1. Dezember 2019

Mosaik-Rechte: eine Aktualisierung

Benedikt Kaiser

PDF der Druckfassung aus Sezession 93/Dezember 2019

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Rechte Binnentheorie erreicht kein breites Publikum. Wer sich mit ihr beschäftigt, stößt aber fast sicher auf den wenig bekannten, aber stark polarisierenden Dominique Venner, der sich am 21. Mai 2013 öffentlichkeitswirksam am Altar der mittlerweile ausgebrannten Kathedrale Notre-Dame in Paris erschoß. In Deutschland pflegt der Jungeuropa Verlag Venners Werk.

Dort erschien 2017 die deutsche Erstveröffentlichung des Plädoyers Für eine positive Kritik aus der Feder Venners, ein Text aus dem Jahr 1962. Venners Leitlinien und Maximen für die Elitenbildung einer neuen Rechte scheinen im Widerspruch zu ihrem derzeitigen Zustand zu stehen: Vor allem in Deutschland konzentriert man sich seit einigen Jahren im Kielwasser der AfD auf quantitatives Wachstum.
Ebenso widersprüchlich ist der Umstand, daß Venners Postulat der Notwendigkeit einer unverkennbaren »revolutionären politischen Doktrin« in Widerspruch zu ideologisch integrierenden »Mosaik«-Bemühungen der Neuen Rechten stünde (vgl. Sezession 77). Beide Einwände gegen die Vereinbarkeit von (theoretischer) Venner-Rezeption und (praktischem) Handeln
müssen im Zuge einer Revision der mosaikrechten Theorie und Praxis geprüft werden.

Die Debatte um Venners Thesen muß vor dem Hintergrund des Jahres 2015 geführt werden. Die nicht erfolgte Grenzschließung durch die bundesdeutsche Regierung und die Krise in Permanenz haben die Resonanzräume der dissidenten Rechten erweitert. Das Ausgreifen einer grundsätzlich alternativen politischen Strömung auf bis dato apolitische oder bürgerlich-patriotische Kreise verlief indes primär auf quantitativer Ebene. Das zahlenmäßige Wachstum der Mosaik-Rechten beinhaltete oftmals keine qualitative Kategorie.
Der »Kooperationsverbund kritischer Kräfte« (Hans-Jörg Urban), als welcher das arbeitsteilige heimatorientierte Mosaik aus Partei, Periodika, Jugendgruppen und anderen Außerparlamentariern personellen Zuwuchs erfuhr, blieb zu oft eine Ansammlung kritischer Kräfte ohne Ambitionen, über die Ablehnung der Merkel-Ära hinauszuweisen. Selbst der migrationskritische Grundkonsens, der sogar sehr unterschiedliche Akteure zusammenfügen kann, wurde wiederkehrend als »islamkritischer« oder gar
neokonservativ-islamfeindlicher Grundkonsens – explizit auch durch mediale Multiplikatoren der Szene – fehlgedeutet (wobei noch nichts über andere schwerwiegende Differenzen gesagt ist!). Viele »Neuzugänge« und seit 2015 Politisierte sind vor allem empört über die Massenmigration, den »Refugees Welcome«-Wahn, die Gender-Ideologie, vernachlässigen aber inhaltliche Arbeit.

Außerdem liegt die Notwendigkeit der breitestmöglichen Kräftesammlung des »patriotischen Lagers« auf der Hand.
Dominique Venner nun stellte 1962 die These auf, daß ohne die gründliche und mobilisierende Theorie einer selbstbewußten Elite eine spürbare Richtungsumkehr von Zeittendenz und gesellschaftlichem Zustand unmöglich sei. Leiden deshalb jene, die sich auf Venners Frühwerk berufen und zugleich die vielfältige und mitunter »populistisch« operierende Mosaik-Rechte gestalten, an politischer Schizophrenie?

Die Beantwortung dieser Frage setzt voraus, daß die Dimensionen geklärt sind. Es gibt eine handlungsorientierte Ebene, welche Struktur, Formalitäten und Organisatorisches umfaßt. Diese Ebene ist die Primärebene der Mosaik-Rechten. In der Sezession führte ich 2017 – parallel zur Venner-Veröffentlichung – einiges zur Thematik aus, und spätestens mit dem eindringlichen Hinweis, daß es darum gehe, in Richtung »einer breiteren Bewegung zu wirken, die aufgrund ihrer Vielfalt (Denkfabriken, Periodika, Jugendbewegungen usw.) als ›Mosaik-Rechte‹ zu bezeichnen ist«, sollte deutlich werden, daß die Mosaik-Struktur als Teilchenstruktur vor allem anderen ein Netzwerk der effektiven, solidarischen Arbeitsteilung darstellen muß – und weniger eine einheitliche inhaltliche Stoßrichtung verkörpert. Mit der erstmaligen flächendeckenden parlamentarischen Präsenz einer Wahlpartei des rechten Lagers in der BRD wurde diese Klarstellung nötig, da das Verhalten aller Rechtsparteien im deutschsprachigen Raum – die FPÖ bietet das beste Beispiel – belegt, daß zu viele Parteileute parlamentsgläubig auftreten und ein außerparlamentarisches Umfeld und Vorfeld für überflüssig halten.

