11. August 2020

Wachsende Ringe – Tagebuch (2)

Götz Kubitschek / 12 Kommentare

Obwohl wir nur hier, in unserem Blog, und nur ein einziges Mal für die Teilnahme an unserer Sommerakademie warben, waren wir nach drei Tagen ausgebucht:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Über 150 Anmeldungen gingen bei uns ein, zulassen können wir im September allerdings nur rund neunzig Hörer, die Corona-Auflagen sind eindeutig. Wir haben also sofort über sechzig, mittlerweile über fünfundsiebzig Studenten absagen müssen - und denken bereits darüber nach, dieselbe Akademie ein paar Wochen später einfach zu wiederholen.

Daß unsere Veranstaltungen so beliebt sind und daß sich die Teilnehmer weder von der ins Absurde getriebenen VS-Drohung noch von der Antifa-Folklore vor dem Gasthof und vor unserem Verlagsgebäude abschrecken lassen, wundert mich grundsätzlich nicht: Wo gäbe es etwas ähnliches sonst? Etwas von parteinahen Stiftungen oder von großen Konzernen so ganz und gar Unabhängiges ? Wo auch nur annähernd solche Verdichtungstage im Kreis geächteter und nicht zuletzt deswegen breit und gründlich rezipierter Publizisten, denen der Gegner offiziell bloß das Bohren dünner Bretter, inoffiziell jedoch seit Jahren die treffsichersten politischen Prognosen zutraut?

Aber dann, bloß ein paar Tage, ach was: bloß ein paar Stunden später wundert's mich doch ganz und gar, daß so viele so jungen Leute so weit fahren und von so weit herkommen, um zu hören und mit uns zu besprechen, was wir zu sagen haben. Ich komme mir unredlich vor, halte mich für einen Scharlatan, der Angelesenes, Passendgedachtes, Gelegentliches, in Stimmungen Zurechtgebogenes ausbreitet, obwohl doch im Moment des Sagens bereits die intellektuelle Erkenntnis par excellence den Fuß in die Tür stellt:

Was Du da sagst: Man könnte das alles auch anders sagen, anders sehen, anders deuten. Woher nimmst Du Deine Sicherheit? Wäre es nicht angebracht, Dich den "Vorläufigen" zu nennen? Sommerakademie, Sonntag, 11 Uhr: "Der Vorläufige" spricht jetzt zum Thema...

Im Grunde: Die Krankheit aller Geisteswissenschaft. Kaum etwas geht auf, vieles ist Gepluster, Geschäume, Gequirle, fast alles ist schon gut genug geschrieben worden, man müßte es heraussuchen und vorlesen und würdigen. Ich weiß, daß es andere Gemüter gibt, vor allem unter Historikern: die Ableger, die Archivierer, die Auftürmer, die Schnellschreiber, die Zettelkastler und vor allem diejenigen mit dem Themenriecher, die durch offene Scheunentore rennen.

Glaubt mir: Die Tage vor den Akademien sind die schlimmsten. Sie sind es, weil man weiß: Diese vielen jungen Leute - sie erwarten zurecht einen Hinweis, einen Impuls, etwas von der Stimmigkeit, die jeder braucht, der seine Lebensmelodie zu pfeifen lernen will.

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Der siebte Referent hat nun auch endgültig zugesagt. Er wird über das Thema "Ordnungsstaat, Rechtsstaat, Sozialstaat" sprechen. Aber einer fehlt noch, und das ist nun etwas, das mich wurmt und wundert. Gibt es unter unseren Lesern, Abonnenten, Mitdenkern keinen, der über Carl Schmitts "Verfassungslehre" vortragen könnte (45 Minuten, anschließend Debatte), und zwar hinzielend auf die erschütternden Monate Ende 1932, als Schmitt an dem Versuch beteiligt war, die Republik mittels Präsidialdiktatur und Militärputsch noch vor Hitler zu retten?

Wenn doch, wenn sich also einer findet: anmeldung(at)staatspolitik.de - Honorar, Hotel und die legendären "Gespräche in der Sicherheit des Schweigens" sind selbstverständlich.

