Salvini. Strategie im Wandel

von John Hoewer
PDF der Druckfassung aus Sezession 93/Dezember 2019

 Gastbeitrag

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Erleich­te­rung in den Kom­men­tar­spal­ten, als Matteo Sal­vi­ni durch die Kon­sti­tu­ie­rung des Kabi­netts Con­te II sein Amt als Innen­mi­nis­ter verlor.
Was war gesche­hen und, vor allem, was geschieht nun wei­ter in Ita­li­en, dem Labo­ra­to­ri­um Euro­pas, der polit-seis­mo­gra­phi­schen Meß­sta­ti­on für popu­lis­ti­sche Erd­be­ben? Die­se Meß­sta­ti­on ist ja von so emi­nen­ter Bedeu­tung, daß es dor­ti­ge Regio­nal­wah­len – in Regio­nen, die weni­ger als zwei Pro­zent der ita­lie­ni­schen Gesamt­be­völ­ke­rung abbil­den – bis auf die Titel­sei­ten der bun­des­deut­schen Pres­se schaffen.
Das Wahl­er­geb­nis im mit­tel­ita­lie­ni­schen Umbri­en war nun die ers­te quan­ti­fi­zier­ba­re Erin­ne­rung, daß der Ansturm der Lega auf das Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten durch die Ereig­nis­se des Spät­som­mers ledig­lich einen Dämp­fer erhal­ten hat­te. Die Wahl – sie war ein kur­zes Tem­pe­ra­tur­füh­len im poli­ti­schen Kes­sel der Halb­in­sel, ein Grad­mes­ser für das aus der Not errich­te­te Kabi­nett Con­te II, des­sen tra­gen­de Frak­tio­nen sich bis vor kur­zem noch als Ant­ago­nis­ten gegen­über­stan­den, aber auch für das im
Okto­ber kon­sti­tu­ier­te Mit­te-Rechts-Bünd­nis Squa­dra Ita­lia. Das Ergeb­nis spricht Bän­de: ein gesamt­rech­ter Sieg mit über 57 Pro­zent Stimmenanteil.

Im pro­gres­si­ven Sekt­tau­mel über das Ende der Amts­zeit Sal­vi­nis ging ohne­hin unter, daß der Abschied von der Regie­rungs­bank weni­ger das Ende, als viel­mehr den Start­schuß zu einem sub­stan­ti­el­len Sieg bedeu­ten könn­te. Dabei hat­ten sich auch sym­pa­thi­sie­ren­de Beob­ach­ter im Som­mer ent­täuscht gezeigt. »Ver­zockt« habe sich Sal­vi­ni, leicht­fer­tig vie­les ver­spielt. Doch blen­de­te die­se ver­kürz­te Ansicht aus, daß der Regie­rungs­bruch kei­nes­wegs mono­kau­sal auf einen kurzschlußähnlichen
Macht­rausch Sal­vi­nis zurück­zu­füh­ren war. Von Anfang an war die Koali­ti­on der Popu­lis­ten kei­ne Liebesheirat. 

Dies zeig­te sich zunächst in der Instal­la­ti­on diver­ser tech­ni­scher Minis­ter sowie der Inthro­ni­sie­rung von Pre­mier Con­te, der als eine Art Knautsch­zo­ne zwi­schen den von Beginn an in Schei­dung leben­den Ehe­leu­ten fun­gie­ren soll­te. Der Schein der Har­mo­nie ver­deck­te zunächst das Gescha­cher um poli­ti­sche Pres­ti­ge­pro­jek­te der bei­den unglei­chen Part­ner. Rüg­ten die sich zuneh­mend dem Estab­lish­ment hin­ge­ben­den Fünf Ster­ne den ihrer Ansicht nach zu hef­ti­gen Rechts­kurs der Lega, bezich­tig­te Sal­vi­ni sei­nen Koali­ti­ons­part­ner der Dau­er­blo­cka­de, sei es im Senat, in der Abge­ord­ne­ten­kam­mer oder im Ministerrat.

