29. Oktober 2020

Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen

Götz Kubitschek / 4 Kommentare

Sitzen zwei Deutsche an einer Bar in Stone Town auf Sansibar und trinken Bier, cold, super cold, und werden immer ehrlicher zueinander.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es ist erst eine gute Woche her, daß sich die beiden auf fünftausend Metern Höhe am Kraterrand des Kilimandscharo getroffen haben, aus Versehen, zwei Männer, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Der eine, Tscharli, stammt aus der bayrischen Provinz, er redet ununterbrochen und wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er rollt mit seinem Verhalten jede Stellung auf, ist überall der King, hat nichts vor, bloß noch gründlich leben will er, denn er ist todkrank. Der andere, Hans aus Hamburg, ist ein sensibler Intellektueller, ein Schriftsteller, kühl, höflich. Er ist völlig schockiert über den »Tscharli«, mit dem er nun vom Vulkan absteigen muß und der ihn auf unwiderstehliche und faszinierende Art und Weise für die letzten Tage seines Lebens zu seinem Reise- und Partygefährten macht.

An der Bar in Stone Town auf Sansibar legt der Tscharli dem Ich-Erzähler »ganz vorsichtig« seine Hand auf den Unterarm: »Denkst’ drüber nach, wia ma des als Roman verbratn könnt?« Ach, antwortet der Autor, seit ein paar Jahren sei’s schwierig geworden mit dem Schreiben. So viele Wörter, die man nicht mehr verwenden dürfe, so viele Themen, die einen verrückt machen würden beim Schreiben oder verbiestert … »Die sind bei uns nicht so locker drauf wie du!«

Hans, der Erzähler, hätte auch »ich« sagen können. Denn er selbst war noch vor wenigen Tagen ebenfalls überhaupt nicht locker drauf, und das Eingeständnis, daß es sich in Deutschland derzeit und bis auf weiteres nicht gut schreiben lasse, hätte er sich ohne den Geburtshelfer des gesunden Menschenverstands, ohne den Tscharli, nie erlaubt. Er hätte weiterhin das hygienische Vokabular und vor allem die Wahrnehmungsvorgaben und Themenverbote für selbstverständlich gehalten, für alternativlos, er hätte weiterhin versucht, mit diesen Verhaltensregeln zurechtzukommen und hätte den Grund für seine Schreibhemmung, seine Schreibunlust bei sich selbst gesucht und nicht in der aseptischen Atmosphäre seines moralisierenden Vaterlands.

Afrika, also: Tansania und dann vor allem Sansibar, sind nicht aseptisch. Alles ist vorläufig, dysfunktional, irgendwie aussichtslos, im Ernstfall knallhart. Wer schon einmal im Afrika südlich der Sahara war, weiß, wie wenig dort die anonymen Institutionen mit jener zuverlässigen Professionalität arbeiten, die wir aus Deutschland kennen. Diese das Leben absichernde und auffangende Hülle wird in Afrika von einem Kranz aus Kontakten, von einer Großfamilie ersetzt, oder gar nicht.

Hans mußte ein zweites Mal nach Tansania reisen, um diese andere Form der Organisation, diese Lebensermöglichungs- und Lebenssicherungsebene unterhalb des kaputten Staatsgebildes kennenzulernen. Helfen hätte ihm diese »Ebene« aber vor zwanzig Jahren nicht können, als er mit seiner Verlobten eine wochenlange, geführte Afrikatour unternahm, durch den Bürgerkrieg in Ruanda fuhr und sich schwer infizierte.

Hilflos hätte man in Afrika sein Bett umstanden, hilflos hätte man den Sterbenden in den Tod begleitet. Aber da war ja noch die andere Welt:

Am 22. Dezember landeten wir um zehn Uhr morgens in München. Zwei Sanitäter hoben mich vorsichtig von meiner Pritsche auf ihre Tragbahre, sie fragten mich: "Tun wir ihnen weh?". Da kamen mir die Tränen.

In den Wochen danach kämpfte das sterile Deutschland um das Leben von Hans, der währenddessen völlig allein, nicht umringt, nicht bemuttert, in seinem Krankenzimmer lag.

Warm sterben in Afrika oder kühler leben in der BRD? Dutzendfach habe ich selbst die Doppelmoral aus beidem beobachtet: »Aussteiger«, im Vergleich zu den Einheimischen in Kamerun, Nigeria, Algerien die Taschen voller Geld, flohen regelrecht zurück ins »Scheiß Deutschland«, wenn der Körper sich meldete oder die Partnerin doch nicht im Dreibett-Zimmer einer lehmverputzten Hütten-Klinik niederkommen wollte.

Polityckis Hans kriegt vom Tscharli die Augen geöffnet für solche Lebenslügen, solche First-World-Entwürfe von Afrika und seiner vermeintlichen Warmherzigkeit und Lebensfülle. Auch der Tscharli hat in diesem unfaßbar geschickt und prall geschriebenen Roman seine Tragödie schon erlebt und ist – wie Hans – zurückgekehrt, um etwas zu vollenden, hinter sich zu bringen, abzuleisten. Sein Gespür für Komik, falsche Hierarchie, Abschottung, dummes Moralgeschwätz, unangemessene Erwartungshaltung ist phänomenal.

