30. November 2020

Weihnachtsempfehlungen (1): Unschärfe, Demmin, Deutschland

Ellen Kositza / 15 Kommentare

Unsere drei Kategorien, Jahr für Jahr: gut, wahr, schön. Ich mache den Auftakt, nach mir kommen Kaiser, Lehnert, Sommerfeld, Wirzinger und Kubitschek.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Gut -- Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt, Stuttgart: Klett-Cotta 2020, 213 S., 20 €

Für einen Preis nominiert zu sein - was heißt das, heute? Wenig. Dort sammelt sich viel vom Immergleichen. Es gibt Ausnahmen: Iris Wolffs Roman Die Unschärfe der Welt war 2020 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Gewonnen hat ihn hingegen ein „feministisches Epos“. Wolffs wunderbarer und wahrhaft poetischer Roman kommt ohne -ismen aus und spielt doch über weite Strecken in einer Diktatur. Erzählt wird über mehrere Jahrzehnte (von der Ceausescu-Ära beginnend) die Chronik einer Familie aus dem Banat. Jedes der sieben Kapitel hat eine andere Person als Protagonisten: Mit Florentine, die mit einem Pfarrer verheiratet ist und schweigsam ist, weil Worte ohnehin „unscharf“ sind, nimmt es seinen Ausgang. Großmutter Karline ist eine überzeugte Royalistin. Die Nachbarn Ruth und Severin müssen ein Kind begraben. Es gibt Kontinuitäten und jähe Brüche, Täter, Opfer, Mitläufer. Der Goldene Westen, in dem das letzte Kapitel spielt, erscheint fast fad – zumindest erzeugt er faderes Personal. Wolff selbst (*1977) stammt aus Hermannstadt. Ihr Roman ist überwältigend.

Die Unschärfe der Welt hier bestellen.

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Schön -- Julia Schattauer: Fernweh Deutschland. Naturparadiese direkt vor der Haustür erleben, München: Bruckmann 25.99 €

Vorweg: Ich bin nicht der Typ für geschönte Aufnahmen „bezaubernder Landschaften“. Dieser im Format bescheidene Bildband hat mich aber mitgerissen. Corona mag ein Übriges getan haben: Was für eine Chance, unsere eigene Heimat zu erkunden! Die junge Pfälzerin Julia Schattauer entdeckt uns hier – bildstark und versehen mit konkreten Unternehmungstipps -zweiundsechzig deutsche Regionen, die die nahe Reise lohnen. Wermutstropfen: Das fraglos allerschönste Gebiet, nämlich die hiesige Geiseltalseenlandschaft, kommt nicht vor. Ansonsten wären meine Top 3, angeregt durch diesen Nahwehführer: Die Nordseeinsel Juist, das „untere Odertal“ sowie die Sächsische Schweiz.  In jedem Fall entbrennt hier die Heimatlust!

Fernweh Deutschland hier bestellen.

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Wahr -- Verena Kessler: Die Gespenster von Demmin, Berlin: Hanser, 239 S., 22 €

Aus Gründen bin ich äußert skeptisch gegenüber Verlautbarungen „junger Autorinnen“, gerade in der Belletristik. Meist sind es Bespiegelungen des eigenen Bauchnabels. Verena Kessler, 1988 in Hamburg geboren, bildet mit diesem begnadeten Roman eine glorreiche Ausnahme. Ich bin hingerissen! Ich werde dieses Buch zu Weihnachten mehrfach verschenken, und zwar vor allem an junge Verwandte, obgleich Die Gespenster von Demmin nicht ausdrücklich als Jugendlektüre ausgewiesen ist. Der Roman spielt in der Demminer Gegenwart. Die Perspektive wechselt zwischen Larissa, genannt Larry und einer betagten Nachbarin. Die Schülerin (die mein Herz sofort gewonnen hat) ist eine coole Außenseiterin - aber keineswegs von dieser Art, wie sie moderne Jugendbücher gerne zeichnen. Sie hat einen guten Durchblick. Ihr Ansporn: an ihre Grenzen zu gehen. Die greise Nachbarin hat Demmin anno 1945 miterlebt. Damals haben sich zwischen den 30. April und dem 4. Mai nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 700, nach realistischeren Angaben deutlich über tausend Einwohnerinnen das Leben genommen, nachdem die Rote Armee brandschatzend und vergewaltigend die Stadt eingenommen hatte. Wo trat das Elend des Nachkriegs je drastischer zutage? Dieses Buch liest man in einem (atemberaubenden) Zug. Ich wünsche ihm sehr, sehr viele Leser.