Für den Abbruch der Koali­ti­on soll­ten der­lei inhalt­li­che Span­nun­gen jedoch ein Vor­wand blei­ben – und ein Sym­ptom. Denn es zeig­te sich, daß die inne­ren Kräf­te­ver­hält­nis­se der Koali­ti­on äußerst ungleich ver­teilt waren. Daß die Fünf-Ster­ne-Bewe­gung inner­halb nur knapp eines Jah­res die Hälf­te ihrer Umfra­ge­wer­te ein­büß­te, wäh­rend die Lega sich ver­dop­peln konn­te, lag frei­lich nicht nur an der Strahl­kraft des omni­prä­sen­ten Matteo Salvini. 

Zwar ver­wun­der­te es nicht, daß die Lega auch dank ihres schar­fen Kur­ses den welt­an­schau­lich dif­fus auf­ge­stell­ten Koali­ti­ons­part­ner schnell an die Wand drück­te. Gleich­wohl ist die­se Schlag­kraft auf einen wesent­li­chen struk­tu­rel­len Vor­teil zurück­zu­füh­ren, den die Lega u ihren Guns­ten aus­zu­spie­len wuß­te. Nicht nur mit Con­te, son­dern ins­be­son­de­re mit Luigi
di Maio (Jg. 1986) bestell­ten die Fünf Ster­ne einen Amts­wal­ter, der kei­ne nen­nens­wer­te Erfah­rung in poli­ti­schen Spit­zen­äm­tern mit sich brach­te: Eine par­tei­in­ter­ne Online-Umfra­ge hat­te ihn 2017 zum Spit­zen­kan­di­da­ten beför­dert. Sein Gegen­über, Sal­vi­ni, kann hin­ge­gen als klas­si­scher Par­tei­ka­der auf ein Vier­tel­jahr­hun­dert Erfah­rung auf allen poli­ti­schen Ebe­nen zurückgreifen.

Ana­log zu ihrem Spit­zen­per­so­nal ver­fügt die Fünf-Ster­ne-Bewe­gung auch in der Brei­te über kei­ne per­so­nel­len Rekru­tie­rungs­ebe­nen und nicht ein­mal über fes­te Par­tei­struk­tu­ren. Zwar ver­la­ger­ten sich gewis­se Ein­fluß­sphä­ren von Bep­pe Gril­lo – dem TV-Komi­ker und Grün­dungs­va­ter der Bewe­gung – auf die Rie­ge der Par­la­men­ta­ri­er. Struk­tu­rell blieb man indes lose orga­ni­siert; das hier­zu­lan­de längst in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Nicht­kon­zept der »Liquid demo­cra­cy« hielt man aufrecht. 

Dem­ge­gen­über ver­fügt die Lega trotz ihrer intern föde­ra­ti­ven Grund­hal­tung über straf­fe Par­tei­struk­tu­ren und geschul­te Kader. Dank jahr­zehn­te­lan­ger Regie­rungs­do­mi­nanz in den nörd­li­chen Regio­nen und Pro­vin­zen sowie nach fünf Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen auf natio­na­ler Ebe­ne seit 1994 ver­fügt man zudem über Regie­rungs­er­fah­rung und über Per­so­nal- und Kom­pe­tenz­re­ser­ven, die über Par­la­men­te und Gebiets­kör­per­schaf­ten weit hin­aus reichen.