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In der Hitze, also am See oder im Garten oder mit einer Kanne Minztee in einer Ahnung von Nachtkühle: Lesen. Wieder, wie so oft, immer häufiger: nichts Neues mehr, sondern wiederholte Lektüre, Wiedervorlage. Ich hatte darüber für die längst vergriffene Sezession 94 geschrieben:

Von Kindern kennt man das: Man erzählt ihnen Märchen, Anekdoten, Reime, und dieselben Geschichtchen werden nun über Wochen Tag für Tag verlangt. Das Zuhören, die Spannung, die Erleichterung sind ritualisiert, und zum Ritual gehört, daß der Wortlaut derselbe bleibe, daß sich das Gefühl, das sich einstellen soll, erwartbar einstelle, kurzum: daß nicht variiert, nicht abgewichen werde. Etwas ist also gewiß: gewiß immer so! Erst später, wenn die Kinder größer sind, wird der Perspektivwechsel interessant, kann man das Pferd mal so, mal andersherum aufzäumen, beginnt das Immergleiche zu langweilen, greifen sie aus.

Es ist so: Ellen Kositza liest fast nichts ein zweites, drittes, nie irgendetwas ein zehntes Mal, es sei denn, sie muß sich vergewissern, ob sie sich an eine Passage richtig erinnert, auf die sie sich beziehen will. Wie Benedikt Kaiser gehört sie zu den Viellesern, die Unmengen an Büchern und Artikeln durchgehen und verarbeiten können. Das bedeutet nicht zugleich, daß die beiden Bücher nicht genießen könnten – hier wie dort steht die Belletristik hoch im Kurs. Aber eines tun sie nicht: den Genuß wiederholen, Bücher oder auch nur Stellen aufsuchen wie einen Kräutergarten oder einen Medizinschrank. Oder wie ein Gebet.

Ich selbst lese manche Bücher oder Passagen aus Büchern wie Heilsud, wie Formeln, liturgisch, auf Wirkung. Sie wirken wie Musikstücke oder wie der Besuch eines Gottesdienstes, in dem noch liturgische Treue herrscht.

Ich muß Stellen aus Kleppers "Der Vater" alle paar Monate einmal lesen. Ebenso Stellen von Ernst Jünger, von Erhart Kästner, von Gottfried Benn, Hans Bergel, Christoph Ransmayr, Franz Werfel, Wolf v. Niebelschütz, Horst Lange, Knut Hamsun. In der wiederholten Lektüre steckt Vergewisserung, also: Gewißheit. Davon war oben bei den Kindern schon die Rede. Daher zwei Behauptungen: Die Wiederholt-Leser sind kindlicher als die anderen, und sie können mit Lyrik, der Wiederholung als Gebilde, etwas anfangen. Sie wohnen in den Büchern und Gebilden, sie streifen weniger umher.

Wohltuende Fraglosigkeit, seßhaftes Gehirn, Wiederherstellung. Die Grundberufe - der Arzt, der Koch, der Bauer, der Priester: Wiederhersteller.

(Mein Twitter-Account besteht aus 451 Eselsohren in 50 Büchern. Der einzige Follower bin ich selbst. Kaum je kommt ein neuer Tweet hinzu.)


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (12)

Volksdeutscher

12. August 2020 00:20

Die Begeisterung der Jugend für die rechte Sache stimmt hoffnungsvoll. Die Wiederholung bei dieser Beliebtheit wäre also wirklich von Nöten. Leider gehöre ich nicht mehr zu dem Alterskreis, um daran teilnehmen zu können.

Heinrich Loewe

12. August 2020 00:29

Man hat heute die Getreideernte fertig, die Anspannung fällt ab, kann deswegen nicht schlafen, steht nochmal auf und findet dann "at-home" ein paar Sätze, in denen man sich so wiederfindet...Daß Frau Kositza fast nur Neues liest, liegt an der weiblichen Neugier. Oder besser: einer Art Lebenshunger, die uns Männern manchmal abgeht - allzuoft schon beobachtet. Der Nachtrag in Klammern ist derart herzerfrischend, daß er in das Layout der Netzseite eingebaut werden sollte. Wie nennt man das, ..."Signatur"? Spende anbei. Den jungen Leuten würde ich mitgeben: Die Hinführung auf die einfachen, wesentlichen Dinge; den ruralen, familiären Lebensalltag.

