Migration und Krise – neue Bücher

von Andreas Karsten
PDF der Druckfassung aus Sezession 93/Dezember 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Das The­ma Migra­ti­on ist nach wie vor Dau­er­bren­ner in der euro­päi­schen Medienlandschaft.
Teil­aspek­te wur­den mit erreg­ten Gemü­tern dis­ku­tiert, dar­un­ter Ursa­chen der Migra­ti­on, Lebens­um­stän­de von Migran­ten, Umgang der EUS­taa­ten mit irre­gu­lä­ren Neu­an­kömm­lin­gen sowie Fol­gen für den Sozi­al­staat und die auto­chtho­nen Völ­ker Europas. 

Inzwi­schen liegt der ers­te Schock der Migra­ti­ons­kri­se des Jah­res 2015 bereits vier Jah­re zurück, wobei der Erkennt­nis­wert der dies­be­züg­lich publi­zier­ten Unter­su­chun­gen erwar­tungs­ge­mäß unter­schied­lich ausfällt.
Der ers­te zu ver­mer­ken­de Band ist die Dis­ser­ta­ti­on des Münch­ner His­to­ri­kers Phil­ip Zölls Regie­ren der Migra­ti­on. Von Ein­wan­de­rungs­pro­zes­sen und staat­li­chen Regu­lie­rungs­po­li­ti­ken, die im Alli­te­ra Ver­lag erschien (Mün­chen 2019,
232 S., 36 €).
Zölls lie­fert eine detail­lier­te Beschrei­bung der bun­des­deut­schen Migra­ti­ons­po­li­tik. Er beginnt in den 1950er Jah­ren und lei­tet über zu den Aus­wüch­sen in den 1970er Jahren.
Der Autor ver­weist bezüg­lich des theo­re­tisch-ideen­ge­schicht­li­chen Hin­ter­grun­des sei­nes Wer­kes auf Theo­rien Michel Fou­caults, kommt aber dann in sei­nen haupt­säch­lich deskrip­ti­ven Ana­ly­sen der Migra­ti­ons­po­li­tik in der Nach­kriegs­zeit kaum auf die­se theo­rie­ge­lei­te­ten Betrach­tun­gen zurück. Neben der Ent­wick­lung eines migra­ti­ons­po­li­ti­schen Zeit­strahls liegt die ana­ly­ti­sche Leis­tung Zölls’ viel­mehr dar­in, mit eini­gen his­to­ri­schen und aktu­el­len Mythen der poli­ti­schen Debat­te um das The­ma Migration
nach Deutsch­land und zur Per­spek­ti­ve der BRD als Ein­wan­de­rungs­land aufzuräumen.

Die Vor­stel­lung, die poli­ti­schen Wei­chen für die Mas­sen­ein­wan­de­rung und den pro­ble­ma­ti­schen Umgang mit der Inte­gra­ti­on oder der Aus­wei­sung von Migran­ten sei­en erst 2015 durch Ange­la Mer­kels »Grenz­öff­nung« gestellt wor­den, wird durch die hier dar­ge­leg­ten Fak­ten entkräftet.
Zölls’ Dar­stel­lung der ordo­li­be­ra­len Wirt­schafts­po­li­tik und ihrer Gier nach güns­ti­gen wie fle­xi­blen Arbeits­kräf­ten einer­seits und den repres­si­ven Bedin­gun­gen der Unter­brin­gung und Lebens­ge­stal­tung von Arbeits­mi­gran­ten in der Ära Lud­wig Ehr­hards ande­rer­seits zeigt die Ambi­va­lenz der Migra­ti­ons­po­li­tik der 1960er Jahre.
Die Schil­de­rung der Restrik­tio­nen bei der Ein­rei­se von Migran­ten in Form stren­ger Kon­trol­len der Her­kunft, medi­zi­ni­scher Sicher­heits­über­prü­fun­gen und einer zen­tra­li­siert-regle­men­tier­ten Unter­brin­gung bewei­sen, daß die Bun­des­re­pu­blik nicht immer so wehr­los-pas­siv gegen­über dem Zustrom von Migran­ten war, wie es dem Bür­ger heu­te erscheint. Aus Per­spek­ti­ve des Autors sind die­se Maß­nah­men frei­lich durch­weg nega­tiv konnotiert.
Das Ende des Zeit­strahls bil­det ein Bericht des damals frisch ernann­ten Bun­des­be­auf­trag­ten für Aus­län­der­fra­gen aus dem Jahr
1978, der eine Zäsur im Umgang mit Migran­ten aus bun­des­deut­scher Regie­rungs­per­spek­ti­ve dar­stellt. Der Bericht bezeich­ne­te die Ent­wick­lung Deutsch­lands zu einem Ein­wan­de­rungs­land als »unum­kehr­bar«, for­der­te eine »vor­be­halt­lo­se und dau­er­haf­te Inte­gra­ti­on« und stell­te ein kom­mu­na­les Wahl­recht für Migran­ten in Aussicht.
Das alles wur­de 37 Jah­re vor »Wir schaf­fen das!« Regie­rungs­an­sin­nen, wes­halb es als ein Indiz für die migra­ti­ons­po­li­ti­sche Kon­ti­nui­tät des herr­schen­den Kar­tells über die vari­ie­ren­den Regie­rungs­kon­stel­la­tio­nen hin­aus zu gel­ten hat.