War die Mosaik-Metapher also auch dafür gedacht, dem parteipolitischen Feld ein politiktheoretisches und -strategisches Update zu verpassen, so hatte sie zusätzlich eine inhaltliche Komponente. »Es gilt«, so schloß ich 2017, »eine Rechte zu schaffen, in der viele Rechte Platz haben«. Das war eine Chiffre für Arbeitsteilung – Wirkungsfeld I des Mosaiks – und inhaltliche Heterogenität – Feld II – zugleich.

Nun gibt es zweifellos Zeiten, in denen es notwendig ist, (inhaltliche) Widersprüche auszuhalten und über die einzelnen Fraktionen hinweg die Kräfte zu bündeln. Es spricht nichts dagegen, das Feld je nach Lage zu öffnen und zu erweitern. Venner schrieb in der Positiven Kritik, daß »aktivistische Minderheiten keine sterilen Sekten« darstellen, denn »sie stehen in
direktem Kontakt zu der Bevölkerung«. In die Gegenwart projiziert sollte diese Absage an Sektenbildung samt Aufforderung zur Volksnähe bedeuten, die Nähe zu inhaltlich Aufgeschlossenen zu suchen.

Mit »2015« ist erstmals seit Jahrzehnten die Situation eingetreten, daß bis dato apolitische Menschen Abneigung zu den herrschenden Verhältnissen verspüren. Deren Unbehagen entzündet sich an Einzelfragen (Migration, Medienlügen, Merkel
etc.), wobei das Verständnis der Zusammenhänge und die Beschreibungsfähigkeit in »unserem« Sinne meist fehlen. Daher wirken nicht nur genuin neokonservative (erzliberale, prowestliche, antistaatliche und kaum erreichbare) »Wutbürger« weit entfernt von der Neuen Rechten, sondern auch die große Majorität jener nun anpolitisierten Menschen, die sich noch im Vokabular des falschen Ganzen bewegen. Eine »Einigelung« auf eine »aktivistische Minderheit« (Venner) würde nicht nur den Resonanzraum, der sich im zeitgenössischen »populistischen Augenblick« (Alain de Benoist) geöffnet hat, ungenutzt lassen. Es würde auch Venners Anspruch, »Unentschlossene zu absorbieren«, unmöglich machen. Es darf ohnehin nie darum gehen, die Theorie zu »erfüllen«: Sie würde dadurch zum lähmenden Dogma.

Die große, zeitbedingte Aufgabe des gesamten Mosaiks und seiner Einzelsteine, Unentschlossene und Anpolitisierte zu erreichen und einzubinden, macht es demnach erforderlich, inhaltliche Widersprüche zuzulassen und ideelle Vielfalt zu ermöglichen. Nur so können unterschiedliche Akteure unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunktlegungen, Begriffen und Inhalten erreichen. Aber zugleich, und das ist die Herausforderung, die das Politische ebenso wie die menschliche Geschichte mit sich bringt, darf keine weltanschauliche Beliebigkeit eintreten.

Das Problem, das Venner vor 60 Jahren beschrieb, wonach die »Aktivisten ihre gemeinsamen Vorfahren und Vordenker« nicht mehr kennen, wonach »ihre einzige Gemeinsamkeit negativer Natur« ist, wonach die »Wörter, die sie verwenden«, »unterschiedliche, teils gegensätzliche Bedeutung haben« – all das gilt heute, in einer Zeit der Auflösung aller Gewißheiten und der notorischen Pervertierung ganzer Begriffswelten (originäre Antifaschisten als »Linksfaschisten«, Muslime als »neue Nazis«, der Staat als »Moloch«, Linksradikale als »rote SA«, EU-Apparat als »EUdSSR«, kapitaltreue Christdemokraten als »Linksgrüne« etc.), um so
mehr.

Es gibt nun zwei Optionen. Entweder man stößt die »2015er Gefallenen« pauschal ab, weil man deren von klein auf verinnerlichte »Sprache der BRD« (Manfred KleineHartlage) für so folgenschwer hält, daß eine Korrektur nicht möglich erscheint. »Die wenigen wertvollen Elemente«, mahnte ja Venner, würden »gelähmt von den Verrückten, die sie umgeben«.