Der Nie­der­gang der Fünf Ster­ne in solch einer Regie­rungs­ko­ali­ti­on war gewis­ser­ma­ßen vor­pro­gram­miert. Und er böte auch manch hie­si­gen Par­tei­funk­tio­nä­ren reich­hal­ti­ges Anschau­ungs­ma­te­ri­al, um zu der Erkennt­nis zu kom­men, daß ein im polit-struk­tu­rel­len Blind­flug ange­misch­tes Gebräu aus Empö­rungs­zir­kus und Basis­de­mo­kra­tie im End­sta­di­um zwar ab und an laut bro­deln mag, indes dau­er­haft jede Gerüst­idee einer mög­li­chen Regie­rungs­ar­beit zu einem noto­risch auf den eige­nen Fall war­ten­den Kar­ten­haus im Tro­pen­sturm degra­die­ren muß.
Inner­halb der Lega befeu­er­ten die­ser Koali­ti­ons­zu­stand und der Nie­der­gang der Fünf Ster­ne der­weil kon­se­quent jene Stim­men, die von Anfang an gegen das Bünd­nis plä­dier­ten, spä­tes­tens aber seit der Euro­pa­wahl vehe­ment für einen unmit­tel­ba­ren Abbruch der Koali­ti­on trom­mel­ten. Der Koali­ti­ons­bruch erlös­te Sal­vi­ni letzt­lich aus die­sem per­ma­nen­ten Spannungsverhältnis.

Über­haupt über­rasch­te der Koali­ti­ons­bruch an sich: nie­man­den. Für merk­wür­dig befand man eher des­sen Zeit­punkt mitten
im August, dem Höhe­punkt der ita­lie­ni­schen Som­mer­fe­ri­en. Beob­ach­ter hat­ten bereits die Euro­pa­wah­len im Mai als Stich­tag die­ses Schrit­tes anti­zi­piert. Jedoch läßt sich ohne ent­spre­chen­de Koali­ti­ons­part­ner auch inner­halb des kom­pli­zier­ten ita­lie­ni­schen Wahl­rechts mit 35 Pro­zent Stimm­an­teil kei­ne Regie­rungs­mehr­heit bewerk­stel­li­gen. Ein Koali­ti­ons­bruch unmit­tel­bar nach der Wahl und ohne not­wen­di­ge Vor­be­rei­tung im Hin­ter­grund wäre somit zum unkal­ku­lier­ba­ren Risi­ko gewor­den. Knapp drei
Mona­te spä­ter lag sodann die Gewiß­heit vor, daß es zu einer Regie­rungs­um­bil­dung unter Füh­rung der Lega nicht kom­men wür­de, son­dern nur mehr zwei Optio­nen denk­bar waren, um sich der Ket­ten der Regie­rungs­ko­ali­ti­on zu ent­le­di­gen: zeit­na­he Neu­wah­len oder ein Zusam­men­rü­cken von Fünf-Ster­ne-Bewe­gung und der klas­si­schen Alt­par­tei der Sozi­al­de­mo­kra­tie in einer links­ge­rich­te­ten Koalition.

Hin­sicht­lich der Per­spek­ti­ve einer von der Lega erhoff­ten Neu­wahl dürf­ten wei­te­re gewich­ti­ge Über­le­gun­gen ursäch­lich dafür gewe­sen sein, die Regie­rung plat­zen zu las­sen. Zunächst hät­te das ange­dach­te Refe­ren­dum über eine Ver­klei­ne­rung des Par­la­ments eine Neu­wahl ins Unge­wis­se nach hin­ten ver­scho­ben, da die­ses im Erfolgs­fal­le lang­wie­ri­ge Arbei­ten am Wahl­recht erfor­der­lich gemacht hätte.
Auch die damit ein­her­ge­hen­de quan­ti­ta­ti­ve Ver­rin­ge­rung der par­la­men­ta­ri­schen Reprä­sen­tanz des Wahl­sie­gers dürf­te Teil die­ser Über­le­gung gewe­sen sein. Fer­ner eine Rol­le gespielt hat das Kal­kül, das dif­fi­zi­le Haus­halts­ge­setz für das Jahr 2020 in
den Ver­ant­wor­tungs­be­reich des poli­ti­schen Geg­ners zu heben, um die­ses als wei­te­re Muni­ti­on in einem min­des­tens mit­tel­fris­tig erwart­ba­ren Wahl­kampf nut­zen zu können.