 

Nemo Obligatur

12. August 2020 08:01

Im Grunde gibt es ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder liest man soviel, wie man nur irgend lesen kann. Oder man erkennt, dass man in seinem Leben noch nicht einmal das Lesenswerte annähernd schaffen kann, dann beschränkt man sich auf das Notwendige.

Ernst Jünger (gehört für mich zu den Notwendigen) hat irgendwo notiert, dass es mit dem Lesen von Büchern ist wie dem Aufschichten von Ziegelsteinen. Wenn man es sich zur Gewohnheit macht, kann man am Ende seines Lebens in einem Palast wohnen.

Monika

12. August 2020 09:17

Also! Eselsohren in Büchern gehen überhaupt nicht! Das hat mir meine Mutter schon früh ausgetrieben. Heute gibt es kleine Markierungspfeile zum Einkleben, in verschiedenen Farben, auf einem kleinen Lineal. Da kann man die Lieblingsstellen  noch zart unterstreichen. Ich lese kaum was Neues und bin Wiederholungsleser. ( Ich wünsche niemandem einen Nachlass mit Simmel , Konsalik und Däniken u.ä. 😢😢). Ich versuche, meinen Bücherbestand auf 2qm zu begrenzen. Ab und an Inventur. Am Schluss sollte alles in zwei schöne französische Holzweinkisten passen. Oder drei. Ernst Jünger Gesamtausgabe ausgenommen...

quarz

12. August 2020 09:27

@Volksdeutscher

Veranstaltungen exklusiv für die jungen Leute haben was für sich. Der "Zeltlagergeist" stiftet auch dann, wenn es mehr um geistige Dinge geht als um Lagerfeuerromantik, eine besondere Aufbruchsatmosphäre, in der Ältere nur stören würden.

Dennoch vermisse ich einen komplementären Versuch, die notorisch auftretenden gegenseitigen Sticheleien ("Grünschnabel"-Schulmeisterei vs. "Boomer"-Polemik) zwischen den Altersklassen im "rechten Mosaik" zu überbrücken, die nur unnötige Reibungsverluste erzeugen.

Diejenigen von uns, die bereits im Rentenalter sind und über entsprechende Freizeit verfügen, könnten z.B. ihr spezifisches Wissen und Können in Seminaren an junge Mitstreiter weitergeben. Um gegen den Goliath des Merkelsystems bestehen zu können, müssen diese in Bezug auf Faktenwissen, Rhetorik und mentale Stärke 300% besser sein als die mit Floskeln operierenden "Fließbandindividualisten" ((c) D. Engels) der Gegenseite. Dann kann Alphatier-Charisma seine Wirkung auf Disputzeugen entfalten.

In der Nachwuchsschulung gilt es unter anderem jene Wissenslücken zu schließen, die absichtlich geschaffen wurden, um die Sherpas der staatlichen Narrative nicht zu verunsichern. Und über viel von diesem fehlenden Wissen verfügen jene, denen es altersbedingt in ihrer Jugend noch nicht vorenthalten wurde und die es nun organisiert weitergeben könnten.

Laurenz

12. August 2020 09:43

@Nemo Obligatur

Gut formuliert. Ernst Jünger ist eine Ausnahme. Daß der Soldaten-Dichter die Front überlebte, über 100 Jahre alt wurde, ist rein dem Gott Zufall oder den Nornen geschuldet. Gorch Fock soff am Skagerrak mit der "Wiesbaden" ab (wurde in Schweden angespült) & Hermann Löns fiel früh bei einem Angriff an der Westfront (im Alter von 48 Jahren).

Die Frage nach dem Lesen hat etwas mit dem einzelnen Menschen an sich zu tun. Wenn man liest, konsumiert man das, was aus anderen Menschen kommt. Menschen, aus denen selbst viel kommt, haben einfach wenig Zeit zum Lesen, weil sie entweder selbst am schreiben -, oder mit etwas anderem, aus innerem Drang, beschäftigt sind.

