Moin, Moinmoin, Morgähhn!

PDF der Druckfassung aus Sezession 93/Dezember 2019

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nein, das ist nicht Hirn­mas­se. Was für ein dum­mer, pole­mi­scher Gedan­ke! Das sind ein­fach bun­te Luft­bal­lons, die anläß­lich einer noto­ri­schen Schwu­len­pa­ra­de in Reih’ und Glied für den Hin­ter­grund sich zur Ver­fü­gung stell­ten. Am uns unbe­kann­ten Her­ren rechts im Bil­de gibt es frag­los nichts zu mäkeln.

Er hat sich mit Hals­klun­kern behängt und eine Son­nen­bril­le vor den Hosen­latz gebun­den. Das paßt grob zum Anlaß und ist irgend­wo ver­mut­lich ziem­lich wit­zig. Was den Betrach­ter der Sze­ne­rie voll­ends für den mild­lä­cheln­den Hut­trä­ger ein­neh­men soll­te, ist auf die­sem Schwarz­weiß­druck nicht so gut zu sehen.

Näm­lich: Der gan­ze gro­ße Fächer in Regen­bo­gen­far­ben ist mit Filz­stift­far­ben hand­ge­malt und mit Edding mühe­voll beschrif­tet! Wen wür­de das nicht rüh­ren. Über die Bot­schaft darf man rät­seln. »Stop Homo­pho­bia! It is not good«? Oder »Stone­wall is not forgotten«?

Es gehört zum Welt­wis­sen der 15- bis 55jährigen »von heu­te«: Im »Stone­wall Inn« in der Chris­to­pher Street, New York City, hat­te 1969 erst­mals die »quee­re« Kli­en­tel gegen die anschei­nend homo­pho­be Poli­zei­ge­walt zurück­ge­schla­gen. In den prü­den USA der spä­ten Sech­zi­ger waren die soge­nann­ten Bul­len dem »anstö­ßi­gem Ver­hal­ten« in Homo-Treff­punk­ten mit Kon­trol­len und unter Umstän­den Ver­wei­sen begegnet.

Daß sich das die Schwu­len (von Frau­en war damals kei­ne Rede, »queer« gab es damals noch nicht, und auch wenig Soli­da­ri­tät unter Schwu­len und Les­ben) nicht gefal­len lie­ßen, wird seit vie­len Jah­ren welt­weit in Form von »Gay Pri­des« oder »Chris­to­pher Street Days« … – naja, »gefei­ert«.

Wir alle ken­nen es: Schau­wä­gen vol­ler kopu­lie­ren­der Män­ner­paa­re, Tanz­num­mern mit Dil­do etc., der gan­ze Zoo, traum­schön. »Traum­schön«, so geht die Legen­de, sei ein kras­ses Lieb­lings­wort von Johan­nes Kahrs, hier mit sei­nem berühm­ten Span­nungs­lä­cheln links im Bilde.

Gele­gent­lich pflegt er es (das Wort) selbst­iro­nisch. Wo? »Auf Twit­ter.« Herr Kahrs galt lan­ge Zeit als quan­ti­ta­tiv erfolg­reichs­ter Twit­te­rer im Poli­tik­be­trieb. Tem­pi pas­sa­ti. Der­zeit hat Kahrs dort gut 24.000 »Fol­lower«. Das ist nicht nichts, aber es ist defi­ni­tiv kei­ne Erfolgskurve.

Nur mal zum Ver­gleich: Momen­tan hat (Ende 2019) Rena­te Kün­ast rund 50.000 Ver­fol­ger, Jörg Meu­then 54.000. Huber­tus Heil 67.000, Ali­ce Wei­del 84.000, Anne­gret Kramp­Kar­ren­bau­er 88.000, Cem Özde­mir 156.000 und Chris­ti­an Lind­ner rund 362.000.

Herr Kahrs ran­giert also knapp über Petra Pau. »Na und?«, mag man fra­gen. Und man frag­te natür­lich zurecht. Es nut­zen weni­ge Men­schen im Ren­ten­al­ter (oh, und das sind vie­le!) Twit­ter, weni­ge Haupt­schü­ler und weni­ge …, sagen wir »Aus­län­der« in Deutschland.

