Netzfundstücke (68) – Wächter, Heroen, Funker

Durch den von Rußland am 09. November vermittelten Waffenstillstand schweigen im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan aktuell die Gewehre.

Jedoch gibt sich fast nie­mand der Illu­si­on hin, daß die blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Regi­on Berg­ka­ra­bach damit auf Dau­er been­det sind.

Es scheint so, daß ledig­lich eine Atem­pau­se im Krieg zwi­schen den bei­den Staa­ten erlangt wer­den konn­te. Indes sorg­te die Kon­fron­ta­ti­on rund um die Gegend im Klei­nen Kau­ka­sus für eine ansons­ten eher unüb­li­che kla­re patrio­ti­sche Posi­tio­nie­rung: die US-ame­ri­ka­ni­sche Rock­grup­pe Sys­tem of a Down (SOAD) ver­öf­fent­lich­te Anfang Novem­ber, nach­dem sie jah­re­lang kei­ne neue Musik auf­ge­nom­men hat­ten, das Lied »Pro­tect the Land« (zu deutsch: »Ver­tei­di­ge das Land«).

War­um sich gera­de SOAD bezüg­lich des Krie­ges in Arme­ni­en der­art expo­niert posi­tio­nie­ren ist schnell erklärt: Alle Band­mit­glie­der haben arme­ni­sche Wur­zeln. Ihre Ver­bun­den­heit mit Arme­ni­en durch­zieht ihr gesam­tes musi­ka­li­sches Schaf­fen – etli­che Lie­der beinhal­ten Ele­men­te arme­ni­scher Folklore.

Der Text von »Pro­tect the Land« ist der­weil ein­deu­tig – mobi­li­sie­rend; kei­ne Rela­ti­vie­run­gen; wer »Freund« und »Feind« ist, für SOAD offen­sicht­lich. Das Lied gießt die Ehr­furcht der vier kali­for­ni­schen Musi­ker vor ihren arme­ni­schen Lands­leu­ten, die mit der Waf­fe in der Hand ihr Hei­mat­land ver­tei­di­gen, in Noten.

Some were for­ced to for­eign lands
Some would lay dead on the sand
Would you stay and take command
Would you stay with gun in hand (with gun in hand)
They pro­tect the land
They pro­tect the land
They pro­tect the land 

Our histo­ry and vic­to­ry and lega­cy we send
from sca­ven­gers and inva­ders tho­se who pro­tect the land
Our histo­ry and vic­to­ry and lega­cy we send
from sca­ven­gers and inva­ders tho­se who protect
Tho­se who pro­tect the land
Tho­se who pro­tect the land
Tho­se who protect

Für eine, spe­zi­ell noch in Los Ange­les ansäs­si­ge Musik­grup­pe die­ser Grö­ßen­ord­nung ist das kei­nes­falls eine Selbst­ver­ständ­lich­keit und damit in den Fund­stü­cken defi­ni­tiv eine Erwäh­nung wert. Ins­be­son­de­re auch des­halb, weil der Krieg in Arme­ni­en und so auch »Pro­tect the Land« in der deut­schen Öffent­lich­keit kaum stattfand.

Daher wäre auch SOADs Kampf­an­sa­ge an mir bei­na­he völ­lig vor­über­ge­gan­gen. Damit es Ihnen nicht genau­so geht, hier der Wider­stands­auf­ruf des arme­ni­schen Vierers:


Die Video­kam­pa­gne der Bun­des­re­gie­rung zur Bekämp­fung des SARS-CoV‑2 Virus mutet gro­tesk an und oszil­liert zwi­schen den bei­den Polen »lächer­lich« und »befremd­lich« (Den Unfall kann man sich hier anschau­en). Indes legt sie ein tra­gisch-komi­sches Zeug­nis dar­über ab, in wel­chem bemit­lei­dens­wer­ten Zustand sich die BRD mitt­ler­wei­le befindet.

