Thilo Sarrazin: Der Staat an seinen Grenzen.

Thilo Sarrazin: Der Staat an seinen Grenzen. Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart, München: LMV Verlag 2020. 480 S., 26 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Thi­lo Sar­ra­zin hat seit sei­nem 2010 erschie­ne­nen Best­sel­ler Deutsch­land schafft sich ab alle zwei Jah­re ein ähn­lich umfang­rei­ches Buch ver­öf­fent­lich. Auch in die­sem Jahr ist er dem Rhyth­mus, von dem ihn auch ein erneu­ter Ver­lags­wech­sel nicht abhal­ten konn­te, treu geblie­ben. Nach der Euro-Ret­tung, dem poli­tisch-kor­rek­ten Tugend­ter­ror, der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung der Regie­ren­den, der feind­li­chen Über­nah­me durch den Islam nun also die Ein­wan­de­rungs­pro­ble­ma­tik. Bei allen Büchern han­delt es sich um Varia­tio­nen des einen gro­ßen The­mas »Staats­ver­sa­gen«, teil­wei­se ergänzt durch Erfah­run­gen, die der Autor mit der Öffent­lich­keit mach­te, als er sich 2009 erst­mals rich­tig aus der Deckung wagte.
Wir erin­nern uns: Sar­ra­zin, der als Volks­wirt auf dem SPD-Ticket in ver­schie­de­nen Minis­te­ri­en Kar­rie­re mach­te, pro­vo­zier­te als Finanz­se­na­tor in Ber­lin erst­mals mit Aus­sa­gen zu Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten von Hartz-4-
­Emp­fän­gern bevor er dann 2009 in den Vor­stand der Bun­des­bank wech­sel­te und im Sep­tem­ber der Kul­tur­zeit­schrift Lett­re Inter­na­tio­nal ein Inter­view gab, das rie­si­ge Wel­len schlug. Sar­ra­zin hat­te dar­in pole­misch auf die Inte­gra­ti­ons­de­fi­zi­te mus­li­mi­scher Ein­wan­de­rer und die Grün­de dafür hin­ge­wie­sen. Der Sturm der Ent­rüs­tung, den die­se »dis­kri­mi­nie­ren­den« Äuße­run­gen aus­lös­ten, weh­te Sar­ra­zin aus sei­nem Amt, mach­te ihn aber gleich­zei­tig so bekannt, daß sein Buch 2010 zum erfolg­reichs­ten Sach­buch in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik wurde.
Von die­sem Erfolg, der vor allem dar­auf beruh­te, daß einer vom poli­ti­schen Estab­lish­ment Klar­text rede­te, zehrt der nun 75jährige Sar­ra­zin bis heu­te, wenn­gleich der Kreis der Leser immer klei­ner wird. Das hat nichts damit zu tun, daß das, was er schreibt, falsch ist, son­dern vor allem damit, daß seit 2017 Sar­ra­zins Posi­ti­on durch die AfD im Bun­des­tag ver­tre­ten ist. Sar­ra­zin, der selbst bei jeder Gele­gen­heit beklagt, daß ihn kein Poli­ti­ker oder Jour­na­list rich­tig gele­sen hät­te, könn­te sich also freu­en, trägt aber beim The­ma AfD lie­ber die Main­stream-Scheu­klap­pen. Da Sar­ra­zin die AfD nur als Schmud­del­kind wahr­nimmt, das nur in die hei­li­gen Hal­len vor­drin­gen konn­te, weil die Eta­blier­ten nicht auf ihn gehört haben, wird sei­ne Mei­nung zuneh­mend unwichtiger.
Sein neu­es Buch macht die­ses Dilem­ma deut­lich. Es geht um Ein­wan­de­rung, die sich nur steu­ern läßt, wenn man Gren­zen hat. An die­se bana­le Tat­sa­che zu erin­nern, ist lei­der immer wie­der not­wen­dig, da die Erfah­rung von 2015 nicht dazu geführt hat, die­se Ein­sicht zum All­ge­mein­gut zu erhe­ben. Gleich­zei­tig ist aber in den letz­ten Jah­ren ziem­lich alles von ziem­lich jedem zu die­sem The­ma gesagt wor­den, nur von Sar­ra­zin noch nicht. Das holt er jetzt nach.
Sar­ra­zin beginnt mit der Rol­le der Ein­wan­de­rung in der Geschich­te, die zei­ge, daß Ein­wan­de­rung für die Ein­wan­de­rungs­län­der ein Minus­ge­schäft sei, das im Zwei­fel mit des­sen Aus­lö­schung endet, es sei denn, es wan­der­ten kul­tur­na­he Spe­zia­lis­ten in über­schau­ba­rer Zahl ein. Nach die­sen 150 Sei­ten kommt er zur deut­schen Iden­ti­tät, wor­un­ter er das Bewußt­sein ver­steht, ein Deut­scher zu sein. Sich selbst schil­dert er als »euro­päi­sche Pro­me­na­den­mi­schung«, die sich deutsch füh­le (und die deut­sche Kul­tur gern erhal­ten sähe): »Als deutsch an mir emp­fin­de ich einen Hang zum Grund­sätz­li­chen. Deutsch ist aber auch ein gewis­ser, hart­nä­cki­ger Fleiß, dem nicht zuletzt die­ses Buch zu ver­dan­ken ist.« Gleich­zei­tig kön­ne nie­mand so uni­ver­sa­lis­tisch sein wie ein Deut­scher, was Sar­ra­zin an Tho­mas Mann und sei­nen Träu­men vom Welt­staat zeigt.
In den fol­gen­den Kapi­teln kommt Sar­ra­zin zur Gegen­wart, zeich­net die Debat­ten um Ein­wan­de­rung mit den wich­tigs­ten Wort­mel­dun­gen nach und zer­pflückt den UN-Migra­ti­ons­pakt in sei­ne Ein­zel­tei­le, die zusam­men­ge­setzt immer wie­der das eine Bild erge­ben: Selbst­auf­ga­be Euro­pas. Was Sar­ra­zin lei­der nicht erwähnt, ist die Tat­sa­che, daß die unge­woll­te Auf­merk­sam­keit, die der UN-Pakt in der Öffent­lich­keit erfah­ren hat, vor allem dem Wir­ken der AfD zu ver­dan­ken ist. Mit der Gegen­über­stel­lung von Ein­wan­de­rungs­po­li­tik, die in Deutsch­land nicht ratio­nal gestal­tet, son­dern ideo­lo­gisch kom­men­tiert wird und den Ursa­chen des Migra­ti­ons­drucks, der auf Euro­pa las­tet (und den Euro­pa nicht lin­dern kann, ohne unter­zu­ge­hen), kommt er zu sei­ner Ant­wort auf die Fra­ge nach den kon­kre­ten Mög­lich­kei­ten der Steuerung.
Die Grund­la­gen die­ser Ant­wort dürf­ten im Lager rechts der CDU All­ge­mein­gut sein: Grenz­si­che­rung, Bekämp­fung der Flucht­ur­sa­chen, Ein­schrän­kung des Asyl­rechts und kon­se­quen­te Rück­füh­rung aller ille­ga­len Ein­wan­de­rer. Am Ende läuft es auch hier auf eine selek­ti­ve Ein­wan­de­rungs­po­li­tik nach dem Vor­bild der übli­chen Ver­däch­ti­gen hin­aus (deren Vor­aus­set­zun­gen jedoch gänz­lich ande­re als im Fal­le Deutsch­lands sind). Auch wenn Sar­ra­zin sich viel auf sei­nen Prag­ma­tis­mus ein­bil­det, muß man schmun­zeln, wenn er dabei auch noch auf Isra­el ver­weist, das eben bewei­sen wür­de, daß es geht, wenn man nur wol­le. Aus unter­schied­li­chen Grün­den haben weder der Vol­un­ta­ris­mus noch der Appell an die Ver­nunft bis­lang beson­ders viel bewirkt. Die Ant­wort auf die Fra­ge, war­um man in Deutsch­land eben nicht will, wür­de auf den Kern des Pro­blems füh­ren. Lei­der stellt Sar­ra­zin noch nicht ein­mal die Frage.

