Weihnachtsempfehlungen (3): Kierkegaard, Spielräume, Krise

Unsere alljährlichen Weihnachtsbuchempfehlungen – auch ich preise Schönes, Wahres und Gutes an:

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Schö­nes – Cla­re Car­lis­le: Der Phi­lo­soph des Her­zens. Das rast­lo­se Leben des Søren Kier­ke­gaard, Stutt­gartKlett Cot­ta 2020, 424 S., 28 €

Der däni­sche Phi­lo­soph Søren Kier­ke­gaard (1813–1855) war ein schö­nes, fast ein wenig durch­sich­ti­ges Zart­we­sen. Por­träts zei­gen fein­ge­schnit­te­ne Züge, gro­ße trau­ri­ge Augen und nur einen Anflug von Spott in sei­nem leid­ge­prüf­ten Lächeln. Man könn­te ihn einen Authen­ti­ker nen­nen. Doch ist „Authen­ti­ker“ nicht, wie man sich erin­nern mag, in den 90ern ein Spott­wort für psy­cho­ge­sprächaf­fi­ne, effe­mi­nier­te „neue Män­ner“ gewor­den? Hat sich nicht Kier­ke­gaard sel­ber inten­siv mit der Figur des Don Juan beschäf­tigt, ihm die Hälf­te sei­nes Wer­kes Ent­we­der-Oder gewid­met, die­sem Spie­ler, Spöt­ter, Ästhetiker?

Kier­ke­gaar­ds Exis­tenz­phi­lo­so­phie läßt sich über­haupt nicht anders als von des­sen eige­ner Exis­tenz her ver­ste­hen. Auch hier wäre schnur­stracks ein­zu­wen­den: ist das Gen­re der Phi­lo­so­phen­bio­gra­phie, die sich anschickt, aus dem Leben das Werk zu deu­ten, nicht aller­über­hol­tes­te Her­me­neu­tik? Im Gegen­teil: „Was für eine Phi­lo­so­phie man wäh­le, hängt […] davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein phi­lo­so­phi­sches Sys­tem ist nicht ein toter Haus­rat, son­dern es ist beseelt durch die See­le des Men­schen, der es hat“ (Johann Gott­lieb Fichte).

Cla­re Car­lis­le hat mit Der Phi­lo­soph des Her­zens (im Ori­gi­nal klingt The Phi­lo­so­pher of the Heart nicht nach Lady Di, son­dern nach Kier­ke­gaar­ds zen­tra­lem The­ma, über­haupt wirkt die Über­set­zung stel­len­wei­se künst­lich) eine Bio­gra­phie die­ses unge­wöhn­li­chen, tra­gi­schen, from­men und zugleich kir­chen­kri­ti­schen däni­schen Den­kers geschrie­ben. Sie beginnt fol­gen­der­ma­ßen: „Bei der Fra­ge nach der mensch­li­chen Exis­tenz sei ein Lie­bes­ver­hält­nis immer beson­ders lehr­reich, befand Sören Kier­ke­gaard, nach­dem sei­ne ein­zi­ge Lie­bes­be­zie­hung mit einer gelös­ten Ver­lo­bung zu Ende gegan­gen war.

Kier­ke­gaard kon­zi­pier­te eine Phi­lo­so­phie, indem er das Leben aus der Innen­per­spek­ti­ve betrach­te­te.“ Die­se war zeit sei­nes Lebens von durch­leb­ter Tra­gik geprägt. Wie er bei­spiels­wei­se in Die Krank­heit zum Tode erklär­te, müs­sen alle Men­schen sie selbst wer­den und kön­nen es kaum ver­mei­den, zu ver­zwei­feln, das „Selbst ent­läuft sich sel­ber“; Gott aber ist alles mög­lich, und zu die­sem Gott zu beten, erhält eine mensch­li­che See­le am Leben, denn „Beten ist auch ein Atmen“. In sei­nen spä­ten Pre­dig­ten erreicht Kier­ke­gaard Punk­te, die Exis­ten­zia­lis­mus und Pan­tra­gis­mus auf eine Wei­se zusam­men­brin­gen, daß es kaum aus­zu­hal­ten ist.