Wüß­te man es nicht bes­ser, könn­te man beim ers­ten Sehen der Film­chen durch­aus auf die Idee kom­men, es mit Sati­re zu tun zu haben. Doch das Kanz­ler­amt meint es voll­kom­men ernst: trie­fen­des Pathos und Hel­den­kult um wohl­stands­ver­wöhn­te Ses­sel­fur­zer, deren Hero­is­mus sich auf Selbst­qua­ran­tä­ne beschränkt – neu­er Tiefpunkt.

Die Per­si­fla­gen lie­ßen natur­ge­mäß nicht lan­ge auf sich war­ten. Wäh­rend Jan Böh­mer­mann wie gewohnt als schlech­tes Gewis­sen der Ein­wan­de­rungs­re­pu­blik die Moral­keu­le schwingt (sie­he hier), kommt ein sehr gelun­ge­nes Stück aus der »Querdenken«-Ecke:


Über das Jahr 2020 hat die Neue Rech­te in Deutsch­land das Pod­cas­ten für sich ent­deckt. Neben dem belieb­ten For­mat »Am Ran­de der Gesell­schaft« aus Schnell­ro­da, gibt es mitt­ler­wei­le meh­re­re klei­ne­re Pro­jek­te aus der jün­ge­ren Genera­ti­on, die ihre Ana­ly­sen der poli­ti­schen Lage in den Äther senden.

Der wohl reich­wei­ten­stärks­te Kanal, der auch als Vor­rei­ter der ande­ren hier vor­ge­stell­ten Pro­jek­te gel­ten kann, ist »Die Schwar­ze Fah­ne«, die es auf nun sat­te 51 Fol­gen bringt (Kino-Spe­zi­al aus­ge­klam­mert) und für die Nische, in der sie sich bewegt, beacht­li­che 1360 Abon­nen­ten bei You­Tube zählt. Zur jüngs­ten regu­lä­ren Fol­ge, The­ma US-Wah­len, mit Sezes­si­on-Autor Nils Weg­ner geht es hier.

Außer­dem erwäh­nens­wert ist der Neu-Schwa­ben­funk, der zusätz­lich zu sei­nem Gesprächs­for­mat soge­nann­te Waves mit Augen­zwin­kern produziert:

Ob der kon­flikt-Pod­cast (hier rein­hö­ren) oder der »Rechts­aus­le­ger« (hier rein­hö­ren), die jun­ge Rech­te setzt auf digi­ta­les Radio.

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Kommentare (13)

tearjerker

6. Dezember 2020 00:33

Das Europa-Fernsehen meldete gestern, dass nach dem Waffenstillstand in Beg-Karabach jetzt die ersten Aseris in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Alles im Lack also.

Laurenz

6. Dezember 2020 01:17

Für mich ist die Armenische Frage eine historische. Wie weit schaut man in der Lagebeurteilung zurück? Schaut man überhaupt zurück? Wenn ja, sind es die Turk-Völker & der Islam, die als letzte dort ankamen. 

Die Produktion von SOAD klingt sehr westlich, also nichts Neues. Aber das wichtige ist in meinen Augen, daß man das Anliegen der Musiker beim Hören fühlt, es erscheint authentisch. Die eindrucksvollen Bilder des Videos tragen ihren Teil dazu bei. Das Lied ist schön arrangiert & gesungen. Die Gitarren einen Tick zu laut, das Schlagzeug ein Tick zu leise. 

Und ja, nur die beiden russischen Agenturen berichteten regelmäßig über die aktuellen Geschehnisse im Konflikt.

@JS

Wenn Querdenken schon Geld für eine Video-Produktion ausgibt, erachte ich eine komödiantische Fassung des exkrementalen Bundesregime-Videos als Perlen vor die Säue. Wäre es nicht angebrachter, die Situation prügelnder Polizisten und Wasserwerfer-Piloten zu visualisieren? Tatsächliche Vergleiche mit medizinisch-kriminellen Ereignissen aus der Historie wären in meinen Augen einschneidender. Die Abgestumpftheit, auch unsere eigene, läßt sich nur mit drastischen Bildern auflösen.