Soll­ten die der­zeit auch in Ita­li­en gehyp­ten Kli­ma­ideen in kon­kre­te Ideen für Öko­son­der­steu­ern mün­den, dann dürf­te die Haus­halts­de­bat­te der nun oppo­si­tio­nel­len Lega ver­mut­lich die nächs­te Regie­rungs­kri­se pünkt­lich zur Weih­nachts­zeit vor die Tür legen, sähen sich die ohne­hin unter Druck ste­hen­den und rei­hen­wei­se ins Lager der Rechts­par­tei­en­über­lau­fen­den klei­nen und mitt­le­ren Unter­neh­mer etwa mit einer mas­si­ven Besteue­rung von Nutz­fahr­zeu­gen konfrontiert. 

All das voll­zö­ge sich, wäh­rend mit dem Stahl­werk ILVA Süd­ita­li­ens größ­ter Arbeit­ge­ber vor der Plei­te steht und Matteo Ren­zi mit sei­ner neu­en Links­for­ma­ti­on (»Ita­lia Viva«) stän­di­ge Stör­feu­er legt.
Ohne­hin: Nach der emp­find­li­chen Nie­der­la­ge in Umbri­en dürf­ten die tau­meln­den Fünf Ster­ne und das cen­tro-sinis­tra bei zukünf­ti­gen Wah­len wie­der getrenn­te Wege gehen. Dies ist ein wei­te­rer Vor­teil für Sal­vi­ni bei den ins­ge­samt acht anste­hen­den Regio­nal­wah­len allein in der ers­ten Jah­res­hälf­te 2020. 

Für die­se zeigt man sich im rech­ten Lager gut vor­be­rei­tet: Noch vor Regie­rungs­bruch im August ent­stan­den im Umfeld der Lega
meh­re­re Stra­te­gien zur Wie­der­erlan­gung der Macht im Staa­te. Dies­mal soll­te sie sta­bi­ler und nach­hal­ti­ger sein – und sie soll­te das bis­wei­len über­la­ger­te Pri­märz­iel der Par­tei wie­der in den Fokus rücken: die Autonomie.

Denn so sehr sie die Par­tei zu völ­lig neu­en Wahl­er­fol­gen führt: Die ter­ri­to­ria­le Aus­wei­tung der Lega bedeu­te­te, und das wird in Deutsch­land von Freund und Feind Sal­vi­nis über­se­hen, das Ende der Lega Nord, der Ursprungs-Lega, deren vor­ran­gi­ges welt­an­schau­li­ches Fun­da­ment der Radi­kal­fö­de­ra­lis­mus und die dar­aus abge­lei­te­ten Auto­no­mie­rech­te der Regio­nen ist, ins­be­son­de­re jene der wirt­schaft­lich poten­ten nörd­li­chen Regio­nen der Po-Ebe­ne. Kei­nes­wegs bedeu­te­te das Ver­schwin­den des Namens­zu­sat­zes »Nord« aus dem Wap­pen des Wahl­an­ge­bo­tes, daß aus einer Lega Nord nun die Lega Nazio­na­le gewor­den wäre. Der Koali­ti­ons­bruch ver­deut­lich­te dies nach­träg­lich, denn er öff­ne­te einem neu­en Anlauf die Tore, der nach den Vor­stel­lun­gen der Mai­län­der Denk­fa­brik Il Taleba­no (»Der Tali­ban«) aus dem iden­ti­täts­stif­ten­den »alten« Auto­no­mie­stre­ben gar die Grund­la­ge einer dezi­diert neu­en Stra­te­gie machen sollte. 