Twit­ter ist gut, wenn man Leu­te mal grob abbürs­ten will und dabei selbst nicht auf den Mund gefal­len ist. Inso­fern ide­al für Poli­ti­ker. Vor allem für jeman­den wie Herrn Kahrs, den Abbürs­ter schlecht­hin. Wenn das popu­lärs­te moder­ne Las­ter ali­as »Haß & Het­ze« einen Namen hät­te – sein Vor­na­me lau­te­te ver­mut­lich Johannes.

Das kann er näm­lich, der Kahrs. Er star­tet harm­los. Näm­lich twit­ternd Mor­gen für Mor­gen gegen acht Uhr mit einem lau­ni­gen han­sea­ti­schen »Moin!« Sei­ne treu­en Fans (Sil­ber­mond: »Sag mir, dass die­ser Ort hier sicher ist / Und dass das Wort,dass du mir heu­te gibst / Mor­gen noch genau­so gilt«) ant­wor­ten ihm dut­zend­fach: »Moin«, »Moin­moin« oder »Mor­gähhhhn!«.

Und wenn Herr Kahrs sei­nen Arbeits­tag beschließt, läßt er eine Dis­ney­fi­gur gele­gent­lich »Ade nun zur guten Nacht« sin­gen. Kahrs, 1963 als Jung­frau in Bre­men gebo­ren, ehe­ma­li­ger Jura­stu­dent mit Ers­tem Staats­examen, weiß eben, wie sei­ne Leu­te ticken: Sie brau­chen nicht viel, nur »Sicher­heit /irgendwas, das bleibt«.

Aus uner­find­li­chen Grün­den (gut, er läßt sich zum kon­ser­va­ti­ven »See­hei­mer Kreis« zäh­len und ist Mit­glied einer Stu­den­ten­ver­bin­dung) gilt Kahrs als Rechts­aus­le­ger inner­halb der SPD. Von ande­ren »Rechts­aus­le­gern« wie Thi­lo Sar­ra­zin ist er mei­len­weit ent­fernt. Das sieht man. Es gibt ein paar unvor­teil­haf­te Sarrazinbilder.

Aber kei­nes, wo er grinst, Bauch zeigt und sich Luft­bal­lons um die Ohren flat­tern läßt. Sar­ra­zin gilt als Hard­li­ner, aber Kahrs ist noch här­ter. Gegen die Alter­na­ti­ve im Bun­des­tag wet­ter­te der schö­ne, dau­er­g­rin­sen­de, gesichts­vier­ecki­ge Sei­ten­schei­tel­trä­ger anno 2018: »Haß macht häß­lich! Schau­en Sie doch in den Spiegel!«

Es lohnt sich, die ent­spre­chen­de Bun­des­tags­re­de ein­mal auf You­Tube anzu­schau­en. Die als häß­lich Geschol­te­nen ver­lie­ßen damals den Saal, sekun­diert von einem twit­tern­den Kahrs-Kol­le­gen (Mar­co Wan­der­witz, CDU): Kahrs habe »mal eben ver­bal den Saal geräumt auf der rech­ten Sei­te. Sie wol­len es halt nicht hören, was sie sind, die vie­len Her­ren und weni­gen Damen von der AfD. Nun ste­hen sie drau­ßen und schmollen.«

You wish, Ihr beide!

Aber wei­ter: Ein spe­zi­el­les Ste­cken­pferd von Herrn Kahrs ist es, Par­al­le­len zwi­schen der AFD und der NSDAP zu zie­hen. Legen­där und viel­ge­lobt sein Aus­spruch, wonach die AfD ein Ver­ein sei, über den »mal jemand Anfang der Drei­ßi­ger Jah­re gesagt hat, das sei der dau­er­haf­te Appell an den inne­ren Schwei­ne­hund.« Hoho, kühn!

Kurt Schu­ma­cher, die­ser »Jemand« hat­te auch gesagt: »Kei­ne deut­sche Par­tei kann bestehen, die die Oder-Nei­ße-Gren­ze aner­kennt« und: »Wir sind kein Neger­volk«. Herr Kahrs soll­te prü­fen, inwie­fern Schu­ma­cher-Zita­te im heu­ti­gen Kon­text ver­wert­bar sind.

