11. Dezember 2020

Weihnachtsempfehlungen (4) – Rom, Kapital, Handstreiche

Benedikt Kaiser / 6 Kommentare

Geschenkempfehlungen zu Weihnachten in Buchform – wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil 4: wiederum Gutes, Schönes, Wahres.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Gutes -- Hilaire Belloc: Der Weg nach Rom. Eine Pilgerreise durch Europa, Bad Schmiedeberg: Renovamen Verlag 2021. 320 S., broschiert, 16 €

Hilaire Belloc ist der Paradeautor des ambitionierten Renovamen Verlags aus der Dübener Heide. Daß seine Titel, vorher jahrzehntelang vergessen, neuerdings stark nachgefragt werden, spricht für das Wachstum eines bestimmten katholischen Milieus um den Verlag herum. Während nun der Sklavenstaat christliches gesellschaftliches und »sozioökonomisches« Gelände jenseits von Kapitalismus und Kommunismus vermißt, Die großen Häresien bedrohliche Angriffe auf den christlichen Glauben skizziert und Gegen Mächte und Gewalten die alten und neuen Feinde der katholischen Kirche entlarven möchte, ist Der Weg nach Rom etwas ganz anderes:

Der französisch-britische Schriftsteller (1870–1953) nimmt seinen Leser mit auf seinem langen Fußweg in die Ewige Stadt. Die 1902 erstmals im englischen Original publizierte Reise – eine deutsche Fassung erschien bei Herder 1964 – führt ihn von Toul durch das Tal der Mosel, über Epinal, Beifort, die Schweiz, über die Alpen und durch Oberitalien, über Pfade und Wege, die mit Hauptverkehrsadern selten etwas gemein haben. Nichts gemein hat zudem der traditionalistische Autor in diesem sonderbaren, mit Zeichnungen Bellocs angereichertem Buch mit traditionellen Arten des Schreibens. Er baut – katholisch-dadaistisch? – unpassende Zwischenrufe eines fiktiven Lesers ein, die der umfassend gebildete und selbstironische Belloc mal salopp, mal gütig, mal schroff beantwortet. Nach wenigen Seiten ist man »eingestimmt« auf diese Reise, die vor fast 120 Jahren unternommen wurde.

»Vergiß den Tumult«, schreibt Belloc, und hat damit Recht. Tumult kann man vergessen. Statt dessen abzutauchen in eine längst vergangene Zeit zwischen Rotwein, Palaver und Gottvertrauen verschafft unerwartete Momente der Lesefreude – und ist beileibe nicht nur etwas für hartgesottene Katholiken.

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Schönes -- Volker Braun: Handstreiche, Berlin: Suhrkamp 2019. 91 S., gebunden, 18 €

Die meisten begnadeten Aphoristiker, die man heute liest, sind längst tot. Volker Braun zeigt sich hingegen quicklebendig. Der Dresdner Schriftsteller (Jg. 1939) hat über viele Jahrzehnte hinweg ein umfassendes Werk geschaffen, das neben Theaterstücken, Gedichten, Hörspielen, Erzählungen und seinen »Arbeitsbüchern« (Werktage) auch präzise formulierte Einsichten und weise Bonmots umfaßt. Eine Auswahl letzterer erschien vor einem Jahr als Handstreiche.

Brauns Notate kommen, je nach Thema und Anlaß, polemisch, sarkastisch, zugespitzt daher, in jedem Falle aber sind sie gelehrt, ohne belehrend zu sein, und geistreich, ohne altklug zu erscheinen. »Man muß nicht alle Symptome aus den Verhältnissen kratzen, aber der Riß soll sichtbar werden«, klingt dabei nach Schnellroda, »Das Aufbegehren ist die freie Wahl« ist Schnellroda: »Ausschreitungen auf dem Papier«.

Bei anderen Sentenzen klingt hingegen die Verarbeitung des Untergangs des zweiten deutschen Teilstaates neben der BRD einher: »Das Volk gab sein Eigentum ab und ließ sich die Freiheit aushändigen.« 30 Jahre nach dem Beitritt der »neuen Bundesländer« – der alten Heimat Brauns – zum Geltungsbereich des Grundgesetzes scheint diese ironische Volte verblüffend aktuell.

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Wahres --Branko Milanović: Kapitalismus global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht, Berlin: Suhrkamp 2020. 404 S., 26 €

Ein Buch, das Ende 2019 in der Redaktion der Sezession begeistert aufgenommen und diskutiert wurde, war Das Licht, das erlosch (Berlin 2019). Verfaßt haben es der Bulgare Ivan Krastev und der US-Amerikaner Stephen Holmes. Während beide den Fokus auf liberale vs. illiberale Demokratie legten, das heißt die politische Ebene priorisierten, konzentriert sich Branko Milanović in seinem Meilenstein auf die ökonomische Ebene. Auch der serbisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler (Jg. 1953) ist keiner von »uns«; wie seine Kollegen Krastev und Holmes ist er Anhänger eines liberaldemokratisch-egalitären Weges. Aber auch Milanović will zuallererst verstehen und darstellen, und seine quellensatten Thesen über das alternativlose Weltmodell »Kapitalismus« lassen dem Leser Spielraum zum eigenständigen Weiterdenken.

Milanovićs Analysen und Zahlen rechtfertigen dabei nichts anderes als relative ethnokulturelle Homogenität und relative soziale Homogenität als doppelte Basis eines auch im 21. Jahrhundert noch denkbaren und durchsetzungsfähigen Sozialstaates. Seine Analysen können daher der weiteren inhaltlichen Fundierung des Solidarischen Patriotismus dienen.

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Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (6)

Volksdeutscher

12. Dezember 2020 08:29

Charles Baudelaire - "Selbst wenn es keinen Gott gäbe, wäre die Religion göttlich!"

