Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch

Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch, Hamburg: Rowohlt Verlag 2020. 224 S., 22 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Vor zwei­ein­halb Jah­ren hat­te ich an die­ser Stel­le Ijo­ma Man­golds lesens­wer­te frü­he (er ist Jahr­gang 1971) Auto­bio­gra­phie Das deut­sche Kro­ko­dil vor­ge­stellt. Man­gold ist Lite­ra­tur­kri­ti­ker der Zeit; Sohn einer schle­si­schen Mut­ter und eines nige­ria­ni­schen Vaters. Gemes­sen am ver­öf­fent­lich­ten Zeit­geist dürf­te er wohl als Libe­ral­kon­ser­va­ti­ver gel­ten. Das ist kei­nes­wegs unsym­pa­thisch, wenn auch nur, wo man anrech­net, daß er genau die­ser mei­nungs­bil­den­den Bla­se ent­stammt. Sein neu­es, wie­der sehr unter­halt­sa­mes Buch bedient sich eines dank­ba­ren For­mats: Man­gold hat zwi­schen Sep­tem­ber 2019 und April 2020 ein »poli­ti­sches Tage­buch« geführt. Er reflek­tiert sich; sei­ne spon­ta­nen Gedan­ken, Bedingt­hei­ten und Mei­nun­gen – nicht ohne zu beden­ken, was es bedeu­tet, sich heu­te stets selbst »reflek­tie­ren« zu müs­sen, also schau­en zu müs­sen, was man wie und wo äußert und wes­sen Gefüh­le man dabei mög­li­cher­wei­se ver­let­zen könn­te. Und zwar als bun­des­deut­scher, intel­lek­tu­el­ler, mei­nungs­prä­gen­der älte­rer – und hier eben nicht­wei­ßer! – Mann. Es geht um Mora­lis­mus, Sprach­ge- und ‑ver­bo­te, um den Vor- und Nach­teil, im all­ge­mei­nen Gesäu­sel den Wider­part geben zu dür­fen. Man­gold geriert sich als einer, der aus rei­nem Trotz (er kann nicht raus aus die­ser Cha­rak­ter­ei­gen­schaft) stets wider den Sta­chel löckt. Er tut das glaub­haft. (Der Gedan­ke, daß sei­ne Rol­le als reak­tio­nä­rer Wider­borst etwas mit einem »black pri­vi­le­ge« zu tun haben könn­te, kommt ihm höchs­tens impli­zit. Das macht nichts.) Er zitiert, voll im Bewußt­sein, damit ein böser Bub zu sein, viel­fach Carl Schmitt. Er repro­du­ziert Erkennt­nis­se, die er nament­lich auf Sezession.de auf­ge­schnappt hat. Er stellt sich dar als einen, der dau­ernd und grund­sätz­lich »audia­tur et alte­ra pars« befolgt. Sym­pa­thisch ist dabei, daß er auch die­se Eigen­schaft – »alle« hören zu wol­len und sich das auf die Fah­nen zu schrei­ben – kri­tisch und schön selbst­iro­nisch beäugt. Grund­ton: Wir alle hal­ten uns für rei­ne See­len oder wenigs­tens gute Men­schen. Wenn nur die ande­ren nicht so bor­niert wären! »Über die Affek­te der ande­ren sind wir meist viel bes­ser im Bild als über die ande­ren.« Das trifft die »gespal­te­ne Gesell­schaft« ganz gut. Man­gold ver­deut­licht das Dilem­ma des guten Men­schen anhand vie­ler Bei­spie­le. Er selbst hält sich etwa kei­nes­falls für miso­gyn. Gleich­zei­tig ist ihm bewußt, daß das Sich-wofür-auch-immer-Hal­ten rein gar nichts aus­sagt. Viel­leicht ist so einer es ja erst recht? »Sagen wir es so: Jeder muss in die­sem Leben schau­en, wie er es schafft, auf ein Pla­teau zu kra­xeln, von dem aus er auf die ande­ren her­ab­schau­en kann.