Gleich­wohl ist der Phi­lo­so­phen des Her­zens kein Jam­mer­lap­pen, kein Geschei­ter­ter. Car­lis­le hält dies immer wie­der fest, indem sie metho­disch davon aus­geht, daß er „die Taxo­no­mie der spi­ri­tu­el­len Krank­heit im Labor sei­ner eige­nen See­le ent­wi­ckelt“ habe. Ihr Buch eig­net sich vor­treff­lich zur Ein­füh­rung – ich wet­te, daß jeder Leser danach eine Lieb­lings­schrift Kier­ke­gaar­ds haben wird, noch ehe er sie gele­sen hat. „Es gibt kei­nen Segen außer in der Ver­zweif­lung, eile und ver­zweif­le, nur dann wirst du Glück fin­den“: bei Kierkegaard.

Der Phi­lo­soph des Her­zens hier bestellen.

–  –  –

Gutes – Han­na-Bar­ba­ra Gerl-Fal­ko­vitz: Spiel­räu­me. Zwi­schen Natur, Kul­tur und Reli­gi­on: der Mensch, Dres­den: Ver­lag Text & Dia­log 2020, 228 S., 24.90 €

Die Autorin des Buches, das ich Ihnen in der Advents­zeit beson­ders ans Herz legen möch­te, begeg­ne­te mir zuerst (noch ohne Dop­pel­na­men), wäh­rend ich an mei­ner Dis­ser­ta­ti­on schrieb, wor­in ich die Vor­ge­schich­te von Kants Anthro­po­lo­gie und Ethik bis in die Renais­sance­phi­lo­so­phie ver­folgt habe. Will sagen: Gerl-Fal­ko­vitz kennt sich in ihrem Fach her­vor­ra­gend aus. Sie ist 75 Jah­re alt, längst eme­ri­tier­te Pro­fes­so­rin, forscht und lehrt indes immer noch uner­müd­lich, inzwi­schen an der Phi­lo­so­phisch-Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Bene­dikt XVI. in Hei­li­gen­kreuz bei Wien.

Mit dem Band Spiel­räu­me, der ihre Hei­li­gen­kreu­zer und Wie­ner Vor­trä­ge aus den letz­ten Jah­ren ver­eint, gelingt Gerl-Fal­ko­vitz etwas Sel­te­nes: tie­fes reli­giö­ses Wis­sen auf die gro­ßen Fra­ge­stel­lun­gen, die jeden Men­schen beschäf­ti­gen (Alter, Tod, Sexua­li­tät, Scham, Lie­be, Angst, Arbeit usw.) zu bezie­hen ohne auch nur ein Spur von „ran­schmei­ße­ri­scher“ Pas­to­ral. Auch aka­de­misch theo­lo­gi­siert wird nie, wozu auch, denn letz­te Gewiß­heit und täg­li­ches Han­deln brau­chen kei­ne wis­sen­schaft­li­che Vermittlung.

Sie zieht ganz ein­fach die bes­ten Quel­len her­an und lotet unter deren geis­ti­ger Füh­rung aus, wie der Mensch zwi­schen Hand­lungs­ex­tre­men, zwi­schen den Mit­men­schen und zwi­schen Erde und Him­mel ein­ge­spannt ist. „Man kann kein Seil span­nen, wenn man es nur an einem Ende befes­tigt“, zitiert sie aus­ge­rech­net Hei­ner Mül­ler – auch der alte Kom­mu­nist und Rebell ist irgend­wann alters­wei­se gewor­den und litt unter meta­phy­si­scher Obdachlosigkeit.