Hier mein liebstes Löns-Lied "Rosemarie", Musik Fritz Jöde, hier gesungen von Hermann Prey https://youtu.be/GBfLaq9q4GY  zum sterben schön.

Ein gebuertiger Hesse

12. August 2020 10:15

@ Monika

"Also! Eselsohren in Büchern gehen überhaupt nicht! Das hat mir meine Mutter schon früh ausgetrieben. Heute gibt es kleine Markierungspfeile zum Einkleben, in verschiedenen Farben, auf einem kleinen Lineal."

Das stimmt nicht unbedingt. Eselsohren sind Zeugnisse der persönlichen Benutzung eines Buchs. Bibliophilie und Buchschonung fallen nicht notwendig zusammen. Wie lange habe ich meine liebsten Bücher auf geradezu behandschuhten Händen getragen wie Reliquien, wobei die physische Lektüre - also das Wichtigste - wie spurlos an ihnen vorbeigehen sollte. Irgendwann fand ich diesen Purismus elfenhaft, überzüchtet, auch unmännlich. Eselsohren mache ich seither zwar immer noch keine, doch werden Bücher nun normal behandelt, und je älter ich werde, schätze ich es umso mehr, nach Jahren noch Indizien meines Gebrauchs in ihnen wiederzufinden.

Franz Bettinger

12. August 2020 11:20

Meine Bücher leben. Sie leben mit mir, werden ein Teil von mir. Jedenfalls die guten. Sie sind voller Unterstreichungen, Randglossen und Zusammenfassungen vorn und hinten; nein, Rücksicht wird nicht genommen. Bücher wie Röde Orm und Unterm Rad, die ich als junger Mensch verschlang, verdaute, in mir aufnahm und so zu einem Teil von mir selbst machte, zeigen mir heute noch, wer ich war und immer noch bin. 

Fritz

12. August 2020 12:00

Haben Sie keine Angst, dass sich unter den vielen Interessierten evtl. auch ein Agent Provocateur oder ein Störer befinden könnte?

antwort kubitschek:
Angst? Haben Sie "Angst" geschrieben? Was ist das: Angst? Also Fürsorgepflicht, ja, und wir haben schon sehr gründlich nachgeschaut, keine Sorge. Aber Angst?

Ein gebuertiger Hesse

12. August 2020 13:16

@ GK

Und ja, diese "intellektuelle Erkenntnis par excellence" - die Vorläufigkeit dessen, was man selbst sagt, schreibt, nach draußen gebt, der Umstand, daß dies schon von anderen bedacht, anders bedacht worden ist - kann einem wie eine Sträflingskugel an der Ferse hängen und beansprucht doch eine natürliche Wahrheit. Daß man aber, und gerade jemand wie Sie, über diese Krux hinausgeht, weil man in dieser und keiner anderen Zeit lebt und das Nach-draußen-Geben sein soll, sein muß, macht, daß sich die Dinge überhaupt bewegen und ein geistiger Findungsort wie Schnellroda überhaupt hat entstehen können. Das mag ähnlich sein wie Eselsohren machen - das Buch hat eine Schramme, aber die Spur ist gelegt und für einen selbst und andere da.

Volksdeutscher

12. August 2020 13:21

@quarz

Vielen Dank für den Hinweis. Ich war mir schon immer skeptisch, was man gemeinhin das Alter nennt. Ab wann ist man denn alt und ab wann gilt man als alt?

Wenn ich mir vorstelle, daß ich jetzt 25 wäre und mir die Frage vorlege: Würde dich stören wenn Leute an einer Veranstaltung teilnähmen, die doppelt so alt wären wie du? Dann würde ich glatt sagen: "Nein".

Wenn man mich aber fragen würde, ob es für mich einen Unterschied hinsichtlich der Stimmung gäbe zwischen einer Veranstaltung mit Leuten von 50 Jahren und einer Veranstaltung mit Leuten von 25 Jahren, da würde ich die Frage bejahen.

Die entscheidende Frage wäre jedoch die, welche der beiden Generationen würde (mehr) stören, daß die andere mit anwesend ist.

Götz Kubitschek

12. August 2020 17:38

badeschluß, liebe follower. das dutzend ist voll.

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