Zölls’ ver­öf­fent­lich­te Dis­ser­ta­ti­on ist dabei ein nüch­tern ver­faß­ter, jedoch poin­tier­ter Bericht, der kei­ne Ant­wor­ten auf die heu­ti­ge Situa­ti­on geben kann, aber eine gute Argu­men­ta­ti­ons­grund­la­ge dar­stellt und über­dies einen Ein­druck davon ver­mit­telt, wie es kon­se­quent zum Ist-Zustand kom­men konnte.

Eine ande­re Per­spek­ti­ve nimmt der schwei­ze­ri­sche Jour­na­list Beat Stauf­fer ein. In sei­nem Werk Maghreb, Migra­ti­on und Mit­tel­meer, das im Ver­lag NZZ Libro erschien (Zürich 2019, 320 S., 38 €), beschreibt der erwie­se­ne Nord­afri­ka-Ken­ner die Migra­ti­on nach Euro­pa aus Sicht der afri­ka­ni­schen Staa­ten am Mit­tel­meer und ihrer Bevölkerung.
Sein Buch, so Stauf­fer forsch, sei eine »Nach­hil­fe gegen jede Art von Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung in Sachen Migra­ti­on und
Asylpolitik«. 

Was folgt, ist eine detail­lier­te und dif­fe­ren­zier­te eth­no­gra­phi­sche Stu­die, deren Prot­ago­nis­ten über wei­te Stre­cken die Har­ra­ga sind – jun­ge Män­ner aus den Maghreb-Staa­ten, die ihre Hei­mat auf der Suche nach ihrem per­sön­li­chen Glück, einem Aben­teu­er oder auf der Flucht vor dem Gesetz verlassen. 

Der Autor gibt ihnen, in Form zahl­rei­cher Pho­to­gra­phien, ein Gesicht und läßt sie zu Wort kommen.
Er zeich­net ihren Lei­dens­weg nach, hin­ter­fragt aber ihre Moti­ve und Prak­ti­ken. Er kri­ti­siert das idea­li­sier­te Bild, wel­ches die Pres­se zeich­net und macht deut­lich, daß die meis­ten Har­ra­ga nicht auf­grund von Hun­ger, Krieg und Ver­trei­bung nach Euro­pa gelangen.
Es sind kräf­ti­ge Män­ner, die auf ihren Smart­pho­nes Bil­der ihrer Freun­de sehen, die es nach Euro­pa geschafft haben und
sich schein­bar spie­le­risch mit Mar­ken­kla­mot­ten, Unter­hal­tungs­elek­tro­nik und Mäd­chen ein­de­cken. Die­se Ver­hei­ßun­gen tra­gen zu ihrer Ent­schei­dung bei, lie­ber »ihr Land zu ver­las­sen, als sich am Auf­bau einer neu­en, demo­kra­ti­sche­ren und gerech­te­ren Gesell­schaft zu beteiligen«.

Stauf­fer benennt zudem die Pro­fi­teu­re des Migra­ti­ons­drucks in der Maghreb-Regi­on. Ohne hoch­kri­mi­nel­le Schlep­per­netz­wer­ke wür­de die mas­sen­haf­te Migra­ti­on nicht funk­tio­nie­ren. Der Autor zeigt die Tris­tesse der Klein­städ­te, die kras­sen Gegen­sät­ze zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie, zwi­schen Tou­ris­ten­or­ten und den Abge­häng­ten auf dem Land. Er kri­ti­siert den Umstand, daß sich vie­le Autoren gera­de nicht mehr auf Recher­chen vor Ort ein­las­sen, wodurch es mehr und mehr zu Zitier­kar­tel­len kommt. 