Noch weni­ge Wochen vor Ende der Koali­ti­on ver­rann­ten sich die dama­li­gen Part­ner in wüs­te Debat­ten um die Umset­zung einer Auto­no­mie­re­form, die ins­be­son­de­re eini­gen pro­spe­rie­ren­den Regio­nen des Nor­dens wei­te­re Finanz­kom­pe­ten­zen über­tra­gen soll­te. Dies wäre mit mas­si­ven Ein­bu­ßen zulas­ten der Steu­er­ein­nah­men des Bun­des in Rom ein­her­ge­gan­gen, wel­che die Fünf Ster­ne ger­ne wei­ter­hin in teu­re Pres­ti­ge­pro­jek­te zuguns­ten ihrer wäh­ler­star­ken Bas­tio­nen im Süden umge­lei­tet (gewußt) hät­ten. Doch die Vor­den­ker der Lega scheu­ten einen neu­er­li­chen Nord-Süd-Kon­flikt, der die mani­fes­ten Erfol­ge der ter­ri­to­ria­len Aus­brei­tung zurück­ge­wor­fen hät­te. Sie ent­wi­ckel­ten daher einen neu­en Plan.

Seit jeher argu­men­tie­ren die Geg­ner der Auto­no­mie, jede wei­te­re Föde­ra­li­sie­rung zer­stö­re den ita­lie­ni­schen Süden, hän­ge die­sen noch wei­ter ab von Wohl­stand und Ent­wick­lung. Im Nor­den sah man dies frei­lich stets anders. Viel­mehr sei dies die Schuld einer unfä­hi­gen und kor­rup­ten Kas­te der alten Par­tei­en, deren Ver­sa­gen mit den aus dem flei­ßi­ge­ren Norden
abge­preß­ten Mil­li­ar­den – so das Ur-Nar­ra­tiv der Lega Nord – kaschiert und deren Herr­schaft arti­fi­zi­ell am Leben gehal­ten wor­den sei. 

Genü­gend Mit­tel für den Süden habe es schließ­lich immer gege­ben: Die Schuld am Elend des Mez­zo­gior­no tra­ge das zen­tra­lis­ti­sche Sys­tem Roms, dem imma­nent sei, daß des­sen Funk­ti­ons­eli­te ego­is­ti­sche Par­tei­in­ter­es­sen über das Wohl der Regio­nen und ihrer jewei­li­gen Lands­leu­te gestellt habe. Fort­an, so der Plan der erneu­er­ten Lega, sol­le die Auto­no­mie süd­lich des Tibers nicht mehr als Dro­hung wahr­ge­nom­men wer­den, son­dern als Chan­ce für den Süden, der sich so zu einem Prot­ago­nis­ten auf­wer­ten kön­ne, der sei­ne Iden­ti­tät, sei­ne Geschich­te, sei­ne Kul­tur und sei­nen Geni­us den Hän­den der par­ti­to­cra­zia, der Par­tei­en­herr­schaft, ent­rei­ße, die ihn jahr­zehn­te­lang klein gehal­ten habe.

Hel­fen wür­de dem Süden dem­nach der Kom­pe­tenz­ex­port just jener poli­ti­schen Kraft, die den Nor­den des Lan­des als Regie­rungs­kraft seit Jahr­zehn­ten auf Erfolgs­kurs hal­te und deren Kern­land, die Lom­bar­dei, tra­di­tio­nell zu den stärks­ten Wirt­schafts­re­gio­nen Euro­pas gehört.
Die­se dia­lek­tisch-iro­ni­sche Stra­te­gie kann der Lega womög­lich im dop­pel­ten Sin­ne zu ihren Zie­len ver­hel­fen. Zunächst setzt sie über eine Serie von Erd­rutsch­sie­gen in den Regio­nen zum Neu­an­lauf auf den Palaz­zo Chi­gi an, von dem aus sie dank ihrer als­dann for­mier­ten Basen auch in den süd­li­chen Regio­nen ihr ori­gi­nä­res Ziel mit neu­er Macht­fül­le ver­fol­gen kann: den mas­si­ven Aus­bau des gesamt­ita­lie­ni­schen Föderalismus.

