Sonntagsheld (160) – Für immer Punk

Zu Gast im Speer-Hort des Eber-Questers

 Gastbeitrag

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Zu Gast im Speer-Hort des Eber-Questers

Am gest­ri­gen Sams­tag fand in Hohen­wei­den bei Hal­le eine durch­aus beach­tens­wer­te Ver­an­stal­tung statt, von der ich an die­ser Stel­le kurz berich­ten möchte:

Dr. Hans­joa­chim Maaz, akri­bi­scher Erfor­scher der deut­schen Nach­kriegs- und beson­ders Nach­wen­de-Psy­che, stell­te sein neu­es Buch “Das gespal­te­ne Land” vor. Sekun­diert wur­de er dabei vom Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Wer­ner Pat­z­elt, für den die Rol­le des “Side­kicks” ver­mut­lich etwas unge­wohnt war.

Daß die­se zwei doch recht unter­schied­li­chen Typen über­haupt zusam­men­ka­men, ist der Krea­ti­vi­tät des Ver­an­stal­ters zu ver­dan­ken: Im Rah­men einer selbst­er­klär­ten “Bil­dungs­of­fen­si­ve” ver­an­stal­tet der Umzugs­spe­di­teur, Auk­tio­na­tor, Kreis­po­li­ti­ker und Pun­ker Sven Ebert in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den Vor­trä­ge und Diskussionsabende.

Ebert ist eine Natur­ge­walt, die man erlebt haben muß; der eine oder ande­re SiN-Kol­le­ge (Chef­eta­ge inklu­si­ve!) weiß, wovon ich spre­che. Es gehört bei­spiels­wei­se bei der “Bil­dungs­of­fen­si­ve” zur guten Tra­di­ti­on, daß Refe­rent und Publi­kum zu Beginn der Ver­an­stal­tung glei­cher­ma­ßen vom im Schot­ten­or­nat erschie­nen Ebert mit den Wohl­klän­ger einer kel­ti­schen Car­nyx mal­trä­tiert wer­den – ein Ritu­al, wel­ches sowohl Pat­z­elt als auch Maaz tap­fer über sich erge­hen ließen.

Die Ver­an­stal­tung war im Rah­men des momen­tan Mög­li­chen aus­ge­bucht. Maaz ist in Hal­le kein Unbe­kann­ter, seit Jahr­zehn­ten lebt und wirkt er in der Saa­le­stadt, sprach auch schon auf Kund­ge­bun­gen gegen die Coro­na-Maß­nah­men. Wie der punkt­ge­naue Schlag eines Glo­cken­tur­mes fiel der Ver­öf­fent­li­chungs­ter­min sei­nes Buches “Das gespal­te­ne Land” genau in die ers­ten Tage des Shut­downs im März. So war die Ver­an­stal­tung in Hohen­wei­den mehr oder weni­ger der ers­te Lesungs­ter­min, an wel­chem Maazens Buch – abseits von der durch­aus ange­mes­se­nen Auf­merk­sam­keit, die es bereits in Funk und Fern­se­hen erhielt – einer brei­te­ren Öffent­lich­keit von Zuhö­rern vor­ge­stellt wurde.

Das “Psy­cho­gramm”, wel­ches Maaz von der deut­schen Gesell­schaft zeich­net, ist geprägt von unter­schied­li­chen Patho­lo­gien – Maaz spricht gar von einer “kol­lek­ti­ven Psy­cho­se”. Das Gefühl, daß um sie her­um alle ver­rückt gewor­den zu sein schei­nen, ist sicher­lich eines, das den meis­ten Rech­ten nicht wirk­lich fremd ist. Es hat aber doch eine ande­re Qua­li­tät, sich einer tat­säch­li­chen und fach­lich fun­dier­ten Psy­cho­pa­tho­lo­gie der Nach­wen­de­ge­sell­schaft gegen­über zu sehen.  Maazens Ana­ly­sen haben jeden­falls den Anspruch, auf den Grund der gesell­schaft­li­chen Dis­pa­ri­tä­ten vor­zu­sto­ßen- Ein Pro­zess, von dem er, wie das von einem guten Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu erwar­ten ist, weder sich selbst, noch sein Publi­kum ausschließt.

