Monika Maron (2) – Stellungnahmen

Daß der Verlag S.Fischer Monika Maron nach vierzigjähriger Zusammenarbeit den Stuhl vor die Tür gestellt hat, ist Gegenstand von Stellungnahmen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Die­se Stel­lung­nah­men las­sen sich ein­an­der zusor­tie­ren. Am wenigs­ten inter­es­sant, aber bezeich­nend sind die­je­ni­gen Kom­men­ta­re, die den Rei­ni­gungs­vor­gang im Hau­se Fischer begrü­ßen, mit Hygie­ne­richt­li­ni­en erklä­ren und auf ande­re, noch nicht behan­del­te Fle­cken hin­wei­sen. Wäre die­ses Auf­stö­bern des “Anrü­chi­gen” bloß ein Fim­mel, könn­te man dar­über lachen. Aber es ist kei­ner. Es steckt dahin­ter tat­säch­lich ein Wahn, etwas Wahn­haf­tes, eine eli­mi­na­to­ri­sche Ener­gie, von der wir aus der Geschich­te wis­sen und die sich stets mora­lisch und ins bes­te Gewis­sen zu klei­den wußte.

Die ein­zi­ge Unge­reimt­heit, die sol­che Puri­ta­ner zu ver­kraf­ten haben, ist die, daß sie mit Bedeu­tung auf­la­den, was bloß ein Fleck sein soll­te. Man kann die Stel­lung­nah­men aus die­ser Rich­tung auch im Fall Maron dar­auf­hin ana­ly­sie­ren, wie aus der man­gel­haf­ten Hygie­ne­be­reit­schaft der Schrift­stel­le­rin zugleich ein Dra­ma gemacht, ihr Werk und ihre “Ein­mi­schung” aber als unwe­sent­lich und nicht der Rede wert abge­kan­zelt werden.

Bene­dikt Kai­ser und ich haben über genau die­sen Vor­gang in unse­rer Video-Prä­sen­ta­ti­on der 98. Sezes­si­on einen kur­zen Gag gedreht (hier zu sehen, ab 38.20), der bei Lich­te betrach­tet aber gar nicht so wit­zig ist. Es ging dabei um den hal­ben Meter an Büchern, die in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren über uns erschie­nen sind: Roma­ne, Unter­su­chun­gen, Sze­neschil­de­run­gen, in denen monate‑, jah­re­lan­ge Beschäf­ti­gung mit uns und unse­rer Arbeit ste­cken und in denen den­noch (bis auf weni­ge Aus­nah­men) stets betont wird, wie dürf­tig, unwich­tig, über­schätzt unser Trei­ben doch sei.

Wirk­lich unwich­tig sind doch aber bloß die­je­ni­gen, über die kei­ne Bücher geschrie­ben wer­den und die nie der auf­wen­di­gen Beschäf­ti­gung wert sind, oder irre ich mich? Jeden­falls uns inter­es­siert das offen­sicht­lich Denun­zia­to­ri­sche und Hygie­ne­wahn­sin­ni­ge über­haupt nicht.

Inter­es­sant wird es im Fall Maron erst, wo den Tex­ten eine gewis­se Unsi­cher­heit, ein fei­nes Zit­tern zwi­schen den Zei­len anzu­mer­ken ist. Das muß gar nicht aus­ge­drückt sein, da muß einer gar nicht aus­drück­lich schrei­ben, daß ihm jede Sei­te als die Fal­sche vor­kom­me: die der man­geln­den Distanz zu den Rech­ten eben­so wie die der Treib­jä­ger, der Rudel­jour­nail­le, der Ver­gan­gen­heits­be­wirt­schaf­ter, die allen Erns­tes Maron das wider­stän­di­ge Erbe des S. Fischer Ver­lags vor­ge­legt und sie so in eine Freund-Feind-Lage gestellt haben, bevor sie sie hin­aus­be­för­der­ten: Wir oder die? Moral oder Nazi?

Das scheint mir ja die Hoff­nung der Frei­heits­op­ti­mis­ten zu sein, die sich unter ande­rem rund um das Buch­haus Losch­witz und Susan­ne Dagen sam­meln: daß bei jedem neu­en Fall die Zahl der fein zit­tern­den Stif­te, der auf den Tas­ta­tu­ren unsi­che­rer schrei­ben­den Fin­ger grö­ßer wer­de, weil man Ver­dam­mungs­ge­bot und eige­ne Wahr­neh­mung nicht mehr in Über­ein­stim­mung brin­gen, nicht mehr über­kit­ten könne.

Sol­che nicht aus der Blend-a-Med-Lau­ne der Säu­be­rungs­pu­bli­zis­tik her­aus geschrie­be­nen Tex­te haben manch­mal etwas ver­zwei­felt Wei­ner­li­ches an sich: eine ehr­li­che Regung, eine Prä­sen­ta­ti­on der Unent­schie­den­heit, ein Hän­de­rin­gen. (Bei der Lek­tü­re schwingt Mit­leid mit.)

Aber jetzt: die drit­te Äuße­rungs­form! Sie ist die inter­es­san­tes­te, denn sie setzt gründ­li­ches Nach­den­ken, gold­waa­gen­fei­nes Aus­ba­lan­cie­ren der Wor­te vor­aus. Sie ist dadurch bereits ein Zei­chen, dafür, daß man um die Nähe von Inqui­si­to­ren weiß und ein wenig pfei­fend, ein wenig beflis­sen an ihnen vor­über­zie­hen will – ohne aber dar­auf zu ver­zich­ten, etwas Wider­stand durch rei­ne Geis­tes­macht zu leisten.