Die Gespenster von Demmin hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (15)

Ein gebuertiger Hesse

30. November 2020 11:37

Was für eine Zeit, in der ich in die Überschrift sogleich einen freudschen Fehler reinlese "WeihnachtsIMPFehlungen" und denke: nun schreibt EK auch schon über das Drecksthema.

Schön zu sehen auf den zweiten Blick, daß sie's mitnichten tut.

Maiordomus

30. November 2020 13:27

Ich wäre sehr gespannt, ob das Buch über die Banater Schwaben meine regelmässige Enttäuschung über  die massiv überschätzte Hertha Müller kompensieren kann. Eines bleibt wie jedes Jahr bestehen: die regelmässig glaubwürdige Rezensions- und Rezeptionskompetenz von Redaktorin Kositza. Sie hat einen Entdeckerinstinkt und findet regelmässig auch dort, wo einer wie ich allmählich zu suchen aufgehört hat, noch Juwelen im Heuhaufen oder je nachdem Misthaufen. 

Teufel

30. November 2020 14:44

"Soll die AfD eine multientnische Partei werden."
 

Nein.

Skeptiker

30. November 2020 16:53

Ich bin ganz begeistert hier zu lesen, dass Sie "Die Gespenster von Demmin" von Verena Kessler empfehlen. Dann kann auch ich es als Weihnachtsgeschenk für verschiedene Altersgruppen nur anraten. Das Buch ist für einen Debütroman ganz erstaunlich komponiert. Die verschiedene Handlungsstränge laufen fast unbemerkt aufeinander zu, sodass sich der Titel erst zum Ende ganz erschließt. Daneben ist es in einer klaren Sprache geschrieben. Mit wenigen Merkmalen gelingt es der Autorin, die Figuren zu kennzeichen. Gerade für Intelektuelle, die vielleicht wenig mit den beschriebenen Milieus zu tun haben, gibt es einen ehrlichen und nachvollziehbaren Einblick in bestimmte soziale Zusammenhänge. Ein wirklich gelungenes Erstlingswerk und eine klare Kaufempfehlung!

Maiordomus

30. November 2020 18:38

[email protected] Müller natürlich ohne th geschrieben, es geht nicht um die Berliner Fussballszene.

 

Das Bekenntnis des Skeptikers über den Debütroman einer Autorin (heute in der Regel ein Ausdruck vergleichbar mit "Debütantin" beim Schülerball) scheint mir eine wirklich beeindruckende Bestätigung  einer anregenden Rezension. 

RMH

30. November 2020 19:38

"Was für eine Chance, unsere eigene Heimat zu erkunden!"

Jetzt kommt wieder das, was immer kommen muss: Irgendein Miesmacher meldet sich zu Wort. Dieses mal bin ich es.