« Schön ist das Bei­spiel Trump. Alle (der Autor hat, abge­se­hen von einem Arbeits­auf­ent­halt auf Föhr anno 2016, wo er mal unters »Volk« geriet, aus­schließ­lich mit Rechts­an­wäl­tin­nen, Jour­na­lis­ten, Polit­kern, Opern­sän­ge­rin­nen, »Krea­ti­ven« und gre­ta­gläu­bi­gen schein­hei­li­gen Viel­flie­gern, also dem jus­te milieu zu tun – was er für die Nor­ma­li­tät hält) sind fana­tisch gegen Trump. Man­gold wäre gern dage­gen. Ihm fällt aber beim bes­ten Wil­len kein Argu­ment ein. Er ver­ab­scheut den Typen. Dann mel­det sich Ste­ve, ein schil­lernd katho­lisch-reak­tio­nä­rer Invest­ment­ban­ker, den er 1990 ken­nen­ge­lernt und seit­her aus den Augen ver­lo­ren hat­te. Ste­ve ist pro-Trump. Man­gold graut vor dem Tref­fen. Ste­ve aber ist sym­pa­thisch wie damals. Er knallt Man­gold eine gute Hand­voll pro-Trump-Argu­men­te vor den Latz. Da geht nun unse­rem kri­ti­schen Bun­des­deut­schen »lang­sam die Pus­te aus«! Er erfährt Fak­ten, von denen im deut­schen Main­stream komi­scher­wei­se nie zu hören war. Ulkig, nicht? Eine der bes­ten Stel­len ist der Tag im Sep­tem­ber, wo Man­gold schil­dert, wie er sich wie­der von einem Exper­ten »frisch ein­nor­den« ließ und ein­mal mehr Abschied von »lieb­ge­won­nen Wahr­hei­ten« nahm. Aber: »Je mehr ich mich zeit­lich und räum­lich von mei­nem Bekann­ten ent­fer­ne, des­to schwä­cher wird sein Ein­fluß – und nach eini­gen Tagen bin ich wie­der der Alte. Manch­mal kommt sogar der Punkt, wo ich sage: ›Ich kom­me gegen sei­ne Argu­men­te zwar nicht an, aber sei­ne Posi­ti­on ent­spricht mir ein­fach nicht.‹ Inter­es­san­ter­wei­se kom­me ich mir dabei kei­nes­wegs wie ein irra­tio­na­ler Fana­ti­ker vor, son­dern den­ke mir: Poli­tik hat mit Prä­fe­ren­zen zu tun, die nie voll­stän­dig auf­zu­klä­ren sind.« Das nun scheint mir die rei­ne Wahr­heit zu sein. Neben­bei: Man­gold beharrt dar­auf, daß Mer­kel einen IQ hat, »von dem wir alle nur träu­men kön­nen.« Die­ses Buch ist oft auch nur komisch.
Was – selbst für jeman­den, der sich kei­nes­wegs als Sprach­pu­rist ver­steht – nerv­tö­tend ist an die­sem Buch (und es zeigt, wie sehr sein Autor bemüht ist, auf der Höhe der Zeit zu argu­men­tie­ren), sind die viel­dut­zend­fach ein­ge­streu­ten kur­si­vier­ten Angli­zis­men: for the very first time oder every now and then sind nun nicht so ori­gi­nel­le Wen­dun­gen, daß man sie unbe­dingt eng­lisch ver­mit­teln müß­te. In sei­ner Schul­zeit, so schrieb Man­gold einst selbst, galt er als »Laber­ta­sche«. Man kann die­ses stren­ge Ver­dikt noch heu­te nach­voll­zie­hen. Immer­hin: eine ehr­li­che und amüsante.

Der inne­re Stamm­tisch. Ein poli­ti­sches Tage­buch von Ijo­ma Man­gold kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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