Spiel­art 1: Patrick Bah­n­ers in der FAZ vom 23. Okto­ber: “Das Gerücht der rech­ten Lie­fer­ket­te”, hier hin­ter der Bezahl­schran­ke abruf­bar. Der Wert die­ses Tex­tes liegt zum einen in sei­ner Unauf­ge­regt­heit. Bah­n­ers blät­tert Fak­ten auf und pro­to­kol­liert die unge­heu­re Schlam­pig­keit, mit der die Denun­zi­an­ten und die Jam­mern­den vor­ge­hen. Die Sach­feh­ler, Ver­ständ­nis­feh­ler, Voka­bu­lar­feh­ler beim Blick auf Verlags‑, Vertriebs‑, Ver­ant­wor­tungs­struk­tu­ren sind so unglaub­lich, daß man froh sein muß, bloß die Arbeits­pro­ben von Maul­werks- und nicht die von Hand­werks­bur­schen vor­ge­legt bekom­men zu haben.

Hier hält kaum ein geis­ti­ger Dübel. “Bücher­men­schen” schrei­ben über ihr urei­ge­nes Feld und wis­sen die sim­pels­ten Din­ge, ken­nen die Grund­la­gen des Han­delns mit Büchern nicht. Was her­aus­kommt, sind Gestam­mel und fal­sche Schlüs­se, ist allen Erns­tes Empö­rung dar­über, daß Maron zuge­se­hen habe, wie Antai­os ihre Bücher vertreibe.

Natür­lich ver­treibt auch mein Ver­lag Marons Bücher und in Ein­zel­ex­em­pla­ren und im Paket natür­lich auch Marons Essay­band Krum­me Gestal­ten, vom Wind gebis­sen aus der Rei­he Exil des Ver­lags von Susan­ne Dagen. Wir lie­fern jedes uns erreich­ba­re Buch, ein­fach alles, was die Bar­sor­ti­men­te in Deutsch­land vor­rä­tig hal­ten oder besor­gen kön­nen, und es gibt Ver­la­ge, die uns direkt belie­fern, auch das ist kein unge­wöhn­li­cher Vor­gang, ganz und gar nicht. S. Fischer gehört übri­gens nicht dazu.

Aus den Empö­rungs­tex­ten wer­den Hand­lungs­auf­for­de­run­gen. Das ist die Ablei­tung, die Bah­n­ers in sei­nem Text mit der­sel­ben Unauf­ge­regt­heit vor­nimmt, mit der er die Schlam­pe­rei­en kon­sta­tiert. Bah­n­ers scheibt:

Richard Käm­mer­lings hat ges­tern in der “Welt” nahe­ge­legt, dass Moni­ka Maron die Unwahr­heit sagt, wenn sie erklärt, sie habe nicht gewusst, dass Kubit­schek die Bücher ver­trei­be. “Das mag man glau­ben oder nicht (Maron ist alles ande­re als naiv) – heu­te jeden­falls weiß sie es.”

Die­ser eine Satz bereits aus der Feder von Käm­mer­lings ist eine Unge­heu­er­lich­keit: Er bezich­tigt Maron der Lüge und for­dert sie indi­rekt auf, öffent­li­ches Wohl­ver­hal­ten zu zei­gen, was nichts ande­res bedeu­ten wür­de als öffent­li­che Selbst­kri­tik, Zer­knirscht­heit, Abbit­te. Bah­n­ers schließt sei­nen Bei­trag daher auch mit einer For­mel, die wir vor bald 15 Jah­ren erst­mals für die Beschrei­bung sol­cher an Schau­pro­zes­se gemah­nen­de Ver­fah­rens­wei­sen verwendeten:

Wo kei­ne Grün­de gege­ben wer­den, wo For­meln sug­ge­rie­ren, jeder wis­se doch sowie­so, wovon man rede, da brei­ten sich Irr­tü­mer und Gerüch­te aus. So kommt es, wenn man den Ver­dacht zur Herr­schaft gelan­gen lässt.

Den Typ Käm­mer­lings, der sich inner­halb der Herr­schaft des Ver­dachts gern als einer der Herr­scher sieht, gab es zu jeder Zeit. Die letz­te Fra­ge lau­tet schlicht, ob er weiß, was er tut oder ob er auch dazu ein zu schlam­pi­ger Den­ker ist.

Aber wei­ter zum zwei­ten Text, zur zwei­ten Spiel­art des freie­ren Den­kens in engen Kor­ri­do­ren. Wo Bah­n­ers in aller Brei­te die Fak­ten auf­blät­tert und sei­ne Schlüs­se dar­aus zieht, legt die Schrift­stel­le­rin Judith Her­mann einen dich­ten und kryp­ti­schen Text vor, eben­falls in der FAZ. Er ist mit der schlich­ten, har­ten Aus­sa­ge “Wir ken­nen nur noch Recht­ha­ber” über­schrie­ben und ist hier ohne Beschrän­kung ein­seh­bar.

Der wich­tigs­te Satz dar­in lautet:

Ich wur­de gefragt, ob ich als Freun­din Moni­ka Marons Stel­lung neh­men könn­te – genau­er, ob ich etwas zu ihrer Ver­tei­di­gung schrei­ben kön­ne, weil ich mit ihr befreun­det bin –, eine Anfra­ge, die für ihren mora­li­schen Druck eine extra Ant­wort bräuchte.

In die­sem Satz steht die Lese­an­wei­sung für alles, was Her­mann in den knap­pen Zei­len davor und danach über den Fall Maron zu sagen hat – als Kol­le­gin bei S. Fischer und als Freun­din der Autorin: Sich nicht zu äußern trotz auf­for­dern­der Bit­te wür­de bedeu­ten, dem eige­nen Ver­lag, der sich an die Sit­ze von Säu­be­rungs­maß­nah­men stell­te, kei­ne wei­te­re Bürs­te zu rei­chen. Was also tun? Nach der Bürs­te grei­fen und sie ange­le­gent­lich betrach­ten? Ja, viel­leicht so.