Ich gehöre zu denen, die mit ihrer Familie oder alleine schon länger die eigene Heimat erkunde --- seit Corona ist es an gewissen bekannteren Örtlichkeiten & Wanderwegen an Wochenenden, insbesondere Sonntags, kein Vergnügen mehr. Wo man vor Corona noch durch zeitiges Aufbrechen vor den Massen halbwegs ungestört durchkam, grinsen einem jetzt die typisch funktionsbekleideten (ohne Uniform gehts in Deutschland dann doch nicht) Naturentdecker schon ab 10:30 mit Thermoskanne und Stullendose auf jeder zweiten Rastbank entgegen oder stacksen mit ihren Stöcken in den Wegen herum. Früher war wenigstens um die Mittagszeit ein bisschen Ruhe - jetzt wo die Gasthäuser zu sind, nonstop Hans Wolfshaut, Nordgesicht & Co Träger in der deutschen Pampa. Ganz schlimm: Die Invasion der E-Bikes! Vor der flächendeckenden Verbreitung dieser Dinger gabs es zumindest gewisse körperliche Limits für die Radfahrer - jetzt findet man sie fast überall. Na ja, will nicht zu sehr übertreiben, aber wohl dem, der unter der Woche Zeit hat und wenn gerade keine Schulferien sind. Da kann man noch der einsame Wanderer auf weiter Flur sein. Insofern: Das Buch zeigt einem vermutlich genau, wo man zukünftig besser nicht mehr hingeht. So wie bei jedem veröffentlichten "Geheimtipp" eben.

Skeptiker

30. November 2020 20:57

@RMH

Sie beschreiben diese Entwicklung sehr schön und von mir volle Zustimmung dafür. Auch ich habe ein großes Unbehagen gegenüber E-Bikes, vor allem wenn sie dann auch noch in Verkleidung eines Mountain-Bikes daherkommen.

In Bezug auf das Buch kann ich sie aber beruhigen. Die Wirkung wäre viel fataler würde irgendeiner dieser "Influencer" (klingt irgendwie nach Krankheit) über diese Orte berichten. Dann könnten Sie die Orte nicht mehr betreten. Wir gewöhnen einer ganzen Generation gerade das Lesen ab. Man nennt das im bildungspolitischen Sprachgebrauch "Digitalisierung". Manche Menschen außerhalb dieses Forums kaufen auch noch Bücher, aber meistens lesen sie diese dann nicht. In dieser Beziehung bin ich leider so pessimistisch wie andere hier bei anderen Dingen!

Gracchus

30. November 2020 21:05

Verena Kessler wurde auch im letzten Literarischen Quartett besprochen - sehr positiv. Jetzt, wo Kositza und der Skeptiker in das Lob miteinstimmen, werde ich's mir wahrscheinlich auch besorgen. 

Was jetzt @Teufel die Buchempfehlungen mit der AFD zu tun haben?! Der Teufel war wohl schon immer etwas monothematisch.

@RMH: Haha, sehr gut!
Kositza: Achten Sie auf Ihre Wortwahl!

Simplicius Teutsch

30. November 2020 21:58

Also, ich weiß nicht. Kann, soll man denn so ein Buch einer 15jährigen (einer Pfadfinderin, nebenbei bemerkt) zum Lesen schenken? Oder eher ihrer zwei Jahre älteren Schwester?

Ich habe mir zusätzlich das kurze Empfehlungs-Video von Ellen Kositza zu „Die Gespenster von Demmin“ angeschaut. Fast hätte ich vorzeitig abgeschaltet. Endkampf 1945, totale Niederlage, Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee, Massenselbstmorde von total besiegten Deutschen. Unerträglich. Ich weiß es, aber ich verdränge das lieber. Macht das Thema nicht depressiv? - Außer man ist ein linker Antifaschist oder eine deutsche Antifaschistin. „Bomber Harris, do it again!“ oder so ähnlich.

Solution

30. November 2020 22:41

Da ja die Autorin nicht gerade für ihre Nähe zu Rechten bekannt ist, würde mich vor einem Kauf interessieren, ob sie die übliche Linie von "die Deutschen haben angefangen, waren die schlimmsten Täter und sind letztlich selbst schuld" fährt.

Hartwig aus LG8

30. November 2020 22:58

@ RMH (der Miesmacher ...)

Ich weiss, was Sie meinen, aber ...