Bei Stauf­fer sind es neben den detail­lier­ten Vor-Ort­Stu­di­en im Maghreb vor allem die luzi­den Ein­schät­zun­gen von Sinn und Wider­sinn euro­päi­scher Migra­ti­ons­po­li­tik und die prag­ma­ti­schen Lösungs­an­sät­ze in einer schein­bar aus­weg­lo­sen Situa­ti­on, die sein Werk lesens­wert machen.
Stauf­fer bie­tet Jour­na­lis­mus mit wis­sen­schaft­li­cher Prä­zi­si­on und ohne den dro­hen­den Zei­ge­fin­ger lin­ker Gesinnungsethik.

Die­se ana­ly­ti­sche Schär­fe sucht der Leser von Jan Plam­pers Mono­gra­phie Das neue Wir (Frank­furt a.M. 2019, 400 S., 20 €) vergeblich.
Der Kos­mo­po­lit Plam­per, der, in Deutsch­land gebo­ren, unter ande­rem in Ruß­land und den USA leb­te und mitt­ler­wei­le an der Uni­ver­si­ty of Lon­don lehrt, ver­sucht Mas­sen­mi­gra­ti­on als einen deut­schen Nor­mal­zu­stand dar­zu­stel­len. Dafür bemüht er eine Fül­le von his­to­ri­schen Bei­spie­len, die weder logisch noch chro­no­lo­gisch anein­an­der anschließen. 

Sein geschicht­li­cher Abriß besteht aus einer Anein­an­der­rei­hung von Anek­do­ten von und über Per­so­nen der Zeit­ge­schich­te oder aus dem per­sön­li­chen Umfeld des Autors. Von der deut­schen Aus­wan­de­rung nach Ame­ri­ka im 19. Jahr­hun­dert geht es zur Ver­trei­bung von Mil­lio­nen Deut­schen aus den Ost­ge­bie­ten und ihre Ansied­lung in den ver­schie­de­nen Besat­zungs­zo­nen der heu­ti­gen BRD. Danach springt er zu den in West­deutsch­land ange­wor­be­nen Gast­ar­bei­tern und den Ver­trags­ar­bei­tern der DDR. Kurz dar­auf geht es um Ruß­land­deut­sche und jüdi­sche Kon­tin­gent­flücht­lin­ge, bevor der Sprung ins Jahr 2015 erfolgt. 

Plam­per stellt die Geschich­te der Migra­ti­on von und nach Deutsch­land als Erfolgs­ge­schich­te dar, und das, obwohl selbst er fast nur pro­ble­ma­ti­sche Bei­spie­le auf­zählt, in denen Migra­ti­ons­be­we­gun­gen sozia­le Span­nun­gen her­vor­rie­fen, Menschen
ihrer Hei­mat beraubt oder ent­wur­zelt wurden.

Der Autor ver­kennt grund­le­gen­de sozio­lo­gi­sche Kau­sa­li­tä­ten über das Zusam­men­le­ben eta­blier­ter, gewach­se­ner Gemein­schaf­ten und ihr Ver­hält­nis zu Außen­sei­tern. Pro­tes­te des deut­schen Vol­kes gegen den mas­sen­haf­ten Zustrom an Migran­ten erschei­nen als rechts­ra­di­ka­le Ano­ma­lien; kri­ti­sche Punk­te wie Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät wer­den nicht the­ma­ti­siert. Migran­ten sollten
nicht zur Inte­gra­ti­on oder Ori­en­tie­rung an einer Leit­kul­tur gezwun­gen wer­den, da man dadurch den lokal gewach­se­nen Sit­ten und Gebräu­chen einen höhe­ren Stel­len­wert zuschrie­be als den neu hinzugekommenen.

Immer wie­der drängt sich die Fra­ge auf, wo die ver­spro­che­ne Erfolgs­ge­schich­te der Migra­ti­on zu fin­den sei. Statt­des­sen war­tet der Autor vor allem gegen Anfang und Ende sei­nes Wer­kes mit lin­ken Kli­schees auf (»Jeder ist Migrant, fast über­all, fast immer – beson­ders die Deut­schen«). Eine glo­ba­le Poli­tik der offe­nen Gren­zen ist ihm am Ende aus­we­gund alter­na­tiv­los. Schuld dar­an ist vor allem der Wes­ten, durch sei­nen Kolo­nia­lis­mus, den Kli­ma­wan­del etc. Die vor­lie­gen­de Stu­die ist letztlich
kei­ne – dafür aber ent­hält sie die Quint­essenz mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­scher Ideologiebildung.
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Alle genann­ten Wer­ke kann man hier bestel­len.

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