Wolfram Elsner: Das chinesische Jahrhundert

Ob Donald Trump wiedergewählt wird oder Joe Biden gewinnen sollte – der Wirtschaftskonflikt mit der Volksrepublik (VR) China wird andauern.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Denn in der US-Poli­tik herrscht bezüg­lich eines »Deco­u­pling«, einer Abkopp­lung Chi­nas respek­ti­ve einer suk­zes­si­ven inter­na­tio­na­len Iso­la­ti­on, sel­te­ne Einig­keit. Von Ste­phen Ban­non, dem grei­sen­haf­ten Schreck­ge­spenst vie­ler Links­li­be­ra­ler, bis zu den demo­kra­ti­schen Inter­ven­tio­nis­ten – Chi­na­po­li­tik heißt in den der­zei­ti­gen Ver­ei­nig­ten Staa­ten Kon­fron­ta­ti­ons­po­li­tik. Und so gilt für bei­de Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten, was der amtie­ren­de US-Außen­mi­nis­ter Micha­el Pom­peo als Stoß­rich­tung kund­tat: »Die freie Welt muß über die­se neue Tyran­nei triumphieren.«

Nun gilt seit über ein­hun­dert Jah­ren die Devi­se, daß man sich in höchs­te Alarm­be­reit­schaft ver­set­zen soll­te, wenn sei­tens des Impe­ri­ums ein bestimm­ter Staat als »Tyran­nei« denun­ziert und an die Ent­schlos­sen­heit einer soge­nann­ten frei­en Welt appel­liert wird. Chi­na wird, als geschichts­po­li­tisch bewan­der­te Nati­on, ent­spre­chen­de pro­pa­gan­dis­ti­sche Zurüs­tung ein­ord­nen kön­nen. Für Deutsch­land und Euro­pa gilt es dies­be­züg­lich Wach­sam­keit an den Tag zu legen, sich nicht – erneut – in trans­at­lan­ti­scher Nibe­lun­gen­treue auf die fal­sche Sei­te im Rah­men eines geo­po­li­ti­schen und geo­öko­no­mi­schen Rin­gens zu schlagen.

Daß just die­se Kon­stel­la­ti­on denk­bar ist, liegt – neben vie­len poli­ti­schen Fak­to­ren – auch an der anhal­ten­den Dele­gi­ti­mie­rung des chi­ne­si­schen Son­der­wegs in den mei­nungs­prä­gen­den deut­schen Medi­en. Eine Aus­nah­me stellt nun die Streit­schrift des Bre­mer Volks­wirt­schaft­lers Wolf­ram Els­ner dar. Das chi­ne­si­sche Jahr­hun­dert ist das fun­dier­te, kämp­fe­ri­sche Gegen­stück zu Kai Stritt­mat­ters Chi­na-Ver­dam­mung Die Neu­erfin­dung der Dik­ta­tur (vgl. Sezes­si­on 88):

Fun­diert, weil der Chi­na-Ken­ner Els­ner Fak­ten, Daten, Fall­bei­spie­le und Trends zusam­men­trägt, die ein in deut­scher Sach- und Fach­li­te­ra­tur bei­spiel­lo­ses Pan­ora­ma der gegen­wär­ti­gen (und künf­ti­gen) VR erge­ben. Kämp­fe­risch, weil Els­ner mit sei­nen eige­nen Stand­punk­ten offen­siv umgeht.

Er läßt es sich anmer­ken, daß er genug hat von der »links­li­be­ra­len deut­schen Intel­li­gent­sia mit ihrem Wer­te­ab­so­lu­tis­mus«, von moral­po­li­ti­schen Exzes­sen und Chi­na-Bashing. Chi­nas Weg sei mit unse­ren alt­vä­te­risch wir­ken­den wie neo­li­be­ral aus­staf­fier­ten Schub­la­den nicht zu begrei­fen, denn dort ent­stün­de »etwas völ­lig Neu­es im Ver­hält­nis von Staat und Markt«.

Gewiß: Auf das sprach­li­che Chan­gie­ren zwi­schen Kampf­schrift und aka­de­mi­scher Erör­te­rung muß man sich ein­las­sen kön­nen, und daß Els­ner die bizar­re Gen­der­stern­schreib­wei­se prak­ti­ziert, kann allen­falls mit rest­lin­ken Anwand­lun­gen ent­schul­digt werden.