Die Autorin bedient sich aus der vol­len Tru­he christ­li­cher Weis­heit, neben den Kir­chen­vä­tern haben es ihr ins­be­son­de­re moder­ne Den­ker wie Kier­ke­gaard, Josef Pie­per, Roma­no Guar­di­ni, Simo­ne Weil, Edith Stein und – für mich eine ech­te Ent­de­ckung – Ida-Frie­de­ri­ke Gör­res ange­tan. Wenn letz­te­re zitiert wird mit den Wor­ten „Stüt­zen kann nur, was wider­steht“, dann wird die­ser Gedan­ke in dem Zusam­men­hang aus­ge­fal­tet, daß Selbst­ver­wirk­li­chung nicht am unmit­tel­ba­ren Aus­le­ben, son­dern erst an einem Gegen-stand, einem Wider-lager des Selbst gelingt. Ähn­li­ches habe ich in mei­nem Erzie­hungs­buch und im Mit­tel­bar­keit-Kapi­tel in Selbst­ret­tung umkreist.

Doch auch das Wider­stands-The­ma läßt sich mit Gör­res’ Satz in ein neu­es Licht brin­gen: Die Welt braucht unse­ren Wider­stand, er dient ihr als Stüt­ze, um nicht zusam­men­zu­bre­chen. Gerl-Fal­ko­vitz’ Aus­füh­run­gen zum Zöli­bat schließ­lich ver­die­nen beson­de­re Auf­merk­sam­keit – nie hab ich so etwas Klu­ges dazu gehört oder gelesen.

Es ist mög­lich, eini­ge von Gerl-Fal­ko­vitz’ Vor­trä­gen im Netz zu fin­den, doch wer eine Nei­gung dazu hat, bestimm­te Apho­ris­men und Zita­te immer wie­der auf­zu­su­chen und in jeweils neu­en Lebens­la­gen wie­der neu zu lesen, der benö­tigt das Buch in sei­nem Regal.

Spiel­räu­me hier bestellen.

–   –   –

Wah­res – René Gué­non: Die Kri­se der moder­nen Welt. Mit einem Nach­wort von Mark J. Sedgwick, Ber­lin: Mat­thes & Seitz Ber­lin 2020, 190 S., 24 €

Im ver­gan­ge­nen Jahr brach­te der Ver­lag Mat­thes & Seitz Ber­lin ein rie­sen­di­ckes Buch zu einer nur weni­gen bekann­ten eso­te­ri­schen Strö­mung des 20. Jahr­hun­derts her­aus: Gegen die moder­ne Welt des bri­ti­schen His­to­ri­kers Mark Sedgwick über den “Tra­di­tio­na­lis­mus”. Heu­er erschien dann die deut­sche Über­set­zung von René Gué­nons Die Kri­se der moder­nen Welt (1927) im sel­ben Ver­lag. Also war der Sedgwick gewis­ser­ma­ßen nur die gro­ße Rah­men­er­zäh­lung für die­ses genia­le Werk, möch­te ein Leser den­ken, der Gué­non zumin­dest dem Namen nach als einen beson­ders merk­wür­di­gen „ rech­ten Vor­den­ker“ kannte.

Gué­nons Buch ist ursprüng­lich auf Fran­zö­sisch geschrie­ben wor­den, die deut­sche Aus­ga­be aus den 50er Jah­ren ist lang schon ver­grif­fen, von sei­nem zwei­ten gro­ßen Werk Le reg­ne de la quan­ti­té et les signes des temps fehlt eine deut­sche Aus­ga­be (und lohn­te sich nach­zu­le­gen). Sedgwick hat für das vor­lie­gen­de Buch ein kennt­nis­rei­ches aktu­el­les Nach­wort ver­faßt. René Gué­non (1886–1951) ist mir ein schö­ner „Rech­ter“: ein Frei­mau­rer, ein fern­öst­lich inspi­rier­ter Eso­te­ri­ker, der eine Ägyp­te­rin hei­ra­te­te und zum Islam konvertierte.

