1. Oktober 2020

Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch

Ellen Kositza

Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch, Hamburg: Rowohlt Verlag 2020. 224 S., 22 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Vor zweieinhalb Jahren hatte ich an dieser Stelle Ijoma Mangolds lesenswerte frühe (er ist Jahrgang 1971) Autobiographie Das deutsche Krokodil vorgestellt. Mangold ist Literaturkritiker der Zeit; Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters. Gemessen am veröffentlichten Zeitgeist dürfte er wohl als Liberalkonservativer gelten. Das ist keineswegs unsympathisch, wenn auch nur, wo man anrechnet, daß er genau dieser meinungsbildenden Blase entstammt. Sein neues, wieder sehr unterhaltsames Buch bedient sich eines dankbaren Formats: Mangold hat zwischen September 2019 und April 2020 ein »politisches Tagebuch« geführt. Er reflektiert sich; seine spontanen Gedanken, Bedingtheiten und Meinungen – nicht ohne zu bedenken, was es bedeutet, sich heute stets selbst »reflektieren« zu müssen, also schauen zu müssen, was man wie und wo äußert und wessen Gefühle man dabei möglicherweise verletzen könnte. Und zwar als bundesdeutscher, intellektueller, meinungsprägender älterer – und hier eben nichtweißer! – Mann. Es geht um Moralismus, Sprachge- und -verbote, um den Vor- und Nachteil, im allgemeinen Gesäusel den Widerpart geben zu dürfen. Mangold geriert sich als einer, der aus reinem Trotz (er kann nicht raus aus dieser Charaktereigenschaft) stets wider den Stachel löckt. Er tut das glaubhaft. (Der Gedanke, daß seine Rolle als reaktionärer Widerborst etwas mit einem »black privilege« zu tun haben könnte, kommt ihm höchstens implizit. Das macht nichts.) Er zitiert, voll im Bewußtsein, damit ein böser Bub zu sein, vielfach Carl Schmitt. Er reproduziert Erkenntnisse, die er namentlich auf Sezession.de aufgeschnappt hat. Er stellt sich dar als einen, der dauernd und grundsätzlich »audiatur et altera pars« befolgt. Sympathisch ist dabei, daß er auch diese Eigenschaft – »alle« hören zu wollen und sich das auf die Fahnen zu schreiben – kritisch und schön selbstironisch beäugt. Grundton: Wir alle halten uns für reine Seelen oder wenigstens gute Menschen. Wenn nur die anderen nicht so borniert wären! »Über die Affekte der anderen sind wir meist viel besser im Bild als über die anderen.« Das trifft die »gespaltene Gesellschaft« ganz gut. Mangold verdeutlicht das Dilemma des guten Menschen anhand vieler Beispiele. Er selbst hält sich etwa keinesfalls für misogyn. Gleichzeitig ist ihm bewußt, daß das Sich-wofür-auch-immer-Halten rein gar nichts aussagt. Vielleicht ist so einer es ja erst recht? »Sagen wir es so: Jeder muss in diesem Leben schauen, wie er es schafft, auf ein Plateau zu kraxeln, von dem aus er auf die anderen herabschauen kann.« Schön ist das Beispiel Trump. Alle (der Autor hat, abgesehen von einem Arbeitsaufenthalt auf Föhr anno 2016, wo er mal unters »Volk« geriet, ausschließlich mit Rechtsanwältinnen, Journalisten, Politkern, Opernsängerinnen, »Kreativen« und gretagläubigen scheinheiligen Vielfliegern, also dem juste milieu zu tun – was er für die Normalität hält) sind fanatisch gegen Trump. Mangold wäre gern dagegen. Ihm fällt aber beim besten Willen kein Argument ein. Er verabscheut den Typen. Dann meldet sich Steve, ein schillernd katholisch-reaktionärer Investmentbanker, den er 1990 kennengelernt und seither aus den Augen verloren hatte. Steve ist pro-Trump. Mangold graut vor dem Treffen. Steve aber ist sympathisch wie damals. Er knallt Mangold eine gute Handvoll pro-Trump-Argumente vor den Latz. Da geht nun unserem kritischen Bundesdeutschen »langsam die Puste aus«! Er erfährt Fakten, von denen im deutschen Mainstream komischerweise nie zu hören war. Ulkig, nicht? Eine der besten Stellen ist der Tag im September, wo Mangold schildert, wie er sich wieder von einem Experten »frisch einnorden« ließ und einmal mehr Abschied von »liebgewonnen Wahrheiten« nahm. Aber: »Je mehr ich mich zeitlich und räumlich von meinem Bekannten entferne, desto schwächer wird sein Einfluß – und nach einigen Tagen bin ich wieder der Alte. Manchmal kommt sogar der Punkt, wo ich sage: ›Ich komme gegen seine Argumente zwar nicht an, aber seine Position entspricht mir einfach nicht.‹ Interessanterweise komme ich mir dabei keineswegs wie ein irrationaler Fanatiker vor, sondern denke mir: Politik hat mit Präferenzen zu tun, die nie vollständig aufzuklären sind.« Das nun scheint mir die reine Wahrheit zu sein. Nebenbei: Mangold beharrt darauf, daß Merkel einen IQ hat, »von dem wir alle nur träumen können.« Dieses Buch ist oft auch nur komisch.
Was – selbst für jemanden, der sich keineswegs als Sprachpurist versteht – nervtötend ist an diesem Buch (und es zeigt, wie sehr sein Autor bemüht ist, auf der Höhe der Zeit zu argumentieren), sind die vieldutzendfach eingestreuten kursivierten Anglizismen: for the very first time oder every now and then sind nun nicht so originelle Wendungen, daß man sie unbedingt englisch vermitteln müßte. In seiner Schulzeit, so schrieb Mangold einst selbst, galt er als »Labertasche«. Man kann dieses strenge Verdikt noch heute nachvollziehen. Immerhin: eine ehrliche und amüsante.

Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch von Ijoma Mangold kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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