Daher bit­te ich nun jeden, Her­manns Zei­len ein­ge­hend zu stu­die­ren und dar­über nach­zu­den­ken, was sie meint, wenn sie schreibt, daß bei­de Sei­ten nun dastün­den und nicht anders könn­ten und daß dies immer­hin noch nicht so hoff­nungs­los sei “wie die Wahr­heit, die unter Ver­fas­sungs­schutz steht”.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (43)

altmod

24. Oktober 2020 12:41

Zum Thema "Kontaktschuld".
Ein Bekannter, Ethnologe und Linguist, Professor em. an einem Universitätsinstitut für Afrikanistik, wollte für seine Arbeit einen Beitrag aus Vonderachs "Völkerpsychologie" kopieren lassen. Die zuständige Hilfskraft am Institut belehrte ihn, dass das Buch in einem rechtsradikalen Verlag - Antaios- erschienen sei und es ihm nicht zuzumuten sei, derartiges Material hier in Verbreitung zu bringen; und er werde sich zudem an die Institutsleitung wenden.

Christian

24. Oktober 2020 12:41

Wer sich solchem offiziellen Fanatismus -- einer Pseudomoral, die als Hypermoral daherkommt -- nicht unterordnet, wird vertrieben -- die damit verbundene Sprachgebung mit Beschönigungen wie "Flecken entfernen", "Hygiene" und "Reinigung" hat eine Orwellsche Qualität.

Cf. FAZ-Artikel "Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" --
Was ist eigentlich, wenn man nicht die nötige Autoritätsgläubigkeit aufbringt, um solche Behauptungen ernst zu nehmen? Und sollte ein Autor versuchen in einem Umfeld zu verbleiben, worin solch eine stickige Luft geistiger Unfreiheit vorherrscht?

Cf. "nicht so hoffnungslos wie 'die Wahrheit, die unter Verfassungsschutz steht' " ...
Bestimmte Ansichten und emotionale Wertungen sind vom Strafgesetz vorgeschrieben -- Hoffnung besteht jedenfalls darin, daß sich die Wahrheit nicht auf ewig nach diesen Vorschriften richten muß.

Gustav Grambauer

24. Oktober 2020 12:55

"Es ging dabei um den halben Meter an Büchern, die in den vergangenen fünf Jahren über uns erschienen sind"

Sage ganz leise: BRD-Akademikerschwemme.

---

"... einem Verlag, der sich aufgrund seiner Verlagsgeschichte schwerlich anders entscheiden konnte" - Frau Hermann

Man muß hierbei nicht nur die offenbar hier gemeinte Geschichte in Betracht ziehen, sondern auch daß sich der S.-Fischer-Verlag als einstiger Hausverlag Thomas Manns ganz besonders der Dichotomie vom "Guten" und vom "Bösen Deutschland" ideologiegetrieben verpflichtet sieht.

- G. G.

Gustav Grambauer

24. Oktober 2020 12:56

Die Kürze bei Frau Hermann ist allein schon eine Aussage.

Daß ihre - hochrespektable - Stellungnahme von der FAZke erbeten und abgedruckt wird, liegt m. E. auf derselben Ebene wie z. B. das Zurückrudern der WHO beim "Corona"-Panoptikum (meine Frau und ich sagen jetzt nur noch "Panoptikum") letzte Woche. Reine Taktik. Druckausgleichspielchen am Kessel. Kleine Kaschierungen des demokratischen Zentralismus à la "Genusn, es mus alles demogrodisch aussehen ...". Kleine Fingerübungen der Hegelei. Offenhalten von Potentialen und Varianten, so wie etwa auch mit "Bald werden wir uns gegenseitig viel verzeihen müssen". Abonnentenpflege (wobei man diesen Begriff auch als Metapher nehmen und weit über das Zeitungswesen ausdehnen kann) mit kleinen aus der Portokasse bezahlten Promo-Lutschern für die, die kurz vor der Abbestellung des Abos stehen. Eigene kleine Grenzüberschreitungen, um sich als "Elite" kenntlich zu machen, um sich (als Zeitung) als bunter als alle tausend Mao-Blüten zusammen zu präsentieren. Oder sehen wir die Anfrage, etwas "zur Verteidigung" zu sagen, und den Abdruck einfach wieder als kleine Böses-Kasper-Krokodil-Gutes-Kasper-Krokodil-Einlage. Auch im härtesten Schauprozeß in der härtesten Diktatur wird Wert darauf gelegt, daß die Kameras den Anwalt im Saal einfangen, aber der ändert nichts and der Lage des Angeklagten, das Urteil steht fest.

- G. G.

Ein gebuertiger Hesse

24. Oktober 2020 12:58

Idee, die mir in diesem vermaledeiten Jahr immer wieder hochkommt: Man müßte als willentlicher Rechter, als willentlicher Nicht-Maskenträger, als willentlicher Monika-Maron-Leser und -Sympathisant ein Zeichen am Revers tragen, das all den Säuberungsopportunisten diverser und letztlich doch gleicher Couleur als Affront mitten ins Auge stäche. Leider fällt mir da außer dem gelben Stern nichts ein, vielleicht gibt es sogar nichts anderes.

RMH

24. Oktober 2020 13:07

Das mit dem "bestrafe einen, diszipliniere hundert" klappt eben auch nicht unbegrenzt. Wenn auf einmal zu viele Herausgerufene da sind, werden die Verbleibenden unruhig und irgendwann kommt es zu einer Welle - dieser Hoffnungsfunke wird richtig von G.K. beschrieben.

Man kann jeden aufrechten Literaten, geistig Schaffenden nur dazu aufrufen, sich über seine eigene Freiheit Gedanken zu machen und wie diese Freiheitsgrundlage der Kunst im Wechselspiel mit Kunst als Ausdruck der Freiheit noch gegeben ist, wenn die eigenen Werke bei Verlagen verlegt werden, die zu immer engeren, diktatorischen und kontrollierenden Tendenzbetrieben werden.

