1. Oktober 2020

Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches

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Eine Rezension von Olaf Haselhorst

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Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches, München: Verlag C. H. Beck 2020. 317 S., 24 €

Spätestens seit Walter Kempowskis Werk Echolot finden Darstellungen zu historischen Ereignissen, die auf Zeitzeugenaussagen beruhen, beim Publikum ein reges Interesse. Zitate aus Tagebüchern, Briefen, Erinnerungen, Dokumenten, Befehlen usw. geben einen authentischen Einblick in das Denken und Fühlen der Menschen in ihrer Zeit mit allen ihren Widersprüchen und mit für Nachgeborene mitunter schockierenden Einsichten und Beobachtungen. Wo aber der Schriftsteller Kempowski die Selbstzeugnisse nicht kommentiert und Schlußfolgerungen allein dem Leser überläßt, muß der Historiker Volker Ullrich das Vorgefundene im Sinne einer zeitgemäßen Interpretation lenkend kommentieren und einordnen. Der Autor läßt in seinem Buch die letzte Woche des Dritten Reiches Revue passieren. Was er präsentiert, ist nicht neu, vielmehr schöpft er aus der umfangreichen Erinnerungsliteratur, die nach 1945 erschienen ist. Wer sich für das Thema interessiert, hat alles irgendwo schon mal gelesen. Trotzdem ist Ullrichs Darstellung flüssig und spannend. Problematisch sind jedoch manche Einlassungen des Verfassers. Irritierend ist der Versuch, russische Kriegsverbrechen beim Einmarsch in Deutschland mit Verweis auf vorangegangene deutsche Verbrechen in Rußland zu relativieren. Wiederholt betont der Autor das angeblich weit verbreitete Wissen der Deutschen um die Verbrechen des NS-Regimes, dies jedoch immer ohne Quellenbeleg. Als Kronzeuge dient ihm die von Hannes Heer kuratierte Wehrmacht-Ausstellung von 1995 / 2001. Heer allerdings konnte seine These von der »verbrecherischen Wehrmacht« nicht beweisen, seine auf »Legenden, Gerüchten und Fehlurteilen« (Stefan Scheil) beruhende Schau mußte nach massiven Protesten und harscher Kritik vor allem von ausländischen Fachleuten (Bogdan Musiał, Krisztián Ungváry) geschlossen werden. Ihre »Welttournee« wurde abgeblasen, das Material eingemottet. Unverständlich sind die vielen Widersprüche: Massenvergewaltigungen durch Siegertruppen erklärten sich durch den vorangegangenen Besatzungsterror der Deutschen. Woraus die besondere Brutalität marokkanischer Verbände der Franzosen beim Einmarsch in Baden und Württemberg resultiert, wo doch Französisch-Marokko nie von der Wehrmacht besetzt worden war, erläutert der Autor nicht. Überhaupt seien viele Verbrechen der Sieger aus einer »Feierlaune« heraus geschehen oder als eine Art »gerechter Zorn« zu verstehen. Einerseits brachte erst die Niederlage die NS-Massenverbrechen ans Tageslicht, wenige Zeilen weiter wird dann behauptet, daß fast alle Deutschen etwas davon gewußt hätten. Ullrich schreibt richtig, daß am 7. / 8. Mai 1945 die Wehrmacht, an anderen Stellen jedoch fälschlicherweise, daß Deutschland bedingungslos kapituliert habe. Karl Dönitz trage als neuer Reichspräsident die Hauptverantwortung dafür, den Krieg um eine opferreiche Woche verlängert zu haben, andererseits sei es ihm gelungen, in der Zeit durch forcierte Rückführung über die Ostsee rund drei Millionen Menschen dem Zugriff der Sowjets zu entziehen. Im Abschnitt über die durch britische Jagdbomber am 3. Mai 1945 versenkten, mit KZ-Häftlingen vollgestopften Schiffe »Cap Arkona«, »Thielbek« und »Athen« erfährt der Leser nicht, daß die Fahrzeuge mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet waren und die verzweifelten Passagiere mit weißen Tüchern auf sich aufmerksam gemacht hatten. Die Verhaftung der »Regierung Dönitz« verlief unter weit entwürdigenderen Umständen als geschildert. Nach dem Befehl »Hände hoch« folgte »Hosen herunter!«, und die höchst peinliche Leibesvisitation vollzog sich für Offiziere und Sekretärinnen coram publico. Uhren, Wertgegenstände, Radios, Orden- und Ehrenzeichen wurden dabei unter den Augen der Eigentümer entwendet. Generaloberst Jodl prägte dafür die Bezeichnung »organisierte Plünderung«. Der Rezensent rät: Wer sich über die Endphase des Krieges informieren möchte, greife besser zu Kempowskis authentischer und unkommentierter Text-Collage Abgesang.

Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches von Volker Ullrich kann man hier bestellen.


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