RMH

6. Dezember 2020 09:17

Armenien war/ist ein Anwendungsfall von Bismarcks berühmten Satzes von das "ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert" aus russischer Sicht. Die Amis waren eh lost in the election battle.

Die Russen geraten immer wieder mit den Türken aneinander. In Syrien haben sie zumindest recht effektiv ein Ausbildungslage für Milizen, die in den Kaukasus gehen sollten, bombardiert. Aber reicht so ein leichtes Fingerklopfen aus, um den Türken Einhalt zu gebieten?

Nein, die Vermutung liegt nahe, dass im Konflikt Armenien Aserbaidschan das ganze nur ein Fall von "Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben" sein kann.

PS: Das Schnellroda Wave Stück ist cool, aber ca. 2,5 Minuten zu lang.

lutzh

6. Dezember 2020 09:38

Vielen Dank für die Erwähnung des Songs von SOAD. Es geht mir wie Ihnen, von dieser eindeutigen Positionierung einer der größten Bands aller Zeiten hatte ich zuvor überhaupt nichts mitbekommen.

Natürlich wird hierzulande über diesen Konflikt und die aus europäischer Sicht zwingend notwendige Unterstützung für das christliche Armenien nur globalistisch berichtet. Wenn wir unseren Brüdern nicht zumindest moralisch beistehen, wie wollen wir dann wirklichen Bedrohungen, die unsere eigene Kultur betreffen, begegenen?

Maiordomus

6. Dezember 2020 13:30

Wegen Exotik ist armenischer Nationalismus wohl her zugelassen als europäische Varianten desselben. Aber damit hat es sich schon, vgl. den berühmten bei @RMH zitierten Satz des Geopolitikers Bismarck. @Laurenz. Ihr letzter Abschnitt 09.17 war ein Lichtpunkt, natürlich ist die Priorität des Wasserwerfereinsatzes politisch lehrbuchfähig für das Verständnis der Bundesrepublik am des Jahres 2020.

Da von politischem Einfluss der Opposition auf Parlamentsentscheidungen über das Kenntlichmachen des Systems hinaus keine Rede sein kann, sollte man sich derzeit über Flügelkämpfe bei derselben nicht zu sehr aufregen, definiert sich doch mit "faschistisch" alles, was der Linken nicht passt. Vielmehr sollten sich alle Richtungen wählbar machen, weil es erst mit 20% und mehr für Altparteien schwierig wird. Bedaure sogar, dass sich der Lucke-Flügel, noch längst "faschistisch" genug, aufgegeben hat bzw. sich wegen einiger schnell "Verräter" schreiender Rechthaber resignieren bzw. aus der Partei herausekeln liess.. 

anatol broder

6. Dezember 2020 15:21

@ lutzh 9:38

Wenn wir unseren Brüdern nicht zumindest moralisch beistehen, wie wollen wir dann wirklichen Bedrohungen, die unsere eigene Kultur betreffen, begegenen?

das ist eine gute frage.

tearjerker

6. Dezember 2020 19:31

„Der interessanteste Aspekt (...) war für mich die totale militärische Überlegenheit Aserbaidschans.“