Ich habe kürzlich innerhalb meiner Heimatstadt (eine Großstadt!) äußerst zentrumsnah ein paar Hektar Kanallandschaft entdeckt. Meine Impressionen reichten von Amazonas bis Kreidezeit. Grau- und Silberreiher, verschiedene Wasservögel im Schilf, stoisch mit abgespreizten Flügeln herumsitzende Kormorane, eine Iltisfamilie, klassisch von Bibern(!) abgenagte und in den Fluss gefallene Weiden, kaum begehbarer Dickicht. Das alles unmittelbar entlang stark befahrener Brücken und gut genutzter Geh- und Radwege. Und obwohl man die Tram in der Ferne rattern hören konnte, weit und breit kein Mensch zu sehen.

Skeptiker

30. November 2020 23:05

@Simplicius Teutsch

Nein, das Buch macht ganz bestimmt nicht depressiv. Die Ereignisse der letzten Kriegstage liegen wie Gespenster über der Stadt. Das spürt man irgendwie beim Lesen. Durch die alte Frau, die schweigend und beobachtend im Nachbarhaus der Protagonistin wohnt, wird das Ereignis immer wieder in die Handlung eingebunden, aber es wird nur angedeutet. Irgendetwas ist da passiert, dass das Verhalten der alten Frau, ihre gestörte Beziehung zu ihrem Sohn, die Sehnsucht beim Blick aus dem Fenster erklärbar machen könnte. Aber die Erzählerin erklärt nicht, erhebt nie den Zeigefinger, sondern deutet nur Spuren an. Das macht die Autorin sehr gekonnt. Das meinte ich, ist erstaunlich für einen Debütroman. Die komplexe Figurenkonstellation, die erst mit dem fortschreitenden Verlauf der Handlung offensichtlich wird. Das Ereignis berührt die beiden Jugendlichen, um die es in erster Linie geht, ohne dass es ausgesprochen wird. Es erklärt im Hintergrund, ist irgendwie da. Es sind ihre Eltern, Großeltern. Nein, nochmal: Depressiv ist der Roman nun wahrlich nicht. Besonders gefallen hat mir die Sprache, die die Figuren gut einfängt. Und dieses ganz ohne diese Schnodrigkeit, mit der sich viele Jugendromane der Gegenwartsliteratur ihren Lesern anbiedern. Ab 16 Jahre kann man das Buch ganz bestimmt zum Lesen empfehlen!

Gotlandfahrer

1. Dezember 2020 00:47

Und für alle, die keinen Bock mehr auf Maske haben, empfehle ich zu Weihnachten:
https://www.rootsofcompassion.org/i-love-volkstod-button

Gotlandfahrer

1. Dezember 2020 00:52

Kleine Ergänzung zum weihnachtlichen Volkstod-Button anstatt Maske, weil was von Volk und es so gut passt:
https://mobil.mopo.de/hamburg/promi---show/nathalie-volks-neue-liebe-darum-lieben-junge-frauen-gefaehrliche-maenner-37760620

RMH

1. Dezember 2020 06:46

@Hartwig,

ich habe eine starke Idee, aus welcher Stadt sie kommen ... verrate aber nichts.

Sie haben schon recht, es gibt immer noch diese Momente an Orten - und ganz demokratisch empfehle auch ich jedem, diese zu suchen. Nur ein Sonntag ist mittlerweile für ein Gefühl der Einsamkeit oftmals eher ungeeignet, auch wenn man beim Wandern oder Radfahren in der Natur an Sonntagen noch am ehesten einen Eindruck davon bekommen kann, dass es doch noch etliche Deutsche gibt. Auf neudeutsch: Wandern ist voll alman.

@Simplicius Teutsch,

mir geht es genauso - mit zunehmenden Alter kann ich so etwas nicht mehr lesen oder ansehen, insbesondere, da dann eigene familiäre Schicksale immer wieder irgendwie hochkommen und man bereits viel davon vor Jahren gelesen hatte (das stumpft nicht ab - im Gegenteil!). Aber für junge Menschen, die sich noch mit stärkeren Nerven mit so etwas auseinandersetzen können, evtl. gerade richtig.

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