Stim­mig wird das alles nur, wenn man sich auf Gué­nons zen­tra­len Gedan­ken ein­läßt: die Tra­di­ti­on. Gemeint ist weder „das Tra­di­tio­nel­le“, noch die katho­li­sche Tra­di­ti­on des vor­kon­zi­lia­ren Ritus. Gemeint ist der Abfall der moder­nen Welt von der Unvor­denk­lich­keit tra­di­tio­nel­ler Weis­heit, wie sie im Mit­tel­al­ter noch wei­ten­teils wirk­sam war.

Sedgwick beschrieb dies so: Das, was Gué­non „Inver­si­on“ nennt, ist eines der wirk­mäch­tigs­ten Ele­men­te der tra­di­tio­na­lis­ti­schen Phi­lo­so­phie, das vie­len Lesern und spä­te­ren Tra­di­tio­na­lis­ten eine Erklä­rung zu vie­lem in die Hand gab, was ihnen am 20. Jahr­hun­dert frag­wür­dig schien. Für Gué­non ist Inver­si­on (Nietz­sche wür­de sagen: die „Umwer­tung aller Wer­te“) ein Grund­zug der gesam­ten Moder­ne. Wäh­rend alles, wor­auf es wirk­lich ankommt, sich im Nie­der­gang befin­det, glau­ben die Men­schen ver­rück­ter­wei­se, sie befän­den sich im Fort­schritt. Mit­nich­ten, sagt Gué­non: sie befin­den sich am Ende des im Hin­du­is­mus so genann­ten „Kali Yuga“, dem „dunk­len Zeit­al­ter“ (so ist auch das ers­te Kapi­tel über­schrie­ben), einem Wel­ten­en­de sehr nahe.

Was tun? „Manch­mal, in bestimm­ten kri­ti­schen Momen­ten, wenn die abstei­gen­de Ten­denz im all­ge­mei­nen Gang der Welt kurz vor dem end­gül­ti­gen Sieg scheint, kommt es vor, dass eine beson­de­re Wir­kung ein­tritt, um die ent­ge­gen­ge­setz­te Ten­denz zu stär­ken, sodass ein gewis­ses, wenigs­tens rela­ti­ves Gleich­ge­wicht wie­der­her­ge­stellt wird.“ Die­se ent­ge­gen­ge­setz­te Ten­denz liegt in einer spi­ri­tu­el­len Wie­der­an­eig­nung der abge­stor­be­nen Tradition.

Ähn­lich wie die Theo­so­phen, deren Ideen Gué­non in jun­gen Jah­ren anhing, führt die­ser Weg über den Umweg öst­li­cher Inspi­ra­ti­on zur Wie­der­auf­er­ste­hung der christ­li­chen Welt. Auch der Wie­der­auf­stieg etwa der grie­chi­schen Kul­tur in der Renais­sance, der römi­schen in der katho­li­schen Kir­che, muß­te von andern­orts aus­ge­hen. „Eine wah­re Eli­te kann nur geis­tig sein“, schreibt Gué­non mit Blick auf moder­nen Ega­li­ta­ris­mus, moder­ne Demo­kra­tie und moder­ne mate­ria­lis­ti­sche Wissenschaft.

Wenn René Gué­non sei­ner­zeit Hin­wei­se auf eine Bewe­gung wahr­nahm, die zu einer neu­en geis­ti­gen Eli­te füh­ren soll­te, so kann man mit Mark Sedgwick die­se Bewe­gung als Unter­grund­be­we­gung eines Tra­di­tio­na­lis­mus sehen, dem man von Juli­us Evo­la bis zu Alex­an­der Dugin zahl­rei­che poli­tisch rech­te Den­ker zuzäh­len kann, aber auch die isla­mi­sche Bewe­gung des Sufis­mus in Euro­pa, die Gué­non begrün­det hat.