Ich bin kein guter Christ, auch kein guter Katholik, dazu bin ich auch noch aus politischen Gründen aus der Kirche ausgetreten, bleibe trotz dessen dem Geiste des Katholizismus verpflichtet. Bellocs Name war mir bis dato unbekannt, habe prompt alle oben vorgestellenten Bücher von ihm auf meine Bücherliste gesetzt.

Maiordomus

12. Dezember 2020 13:00

Das Kirchensystem, das für seine Interessenvertreter viel wichtiger ist als wohl selbst die "Existenz" Gottes, nach Meister Eckhart eine falsch gestellte Frage, oder gar die von fast niemandem verstanden heilige Dreifaltigkeit, zu schweigen vom mystischen Gehalt der sog. "Unbefleckten Empfängnis", gehört als eine Art Antichrist abgeschafft, was schon den Aussenseitern der Reformation klar war. Schade ist nur, dass auf diese Art selbständige religiöses Denken gerne in sektiererische Selbstbornierung führt, was ich aufgrund wirklicher Erfahrung auch für die Politik anmahnen kann. Aber es gab und gibt selbständig denkende Christen, schon ein Blaise Pascal kompensiert 500 Bischöfe, von denen es aber nichtsdestotrotz ein paar kluge gab und vielleicht sogar gibt. In Deutschland zum Beispiel Johann Michael Sailer, einst Erzbischof von Regensburg, wichtigster Kleriker der Romantik, was auch Clemens Brentano auffiel. Und die Droste wiegt an religiösem Gehalt die gesamte feministische Theologie samt Kässmann  x-fach auf, lesen Sie nur mal "Die ächzende Kreatur", da sind Kierkegaard und der zwar ungläubige Schopenhauer fast gleichzeitig drin! 

Gracchus

12. Dezember 2020 21:38

Katholischer Dada klingt gut. Erinnert an Hugo Ball. Passend zu Belloc, von dem ich keine Zeile kenne, habe ich mir Weihnachten für seinen Freund Chesterton reserviert. Das ist quasi mein Impfstoff gegen diese triste Zeit. Bei der Gelegenheit: Wünschenswert wäre eine neue Übersetzung von "The Man Who Was Thursday", einer der besten Streiche Chestertons.

Monika

13. Dezember 2020 11:01

Nachdem Benedikt Kaiser schon David Engels „Was tun?“ wohlwollend besprochen hat und jetzt Hilaire Belloc anempfiehlt https://katholisches.info/2020/11/30/hilaire-belloc-die-feinde-der-katholischen-kirche/, ist beim weiteren Schritt auf dem „Weg zur inneren Selbstfindung“( Engels) die Lektüre von Nikolai Berdjajew ( „Wahrheit und Lüge des Kommunismus“) m.E. nicht zu vermeiden. Berdjajew kritisiert das Christentum aus marxistischer und den Marxismus aus christlicher Sicht. Die „soziale Frage von rechts“ wird dann ungenügend beantwortet, wenn sie kollektivistisch argumentiert. Dagegen gilt Berdjajew als Vertreter eines PERSONALISTISCHEN SOZIALISMUS. Zitat Berdjajew:“Ich bin für den Sozialismus; aber mein Sozialismus ist personalistisch, nicht autoritär, nicht so, dass er den Primat der Gesellschaft über die Persönlichkeit zuließe; er geht vom geistigen Wert eines jeden Menschen aus, weil er freier Geist, Persönlichkeit, Gottes Ebenbild ist. Ich bin Antikollektivist.“ Zwischen Gesellschaftlichkeit und Kollektivismus, zwischen Individualität und Personsein muss sauber unterschieden werden.  

limes

13. Dezember 2020 14:25

Belloc und Braun habe ich direkt bestellt. Klingt nach Heilsamem und Erfrischendem.

Ebenso wie @Volksdeutscher bin auch ich aus politischen Gründen aus der Kirche ausgetreten, allerdings aus der protestantischen. Als geborene Selbstdenkerin habe ich schon lange Zeit vor diesem Austritt meinen eigenen, monotheistischen Weg abseits des Christentums gefunden.

»Man muß nicht alle Symptome aus den Verhältnissen kratzen, aber der Riß soll sichtbar werden«: Das Bild vom schöpferischen, ja erlösenden »Riß« erinnert an das schöne, enigmatische »Anthem« von Leonard Cohen:

»Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack a crack in everything
That's how the light gets in.«

Daraus auch die Zeilen:

»I can run no more
With that lawless crowd
While the killers in high places
Say their prayers out loud.«

Die Linke wird von ihren Liedern eingeholt.

links ist wo der daumen rechts ist

17. Dezember 2020 00:53

Dank einmal an alle Weihnachtsempfehlungs-Beiträger.
Einiges kennt man, manches nur zu gut, für das Unbekannte ist man dankbar.

Und weil es gerade paßt noch einiges zu Chesterton.
Vor kurzem bekam ich ein Bücherkonvolut weitergeschenkt (Dank wieder einmal an CS und HL), darunter Alexander Kisslers "Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss"; kein spektakuläres Buch, aber ein paar Seiten haben es in sich.

Mit einem Querverweis zu Belloc ad Tribalismus geht der Autor ausführlich auf Chestertons "The Defendent" und "Das neue Jerusalem" ein, um dann "Das fliegende Wirtshaus" als Vorläufer von Houellebecqs "Unterwerfung" zu interpretieren.
Und auf diesen paar Seiten findet sich derart Erhellendes über die grundlegende Problematik und eine falsche Anziehungskraft des Islam, daß man Chesterton nur dringend empfehlen kann. 

Nebenbei glaube ich auch, daß die Autoren des Renouveau Catholique bald eine Renaissance erleben werden.

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