Aber: Mit wem regie­ren? Die Lega steht künf­tig vor einem Dilem­ma zwi­schen der Bil­dung eines dezi­diert rech­ten und sou­ve­rä­nis­ti­schen Blocks­so­wie der Hin­wen­dung zu mode­ra­ten Kräf­ten, also: einem libe­ra­le­ren und brei­te­ren Bünd­nis. Radi­ka­le­re Posi­tio­nen, etwa die For­de­rung nach dem Aus­stieg Ita­li­ens aus der Euro­zo­ne oder der EU, wur­den bereits im alten Regie­rungs­bünd­nis ver­wor­fen, die qua­si-revo­lu­tio­nä­re Rhe­to­rik wur­de abge­löst durch den »bür­ger­li­chen« Nor­ma­lis­mo.

Auch Sal­vi­ni weiß: Ein Bünd­nis allein mit den »post­fa­schis­ti­schen« Fratel­li d’Italia wird für eine sta­bi­le Regie­rung auf Dau­er nicht aus­rei­chen, und zwar weni­ger auf­grund feh­len­der Stimm­an­tei­le als viel­mehr aus sys­te­mi­schen Grün­den. Bei der
Lega meint man gelernt zu haben, daß an der Regie­rung sein das eine ist, tat­säch­li­ches Regie­ren jedoch etwas anderes.
Man fürch­tet, eine klas­si­sche Rechts­re­gie­rung wür­de nur all­zu leicht zum Opfer der inter­na­tio­na­len­Märk­te sowie von deren Hand­lan­gern inner­halb der EU-Büro­kra­tie und wür­de durch die­se recht bald öko­no­misch und poli­tisch aus dem Spiel genommen.

Daher plant man in der Mai­län­der Par­tei­zen­tra­le lang­fris­ti­ger – und fährt sei­ne Stra­te­gien mehr­glei­sig. Stütz­pfei­ler für zukünf­ti­ge Regie­run­gen sol­len her, in Form neu­er ein­fluß­rei­cher Part­ner aus einer poli­ti­schen Land­schaft, die in den nächs­ten Jah­ren wei­te­re mas­si­ve Ein­schnit­te wird zu ver­kraf­ten haben: Man lieb­äu­gelt damit, aus der Euro­päi­schen Volks­par­tei (EVP) Mosa­ik­stei­ne her­aus­zu­bre­chen. Kein Pro­phet muß der­je­ni­ge sein, der die Vor­aus­schau wagt, daß die dor­ti­ge deut­sche Dominanz
spä­tes­tens mit dem Ende der Ära Mer­kel – jener skur­ril bun­des­deut­schen Art tech­no­kra­ti­schen Macht­er­halts – wei­ter schrump­fen wird, die poli­ti­schen Haus­mäch­te vie­ler tra­di­tio­nel­ler EVP-Mit­glie­der brö­ckeln oder bereits pul­ve­ri­siert sind. Ita­li­en ist hier­für schlech­ter­dings das Musterbeispiel.

Zwar hat­ten Ver­hand­lun­gen rund um die Euro­pa­wahl offen­bart, daß die außen­po­li­ti­schen Hür­den noch zu hoch waren, um in den Macht­be­reich der EVP ein­zu­drin­gen und ihr gewich­ti­ge Part­ner zu ent­rei­ßen; bald aber wird die Lega mit ande­ren Pfun­den wuchern kön­nen als noch in der Rol­le des Juni­or­part­ners einer Expe­ri­men­tal­re­gie­rung. Erst recht gilt die­se Annah­me dann, wenn in zwei Jah­ren Lega-domi­nier­te Par­la­ments­mehr­hei­ten auf­ge­ru­fen sein wer­den, zur Nomi­nie­rung und Wahl des italienischen
Staats­prä­si­den­ten zu schrei­ten. Was also, wenn man zukünf­tig selbst die­ser Part­ner sein könn­te? Sal­vi­ni wird auf den urei­ge­nen Oppor­tu­nis­mus christ­de­mo­kra­ti­scher und (struktur)konservativer »Part­ner« bau­en kön­nen. Die­ses Gesetz ist ein genu­in europäisches.

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