gott reift.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (20)

RMH

5. August 2020 15:06

Bester G.K. Artikel seit langem.

Und zur rechten Zeit!

Gracchus

5. August 2020 15:55

Sehe ich wie RMH. Nüchterne Bestandsaufnahme. 

Ein gebuertiger Hesse

5. August 2020 16:31

Großer letzter Absatz, was darin steckt, hat heilsame Wirkung und mag, wenn man es nicht stört, in der Folge aufkeimen.

Daneben:

"Soll sich das neue Bündnis doch erst einmal festigen, oder vielmehr: gar nicht recht festigen, sondern auf eine überraschend amorphe Weise mit möglichst vielen Leuten auftauchen und da sein."

Das ist der Rat schlechthin an das Bündnis. Möge er gehört und bebrütet werden. Allerdings ist dieses Nicht-Festlegen, dieses Amorph-Bleiben an sich schon ein künstlerischer Akt, für den es nicht zuletzt ein wenig Askese braucht. 

Der_Juergen

5. August 2020 17:00

Es gibt Tore, die konnte nur Gerd Müller schiessen. Und es gibt Artikel, die kann nur Götz Kubitschek schreiben. Das ist einer davon. 

Laurenz

5. August 2020 17:19

In meinen Augen ist das politisch nicht ganz so eng zu sehen, persönlich für die Opfer des Staatsterrors natürlich schon. Auch Oppositionelle aus nicht-konservativen Kreisen werden rund gemacht, der Relotius widmete Ken Jebsen einen ganzen Artikel. Über Wordarg und Sarrazin, im Grunde lupenreine SPDler. schwingt ebenso die Nahzieh-Keule.

Volksdeutscher

5. August 2020 17:23

Es ist erfreulich zu sehen (soweit ich es überblicke), daß Götz Kubitschek mit Martin Sellner in den wesentlichen Punkten übereinstimmt.

Fritz

5. August 2020 17:47

Ja ein hervorragendes Jahr für den Garten. Alles wächst und gedeiht geradezu ideal.

Ich musste noch nicht ein ma gießen, weil es immer ausreichend geregnet hat.

Mal sehen wie es diese Woche weiter geht.

 

Carsten Lucke

5. August 2020 17:55

" Das Buch suchte sich seine Landschaft. "

Sagenhafter Satz. Große Lyrik.

HomoFaber

5. August 2020 20:10

“… denn dort erfuhr der DDR-Bürger, wie er sich zu verhalten hatte, wie er reden mußte, …”

Und genau das machten die Demonstranten aber nicht. Vielmehr verweigerten sie es, sich spalten zu lassen und Maske zu tragen.

Eine Einmischung halte ich auch nicht für sinnvoll. Wohlwollen schon.

Sandstein

5. August 2020 20:11

Hesse, Jürgen, Carsten Lucke - empfinde es genauso und mehr möchte ich nicht schreiben. Das wird nur Stümperei, und manches Geschriebene muss man einfach kommentarlos stehen lassen.

Der Joseph

6. August 2020 08:59

Schöner Text. Das macht etwas mit der Seele. Schafft Verbindung.

MARCEL

6. August 2020 12:21

Kartoffeln muss man aufhäufeln (eine mühsame Arbeit), dann bringen sie Ertrag. Da sind wir noch dabei.

Gleichwohl hilft ein wenig Romantik bzw. Leidenschaft gegen vorzeitiges Altern.

Es könnte ja tatsächlich sein, dass viele Menschen bei zunehmender medialer Stigmatisierung sowie Verschlechterung der Lage ganz von selbst zu unserem Spektrum stoßen, ohne dass man eilfertig missionieren muss.

 

paernu

6. August 2020 12:28

https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/die-botschaft-der-berlin-demonstration-ihr-seid-nicht-erzieher-der-buerger/

Wahrscheinlich ist das auch der gemeinsame Nenner aller Teilnehmer.

Franz Bettinger

6. August 2020 12:56

Ein schöner, abgeklärter, einleuchtender, wohl tuender Text. GK’s Stärke besteht auch aus seiner bewundernswerten Frau EK und der ganzen großartigen Familie. Wo diese intakt ist und zusammensteht, kann der Teufel wenig ausrichten. (Ein bisschen dieses Glück habe ich auch.) Apropos Garten und Natur: Es ist umständehalber mein erster Winter in NZ, und ich sehe Bäume und Büsche in voller Blüte. Im Winter! Das gibt es wohl nur hier im tiefen Süden.