Auf Maazens Vor­trag folg­te Pat­z­elt, der sich schon seit Jah­ren in der Rol­le des Her­mes gefällt, der sich von der Hades-Tris­tesse der ver­knö­cher­ten Alt­kon­ser­va­ti­ven bis hin zum him­mel­blau­en Olymp der jun­gen Wil­den bei der DB oder der AfD zu Hau­se fühlt. In pro­fes­sio­nel­ler Dozen­ten­ma­nier hüpf­te sein Rede­bei­trag dem­entspre­chend leicht­fü­ßig vom ato­ma­ren Urschleim über das Klein­hirn bis zur FDGO und wie­der zurück. Die For­mu­lie­run­gen waren dabei gesto­chen scharf; sel­ten habe ich kon­ser­va­ti­ven All­ge­mein­plät­ze, wie etwa die­Tat­sa­che, daß die Deut­schen ein gestör­tes Ver­hält­nis zu ihrer eige­nen Iden­ti­tät haben, so fein zise­liert aus­kla­mü­se­rt bekom­men. Wenn Pat­z­elt spricht, das muß ich neid­los aner­ken­nen, kann man sogar die Semi­ko­lons hören.

Nur ein ein­zi­ges Mal wur­de der eme­ri­tier­te Pro­fes­sor aus Dres­den laut: Im Rede­bei­trag eines Zuhö­rers, der sei­ner Resi­gna­ti­on ob der herr­schen­den Ver­hält­nis­sen im Rah­men einer Fra­ge Aus­druck ver­lieh, wit­ter­te Pat­z­elt (übri­gens zu Unrecht) den düs­te­ren Dämon der “Sys­tem­fra­ge”. Schon bei den vor­he­ri­gen Wort­mel­dun­gen hat­te Pat­z­elt immer wie­der mal lau­ernd in die Run­de geblickt und auf sei­nen Zen­tris­ten­mo­ment gewar­tet – das “ein­mal sprach ich unter Rech­ten” muß bezahlt wer­den. Nun also hol­te der Eme­ri­tus tief Luft und pus­te­te mit einem enga­gier­ten, ja inbrüns­ti­gen Bekennt­nis die Hand­voll ver­fas­sungs­feind­li­cher Nebel­ker­zen aus, die er sich vor­her sorg­sam bereit­ge­legt hat­te. Es ging dann wie­der um die FDGO, oder die frei­heit­li­che Gesell­schaft, oder die plu­ra­lis­ti­sche Debat­te – ich habe es ehr­lich gesagt ver­ges­sen. Nichts­des­to­trotz natür­lich ful­mi­nant vor­ge­tra­gen, die­ses gänz­lich blut­lee­re Begriffs­brät, das sich am Ende des Tages noch in jeden Schweins­darm drü­cken läßt, sei er nun grün, rot, schwarz, oder gelb. Den­je­ni­gen, die von Berufs wegen lausch­ten wird es gefal­len haben, für das anwe­sen­de Publi­kum war die kur­ze Erup­ti­on eher irritierend.

Sie ahnen es: Nor­ma­ler­wei­se hät­te Herr Maaz heu­te den Sonn­tags­hel­den-Titel abge­räumt. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker, der bedacht, aber sicher sprach, stell­te an die­sem Abend die Fra­ge danach, wie wir in den nächs­ten Jah­ren in die­sem Land mit­ein­an­der leben wol­len, jeden­falls wesent­lich tie­fer und – wie ich fin­de – auch ehr­li­cher als Pat­z­elt. In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on mel­de­te er sich vor allem da zu Wort, wo er zwi­schen der durch­aus unver­söhn­li­chen Paa­rung Pat­z­elt – Schnell­ro­da ver­mit­teln woll­te. Kein ganz leich­tes Unter­fan­gen, das erwar­tungs­ge­mäß auch nicht wirk­lich von Erfolg gekrönt war. Wie gesagt: Im Kopf hat­te ich den Lor­beer­kranz schon sorg­fäl­tig auf Maazens schloh­wei­ßem Woll­schopf dra­piert, aber dann kam wie­der die­ser ver­rück­te Ebert und brach­te alles durcheinander.