Man kann den Tra­di­tio­na­lis­mus aber auch in die Gegen­wart hin­ein ver­län­gern: wir müs­sen immer­noch (in Anspie­lung auf einen Titel von Evo­la) das Kali-Yuga rei­ten. Noch immer trifft auf Gué­nons Den­ken zu, was Goe­the in die berühm­ten Zei­len faß­te: „Sag es nie­mand, nur den Wei­sen // weil die Men­ge stets ver­höh­net: // Das Leben­d’­ge will ich prei­sen // das nach Flam­men­tod sich seh­net“. Der Tra­di­tio­na­lis­mus ist kei­ne Unter­gangs­sek­te, son­dern dem Gedan­ken der „Kri­se“ liegt ein heiß bren­nen­der Wie­der­auf­er­ste­hungs­im­puls zugrun­de. Nicht umsonst endet Die Kri­se der moder­nen Welt mit dem initia­ti­schen Wahl­spruch vie­ler Geheim­bün­de: Vin­cit omnia veri­tas.

René Gué­non ist nicht schwer zu lesen (viel gewun­de­ner und theo­lo­gisch-kom­pa­ra­tis­tisch schreibt sein hoch­in­ter­es­san­ter Sufi-Weg­ge­fähr­te Frith­jof Schuon), er argu­men­tiert exo­te­risch und behut­sam jeden Gedan­ken gegen Ein­wän­de absichernd.

Mit einem Grund­ge­spür für den Nie­der­gang der Moder­ne, für das Geis­ti­ge (und für eine Welt­auf­fas­sung, die in der spät­an­ti­ken Gno­sis nor­ma­le Wis­sen­schaft war) ver­se­he­ne Leser kön­nen in Gué­nons Buch nur – wie mei­ne Weih­nachts­buch­emp­feh­lungs­über­schrift ja nahe­le­gen soll – Wah­res wiederfinden.

Die Kri­se der moder­nen Welt hier bestellen.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (6)

Fuechsle

10. Dezember 2020 17:58

Frau Dr. Sommerfeld,

Ihre Weihnachtsbuchempfehlungen sind  ein Meisterstück - ich fühle mich unwiderstehlich angefüttert und bin auf alle Werke sehr neugierig! 

RMH

10. Dezember 2020 19:26

Schön, dass einmal etwas von Guénon aufgelegt wird. Nachdem ich schon vieles von Evola (meiner Meinung nach u.U. auch ein Kandidat für die Mittwochs-Reihe von Kubitschek und Dr. Lehnert - wenn auch evtl. zu esoterisch für die beiden Realisten) gelesen habe, wird das in meinen Bücherschrank wandern.

Das Buch "Gegen die moderne Welt" des britischen Historikers Mark Sedgwick über den "Traditionalismus" kann ich hingegen nicht empfehlen. Es ist langatmig, schlecht geschrieben oder übersetzt und wenn man bspw. die Lebendigkeit der Sprache eines Evola in "Revolte gegen die moderne Welt" und "Cavalcare la Tigre" kennt (beides für mich klare Lektüreempfehlungen) und zusätzlich schon seit längerem in den Thema drin ist, der schläft bei der Abhandlung von Sedgwick über den Traditionalismus zwangsläufig ein. Daumen runter für die Sekundärliteratur, Daumen hoch für die Primarquellen.

Monika

10. Dezember 2020 19:32

1985 hörte ich Hanna-Barbara Gerl zum erstenmal in der kath. Studentengemeinde in Landau/Pfalz. Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Guardini ( 1885-1968) sprach sie unter dem Titel „Das Ende der Neuzeit“ über Guardinis Kulturkritik, in der sich die „Hellsichtigkeit des Erstbetroffenen“ zeige. Wie der zeitgenössische Oswald Spengler sprach auch Guardini vom Untergang des Abendlandes, allerdings um des Aufgangs willen. Nicht der Rücken, sondern das Gesicht ist der Zukunft zuzuwenden. Es gibt ein Wort von Guardini: „Ich bin konservativ mit dem Gesicht nach vorne. Der heilige Geist geht immer nach vorn.“ Gerl: „Es gehört zur Größe Guardinis, nicht Trost um der Beschönigung willen, sondern aus der Sache selbst vorzutragen.“

Um diese Sache geht es jetzt ! Gerade jetzt. 