Am Eingangstor zu einem Ferienressort aber, in dem sich vor allem »deutsche Pauschalreisetouristen« tummeln, holt den Tscharli dann endlich auch seine ganz persönliche Afrika-Geschichte ein. Er will da rein, wird aber ganz kleinlaut. Zum Glück hat der Hans auf der dreitägigen gemeinsamen Motorrollertour quer durch Sansibar genug gelernt und trifft den Ton: »Zu meiner Überraschung hörte ich mich sagen: ›Me Simba One, he Simba Two.‹«

Was das heißen soll? Weiß keiner, aber es paßt halt in die Situation. Im Grunde ist es der reine Ausdruck einer großen Unlust: Argumentieren? Höflich nachfragen? Torwächter akzeptieren? Nein, nicht mehr, damit haben wir es lange genug probiert.

Befreiende Lektüre, großer Spaß! Und wie stets nach solchen Büchern dürfen wir sagen: »Das kann uns keiner mehr nehmen!«

Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki kann man hier bestellen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (4)

Andreas Walter

29. Oktober 2020 13:59

Bier super cold, heladas, gibt es auch in Esmeraldas, Ecuador (oder auch am Strand von Lima, Peru). Oder auch in Uruguay und Brasilien, wie ich gerade lese.

Dazu wird der Kühlschrank selbst in den Tropen exakt so kalt eingestellt, minus 4 bis minus 6 Grad Celsius, der Alkohol im Bier macht's möglich, dass erst im Moment des Öffnens der Bierflasche durch die plötzliche Druckentspannung ein klein wenig Eis im Flaschenhals entsteht, durch das man das Bier dann trinkt. Dann aber meist ohne hineingepresste Scheibe Zitrone, weil für die dort kein Platz mehr ist. Dazu passt dann auch gut etwas Reis oder Kartoffeln, gegrillter Fisch und Salat. Wen interessiert da dann noch Berlin, London oder Moskau, Paris oder München, NY und LA. Doch wohl nur die Eitlen und Unverbesserlichen.

Die beschriebene Doppelmoral kennt übrigens auch jeder Entwicklungshelfer (offiziell, "Mitarbeiter der Entwicklungszusammenarbeit") ebenso wie die jeweiligen Landesgesetze zur Vermeidung von Doppelbesteuerung mit Deutschland.

Auch richtig: Viele der Probleme in diesen Ländern lassen sich schlicht durch die fehlenden sozialen Systeme erklären, die durch eine Grossfamilie, durch Korruption (Vetternwirtschaft) und Kriminalität dann ausgeglichen werden (sollen). Die dunkle Seite der Freiheit (oder auch des Waldes), wie sie auch Jordan Peterson deshalb beschreibt. Die Erbarmungslosigkeit der Natur selbst wird dann nämlich zum Gegner, wo andere Menschen als Gegner schlicht nicht mehr da sind. Aber dann auch nicht mehr als Helfer oder zumindest Verbündete in der Not.

Ein gebuertiger Hesse

29. Oktober 2020 15:36

@ Andreas Walter

Ha! Exzellenter Kommentar zur Doppelmoral. Wobei gerade der erste Teil, der ein dekadentes Milieu vermittels einer hochgeschraubt-verfeinerten Gesöff-Rezeptur charakterisiert, der attraktive ist. So ist das mit der menschlichen Natur - der Kühlschrank, meiner jedenfalls, wird nachher exakt auf minus 4 bis 6 Grad eingestellt und später gibt's Reis und gegrillten Fisch.

Laurenz

29. Oktober 2020 16:27

Wer am Flughafen Daniel arap Moi in Mombasa aussteigt, um zur Südküste zu gelangen, mit den vielen 4*-Hotels aufwärts & den vielen schönen Villen, oder einmal das grandiose Erlebnis genoß, im Ali Barbour & the 40 Thieves bei Vollmond zu dinieren, https://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g775870-d1237444-Reviews-Ali_Barbour_s_Cave_Restaurant-Diani_Beach_Ukunda_Coast_Province.html

...., wird feststellen, daß man außerhalb dieser Lokalitäten, keinen Schwarzen über 40-45 Jahre sieht. Warum? Weil es keine gibt. 

Neue Straßen, von den Chinesen gebaut, werden absichtlich kaputt gemacht, weil viele kleine Werkstätten am Straßenrand sonst keine Existenz-Berechtigung mehr hätten. Zwangs-Korruption permanent neu ernannter Minister vertreibt jeden ausländischen Investor oder das Scheitern der deutschen Papierfabrik - Mombasa über die man im Netz nichts findet. Und Kenia galt mal als die Schweiz Afrikas. Thomas Spitzer & Klaus Eberhartinger (EAV) lebten trotzdem dieses Jet-Set-Leben an der Südküste mit einem unerschöpflichen Vorrat an Frauenmaterial, indischen Ärzten, inklusive eines importierten Aufnahme-Studios, während beide desweiteren ihresgleichen, mitteleuropäische Spießer auf Urlaub, in ihren Liedern geißelten und hier linke Moral verkauften. Ende 2006 war ich nochmal kurz vor Schluß im Aldiana Club, Senegal. Eine deutsche Animateurin gestand mir, wer mit Schwarzen arbeitet, wird automatisch zum Rassisten. Schwarzes Afrika kann man sich nur vorstellen, wenn man es mal erlebt hat.

MARCEL

30. Oktober 2020 09:50

Auch zu empfehlen ein Klassiker der BRD-Literatur über das Zermürbende des Journalistengeschäfts: Nicolas Born (1937-1979) Die Fälschung.