Friedrich Burschel (Hrsg.): Das faschistische Jahrhundert.

Friedrich Burschel (Hrsg.): Das faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus, Berlin: Verbrecher Verlag 2020. 258 S., 19 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der Autor vor­lie­gen­der Zei­len scheut den »Blick nach links« nicht. Ob wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en, aka­de­mi­sche Dis­kus­si­ons­bän­de, poin­tier­te Streit­schrif­ten oder zuge­spitz­te Pro­pa­gan­dathe­sen; ob aus links­kom­mu­ni­ta­ris­ti­scher, ortho­dox mar­xis­ti­scher, post­mar­xis­ti­scher, ideo­lo­gie­kri­ti­scher oder iden­ti­täts­po­li­ti­scher Feder – kein Buch, das nicht eini­ge Erkennt­nis­se bereit­hiel­te, mit denen man dif­fe­ren­ziert arbei­ten und auf ­Basis ­derer man wei­ter­den­ken könn­te. Die­se aus­ufern­de Vor­be­mer­kung hat ihren Grund: Der Autor gerät bei dem vor­lie­gen­den Sam­mel­band Das faschis­ti­sche Jahr­hun­dert an sei­ne Schmerz­gren­ze. Die nach­hal­len­de Ver­wir­rung setzt unmit­tel­bar bei der Lek­tü­re des aus­führ­li­chen Vor­wor­tes des His­to­ri­kers Fried­rich Bur­schel ein. Der Ber­li­ner Mit­ar­bei­ter der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung (zustän­dig für »Neo­na­zis­mus«) meint in einer bis dato uner­reicht hys­te­ri­schen Art und Wei­se, das Vier­te Reich her­bei­schrei­ben zu müs­sen. Hoch iro­nisch ist es, daß er den Autoren des von ihm her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­ban­des eigent­lich die maß­ge­ben­de Legi­ti­ma­ti­on abspricht, indem er ihnen ihren fach­li­chen Boden unter den Füßen ent­zieht. Die­sen geht es in ihren Bei­trä­gen um Ana­ly­se, Kon­ti­nui­tät und Destruk­ti­on faschis­ti­scher Theo­rie­bau­stei­ne, die in der Neu­en Rech­ten hege­mo­ni­al sei­en. Nur zitiert Bur­schel eben zustim­mend sei­nen RLS-Kol­le­gen Alex Demi­ro­vić, daß es gar kei­ne »Theo­rie­pro­duk­ti­on faschis­ti­scher Den­ker« gebe, da alle »Ele­men­te« der Welt­sicht der Faschis­ten als »wahn­haft« zu klas­si­fi­zie­ren sind. Er nennt The­men wie »Volk«, »Nati­on« oder »Abend­land« als Beleg für die­ses Den­ken im Wahn. Es hand­le sich, so wei­ter im viel­sa­gen­den Lang­zi­tat Demi­ro­vićs, noch nicht mal um poli­ti­sche Ansät­ze, son­dern um »intel­lek­tu­el­le Gewalt, um Ter­ror«. Und Bur­schel schließt, daß das, was die Autoren nach­fol­gend aus­führ­lich sezie­ren, in die­sem Sin­ne kei­ne Theo­rie sei, son­dern eine Sache, die »einen deut­li­chen Blut­ge­ruch mit sich führt und den Mas­sen­mord in sich trägt«. Der Wahn­vor­wurf, der kurz vor­her zur anvi­sier­ten Demon­ta­ge der radi­ka­len wie Neu­en Rech­ten in Stel­lung gebracht wur­de, fällt so gut sicht­bar wie mit vol­ler Wucht auf die Urhe­ber zurück, die sich in der letz­ten Abwehr­schlacht gegen neo­fa­schis­ti­sche FDP-Kurz­zeit­mi­nis­ter­prä­si­den­ten und (inexis­ten­te) omni­prä­sen­te Nazisch­lä­ger­hor­den wähnen.
Daß Roger Grif­fin (»Der ‚natio­na­le Sozia­lis­mus’ des Faschis­mus«) und Felix Schilk (»Die sozia­le Fra­ge als Ord­nungs­pro­blem«), die, trotz aller ange­brach­ter inhalt­li­cher Anfech­tun­gen, frag­los ein Gespür für ideen­his­to­ri­sche Zusam­men­hän­ge und gelehr­te »Dis­kurs­ana­ly­sen« ein­brin­gen, sich für einen ent­spre­chen­den Band her­ge­ben, ist irri­tie­rend. Dage­gen wäre Volk­mar Wölks zwar infor­ma­ti­ons- und quel­len­rei­cher Bei­trag (»Alter Faschis­mus in neu­en Schläu­chen?«) über euro­pa­po­li­ti­sche Vol­ten der radi­ka­len und Neu­en Rech­ten, der neben zwei­fel­haf­ten ideo­lo­gi­schen Wer­tun­gen klei­ne­re Logik­feh­ler ent­hält, kei­ner Rede wert, wenn er nicht en pas­sant einen pro­to­ty­pi­schen Zir­kel­schluß preis­ge­ben wür­de, der sinn­bild­lich für anti­fa­schis­ti­sche Faschis­mus­theo­rien steht und – zuge­spitzt – so aus­sieht: Die Neue Rech­te bekennt sich zum Faschis­mus, indem sie offen Faschis­ten zitiert, und zugleich ver­sucht die Neue Rech­te, das Bekennt­nis zum Faschis­mus arg­lis­tig zu ver­schlei­ern, indem sie sich ein­fach nicht offen auf Faschis­ten beru­fen mag (wes­halb es sicher­lich noch statt­li­che­rer För­de­run­gen für anti­fa­schis­ti­sche Recher­cheu­re bedürfte?).
Eine ener­vier­te Form der Erschlaf­fung stellt sich beim Leser schließ­lich dann ein, wenn Nata­scha Stro­bl und Juli­an Bruns das »Ver­hält­nis der Iden­ti­tä­ren und der Neu­en Rech­ten« dar­zu­le­gen beab­sich­ti­gen und ange­sichts ihres abson­der­li­chen Niveaus nicht über den Umstand hin­aus kom­men, das Antai­os-Ver­lags­pro­gramm (feh­ler­haft, denn Marx von rechts erschien bei Jun­g­eu­ro­pa) oder die IfS-Refe­ren­ten­lis­te zu reka­pi­tu­lie­ren. (Die Gemein­sam­keit zwi­schen Iden­ti­tä­ren und »Schnell­ro­da« lie­ge übri­gens im gemein­sa­men Gebrauch des Schuldkultmythos.)
Legt man Das faschis­ti­sche Jahr­hun­dert aus der Hand, ist man nicht klü­ger. Man weiß nicht ein­mal, wes­halb die­ser Erwar­tun­gen wecken­de Titel gewählt wur­de. Zwei­fels­oh­ne, man hat Stun­den sei­ner wert­vol­len Lese­zeit mit einem Blick nach links ver­geu­det, der den Zustand des gegen­wär­ti­gen Denk­ver­mö­gens bestimm­ter »gehyp­ter« Strö­mun­gen des lin­ken Lagers scho­nungs­los offenlegt.

Das faschis­ti­sche Jahr­hun­dert. Neu­rech­te Dis­kur­se zu Abend­land, Iden­ti­tät, Euro­pa und Neo­li­be­ra­lis­mus von Fried­rich Bur­schel (Hrsg.) kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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