Diese erste Option korreliert mit dem Anspruch der Elitenbildung Venners, stößt sich aber an seinem ebenso formulierten Anspruch, breite Schichten eines Volkes durch arbeitsteilige Ansprache und Organisationsarbeit zu erreichen. Gerade heute ist, mit Venner formuliert, »nicht die passende Gelegenheit, um dem Purismus zu verfallen«. Überdies erscheint diese Option in ihrer Pauschalität unangemessen, weil 2015 nicht nur ins Neokonservative neigende »Boomer« und andere Verhaltenslibertäre politisiert wurden, sondern darüber hinaus auch zahlreiche Menschen mit Leistungsvermögen und erwiesenem Realitätssinn, die auf schrilles Auftreten verzichten und daher oftmals unter dem Radar bleiben.

Es empfiehlt sich folglich die zweite Option, namentlich der Versuch einer – gewiß weiterhin auf schmalem Grat verlaufenden – Synthese samt zeitgemäßer Weiterentwicklung beider Venner-Ansprüche: Elitenbildung (intern) und quantitatives Maximalwachstum (extern).

Bilanziert man die Standortbestimmung der Mosaik-Rechten im ausgehenden Jahr 2019, werden elf Eckpfeiler deutlich:
1. Der zeithistorisch notwendig gewordene Formierungsprozeß der Mosaik-Rechten seit 2015 folgt keiner linearen Entwicklung, sondern kennt neben Fortschritt und Erfolg auch Rückschläge. Interne Konflikte sind kaum zu vermeiden. Dabei darf nie vergessen werden, daß jedes politische Mosaik »den Bezug auf ein allen Gemeinsames, aus dem allein die Bindekraft des Mosaiks sich bilden kann«, benötigt (Peter Jehle). Die strömungsübergreifende identitätsstiftende Klammer unseres Mosaiks ist
das Bekenntnis zum Eigenen, die Akzeptanz des Vorrangs eines »Wir« und die Gegnerschaft zu individualistischen Ideologien samt ihrer Praxisresultate.

2. Wer diesen kleinsten gemeinsamen Nenner der Mosaik-Rechten annimmt, bestätigt zugleich, daß eine gegenseitige Anerkennung
als Schritt zur Politikfähigkeit vonnöten ist. Diese Anerkennung beinhaltet, daß auf einen übertriebenen (weil überambitionierten) »Vereinheitlichungsanspruch« (Hans-Jürgen Urban) verzichtet wird, obschon der Spagat gelingen muß, die Zentrifugal- und damit Spaltungskräfte nicht frei obwalten zu lassen. Ein »organisierendes und orientierendes Zentrum«
(Wolfgang Fritz Haug) der Mosaik-Struktur ist zwingend erforderlich; nur darf es keine kritikresistente Schaltstelle sein.

3. Das Organisation vermittelnde und Orientierung spendende Zentrum kann im Zweifelsfall das Wachstum des Mosaiks einschränken. Nicht jeder Stein paßt ins Gefüge, nicht jede Farbe paßt ins Bild. Wenn die Kohäsion oder Bindekraft des gesamten Aufbaus in Gefahr ist, kann die Trennung von einem Mosaikstein unumgänglich werden. Es ist die Aufgabe des Zentrum, Vermittlungsschritte dort zu entwickeln, wo es sinnvoll ist, und eine Trennung zu beschleunigen, wo es unvermeidlich erscheint. Kraß abweichende Meinungen zum eingangs skizzierten kleinsten gemeinsamen Nenner sowie Lebensbilder, die Hedonismus und diverse Ich-Ideologien transportieren, gefährden den aufgespannten Aktivitätsrahmen und die mühsam erkämpften Handlungsfähigkeiten.

4. Die Mosaik-Rechte wird immer als Nukleus gedacht; weitere Allianzen ihrer Einzelteile mit externen Akteuren sind möglich, aber ergeben sich nicht automatisch, sondern situativ. Ein Bündnis der gesamten Mosaik-Struktur mit außenstehenden Akteuren, mit denen es eine thematische Schnittmenge geben mag, kann temporär oder örtlich begrenzt nach einer Kosten-Nutzen-Prüfung erfolgen, ohne daß zugleich deren jeweilige Szenerie ins Mosaik integriert würde. Jeder Autor, jeder Multiplikator, jeder Aktivist der Mosaik-Struktur trägt Verantwortung, der Erosion des Gesamtwerks durch voreilige und kontraproduktive Allianzversuche keinen Vorschub zu leisten. Eine entscheidende Rolle spielen bei dieser steten Bildungs-, Vermittlungs- und Sortierungsarbeit »integrierende Bewegungsintellektuelle« (Hans-Jürgen Urban). Sie müssen Entwicklungen antizipieren, Debatten anstoßen und auf der Höhe der Zeit Aufklärungs- und Theoriearbeit leisten. Es ist davon auszugehen, daß Gruppen, Ideen und Projekte kommen und gehen, denn »geduldiges und systematisches Bestreben wird die unterschiedlichste Gestalt annehmen« (Venner). Die integrierenden Bewegungsintellektuellen wirken hier als Kitt und Korrektoren zugleich; das bereits Erreichte darf von den einzelnen Bausteinen nicht gefährdet werden, ein Rückschritt in die Zeit vor 2015 wäre Zeit- und Substanzverlust; doch derlei kann sich das alternative Lager nicht leisten.