PS:

Das solche Verlage am Ende nur noch langweiligen Durschnitt im Angebot haben werden, den keiner lesen will, sie sich das Wasser mit ihrer eigenen Tendenz-Politik selber abgraben, sei nur am Rande bemerkt. Aktuell könnte jedenfalls S. Fischer vermutlich ganz gut am Skandal verdienen, wenn bisher erschienene Bücher von Frau Maron wegen dem aus dem Skandal erzeugten Interesse gekauft werden. Glaubwürdig wäre daher nur ein einstampfen der bisherigen Auflagen gewesen, nebst ordentlicher Abfindung an die Autorin.

Franz Bettinger

24. Oktober 2020 13:08

Ist es wirklich ein Wahn (eine eingebildete, nicht wirklich vorhandene Realität), der hinter dem eliminatorischen Gebaren (des S. Fischer-Verlages) steckt? Oder nur schnöde Angst um den Platz an der staatlichen Sonne und um den Mammon (die Förderung)? Oder ist es gar eine existentielle Angst, die die Bosse umtreibt? Sie werden nicht lang drüber nachdenken. Die da oben werden (wie die da unten) den Weg des geringsten Widerstandes gehen.  

Christian

24. Oktober 2020 13:32

@Ein gebuertiger Hesse
"vielleicht gibt es sogar nichts anderes"
Mir wollte tatsächlich mal jemand einreden, es gäbe Kennzeichen, deren Verwendung mit Freiheitsstrafe geahndet würde. Nach genauer Recherche ließ sich feststellen, daß es sogar legale Kennzeichen gibt, die man als willentlicher Toleranz-Tester nur mit Vorsicht verwenden sollte.

Laurenz

24. Oktober 2020 13:42

Werter GK, wie Sie wissen, sind mir die Literatur-Welten eine Nummer zu hoch, aber die meisten Ihrer Texte, die Sie verfassen, auch Ihr gesprochenes Deutsch, sind sehr gut verständlich.

In der Sowjetunion/DDR gab es sicherlich mehr ungelesene Bücher als bei uns heute. Heute sind es ca. 90% aller Bücher, die ungelesen in den Regalen stehen.

https://www.buchreport.de/news/gekauft-ist-nicht-gelesen/

Was mir auffällt, ist die Angst, die einen vorauseilenden Gehorsam provoziert. Als ob der Verlag S.Fischer eine interne Literaten-Stasi notwendig hätte, um noch existieren zu dürfen. Wenn jemanden an Moral gelegen wäre, könnte die Menschheit amoralische Machwerke von hier bis zur Sonne aneinanderreihen, mit Verlaub, das ist echt etwas für Blöde. Hollywood kann dann zumachen.

Mir fällt da immer wieder die TV-Gesprächsrunde ein, in der Sie mit Broder & den 3 linken Hanswurst*innen saßen. Während der ganzen Sendung waren Sie quasi das Thema, & ein Zettel, auf dem etwas stand, was Sie irgendwann einmal in einer Anwandlung des Bösen gesagt/geschrieben haben sollen. Etwas Eigenes hatten diese 3 Protagonisten einer gähnenden Leere nicht zu sagen. Wenn es "Sie/uns" nicht gäbe, ja was wäre dann? So ein Sarrazin ist doch nicht wirklich böse genug, um eine ganzes Genre der Nichtigkeit zu ernähren. Wodurch unterscheiden Sich denn S.Fischer und Antaios? Das habe ich bisher nicht wirklich begriffen.

Ein gebuertiger Hesse

24. Oktober 2020 14:25

@ Christian

Das mit dem gelben Stern, dessen Ansteckung auch ich niemandem empfehlen würde, der auch nur den übernächsten Straßenzug überleben möchte, bezog sich letztlich auf die alte und häufig nutzlose Hoffnung, daß ein krasses, wehtuendes Signal die blindgestellten Augen der vielen Mitmacher "aufzuschließen" vermöge. Daß das vor eine Wand laufen würde, ist das eine, daß ein Wagemutiger, Unbedachter (= das Kind in der Geschichte vom Kaisers ohne Kleider) es DENNOCH unterfangen sollte, etwas anderes.

Carsten Lucke

24. Oktober 2020 14:32

Der H.-Text also "kryptisch" ?! Netter, euphemistischer Versuch. Es ist diese elegante Feigheit (bzw. feige Eleganz) , die ich zutiefst verachte. Freundschaft mit Monika Maron ? - Dann müßte Judith H. den Verlag sofort verlassen. So einfach ist das.

Christian

24. Oktober 2020 15:30

@Ein gebuertiger Hesse
Es ist ja manchmal schwer Ernst und Satire auseinanderzuhalten. Ich kannte (nicht sehr eng) einen (vor 5-6 Jahren hochbetagt verstorbenen) englischen Juden, der im Berlin der 1930er aufgewachsen ist. Bei einer Reise (vor vielleicht 10 Jahren) von seinem Londoner Vorort in Hertfordshire nach hier und einem Besuch, fragte ich ihn und seine Frau nach etwaiger Besorgnis -- es ist zwar schon ein wenig her, aber da war keine Rede von "den übernächsten Straßenzug überleben"-Können. Kaum denkbar, daß das aktuell hierzulande -- ob mit oder ohne Anstecker -- anders ist.

Laurenz

24. Oktober 2020 15:56

@Ein gebuertiger Hesse

Ist die heute übliche Vermummung nicht im Grunde nur etwas für Frauen?

War in den letzten 35 Jahren nur zu faul, mir bei der chinesischen Botschaft eine Mao-Mütze mit Rotem Stern zu bestellen. Ich fand die schon immer schick. Ob es die allerdings in meiner Größe gibt, bleibt zweifelhaft.

limes

24. Oktober 2020 16:32

» … aber auch noch nicht so hoffnungslos wie die Wahrheit, die unter Verfassungsschutz steht.«

@ Christian interpretiert Judith Hermanns Formulierung ganzheitlich: »Bestimmte Ansichten und emotionale Wertungen sind vom Strafgesetz vorgeschrieben«.

