1. Oktober 2020

Friedrich Burschel (Hrsg.): Das faschistische Jahrhundert.

Benedikt Kaiser

Friedrich Burschel (Hrsg.): Das faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus, Berlin: Verbrecher Verlag 2020. 258 S., 19 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der Autor vorliegender Zeilen scheut den »Blick nach links« nicht. Ob wissenschaftliche Studien, akademische Diskussionsbände, pointierte Streitschriften oder zugespitzte Propagandathesen; ob aus linkskommunitaristischer, orthodox marxistischer, postmarxistischer, ideologiekritischer oder identitätspolitischer Feder – kein Buch, das nicht einige Erkenntnisse bereithielte, mit denen man differenziert arbeiten und auf ­Basis ­derer man weiterdenken könnte. Diese ausufernde Vorbemerkung hat ihren Grund: Der Autor gerät bei dem vorliegenden Sammelband Das faschistische Jahrhundert an seine Schmerzgrenze. Die nachhallende Verwirrung setzt unmittelbar bei der Lektüre des ausführlichen Vorwortes des Historikers Friedrich Burschel ein. Der Berliner Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung (zuständig für »Neonazismus«) meint in einer bis dato unerreicht hysterischen Art und Weise, das Vierte Reich herbeischreiben zu müssen. Hoch ironisch ist es, daß er den Autoren des von ihm herausgegebenen Sammelbandes eigentlich die maßgebende Legitimation abspricht, indem er ihnen ihren fachlichen Boden unter den Füßen entzieht. Diesen geht es in ihren Beiträgen um Analyse, Kontinuität und Destruktion faschistischer Theoriebausteine, die in der Neuen Rechten hegemonial seien. Nur zitiert Burschel eben zustimmend seinen RLS-Kollegen Alex Demirović, daß es gar keine »Theorieproduktion faschistischer Denker« gebe, da alle »Elemente« der Weltsicht der Faschisten als »wahnhaft« zu klassifizieren sind. Er nennt Themen wie »Volk«, »Nation« oder »Abendland« als Beleg für dieses Denken im Wahn. Es handle sich, so weiter im vielsagenden Langzitat Demirovićs, noch nicht mal um politische Ansätze, sondern um »intellektuelle Gewalt, um Terror«. Und Burschel schließt, daß das, was die Autoren nachfolgend ausführlich sezieren, in diesem Sinne keine Theorie sei, sondern eine Sache, die »einen deutlichen Blutgeruch mit sich führt und den Massenmord in sich trägt«. Der Wahnvorwurf, der kurz vorher zur anvisierten Demontage der radikalen wie Neuen Rechten in Stellung gebracht wurde, fällt so gut sichtbar wie mit voller Wucht auf die Urheber zurück, die sich in der letzten Abwehrschlacht gegen neofaschistische FDP-Kurzzeitministerpräsidenten und (inexistente) omnipräsente Nazischlägerhorden wähnen.
Daß Roger Griffin (»Der ‚nationale Sozialismus’ des Faschismus«) und Felix Schilk (»Die soziale Frage als Ordnungsproblem«), die, trotz aller angebrachter inhaltlicher Anfechtungen, fraglos ein Gespür für ideenhistorische Zusammenhänge und gelehrte »Diskursanalysen« einbringen, sich für einen entsprechenden Band hergeben, ist irritierend. Dagegen wäre Volkmar Wölks zwar informations- und quellenreicher Beitrag (»Alter Faschismus in neuen Schläuchen?«) über europapolitische Volten der radikalen und Neuen Rechten, der neben zweifelhaften ideologischen Wertungen kleinere Logikfehler enthält, keiner Rede wert, wenn er nicht en passant einen prototypischen Zirkelschluß preisgeben würde, der sinnbildlich für antifaschistische Faschismustheorien steht und – zugespitzt – so aussieht: Die Neue Rechte bekennt sich zum Faschismus, indem sie offen Faschisten zitiert, und zugleich versucht die Neue Rechte, das Bekenntnis zum Faschismus arglistig zu verschleiern, indem sie sich einfach nicht offen auf Faschisten berufen mag (weshalb es sicherlich noch stattlicherer Förderungen für antifaschistische Rechercheure bedürfte?).
Eine enervierte Form der Erschlaffung stellt sich beim Leser schließlich dann ein, wenn Natascha Strobl und Julian Bruns das »Verhältnis der Identitären und der Neuen Rechten« darzulegen beabsichtigen und angesichts ihres absonderlichen Niveaus nicht über den Umstand hinaus kommen, das Antaios-Verlagsprogramm (fehlerhaft, denn Marx von rechts erschien bei Jungeuropa) oder die IfS-Referentenliste zu rekapitulieren. (Die Gemeinsamkeit zwischen Identitären und »Schnellroda« liege übrigens im gemeinsamen Gebrauch des Schuldkultmythos.)
Legt man Das faschistische Jahrhundert aus der Hand, ist man nicht klüger. Man weiß nicht einmal, weshalb dieser Erwartungen weckende Titel gewählt wurde. Zweifelsohne, man hat Stunden seiner wertvollen Lesezeit mit einem Blick nach links vergeudet, der den Zustand des gegenwärtigen Denkvermögens bestimmter »gehypter« Strömungen des linken Lagers schonungslos offenlegt.

Das faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus von Friedrich Burschel (Hrsg.) kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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