Sezession
6. August 2009

Tarantino in Berlin

Martin Lichtmesz

Tarantino SSLetzte Woche hatte Quentin Tarantinos neues Spektakel "Inglourious Basterds" Deutschland-Premiere in Berlin.  Laut einem Bericht der Welt gab es begeisterten Beifall für Tarantino, Brad Pitt und seine versammelten deutschen collabos, darunter Christoph Waltz, Till Schweiger, Daniel Brühl und August Diehl.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die begeisterte Aufnahme ist zwar nicht gerade überraschend, hinterläßt aber doch einen seltsamen Nachgeschmack, wenn man bedenkt, daß Tarantinos Film von einer jüdischen Killertruppe handelt, die im besetzten Frankreich aus dem Hinterhalt deutsche Soldaten (also "Nazis", was im Film alternierend mit "germans" verwendet wird) abschlachtet, verstümmelt und skalpiert, um die Wehrmacht zu demoralisieren. Eli Roth, einer der mitwirkenden Schauspieler und Regisseur des ultrasadistischen Machwerks "Hostel" sprach gar von einer lustvollen jüdischen Rachefantasie,  und nannte den Film launig "kosher porn" ("koscherer Porno").

Der seit Anfang des Jahres im Netz kursierende Trailer erweckte den Eindruck einer Neuauflage von "Das dreckige Dutzend": ein Actionspektakel mehr, in dem kuhle Amis die bösen Krauts reihenweise killen. Das guckt man auch im Deutschland des Jahres 2009 gerne und weitgehend ohne Widerspruch. Überspitzt: die Enkel der Unterworfenen mampfen belustigt ihr Popcorn, während ihre Großväter auf der Leinwand als schurkische Schießbudenfiguren vorgeführt und reihenweise abgemurkst werden, wie einst die Indianer von John Wayne.

Die Mainstreampresse hat diesen Aspekt mit keinem Wort in Frage gestellt. Spätestens seit Lee Marvin & Co hat auch der deutsche Michel gelernt, dergleichen mit Lust zu schlucken, handle es sich um Trash wie "Indiana Jones" oder um die "ernstere" Variante a la "Der Soldat James Ryan".  Die affektive Dissoziierung der Deutschen von sich selbst hat sich nicht zuletzt dank Hollywood so tief verankern können. Das war nicht immer so: noch in den Fünfziger Jahren war die Identifikation des Publikums mit der Generation des Weltkriegs sehr stark. Anfang der Sechziger verschwanden die Landser-Filme allmählich aus den Kinos, und wurden durch US-Produkte ersetzt, die auch qualitativ viel besser waren.

In den Kommentarspalten der großen Internetportale kann man indessen nachlesen, daß ein Film wie "Inglourious Basterds" viele Deutsche doch noch zu schmerzen vermag. Die Stimmung ist emotional, gereizt, und es hagelt wechselseitige Beleidigungen der Diskussionsteilnehmer. Das Ausmaß der fehlenden historischen Bildung springt dabei ebenso ins Auge, wie die Heftigkeit der Affekte. An den bis dato 25 Leserseiten unter dem Premierenbericht der Welt, kann man ablesen, wie Geschichtspolitik und emotionaler Haushalt nachhaltig ineinanderspielen, und das auf breiter Basis.  Die Frage etwa nach der Alleinkriegsschuld Deutschlands greift durchaus in das Leben und Selbstverständnis des Einzelnen hinein, mal mehr, mal weniger stark - und summiert sich zur kollektiven seelischen Verfassung eines ganzen Volkes.

Es macht mir Hoffnung bezüglich der Abwehrkräfte des deutschen Michels, daß der Tenor der Kommentare überwiegend negativ, zum Teil richtiggehend angewidert ist:  wären die hingeschlachteten und skalpierten Soldaten keine Deutschen und keine "Nazis", dann würde man den Film zu Recht als "menschenverachtendes" Machwerk einstufen.

Ich möchte hier etwas Wasser in den Wein gießen. Selbst habe ich den Film noch nicht gesehen, kenne aber das Drehbuch, das seit Monaten im Netz kursiert, und vermute, daß der Blogger des Rheinischen Merkur ins Schwarze getroffen hat:

... Quentin Tarantinos mit viel „German Money“ produzierter Film ist weder besonders blutrünstig noch jene cineastische Offenbarung, die man durch die Vorberichterstattung erwartete.

Der Film ist eine Groteske, angesiedelt irgendwo zwischen „Der große Dikator“ und „The Searchers“, mit zahllosen filmhistorischen Anleihen von „Metropolis“ über Leni Riefenstahl bis zum Spagetthi-Western und einem überragenden Christoph Waltz als SS-General Hans Landa, dem der Film auf den Leib geschrieben scheint. (...)

Mit der realen Historie hat nicht nur das Ende nichts zu tun; jede einzelne Einstellung trägt quasi den unsichtbaren Stempel „Vorsicht, Film!“...

Das entspricht ziemlich genau meinem Eindruck von dem Drehbuch. Weit entfernt davon, alle Deutschen zu diffamieren, bewegen sich die meisten Figuren des Films in einer italowesternartigen Grauzone: während sich etwa unter den "Basterds" waschechte Psychopathen und Galgenvögel finden, ist Daniel Brühl als junger deutscher Offizier, der im Stil Audie Murphys zum Kriegs(film)helden wird, über weite Strecken durchaus sympathisch gezeichnet. Und viele Kritiker betonen, wie sehr Christoph Waltz als kultiviert-diabolischer Schurke allen anderen die Schau stiehlt.  Schwarzer Humor und zahllose cineastische Anspielungen betonen das Künstliche, den "Camp"-Charakter des Films, dessen referenzieller Kosmos sich weniger aus der Geschichte selbst als den tausenden Filmen ableitet, die sie geplündert haben.  Da sind die "Nazis" als Schurken auch nichts weiter als eine Genre-Konvention, mit der Tarantino ironisch spielt.  Der "geschichtspolitischer Aspekt" von "Basterds" sollte also wohl nicht überschätzt werden.

Dafür spricht auch die provokative Unbekümmertheit, mit der Tarantino anläßlich der Deutschland-Premiere von "Basterds" von Leni Riefenstahl ("die beste Regisseurin die jemals lebte") schwärmte und sogar ein gutes Wort für die Filmproduktion der NS-Zeit fand:

Tarantino schätzt auch viele der unter Goebbels’ Aufsicht produzierten deutschen Spielfilme: "Wenn man sich nur die deutschen Filme bis 1945 ansieht, merkt man kaum, dass Krieg herrschte."

Es sei keineswegs so, dass die meisten der mehr als 800 Streifen, die in jenen Jahren gedreht worden seien, Propagandawerke wie "Der ewige Jude" oder "Jud Süß" gewesen seien.

Es habe auch viele Komödien, Operetten, Liebesgeschichten und Melodramen gegeben. "Einige dieser Filme waren ziemlich gut", sagte Tarantino.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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