Ich versuche mich an einer formalen sprachlichen Analyse: »Unter Verfassungsschutz stehen« kann nicht nur entlang der (vor allem in juristischen Zusammenhängen) üblichen Wendung »unter Schutz stehen« gelesen werden. Man könnte die betont kryptische Formulierung auch – von der festen Wendung »unter Schutz stehen« entkoppelt – so verstehen, dass Verfassungsschutz über der Wahrheit steht, die Wahrheit also nachrangig wäre.

Die Verwendung des bestimmten Artikels im Zusammenhang mit »Wahrheit« und das Weglassen des Artikels vor »Verfassungsschutz« muss dieser Interpretation nicht entgegenstehen. Dies könnte im Rahmen der sprachlich formal inspirierten Interpretation die Eigenschaft der Wahrheit unterstreichen, nicht austauschbar zu sein und die Frage aufwerfen, warum »Verfassungsschutz« geschrieben wurde und nicht »Schutz der Verfassung«.

Christian

24. Oktober 2020 17:51

@limes
Wie weit Hermanns Text Ihre sprachanalytische Goldwaage rechtfertigt, bin ich nicht sicher. Mit welcher Vorsicht man sprachlich balancieren und um die Tretmine herumstreifen muß, zeigt allerdings, mit welcher Art von Dogma man es zu tun hat. Die tatsächliche Wahrheit ist meiner Ansicht nach nicht hoffnungslos. Ich sage mal so viel -- der erwähnte jüdische Bekannte (eigentlich ein Bekannter meines Vaters) schien geradezu verwundert zu sein über die Ansichten, die ich zu "vertreten wagte".

Der_Juergen

24. Oktober 2020 19:00

Off-topic, aber ein Kompliment wird doch bestimmt freigeschaltet:

Über die neue Drucknummer der "Sezession" kann man nur in Superlativen sprechen! Hut ab vor allen Autoren. - Dasselbe gilt für die neuen Bücher von Martin Lichtmesz und Benedikt Kaiser. Wer sie noch nicht hat, soll sie bestellen; er wird nicht enttäuscht werden.

H. M. Richter

24. Oktober 2020 19:52

In den großen und kleinen Zeitungen des Landes war vor zwei Tagen folgender Satz wortgleich abgedruckt: „Begründet hatte der Verlag die Trennung mit Marons Essayband in der »Exil«-Reihe der Loschwitzer Verlagsbuchhandlung von Susanne Dagen aus Dresden und dem Vertrieb dieser Reihe durch den vom Verfassungsschutz beobachteten neurechten Antaios-Verlag von Götz Kubitschek. Begründet hatte der Verlag die Trennung mit Marons Essayband in der »Exil«-Reihe der Loschwitzer Verlagsbuchhandlung von Susanne Dagen aus Dresden und dem Vertrieb dieser Reihe durch den vom Verfassungsschutz beobachteten neurechten Antaios-Verlag von Götz Kubitschek.“

Zum wahnwitzigen Vorwurf des sog. Vertriebs hat inzwischen Bahners höchstselbst in der FAZ richtiggestellt, daß dem selbstredend nicht so ist (s.o.).

Für die geschäftsschädigende Behauptung, der Antaios-Verlag würde vom Verfassungsschutz beobachtet, wünscht man hingegen Verlag und Verleger eine auf Gegendarstellungen u.a. spezialisierte Rechtsanwaltskanzlei. Jedenfalls erscheint das Einschlagen des Rechtsweges in diesem Falle unbedingt notwendig zu sein.

Nach dem erfolgreichen Grichtsfall böte sich dann ein Lese- und Verlagsfest an ...

Nemo Obligatur

24. Oktober 2020 21:51

Mir war gar nicht klar, welchen Sturm im Wasserglas des Feuilletons die Angelegenheit inzwischen entfesselt hat, da ich in den letzten Tagen beruflich sehr in Anspruch genommen war. Aber wenn ich die hier vorgelegten Zitate und Links durchsehe, ein bißchen hier klicke und da - dann bin ich doch sehr erstaunt. Ist das alles geschehen? Ein Großverlag trennt sich von einer angesehenen Autorin aus Gründen "politischer Unzuverlässigkeit"? Woraufhin die Frage nach der Positionierung Pro oder Contra zum Charaktertest für die neuerdings wieder so genannten Kulturschaffenden erhoben wird. Was kommt als nächstes? Ergebenheitsadressen dieser Kulturschaffenden an die Regierung wären zu auffällig. Aber der Zugang zu den Fleischtöpfen wird heute offenbar genauestens reguliert. So gewieft ist Frau Hermann allemal und wagt sich keinen Milimeter weiter als unbedingt nötig aus der Deckung. Aber sollte sie irgendwann auch einmal ein falsches Buch schreiben oder mit den falschen Leuten zu Mittag speisen...

Gustav Grambauer

24. Oktober 2020 22:27

OT: Wie hätte sich die DDR als Staat, die Oberstreberin in der WHO, eigentlich heute zu "Corona" positioniert?

Schauen wir bei deren konsequentesten Protagonisten und Verwesern nach, hier auf Seite 36, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ach was, es gibt nur fünf Worte: arrogante, zynische, gehässige, verlogene Banausen.

- G. G.

Solution

25. Oktober 2020 01:42

Obwohl ich zunehmend skeptischer bin, was die bei Sezession beworbenen belletristischen Bücher anbelangt, habe ich die beiden letzten Romane von Maron mit Genuß gelesen.

Den Machenschaften des Systems kann jeder entgegentreten, indem er beispielsweise diese beiden Bücher für sich oder für potentiell Interessierte kauft. Weihnachten steht vor der Tür.

Vergessen wir nie, daß auch derart kleine Taten zählen und es werden sicher (wieder einmal) genug Käufer mitmachen, um die Zensoren und Boykotteure zu ärgern.

heinrichbrueck

25. Oktober 2020 02:59

Ob die beiden Seiten sich versöhnen könnten, innerhalb eines gegenwärtigen Systems, darf bezweifelt werden. Stimmt schon, Deutsche können sich versöhnen, müssen es sogar.