Zum Ende sei­ner Abschluß­re­de  – übri­gens frei vor­ge­tra­gen nicht nur ohne hör­ba­re Semi­ko­lons, son­dern auf die aller­lie­bens­wür­digs­te Art und Wei­se auch ohne Punkt und Kom­ma – kul­mi­nier­te die in der kamin­ge­wärm­ten Luft des Rit­ter­saa­les aus­har­ren­de Span­nung in einem qua­si kathar­ti­schen Geläch­ter – als näm­lich der Gast­ge­ber die Prä­sent­kör­be für die zwei Refe­ren­ten her­vor­hol­te: Ich bin mir sicher, daß sich Herr Maaz nicht halb so sehr über sei­ne Aus­ga­be von Jack Dono­vans “Der Weg der Män­ner” gefreut hat, wie Herr Pat­z­elt über sein Geschenk: “Nur Bar­ba­ren kön­nen sich ver­tei­di­gen”, erschie­nen – natür­lich – bei antai­os.

Das dies­wö­chi­ge Hoch also auf den Hal­len­ser Sven Ebert! Möge ihm der Schalk noch auf ewig im Nacken sitzen!

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Kommentare (6)

Solution

5. Oktober 2020 00:28

Patzelt ist ein typischer Cuckservativer. Seine Zeit ist genauso abgelaufen, wie die eines Asozialen, der heute noch mit einem Lonsdale-T-Shirt rumläuft, weil er glaubt, das würde ihn gefährlich erscheinen lassen.

Lotta Vorbeck

5. Oktober 2020 01:16

@TLW

... Umzugsspediteur, Auktionator, Kreispolitiker und Punker Sven Ebert ...

---

Umzugsspediteur? - Demnach ist er wohl der Sven Ebert, der von den Grünen kam.

H. M. Richter

5. Oktober 2020 08:28

Danke für die Einblicke, aber der Satz - "Maaz ist in Halle kein Unbekannter, seit Jahren lebt und wirkt er in der Saalestadt [...]" - hätte statt von Jahren dann doch lieber von Jahrzehnten sprechen sollen, denn Maaz studierte nicht nur Anfang der sechziger Jahre in Halle, sondern war dort seit 1980 für fast dreißig Jahre auch als weit über die Grenzen der Stadt hinaus wirkender Chefarzt in einer kirchlichen Einrichtung tätig. Am Ende der DDR galt er als einer der klügsten, dort lebenden Köpfe.

Letzteres blieb er auch späterhin; sein Auftritt im MDR vor wenigen Jahren -

https://www.facebook.com/gottunddieweltblog/videos/politisch-eingreifen-im-sinne-des-mdr/275068953366256/ -

belegt dies. 

Und daß die MDR-Moderatorin anschließend nicht mehr lange dort tätig war - „Du bist verantwortlich für das, was deine Gäste sagen und hast politisch einzugreifen [...]“ -, bestätigt das, was Maaz damals sagte, auf besonders eindrucksvolle Art und Weise ...

https://www.youtube.com/watch?v=LlNm9FMUtGc

 

 

KlausD.

5. Oktober 2020 12:56

@H. M. Richter  5. Oktober 2020 08:28

Eine kurze Zusatzinfo: Die bewußte MDR-Moderatorin heißt Katrin Huß und hat jetzt eine neue Aufgabe bei NuoViso TV. Hier erzählt sie u.a. ab Minute 57:45 über die damaligen Vorgänge.

https://nuoviso.tv/home/sonstiges/ruderboot-1-nuoviso-inside/

Marc_Aurel

5. Oktober 2020 16:30

Von Werner Patzelt halte ich nicht viel, wer in der heutigen Zeit für die CDU Wahlkampf macht, kann kein Patriot sein, der unterhaltsame Bericht von Wessels bestärkt mich in dieser Einschätzung.

sok

6. Oktober 2020 10:51

Maaz als Sonntagsheld hätte mir auch gefallen, da ich den Antipatriotismus für eine Persönlichkeitsstörung  halte, für deren genaue Diagnose ein Psychologe zuständig ist.

Natürlich reicht eine genaue Diagnose für die Pesönlikchkeitsstörung der Antipatrioten nicht aus, um zu erklären, wie sie ihre Machtposition in einer der Form nach erhaltenen Demokratie erhalten  haben und aufrecht erhalten.

Meiner Meinung nach ist es wichtig, zu erkennen, wie die Nazikeule intern benutzt wird. Wer die Nazikeule am stärksten schwingt, wird bevorzugt, was dazu führt, dass die größten Flaschen die Nazikeule am stärksten schwingen. Das Ergebnis sieht man bei der SPD.

Wenn die AfD die Zerstörung der SPD durch die Antipattrioten um Thema machen würde, würde sie aus der Defensive herauskommen und die Meinungsführerschaft zumindest in diesem einen Punkt übernehmen.