6. Vor ihrer Neujustierung im Rahmen des Mosaiks war die politische Rechte der Bundesrepublik Deutschland aus internen wie externen Gründen isoliert von relevanten politischen Prozessen. Die MosaikRechte des frühen 21. Jahrhunderts ist nun angesichts der Lage, die neue Resonanzräume schuf, der ambitionierte Versuch, ein handlungsfähiges, arbeitsteiliges, weltanschaulich profiliertes und authentisches Milieu aufzubauen. Es ist, in den Worten Venners, »eine Arbeit des langen Atems – ohne Glanz und Gloria, ohne Ruhm. Doch einzig und allein diese Form des Aktivismus ist wirksam«. Das gilt 2019ff. um so mehr.

7. Die Mosaik-Struktur ist weder ein rein theoretisches Projekt noch ein exklusiv praktisches. Was zählt, ist der fortwährende Versuch, Anstöße und Lehren aus der politischen Praxis in die eigene Theorie zu integrieren und – im stetigen Wechselspiel – der Praxis ein Fundament aus der politischen Theorie zur Verfügung zu stellen. Das schließt ein Weiterarbeiten an Begriffen und Inhalten, an Strategien und Taktiken ebenso ein wie die Akzeptanz der Möglichkeit des Scheiterns.

8. Bei allen grundsätzlichen Fragen nach der Mosaik-Rechten und entsprechenden Korrekturen an ihrer Gestalt wird dabei vorausgesetzt, daß ebendiese Mosaik-Rechte nicht am Reißbrett planbar ist. Alle Überlegungen können und werden durch die Realität – gewissermaßen: »organisch« – modifiziert. Dies ist eine Konstante.

9. Die mosaikrechte Struktur (und damit auch die Kritik an ihren Unzulänglichkeiten) ist ein Kind dieser Zeit, das man argwöhnisch beäugen darf. Doch angesichts der sozialen und politischen Zustände, die uns umgeben, wäre das Versäumen des Versuchs einer effektiven MosaikRechten unterlassene Hilfeleistung und mindestens unverantwortlich. Es mangelt bis dato an praktikablen Gegenvorschlägen; eine positive Kritik unserer Tage wurde noch nicht verfaßt.

10. Hauptproblem und größte Chance zugleich ist einer ihrer Hauptakteure: Die Mosaik-Rechte verfügt mit der AfD nämlich
über einen übergroßen Baustein, der in sich so heterogen ist, daß sich eine Generallinie noch nicht abgezeichnet hat (was die Arbeit mit und an ihm insofern erschwert, als daß man noch keine gemeinsame Sprache spricht).

Parlamentarische Akteure müßten von nichtparlamentarischen Kräften lernen, wie man arbeitet, ohne permanent ein Getriebener der Gegner zu sein; wie man eine fruchtbringende Dialektik aus Stabilität (der eigenen Personen und Strukturen) und Freiheit (des eigenen Tätig-Seins und der eigenen Gestaltungshoheit) zustande bringt; wie man sich Ruhepunkte in Unruhesituationen aneignet; wie man das Zusammenspiel aus Vorfeld, Umfeld und Partei zu einer Erfolgsgeschichte verdichten kann.

11. Die entsprechende grüne Durchdringung der Gesellschaft ist eben, um ein aktuelles Beispiel anzuführen, kein Triumph einer Bundestagsfraktion oder einer Vielzahl von Landtagsfraktionen; die grüne Durchdringung ist das Resultat einer arbeitsteiligen Effektivität im metapolitischen Feld. Diese Lehre muß dem übergroß werdenden Baustein der Mosaik-Rechten vermittelt werden, damit eine spätere, allfällige Destruktion des außerparlamentarischen Netzwerks durch parlamentarische Akteure unmöglich wird – von der FPÖ und ihrem kolossalen Irrweg lernen, hieße in diesem Kontext siegen lernen, oder zumindest: Fehler vermeiden.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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