Nun, Deutschland steht unter einer Wahrheit, die, ändert sich nichts, das Ende bedeutet.

Und diese komische BRD gab es auch schon 1988. Dreißig Jahre Westen. Galliges Gelächter ist recht mager; aber die Wahrheit existiert, und sie dient auch einem Zweck.

Siv Bublitz gibt den Frankie Boy: https://www.youtube.com/watch?v=ovwHkb1wEfU

Gustav Grambauer

25. Oktober 2020 08:38

Was mir an dem Podcast noch aufgefallen ist: bitte, der Zuname Maron wird auf dem "o" betont, die latein-geprägte Betonung von hinter dem Limes her von allem und jedem auf der ersten Silbe kommt im Osten gar nicht gut an. Wegen der Berliner S-Bahn gab es Mitte der 90er Jahre böses Blut, weil die neue automatisierte Lautsprecherdurchsage Bernau auf dem "e" betont hatte und dies als kolonisatorische Überheblichkeit und Überfremdung wahrgenommen wurde.

- G. G.

RMH

25. Oktober 2020 10:51

@Solution,

ganz aktuell werde ich bestimmt kein neues Buch kaufen, wo S. Fischer daran mitverdient -  bleibt also nur das erschienene Werk bei Dagen .

Frau Maron selber sollte die Konsequenzen ziehen und um ihre Urheberrechte und Rechte am eigenen Werk kämpfen.

Ganz generell:

Der Artikel von Frau Hermann ist einer, der sich mit aktuellen Lesegewohnheiten der meisten in unserem Lande nicht verträgt, da er nicht dick und deutlich aufträgt und man ihn nicht in 10 Sekunden drüber fliegen fassen kann - diese Form der Alltagslesung weckt eher bestenfalls ein Störgefühl im Sinne von "was soll das"? Worauf man im Alltag mit weglegen und vergessen üblicherweise reagiert.

Wenn man den Text in Ruhe liest, in sicher selber setzen lässt, ggf. einen Tag später nochmals liest, dann merkt man erst einmal, wo wir wieder angekommen sind.

Menschen, die die DDR mitgemacht haben können evtl. viel schneller Zugang zum Text finden, als bspw. ich, der ich die DDR nur in Form des kleinen Grenzverkehrs erlebt habe. Das ist aber auch nur eine Vermutung meinerseits.

Lotta Vorbeck

25. Oktober 2020 11:16

@Gustav Grambauer - 24. Oktober 2020 - 10:27 PM

Lieber GG, als der der Herman Willié des SiN-Kommentariats förderten Sie aus den Tiefen des Marianengrabens etwas ans Tageslicht, daß man eigentlich nur mit ganz spitzen Fingern, Nasenklammer und Schutzbrille anfassen mag. Diesem Blättchen - Wer finanziert sowas überhaupt? - dampft der Pesthauch von "Neuem Deutschland" und "Schwarzem Kanal" aus jeder Zeile.

Auf Seite 3 treffen wir die Großmutter aus Dierhagen.

Die Genossen Modrow, Lafontaine und Platzeck inserieren in Stalingrader/Wolgograder Zeitungen.

Der Afghane Dr. Matin Baraki tritt als Autor mehrerer Beiträge sowie als Leserbriefschreiber in Erscheinung.

Dafür gibt's nur ein Wort: Geisterbahnfigurenkabinett

"Und warum fiele Ernst Moritz Arndt heute (1976) in der
BRD unter das Berufsverbot?" - fragt Karl-Eduard-die-Enkel-fechten's-besser-aus auf Seite 28. 44 Jahre später legte die Ernst-Moritz-Arndt-Universität zu Greifswald ihren Namen ab.

Hätte sich die DDR, wie nicht nur die Zeichnung auf Seite 36 nahelegt, heutzutage als Oberstreber in Sachen "Krönchen"-Virus geriert, wäre sie ökonomisch erledigt gewesen. Frage an Sie GG: Innerhalb der Ostberliner Nomenklatura gab es keinen einflußreichen Silowiki, der einen Lukaschenko-Kurs gefahren wäre?
 

Phil

25. Oktober 2020 12:14

Monika Maron ist eine Art Kollateralschaden im mit dem VS geführten "Kampf gegen rechts". "Superspreader von Hass und Gewalt" kitzelt den religiösen Eifer der Antifaschisten. Eigentlich ist auch der Typ Kämmerling zu bemitleiden.

Lotta Vorbeck

25. Oktober 2020 12:38

@Phil - 25. Oktober 2020 - 12:14 PM

Monika Maron ist eine Art Kollateralschaden im mit dem VS geführten "Kampf gegen rechts". 

---

Auf der großen Bühne des BRD-Theaters wird eine alte Frau geschlagen, mit der das System jahrzehntelang keine Probleme hatte. Man schikaniert MM und meint GK.

Lumi

25. Oktober 2020 12:40

Zunächst ist das ein Nachruf von JH. Zwar bedauerlich und traurig, aber nicht hoffnungslos. Denn es soll und muß ja weiter gehen, auch für JH. Kunst ist schön, aber Brot muß sein.

Die Wahrheit unter Verfaschu. Was will das meinen? Das raunt und weckt Assoziationen. Bei mir zum Beispiel das Diktum J. Fischers, wonach Auschwitz die Staatsräson der BRD ist. Da braucht's keine Goldwaage. Das ist zentnerschwerer Klartext. Brutalstmögliche Teilwahrheit. Aber nicht jeder hat ein Faible für dieses Thema.

Ich habe kein Buch von MM oder JH gelesen. Aber ich habe mal etwas über die Literatur der DDR gelesen. Die habe man dort gelesen, weil zwischen den Zeilen eine Wahrheit erkennbar gewesen sei, die in den Massenmedien nicht erscheinen durfte. Ob das stimmt? Kann ja sein.