Kahrs selbst lobt sich als »erst­klas­si­gen Wahl­kreis­ab­ge­ord­ne­ten, her­vor­ra­gen­den Kreis­vor­sit­zen­den und guten Jugend­hil­fe­aus­schuss­vor­sit­zen­den«. O‑Ton! Beschei­den­heit wird ohne­hin über­schätzt. Dabei hat­te der wacke­re Mann und Ehe­gat­te (seit 2018 evan­ge­lisch ver­hei­ra­tet mit einem Gleich­alt­ri­gen) es wahr­lich nicht immer leicht.

Vor mitt­ler­wei­le zehn Jah­ren por­trä­tier­te ihn die FAZ denk­bar ungüns­tig, wenn nicht gar fies:

Ein Mann will nach oben. Er hat sich ein Netz­werk von Günst­lin­gen, Abhän­gi­gen und Unter­stüt­zern geschaf­fen. Um sei­ne Macht zu meh­ren, geht er rück­sichts­los vor. Das sagen sei­ne Geg­ner. Das sagen auch ehe­ma­li­ge För­de­rer. Man­che ver­bin­den sei­nen Namen mit dem Wort Sys­tem. Es brei­te sich aus wie ein Krebsgeschwür.

Herr Kahrs habe mit drei Jah­ren in Bre­men Flug­blät­ter für die SPD ver­teilt und mit acht Pla­ka­te geklebt. Mit etwa 35 Jah­ren habe er eine Juso-Orga­ni­sa­ti­on mit ganz jun­gen Leu­ten aufgebaut.

Sie sind 15, 16 Jah­re alt. (…) Man­che kön­nen zum Prak­ti­kum nach Ber­lin gehen, in der Woh­nung des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten über­nach­ten. Die Rei­se nach Ber­lin ist für 15, 16 Jah­re alte Jugend­li­che eine reiz­vol­le Erfah­rung. Man­cher ist nach weni­gen Wochen im Vor­stand der Schü­ler-Jusos. Wei­te­re Kar­rie­re­schrit­te, etwa der Juso-Kreis­vor­stand, wer­den in Aus­sicht gestellt für die, die neue Leu­te wer­ben. 40 bis 50 Prak­ti­kan­ten hat Kahrs nach eige­nen Anga­ben jedes Jahr in Ham­burg und Berlin.

Wie gesagt, FAZ 2009. Uralt. Und heu­te? Lang­sam. 2016 hat­te der Mann, der sich rühmt, so vie­le Besu­cher­grup­pen wie kaum einer durch den Bun­des­tag zu schleu­sen, auch eine Schul­klas­se eskor­tiert. Eine Schü­le­rin (von vie­len) ließ sich mit Herrn Kahrs ablichten.

Ein Mit­schü­ler kom­men­tier­te wenig spä­ter an Kahrs gerich­tet auf Twit­ter das Bild: »Und die Blon­die freut sich aufs Foto zu kom­men. Läuft.« Der Poli­ti­ker ant­wor­te­te: »Immer. Schlam­pe halt.« Als Mann von Ehre lösch­te Herr Kahrs den eher ver­se­hent­li­chen Tweet alsbald.

Nun aber Novem­ber 2019: Die Tages­zei­tung Die Welt führ­te ein Tele­phon­in­ter­view mit dem begab­ten Poli­ti­ker. Er möge bit­te sei­ne For­de­run­gen kon­kre­ti­sie­ren, die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land zu ver­bie­ten. Kahrs such­te nach Wor­ten und brach das Inter­view dann ab. An was erin­nert uns das?

99 Kriegs­mi­nis­ter / Streich­holz und Ben­zin­ka­nis­ter / Hiel­ten sich für schlaue Leu­te / Wit­ter­ten schon fet­te Beute.

Dabei waren es nur 99 Luft­bal­lons! Wie mag es einem gehen, der 99 Luft­bal­lons auf­ge­bla­sen hat? Atem­los? Was frag­los traum­schön wäre.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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