Unge­ach­tet die­ser Ein­wän­de gelingt es ihm bemer­kens­wert, Wis­sen zu ver­mit­teln: Ob Ener­gie­po­li­tik oder öko­lo­gi­sche Pro­blem­stel­lun­gen, sozia­le Ver­hält­nis­se oder öko­no­mi­sche Pro­zes­se, Indus­trie­po­li­tik oder Finanz­sys­tem, Ban­ken­struk­tur oder tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tio­nen – das ist ein Chi­na-Rea­der am Puls der Zeit. Beein­druckt zeigt er sich ins­be­son­de­re von der Mix­tur ver­schie­dens­ter Eigen­tums- und Unter­neh­mens­for­men (von Staats­be­trie­ben über den wach­sen­den Mit­tel­stand bis zu Klein­un­ter­neh­men), die sich ergän­zen und zu pro­duk­ti­vem Wett­be­werb führen.

Indi­vi­du­el­le Wirt­schafts­tä­tig­keit sehe sich dabei geför­dert, Unter­neh­mer erhal­ten jene Unter­stüt­zung, die sie benö­ti­gen, und bereits über eine Mil­li­on (Dollar-)Millionäre in der Volks­re­pu­blik zei­gen, daß pri­va­te Reich­tums­bil­dung mög­lich ist. Was indes nicht zur Dis­po­si­ti­on ste­he, sei das Pri­mat der Politik.

Die­ses sehe unter ande­rem vor, daß Unter­neh­mer zwar indi­vi­du­ell reich wer­den kön­nen, aus den Pro­fi­ten aber kon­stant und über­dies situa­tiv Abga­ben für die flä­chen­de­cken­de Gewäh­rung von Gemein­schafts­gü­tern dar­brin­gen müs­sen. Els­ner nennt dies die Effi­zi­enz garan­tie­ren­de »Sozia­li­sie­rung von Pro­fit­an­tei­len«, die eben­so­we­nig unter­mi­niert wer­den dür­fe wie Inter­es­sen von Volk und Nati­on an sich, wel­che – und die­sen Pro­zeß rela­ti­viert Els­ner ein wenig – durch die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei arti­ku­liert werden.

Die chi­ne­si­schen Kapi­ta­lis­ten sei­en somit poli­tisch ent­eig­net, nicht aber öko­no­misch; zudem müs­sen sie in ihrem Wirt­schafts­be­trieb hohe Lohn­stei­ge­run­gen eben­so akzep­tie­ren wie wach­sen­de Sozi­al­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen, Ver­bes­se­run­gen der Arbeits­be­din­gun­gen und staat­lich ange­wie­se­ne Ände­run­gen in der Produktion.

Der Markt sei für Chi­nas Regie­rung »das Instru­ment der Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung im Inter­es­se einer lang­fris­ti­gen natio­na­len und sozia­len Ent­wick­lung«, nie aber »Selbst­zweck«, denn: »Staat und Gesell­schaft haben sich nicht dem Markt anzu­pas­sen, son­dern umgekehrt.«

Els­ner wischt in die­sem Sin­ne schlag­fer­tig das Gros gän­gi­ger China-»Narrative« bei­sei­te: weder Kapi­ta­lis­mus noch Kom­mu­nis­mus, weder »Sta­Mo­Kap« noch »kon­ser­va­ti­ver natio­na­ler Sozia­lis­mus« (Peter Kunt­ze). Es domi­nie­re eine »sys­te­mi­sche Viel­falt und Kom­ple­xi­tät«, die jede apo­dik­ti­sche Kate­go­ri­sie­rung unmög­lich mache, wobei Els­ner abschlie­ßend den Ter­mi­nus »markt­wirt­schaft­li­cher Sozia­lis­mus« als mög­li­che Annä­he­rung zu akzep­tie­ren bereit ist.

Wel­chen Namen man die­ser illi­be­ra­len, sou­ve­rä­nis­ti­schen und im bes­ten Sin­ne poli­ti­schen Ein­he­gung des Kapi­tals auch geben möge – ent­schei­dend ist, daß Deutsch­land und Euro­pa mit dem chi­ne­si­schen Weg nicht kol­li­die­ren müssen.

Es sei denn, man sti­li­siert sich ein­mal mehr als Appen­dix der »frei­en Welt« und ihres Zentrums.

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Das chi­ne­si­sche Jahr­hun­dert von Wolf­ram Els­ner kann man hier bestel­len. 

Wolf­ram Els­ner: Das chi­ne­si­sche Jahr­hun­dert. Die neue Num­mer eins ist anders, Frank­furt a. M.: Westend Ver­lag 2020. 384 S., 24 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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