Auf jeden Fall lassen sich Parallelen zur BRD ziehen. Warum muß denn JH raunen und eiern? Wenn ein Künstler in der DDR über die Stränge schlug, dann konnte er seine Lizenz verlieren. Dann war Schluß mit lustig. Dann mußte man sich zwischen Kunst und Brot entscheiden. Und da sehe ich keinen prinzipiellen Unterschied zur BRD. MM fliegt raus wegen Verdachtes auf systemwidrige Gesinnung. Freundin JH bringt dazu keinen Klartext zustande.

Über die Stränge schlagen: unerwünschtes Treten eines Pferdes oder anderen Zugtieres mit den Hinterbeinen über die Zugstränge seines Geschirres. Paßt doch perfekt. Jeder Intellektuelle muß ein braves Zugtier des BRD Systems sein. Dann kommt auch Futter in den Trog.

limes

25. Oktober 2020 15:51

Aus ganz finstern Zeiten ist der minimalistische Akt eines Kabarettisten überliefert:

Leere Bühne, Hand leicht an die Stirn gelegt wie unter Kopfschmerz, leidende Miene und nur ein einziger Satz: »Ach, dieser Schwindel – und dieser Druck von oben!«

quarz

25. Oktober 2020 17:30

Schade, dass sich keine der beiden Frauen (Maron, Hermann) zum Klartext durchringen kann. Insofern wäre es für alle Beteiligten hilfreich gewesen, wenn der Beteuerung Marons, sie habe "nicht gewusst", dass ihr Buch in Schnellroda vertrieben wird, zwecks Abklärung der Fronten mit der Nachfrage "Und wenn Sie's gewusst hätten?" begegnet worden wäre.

Oder ist es besser, Zögernde nicht zu drängeln?

Lotta Vorbeck

25. Oktober 2020 18:05

@quarz - 25. Oktober 2020 - 05:30 PM

... wenn der Beteuerung Marons, sie habe "nicht gewusst", dass ihr Buch in Schnellroda vertrieben wird, zwecks Abklärung der Fronten mit der Nachfrage "Und wenn Sie's gewusst hätten?" begegnet worden wäre.

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Herbstzeit ---> Pilzzeit ---> Maron(en)zeit

Der SiN-Forist der ersten Stunde, unser verehrter GG gab oben, aus seinem helvetischen Exil heraus den entscheidenden Hinweis. Wer in der Zone sozialisiert worden ist, wittert diese ganz spezifische, unverkennbare Art von Moder meilenweit gegen den Wind. Von dieser MM würden wenige derer die hinterm Ostufer der Elbe aufwuchsen freiwillig auch nur "ein Stück Brot nehmen", selbst dann nicht, wenn sie auf der Stammautorenrolle von Antaios gelistet wäre.

Sandstein

25. Oktober 2020 18:26

Ich kann das Werk von MM nicht beurteilen - habe noch nichts von ihr gelesen.

Aber mit knapp 80 sollte man seine Schäfchen im Trockenen haben - dann kann man sich Offenheit und klare Ansagen auch leisten. Siehe Sarrazin. 
Zur „Freundin“ will ich nicht viel sagen, nur hat die sicher auch keine Schafe im Trockenen. 

Volksdeutscher

25. Oktober 2020 18:29

Was mir beim Lesen obigen Textes prompt eingefallen ist:

"Es ist schlimm, wenn alle über einen reden, aber es ist noch schlimmer, wenn keiner über einen redet." (Oscar Wilde)

Michelle

25. Oktober 2020 19:13

@Carsten Lucke

Sie würden umgehend umgehend Ihre berufliche Existenz riskieren? Ernsthaft? Respekt für diesen Gratismut! 

Waldgaenger aus Schwaben

25. Oktober 2020 19:18

Die letzte Zeit habe ich hier nicht mehr geschrieben, weil ich "meine Lebensernte" (majordomus dixit) einbringen will. In Form eines längeren Textes, derzeit 180 Manuskriptseiten, nichts Autobiografisches, nichts Politisches (nicht direkt) )– keine Angst ich werde weder den Verlag noch das Kommentariat mit meinen Texten belästigen.

Nur, wer schreibt will auch gelesen werden. Vor zwanzig Jahren schon schrieb ich in use groups Kurzgeschichten. Nun habe ich mich umgeschaut, welche Möglichkeiten es heutzutage im Internet gibt selbstverfasste Texte zu präsentieren. Hier wächst eine neue Form des Schreibens heran. Es ist nicht einfach so, dass Autoren schreiben und Leser lesen. Man kann sich das eher als eine Mischung aus Verlag und social media vorstellen.

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Waldgaenger aus Schwaben

25. Oktober 2020 19:18

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Leser und Autoren können also direkt miteinander kommunizieren.  Viele Foren, die mit enormen  Aufwand als Hobby engagierten Menschen betrieben werden (leselupe, wortkrieger, belletristica, fanfiction) und eine kommerzielle Seite (wattpad) habe ich gefunden. Zu wattpad: von der literarischen Qualität kann sich jeder selbst überzeugen. Ist er fertig mit dem Naserümpfen werfe er einen Blick auf die Zahlen:

wattpad (in Kanada) hat 150 Mitarbeiter, finanziert sich aus Werbung, premium account und paid stories. 80 Millionen registierte Benutzer weltweit, davon 70% weiblich und unter 30. 360 Millionen Texte (überwiegend solche, die die Verfasser als Romane bezeichnen). Führende deutschsprachige Texte haben Zugriff im zweistelligen Millionenbereich (10 M) . Die durchschnittliche Auflage der  Erstausgabe eines deutschen Romanes liegt bei 4000.