@Zeitschnur! Ich bin (Gott sei Dank) Corona-bedingt von Europa ausgesperrt. Falls wir nach dem Weltuntergang noch in irgendeiner Form vorhanden sind, sollten Sie, ich und noch ein paar Unentwegte uns treffen - oben oder unten, oder auf derselben flachen Scholle des Irdischen, um uns zu sortieren. Am Lagerfeuer klärt sich so manches. Ich melde mich. Nun heißt es abwarten. (Als Antwort noch zum vorigen Strang.) 

RMH

6. August 2020 14:35

Wenn jetzt einige zum Bücherregal gehen und sich einen Band Rilke holen und lesen, dann ist viel gewonnen. Ohne einem intellektuellen Eskapismus das Wort reden zu wollen, wird in Sachen Erhalt des Deutschen viel auf eine Kultur - und Literaturvermittlung hinaus laufen.  Schnellroda ist in diesem Punkt bereits unterwegs. Ein Theater könnte auch interessant sein.

 

Waldgaenger aus Schwaben

6. August 2020 15:25

Daß dieses Gerät Karst heißt,  wusste ich bislang nicht. Es stand im Garten, der außerhalb am Waldrand gelegen, schon seit mindestens vier Generationen von der Familie umgetrieben wird. Nun ist es an mir dort zu ackern. Wieviele Generationen von Kartoffeln werde ich noch legen und ernten? Für alles unter dem Himmel gibt es eine Zeit. Bei der Gartenarbeit kann man wunderbar solchen Gedanken nachhängen.

Ich benütze den Karst, um im Frühling den schweren Boden gerade zu ziehen und nicht verrottete Reste des Vorjahres zu entfernen, bevor ich mit dem Rechen drüber gehe.

Von der Verwendung des Karsts zur Kartoffelernte bin ich wieder abgekommen. Ein Hieb an falscher Stelle und eine, meistens schön gewachsene, Kartoffel steckt auf einer der Zacken und ist  zum größten Teil verloren. Ich bin wieder zum Spaten zurück gekehrt. Erwischt der eine Kartoffel, trennt er sie durch und die beiden Stücke kommen am selben Tag mit anderen in die Pfanne oder den Topf.

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Waldgaenger aus Schwaben

6. August 2020 15:35

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Zur Demo in Berlin:  Sellner und Kubitschek sehen das genau richtig. Auf den fahrenden Zug aufspringen und dann gleich Lokführer werden zu wollen, geht meistens schief.

Früher oder später werden die Gegner der aktuellen Seuchenpolitik ihren Protest in die Parlamente tragen wollen. Demonstrationen allein bewirken nichts.

Sie können bei keiner der Altparteien andocken. Es bleibt nur die AfD oder eine Neugründung. Ich vermute, wenn die Proteste anhalten, wird es erstmal zu einer Neugründung kommen und die neue Partei wird scheitern. Aber sie wird Wähler von den Altparteien abziehen und das jetzige Gefüge erschüttern.

Noch ein Hesse

6. August 2020 17:38

Was für ein Lesegenuss. Genau deshalb habe ich seinerzeit begonnen, die SiN zu lesen. Die Kartoffeln meines Deutschseins wurzeln in Sprache und Musik, nicht in Parteipolitik.

limes

6. August 2020 23:59

@ Noch ein Hesse

»Die Kartoffeln meines Deutschseins …« ist eine hemdsärmelige – und dabei ebenso sympathische – Ableitung von GKs feinsinnigem Text. Letzterer wurde in diesem Strang schon bravourös gewürdigt.

Deshalb möchte ich Ihren Gedanken aufgreifen und der Frage nachgehen, worin das Deutschsein wurzelt, dessen Kostbarkeit ich erst entdeckte, als mir seine Bedrohtheit bewusst wurde. Sprache und Musik sind sicher wichtig, aber es ist ein ganzer Kosmos, der auch Landschaften, vertraute Menschen, Geschichte und Mythen umfasst. Ganz so, wie es jeder Nation zugestanden werden sollte.

Auf dem Februarblatt des Antaios-Kalenders ist eine Wehranlage abgebildet, hinter deren Mauern nach dem Rückzug nur das »Eigentliche« verteidigt wurde, »was zum Wiederaufbau unabdingbar war und was nie verloren gehen durfte«.

Götz Kubitschek

7. August 2020 09:08

Sela Psalmende. Dank an alle!

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