5. Dezember 2020

Netzfundstücke (68) – Wächter, Heroen, Funker

Jonas Schick / 14 Kommentare

Durch den von Rußland am 09. November vermittelten Waffenstillstand schweigen im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan aktuell die Gewehre.

Jedoch gibt sich fast niemand der Illusion hin, daß die blutigen Auseinandersetzungen um die Region Bergkarabach damit auf Dauer beendet sind.

Es scheint so, daß lediglich eine Atempause im Krieg zwischen den beiden Staaten erlangt werden konnte. Indes sorgte die Konfrontation rund um die Gegend im Kleinen Kaukasus für eine ansonsten eher unübliche klare patriotische Positionierung: die US-amerikanische Rockgruppe System of a Down (SOAD) veröffentlichte Anfang November, nachdem sie jahrelang keine neue Musik aufgenommen hatten, das Lied »Protect the Land« (zu deutsch: »Verteidige das Land«).

Warum sich gerade SOAD bezüglich des Krieges in Armenien derart exponiert positionieren ist schnell erklärt: Alle Bandmitglieder haben armenische Wurzeln. Ihre Verbundenheit mit Armenien durchzieht ihr gesamtes musikalisches Schaffen – etliche Lieder beinhalten Elemente armenischer Folklore.

Der Text von »Protect the Land« ist derweil eindeutig – mobilisierend; keine Relativierungen; wer »Freund« und »Feind« ist, für SOAD offensichtlich. Das Lied gießt die Ehrfurcht der vier kalifornischen Musiker vor ihren armenischen Landsleuten, die mit der Waffe in der Hand ihr Heimatland verteidigen, in Noten.

Some were forced to foreign lands
Some would lay dead on the sand
Would you stay and take command
Would you stay with gun in hand (with gun in hand)
They protect the land
They protect the land
They protect the land 

Our history and victory and legacy we send
from scavengers and invaders those who protect the land
Our history and victory and legacy we send
from scavengers and invaders those who protect
Those who protect the land
Those who protect the land
Those who protect

Für eine, speziell noch in Los Angeles ansässige Musikgruppe dieser Größenordnung ist das keinesfalls eine Selbstverständlichkeit und damit in den Fundstücken definitiv eine Erwähnung wert. Insbesondere auch deshalb, weil der Krieg in Armenien und so auch »Protect the Land« in der deutschen Öffentlichkeit kaum stattfand.

Daher wäre auch SOADs Kampfansage an mir beinahe völlig vorübergegangen. Damit es Ihnen nicht genauso geht, hier der Widerstandsaufruf des armenischen Vierers:


Die Videokampagne der Bundesregierung zur Bekämpfung des SARS-CoV-2 Virus mutet grotesk an und oszilliert zwischen den beiden Polen »lächerlich« und »befremdlich« (Den Unfall kann man sich hier anschauen). Indes legt sie ein tragisch-komisches Zeugnis darüber ab, in welchem bemitleidenswerten Zustand sich die BRD mittlerweile befindet.

Wüßte man es nicht besser, könnte man beim ersten Sehen der Filmchen durchaus auf die Idee kommen, es mit Satire zu tun zu haben. Doch das Kanzleramt meint es vollkommen ernst: triefendes Pathos und Heldenkult um wohlstandsverwöhnte Sesselfurzer, deren Heroismus sich auf Selbstquarantäne beschränkt – neuer Tiefpunkt.

Die Persiflagen ließen naturgemäß nicht lange auf sich warten. Während Jan Böhmermann wie gewohnt als schlechtes Gewissen der Einwanderungsrepublik die Moralkeule schwingt (siehe hier), kommt ein sehr gelungenes Stück aus der »Querdenken«-Ecke:


Über das Jahr 2020 hat die Neue Rechte in Deutschland das Podcasten für sich entdeckt. Neben dem beliebten Format »Am Rande der Gesellschaft« aus Schnellroda, gibt es mittlerweile mehrere kleinere Projekte aus der jüngeren Generation, die ihre Analysen der politischen Lage in den Äther senden.

Der wohl reichweitenstärkste Kanal, der auch als Vorreiter der anderen hier vorgestellten Projekte gelten kann, ist »Die Schwarze Fahne«, die es auf nun satte 51 Folgen bringt (Kino-Spezial ausgeklammert) und für die Nische, in der sie sich bewegt, beachtliche 1360 Abonnenten bei YouTube zählt. Zur jüngsten regulären Folge, Thema US-Wahlen, mit Sezession-Autor Nils Wegner geht es hier.

Außerdem erwähnenswert ist der Neu-Schwabenfunk, der zusätzlich zu seinem Gesprächsformat sogenannte Waves mit Augenzwinkern produziert:

Ob der konflikt-Podcast (hier reinhören) oder der »Rechtsausleger« (hier reinhören), die junge Rechte setzt auf digitales Radio.



Kommentare (14)

tearjerker

6. Dezember 2020 00:33

Das Europa-Fernsehen meldete gestern, dass nach dem Waffenstillstand in Beg-Karabach jetzt die ersten Aseris in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Alles im Lack also.