Monika

10. Dezember 2020 19:56

Guardini hat sich tiefgehend mit den Werken von Sören Kierkegaard beschäftigt . In seinem Buch „Vom Sinn der Schwermut“ beschreibt Guardini anhand von Texten Kierkegaards auch das Hohe, das aus der Not der Schwermut aufsteigt. Heute würde man von Depressionen sprechen. Aber Guardini geht es nicht um eine psychologische, sondern um eine geistige Angelegenheit. Es geht ihm um das Wertzentrum der Schwermut. Man höre und staune: „Die Herzkraft der Schwermut ist der Eros; das Verlangen nach Liebe und nach Schönheit.“( Guardini). Weshalb man die Schwermut nicht den Psychiatern überlassen dürfe. Ein solche Sicht, die seelische und leibliche Gesundheit verbindet, würde man sich in Corona Zeiten wünschen. Aber man überlässt Gesundheit ( ausschließlich) Politikern und Wissenschaftlern...

Maiordomus

10. Dezember 2020 23:14

Gerl-Falkowitz lernte ich ihrerseits an einer Tagung über Walter Nigg und Ida Friederike Görres kennen, welch letztere Frau über die emeritierte Professorin wie von keiner zweiten gelehrten Person vermittelt werden kann. Ganz gewaltige Qualität! Guénon gehörte zu den bevorzugten Autoren Kaltenbrunners, wäre ohne diesen universal belesenen Gelehrten nicht auf ihn aufmerksam geworden. Sie, Frau Sommerfeld, führen die Linie weiter. Dies bedeutet eine Kontinuität seit den Blütezeiten von einst Criticon, das am Schluss in Richtung Opportunismus eingebrochen ist. Ähnlich wie leider auch "Mut", dessen Herausgeber sich von seiner NPD-Vergangenheit zu reinigen trachtete.  

Interessant ist, dass "Et si omnes ego non" be SiN nicht mehr so im Vordergund steht. Es sind unterdessen eben nicht mehr nur einzelne, sondern recht viele, wobei ich es in der derzeitigen Gärungsphase nicht mal wünschbar finden würde, dass gesagt werden könnte, in der Arroganz der heutigen Linken: Wir sind mehr!

Monika

11. Dezember 2020 12:16

Bei der Wiederentdeckung von Guénon, Guardini, Görres u.a. durch die Neue Rechte geht es m. E. nicht nur um das Aufnehmen von konservat. Traditionslinien am Rande des neurechten Kerngeschäfts; im besten oder schlimmsten Falle ( je nach Standpunkt ) wird die ernsthafte Beschäftigung mit diesen Autoren auch die Rechte an ihre intellektuellen Grenzen bringen. Dazu nochmal Barbara Gerl in der Schrift zu Guardinis hundersten Geburtstag: Von Guardini lernen wir: „Die Klarheit des Fragens, das Ins-Auge-Fassen auch des Ungeheuren, die Nüchternheit dem gegenüber, was sein muss und an der Zeit ist. „Konfrontation“ im Wortsinn; Stirn an Stirn zu stehen mit dem Unvermeidlichen.“ Das wird nach dem „großen Katzenjammer“ ( siehe Podcast über David Engels) die Herausforderung werden. Sezession wird dann ein Intellektueller Luxus gewesen sein...Der Philosoph des Ungeheuren ( Sloterdijk) hat wohl schon die Flinte ins Korn geworfen...

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.