Die Hobbyforen achten teilweise sehr auf korrekte Rechtschreibung und stellen stilistische Mindestanforderungen, ich erfuhr dort, dass ein Gedankenstrich ein halber Geviertstrich zu sein hat – und kein Minuszeichen - (Gruß an Bosselmann). Ob die Texte unbedingt besser sind, davon mag sich jeder selbst ein Bild machen. Amüsanter sind die Vampir- und badboy-Schmonzetten auf wattpad jedenfalls. Der Schwarm junger, gerade auch moslemischer, Mädchen sieht aus: Blond, blauäugig, groß und aus unermesslich reichem Elternhaus. 

Waldgaenger aus Schwaben

25. Oktober 2020 19:28

3/3 

Was dies mit dem Thema zu tun hat?

Die großen Verlagshäuser ahnen sehr wohl, dass es ihnen ergehen wird, wie den großen Printmedien. Kleine, widerständige Verlage, die in freier, kalter Luft abgehärtet sind, betrifft dies natürlich nicht.

Anstatt sich nun, wie in der Freien Marktwirtschaft üblich, an die neuen Umstände anzupassen, kriechen sie unter Muttis Rock. Derzeit schüttet das staatliche Füllhorn üppig Milliarden aus. Da wird für folgsame Verlage  sicher auch was abfallen. So entsorgt man in vorauseilendem Gehorsam eine erfolgreiche Autorin.

Ob das reichen wird? Die Süddeutsche ist schon weiter. Wie die Angeklagten in stalinistischen Schauprozessen bezichtigen sich sich selbst:

https://www.sueddeutsche.de/kolumne/igor-levit-sz-entschuldigung-1.5085383

Gustav Grambauer

25. Oktober 2020 22:45

Liebe Lotta Vorbeck

"Innerhalb der Ostberliner Nomenklatura gab es keinen einflußreichen Silowiki, der einen Lukaschenko-Kurs gefahren wäre?"

Aber klar doch, Otto!

- G. G.

Gustav Grambauer

25. Oktober 2020 22:53

Lotta Vorbeck

Bin kein SiN-Forist der ersten Stunde, bin erst etwa 2011 oder 2012 dazugestoßen.

- G. G.

Lotta Vorbeck

26. Oktober 2020 00:15

@Gustav Grambauer - 25. Oktober 2020 - 10:53 PM

Lieber Gustav Grambauer, Sie haben geliefert, wie immer präzise, akkurat und prompt - DANKE!

Über Bande gespieltes Schiffsquartett (um nicht zu sagen Schwxxxlängenvergleich) zwischen dem Kroaten Josip B. und dem Sachsen Walter Ernst Paul U. - das war mir neu, DANKE auch dafür!

Übertreibung macht anschaulich, heißt es. Der erste Eintrag im hiesigen Netztagebuch ist datiert vom 1. April 2003. Zu dieser Zeit unternahm Lotta Vorbeck die ersten Gehversuche mit einem eigenen, bis dahin als unötigen, neumodernen Kram angesehenen Rechner. Bis zum Netztagebuch der wahren, guten und schönen Rechten waren's im Frühling 2003 für Lotta Vorbeck noch ein etliche Kilometer Wegstrecke ... vor einiger Zeit nannten Sie hier die Zahl Ihrer bisherigen Einträge. Es handelte sich um eine satt dreistellige Zahl. Aus meiner Sicht gehören Sie in diesem Kommentariat zum unverzichtbaren Inventar, auch wenn Sie erst [sic!] 2011 oder 2012 hinzugestoßen sind.

Laurenz

26. Oktober 2020 06:44

@Nemo Obligatur

In meiner Schulzeit lasen wir noch bei linken APO-Lehrern in Deutsch Torquato Tasso und den Hungerkünstler.

Ob das auch heute noch in den gymnasialen Unterricht einfließt?

quarz

26. Oktober 2020 09:56

@Laurenz

"Ob das auch heute noch in den gymnasialen Unterricht einfließt?"

Wohl nur, wenn es nachweislich die Kompetenz erhöht, ein Antragsformular auszufüllen oder einen Fahrplan zu lesen.

dreamingplanet7

26. Oktober 2020 10:40

All die Protagonisten stellen sich doch eine Frage: Ist das, was gerade passiert, die Neuauflage der Karlsbadener Beschluesse und wir gehen in ein neues Biedermeier oder sind es Ermaechtigungsgesetze und wir stehen nicht 29, wie Klonovsky juengst meinte, sondern laengst 33...

Auf jeden Fall marschiert die Gesellschaft unimaskiert im Gleichschritt und das hat noch nie ein gutes Ende genommen... Fuer Hinz und Kunz ist laengst klar: Der Rueckzug ins Private. Das  rumgeeiere der von und fuer Staat schreibenden Zunft zeigt ja nur dass sie eine lange Leitung haben...

Laurenz

26. Oktober 2020 11:21

@quarz

Kam halt deswegen darauf, weil es exakt die Künstler-Problematik gegen einen Souverän oder Mäzen darstellt. Was wurden nicht die Künstler, die das Pech hatten, in der Ära des III. Reichs zu leben & zur arbeiten, in meiner Jugend und später zur Sau gemacht. Heute ist es nicht anders. Alle unsere Künstler, die "auf Linie sind", können sich überlegen, ob sie zu denen gehören wollen, deren Erbe irgendwann wegen Kollaboration mit der Berliner Junta zerschlagen wird. Der Relotius macht das sogar regelmäßig, weil ihm anderes wohl nicht einfällt. Man meint wohl in Hamburg mit dem Anhauch des "Bösen" Auflage kreiieren zu können.

https://www.spiegel.de/kultur/kino/leni-riefenstahl-so-skrupellos-war-die-regisseurin-wirklich-a-00000000-0002-0001-0000-000173548974

Als ob eine Leni Riefenstahl mit der Skrupellosigkeit des Relotius hätte je mithalten können. Irgendwie lesen diese Märchen-Kaschberls in Hamburg ihre eigenen Artikel nicht.

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