Laurenz

6. Dezember 2020 01:17

Für mich ist die Armenische Frage eine historische. Wie weit schaut man in der Lagebeurteilung zurück? Schaut man überhaupt zurück? Wenn ja, sind es die Turk-Völker & der Islam, die als letzte dort ankamen. 

Die Produktion von SOAD klingt sehr westlich, also nichts Neues. Aber das wichtige ist in meinen Augen, daß man das Anliegen der Musiker beim Hören fühlt, es erscheint authentisch. Die eindrucksvollen Bilder des Videos tragen ihren Teil dazu bei. Das Lied ist schön arrangiert & gesungen. Die Gitarren einen Tick zu laut, das Schlagzeug ein Tick zu leise. 

Und ja, nur die beiden russischen Agenturen berichteten regelmäßig über die aktuellen Geschehnisse im Konflikt.

@JS

Wenn Querdenken schon Geld für eine Video-Produktion ausgibt, erachte ich eine komödiantische Fassung des exkrementalen Bundesregime-Videos als Perlen vor die Säue. Wäre es nicht angebrachter, die Situation prügelnder Polizisten und Wasserwerfer-Piloten zu visualisieren? Tatsächliche Vergleiche mit medizinisch-kriminellen Ereignissen aus der Historie wären in meinen Augen einschneidender. Die Abgestumpftheit, auch unsere eigene, läßt sich nur mit drastischen Bildern auflösen.

RMH

6. Dezember 2020 09:17

Armenien war/ist ein Anwendungsfall von Bismarcks berühmten Satzes von das "ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert" aus russischer Sicht. Die Amis waren eh lost in the election battle.

Die Russen geraten immer wieder mit den Türken aneinander. In Syrien haben sie zumindest recht effektiv ein Ausbildungslage für Milizen, die in den Kaukasus gehen sollten, bombardiert. Aber reicht so ein leichtes Fingerklopfen aus, um den Türken Einhalt zu gebieten?

Nein, die Vermutung liegt nahe, dass im Konflikt Armenien Aserbaidschan das ganze nur ein Fall von "Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben" sein kann.

PS: Das Schnellroda Wave Stück ist cool, aber ca. 2,5 Minuten zu lang.

lutzh

6. Dezember 2020 09:38

Vielen Dank für die Erwähnung des Songs von SOAD. Es geht mir wie Ihnen, von dieser eindeutigen Positionierung einer der größten Bands aller Zeiten hatte ich zuvor überhaupt nichts mitbekommen.

Natürlich wird hierzulande über diesen Konflikt und die aus europäischer Sicht zwingend notwendige Unterstützung für das christliche Armenien nur globalistisch berichtet. Wenn wir unseren Brüdern nicht zumindest moralisch beistehen, wie wollen wir dann wirklichen Bedrohungen, die unsere eigene Kultur betreffen, begegenen?

KlausD.

6. Dezember 2020 11:06

Der interessanteste Aspekt am kürzlich ausgetragenen Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan war für mich die totale militärische Überlegenheit Aserbaidschans.

Zwei Gründe sind wohl anzuführen, zum einen die Unterstützung der Türkei und zum zweiten, und das war ausschlaggebend, eine völlig neue Art der Kriegführung, in deren Mittelpunkt der Einsatz von Drohnen stand. Die Türkei hat offensichtlich die Kunst der Drohnenkriegführung nach den Einsätzen in Syrien und Libyen hier perfektioniert.

Die Entwicklung geht hin zum Einsatz von völlig autonomem Drohnenschwärmen.

http://de.rt.com/meinung/109883-wie-kavallerie-gegen-panzer-tuerkei-perfektioniert-neue-art-der-kriegfuehrung/

Maiordomus

6. Dezember 2020 13:30

Wegen Exotik ist armenischer Nationalismus wohl her zugelassen als europäische Varianten desselben. Aber damit hat es sich schon, vgl. den berühmten bei @RMH zitierten Satz des Geopolitikers Bismarck. @Laurenz. Ihr letzter Abschnitt 09.17 war ein Lichtpunkt, natürlich ist die Priorität des Wasserwerfereinsatzes politisch lehrbuchfähig für das Verständnis der Bundesrepublik am des Jahres 2020.