Der Staat an sei­nen Gren­zen von Thi­lo Sar­ra­zin kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (1)

Brandolf

14. November 2020 11:58

Herrn Sarrazin ist mit der Gleichsetzung der Begriffe Einwanderung - von einem Staat regulierter Zuzug von Fremden in sein Hoheitsgebiet - und Zuwanderung - von einem Staat bewusst-willentlich zugelassene Verlagerung des Lebensmittelpunkts von Fremden in sein Hoheitsgebiet unter Verzicht auf eine Steuerung des Geschehens - in seinem Buch ein schwerer terminologischer Irrtum unterlaufen, weil die fraglichen Begriffe zwei verschiedene und einander ausschließende Sachverhalte bezeichnen.

Israel als einwanderungspolitisches Vorbild wäre für Deutschland übrigens undenkbar! In Israel gibt es in der Wüste gelegene Sammelunterkünfte für illegale schwarzafrikanische Einwanderer, deren Zustände höchst kritikwürdig sind und die von rechten Politikern Israels gar als Konzentrationslager bezeichnet werden.

Stellen Sie sich nur einmal vor, wenn ein AfD-Politiker die Einrichtung von kläglich ausgestatteten Sammelunterkünfte für die sogenannten Schutzsuchenden in unwirtlichen Gebieten Deutschlands vorschlagen und diese dann als Konzentrationslager bezeichnen würde.

Sarrazins Verdienst bleibt dennoch sehr groß.