Nicht die armenische Armee, sondern die Truppen der Republik Artsach haben gekämpft, wenn auch verstärkt durch armenische Freiwillige, die man ohne professionelle Unterstützung in Berg-Karabach verbrannt hat. Ein direktes Eingreifen der Armenier und der Russen war aus politisch-rechtlichen Gründen zunächst nicht möglich. Zudem gilt die Regierung in Eriwan als Agent der Soros-Clique und damit auch als nicht verbündet mit Russland. Letztlich haben die Russen in Abstimmung mit der Türkei das Erscheinen russischen Militärs als Friedenstruppe in Karabach ausgehandelt und die Akzeptanz der Gebietsrevision erzwungen. Die Russen mussten reagieren, da das Empire sich aktuell mit der Türkei verbindet, um ihre alte Strategie des ‚Great Game‘ aus dem 19. Jahrhundert wieder aufzunehmen, in dessen Zentrum die Eindämmung Russlands an allen seinen Grenzen steht. Erdogan soll weg, denn er steht den amerikanischen Plänen für Kleinasien im Wege, weshalb er die Briten zur Unterstützung ins Boot holte. Gleichzeitig erfolgte eine Verständigung mit den Russen, da diese sich daran erinnerten den Kaukasus in den 1800er Jahren von Karabach aus erobert zu haben, wie die Briten sich daran erinnerten, dass die Einflussnahme in diesem Konflikt das Tor in den Kaukasus öffnen könnte. Vorläufig werden die Briten mit neuen Lizenten in der Energiebeanche Aserbaidschans belohnt.

Max

6. Dezember 2020 20:19

"Nein, die Vermutung liegt nahe, dass im Konflikt Armenien Aserbaidschan das ganze nur ein Fall von "Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben" sein kann."

Nicht wirklich.  Arzach ist jetzt nichts als ein großer russischer Militärstützpunkt (wie Kosovo ein Amistützpunkt) mit lokaler Bevölkerung drumrum.  Die Azeris haben was sie brauchten (Revanche, und die eigentlichen Azeri-Gebiete zurück).  Und dazu noch einen von den Russen geschützten Transit nach Nachitschewan.  Das ist für sie wichtiger als eine Gebirgsregion in der Azeris noch nie gelebt haben, weswegen sie diesen Status Quo erhalten wollen. Bei einer Fortsetzung wäre der Korridor nach Nachitschewan sofort zu. Die Türken haben zwar Sieg feiern können, der eigentliche Sieger ist aber Russland. Denn der Korridor nach Nachitschewan wird für Azeris wie Türken wichtig sein - aber von Russland kontrolliert. 

Christian

6. Dezember 2020 20:47

Apropos Neu-Schwabenfunk - richtig gut! Ein Kontrast ist die nüchterne Sprechweise mit der energetisch-dynamischen, vorwärtstreibenden Musik, die halb und halb erwarteten läßt, daß gleich einer richtig vom Leder zieht ... es ist keine Volkstribun-Rechte - noch ist das wohl besser so. Das System-Of-a-Down-Video erinnert an die YouTube-Anfangszeit, wo es eine Vielzahl von Wehrmachtsvideos mit entsprechender härterer, auch deutscher Musik gab.

Maiordomus

6. Dezember 2020 21:27

Da jetzt von Aussenpolitik gesprochen wird: Je linker und zugleich "antifaschistischer" die deutsche Politik sich gebärdet mit Fingerzeigen gegen Polen und Ungarn, desto erpichter sind die Polen darauf, als Antwort wieder mal mit der Reparationenkeule zu drohen. Ist nun mal nichts anderes als eine Reaktion auf eine Provokation. 

Maiordomus

6. Dezember 2020 22:10

PS. Jede Aussage von Frau von der Leyen, Polen, Osteuropa, Russland usw. betreffend, wird eins zu eins als "deutsche" Meinung interpretiert, da man die EU an sich sowieso als Papiertiger einschätzt. 

Laurenz

7. Dezember 2020 09:55

 

@tearjerker

Boris Johnson hat einen türkischen Großvater.

https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Johnson

tearjerker

7. Dezember 2020 22:16

@Laurenz: Güügle entnehme ich, dass der Urgrossvater Ali Kemal sich vor 100 Jahren gegen den Nationalismus Atatürks wandte, was ihm nicht nur die Massakrierung durch den Mob einbrachte, sondern auch seinen Namen Ali Kemal sprichwörtlich für Verräter im türkischen Wortschatz verankerte. Fazit einer türkischen Zeitung zu Boris Johnson: „Er ist Türke, aber keiner von uns.“ Gutes Detail.

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