Da von politischem Einfluss der Opposition auf Parlamentsentscheidungen über das Kenntlichmachen des Systems hinaus keine Rede sein kann, sollte man sich derzeit über Flügelkämpfe bei derselben nicht zu sehr aufregen, definiert sich doch mit "faschistisch" alles, was der Linken nicht passt. Vielmehr sollten sich alle Richtungen wählbar machen, weil es erst mit 20% und mehr für Altparteien schwierig wird. Bedaure sogar, dass sich der Lucke-Flügel, noch längst "faschistisch" genug, aufgegeben hat bzw. sich wegen einiger schnell "Verräter" schreiender Rechthaber resignieren bzw. aus der Partei herausekeln liess.. 

anatol broder

6. Dezember 2020 15:21

@ lutzh 9:38

Wenn wir unseren Brüdern nicht zumindest moralisch beistehen, wie wollen wir dann wirklichen Bedrohungen, die unsere eigene Kultur betreffen, begegenen?

das ist eine gute frage.

tearjerker

6. Dezember 2020 19:31

„Der interessanteste Aspekt (...) war für mich die totale militärische Überlegenheit Aserbaidschans.“

Nicht die armenische Armee, sondern die Truppen der Republik Artsach haben gekämpft, wenn auch verstärkt durch armenische Freiwillige, die man ohne professionelle Unterstützung in Berg-Karabach verbrannt hat. Ein direktes Eingreifen der Armenier und der Russen war aus politisch-rechtlichen Gründen zunächst nicht möglich. Zudem gilt die Regierung in Eriwan als Agent der Soros-Clique und damit auch als nicht verbündet mit Russland. Letztlich haben die Russen in Abstimmung mit der Türkei das Erscheinen russischen Militärs als Friedenstruppe in Karabach ausgehandelt und die Akzeptanz der Gebietsrevision erzwungen. Die Russen mussten reagieren, da das Empire sich aktuell mit der Türkei verbindet, um ihre alte Strategie des ‚Great Game‘ aus dem 19. Jahrhundert wieder aufzunehmen, in dessen Zentrum die Eindämmung Russlands an allen seinen Grenzen steht. Erdogan soll weg, denn er steht den amerikanischen Plänen für Kleinasien im Wege, weshalb er die Briten zur Unterstützung ins Boot holte. Gleichzeitig erfolgte eine Verständigung mit den Russen, da diese sich daran erinnerten den Kaukasus in den 1800er Jahren von Karabach aus erobert zu haben, wie die Briten sich daran erinnerten, dass die Einflussnahme in diesem Konflikt das Tor in den Kaukasus öffnen könnte. Vorläufig werden die Briten mit neuen Lizenten in der Energiebeanche Aserbaidschans belohnt.

Max

6. Dezember 2020 20:19

"Nein, die Vermutung liegt nahe, dass im Konflikt Armenien Aserbaidschan das ganze nur ein Fall von "Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben" sein kann."

Nicht wirklich.  Arzach ist jetzt nichts als ein großer russischer Militärstützpunkt (wie Kosovo ein Amistützpunkt) mit lokaler Bevölkerung drumrum.  Die Azeris haben was sie brauchten (Revanche, und die eigentlichen Azeri-Gebiete zurück).  Und dazu noch einen von den Russen geschützten Transit nach Nachitschewan.  Das ist für sie wichtiger als eine Gebirgsregion in der Azeris noch nie gelebt haben, weswegen sie diesen Status Quo erhalten wollen. Bei einer Fortsetzung wäre der Korridor nach Nachitschewan sofort zu. Die Türken haben zwar Sieg feiern können, der eigentliche Sieger ist aber Russland. Denn der Korridor nach Nachitschewan wird für Azeris wie Türken wichtig sein - aber von Russland kontrolliert. 

Christian

6. Dezember 2020 20:47

Apropos Neu-Schwabenfunk - richtig gut! Ein Kontrast ist die nüchterne Sprechweise mit der energetisch-dynamischen, vorwärtstreibenden Musik, die halb und halb erwarteten läßt, daß gleich einer richtig vom Leder zieht ... es ist keine Volkstribun-Rechte - noch ist das wohl besser so. Das System-Of-a-Down-Video erinnert an die YouTube-Anfangszeit, wo es eine Vielzahl von Wehrmachtsvideos mit entsprechender härterer, auch deutscher Musik gab.

Maiordomus

6. Dezember 2020 21:27

Da jetzt von Aussenpolitik gesprochen wird: Je linker und zugleich "antifaschistischer" die deutsche Politik sich gebärdet mit Fingerzeigen gegen Polen und Ungarn, desto erpichter sind die Polen darauf, als Antwort wieder mal mit der Reparationenkeule zu drohen. Ist nun mal nichts anderes als eine Reaktion auf eine Provokation. 

Maiordomus

6. Dezember 2020 22:10

PS. Jede Aussage von Frau von der Leyen, Polen, Osteuropa, Russland usw. betreffend, wird eins zu eins als "deutsche" Meinung interpretiert, da man die EU an sich sowieso als Papiertiger einschätzt. 

Laurenz

7. Dezember 2020 09:55

 

@tearjerker

Boris Johnson hat einen türkischen Großvater.

https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Johnson

tearjerker

7. Dezember 2020 22:16

@Laurenz: Güügle entnehme ich, dass der Urgrossvater Ali Kemal sich vor 100 Jahren gegen den Nationalismus Atatürks wandte, was ihm nicht nur die Massakrierung durch den Mob einbrachte, sondern auch seinen Namen Ali Kemal sprichwörtlich für Verräter im türkischen Wortschatz verankerte. Fazit einer türkischen Zeitung zu Boris Johnson: „Er ist Türke, aber keiner von uns.“ Gutes Detail.

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