1. Oktober 2020

Florian Huber: Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland

Nils Wegner

Florian Huber: Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland, Berlin: Berlin Verlag 2020. 288 S., 24 €

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Der Historiker Florian Huber, Jahrgang 1967, scheint insbesondere auf Spät- und Nachkriegsthemen abonniert: Seine Dissertation beschäftigte sich mit der britischen Reeducation in Deutschland beim Lizenzfunk NWDR. Daß Huber in der Folge bei dessen Nachfolger NDR als Redakteur einstieg, gehört zu den vielen bedenkenswerten Details im Zusammenspiel von Autor und Werk – man hat ihn dort bis heute nicht vergessen, siehe unten.
Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes veröffentlichte Huber 2015 Kind, versprich mir, daß du dich erschießt, einen niederschmetternden Blick auf die Mikroebene des Dritten Reichs in Agonie. Das Buch bildet einen kleinen Ausschnitt all der ungezählten Schicksale ab, deren katastrophale Enden durch das eilige offiziöse Anschmiegen an die »Befreier« in West- wie Mitteldeutschland bis heute einer kollektiven Erinnerung entzogen bleiben und gegenüber den Opferstatusansprüchen kunterbunter Randgruppen und Minderheiten wohl noch bis auf weiteres unsichtbar bleiben werden. Die üblichen Verständnisfloskeln etwa für massenvergewaltigende Rotarmisten ließ er aber keineswegs aus.
Im Folgebuch, Hinter den Türen warten die Gespenster, wurde zusätzlich die Tendenz des Autors zur publikumsgerechten, »flotten« Schreibweise auf Kosten manch korrekter Darstellungen sehr deutlich. Allerdings sollte dem Leser klar sein, daß heutige Publikationen zu sensiblen Themen maximal aufgrund des Quellenmaterials lesenswert sind und es zu ignorieren gilt, wenn der jeweilige Autor sich zum Zeitgeistkotau anschickt.
Was hat es zu bedeuten, daß das Werbesprüchlein des vorliegenden Buchs von Panorama-Betroffenheitsemitter und NDR-Innen­politik-Redakteurin Anja »Propaganja« Reschke kommt? Nun, 100 Jahre nach dem dilettantischen Kapp-Putsch (vgl. das Staatspolitische Handbuch Deutsche Daten), hat Huber sich einem weniger verdienstvollen Thema zugewandt: Um die »Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland« soll es gehen.
Kein semantischer Lapsus: Huber zieht nicht nur die Traditionslinie von der Marinebrigade Ehrhardt über die nebulöse »Organisation Consul« bis hin zum »NSU«, sondern sieht auch in den Anschlägen von Oslo / Utøya 2011 und Christchurch 2019 den deutschen »Exportschlager« Rechtsterrorismus am Werk. Genauso parallelisiert er den (falsch datierten) Kapp-Putsch mit PEGIDA, das Trio Helfferich /Hindenburg / Ludendorff mit Höcke / ­Däbritz / Bachmann und die Uniformierung Korvettenkapitän Ehrhardts mit der von Anders Breivik. Damit und mit dem Quellenverzeichnis sind bereits 50 Seiten des Buchs dahin.
Im Rest leitet Huber seine Kurzviten der bekannten O. C.-Granden mit einem Zitat Alexander Gaulands ein, um dessen Heimatbegriff mit dem der »Verlierer« (und verurteilten Mörder) in eins zu setzen, huldigt dem 1922 erschossenen »vielgesichtigen« Walther Rathenau und sieht sich von der AfD – klar – an die parlamentarische Rechte der Weimarer Republik erinnert.
Sein Fazit? »Diese letzten Deutschen sterben nicht aus.« Als Kundschaft abgeschöpft glaubt Huber sie aber, sonst hätte er seinen historiographischen Abstecher auf weniger ausgetretene Pfade kaum mit einem solchen Türknallen beendet. Die Literaturzitate von Salomons Die Geächteten über Heinz’ Die Nation greift an bis hin zu Jüngers Der Kampf um das Reich werden jedoch viele Neuinteressierte zu den leicht verfügbaren Nachdrucken greifen lassen. Und wer einen sachlichen Blick auf die O.C. sucht, der findet die Studien von Gabriele Krüger und Martin Sabrow in jeder Universitätsbibliothek. Ganz ohne Staatsfunk-Stallgeruch.

Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland kann man hier bestellen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.


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