Yoram Hazony: Nationalismus als Tugend

Yoram Hazony (Jg. 1964) ist so etwas wie der Star einer nationalkonservativen Strömung in Westeuropa und den USA, die Nationalstaat und Nationalismus rehabilitieren möchte und antiglobalistisch agiert, aber zugleich unter Betonung ihrer Liebe zu Israel und den Vereinigten Staaten alles potentiell Verruchte von ihrer Programmatik fernhalten möchte.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Als Bibel­wis­sen­schaft­ler, Prä­si­dent des Herzl-Insti­tuts (Jeru­sa­lem) und Vor­sit­zen­der der Lob­by­ver­ei­ni­gung Edmund Bur­ke Foun­da­ti­on (Washing­ton, D. C.) ist Hazo­ny aus­rei­chend gut ver­netzt, die­ses Pro­jekt als Schlüs­sel­ak­teur vor­an­zu­trei­ben. Auf die­sem Wege hel­fen Ver­an­stal­tun­gen in ganz Eu­ropa eben­so wie die Pro­mo­ti­on sei­nes Mani­fests, das in der eng­lisch­spra­chi­gen Erst­aus­ga­be als The Vir­tue of Natio­na­lism (New York 2018) fir­mier­te. Nun hat der Gra­zer Ares Ver­lag einen erwie­se­nen Ken­ner der US-Poli­tik, den Sezes­si­on-Autor Nils Weg­ner, gewin­nen kön­nen, jene Schrift ins Deut­sche zu übertragen. 

Zwei Din­ge vor­weg: Die Über­set­zung ist aus­ge­zeich­net, und ob man Hazo­ny für poli­tisch sym­pa­thisch oder eine pro­ble­ma­ti­sche Erschei­nung hält – an der Lek­tü­re die­ses Ban­des führt für nie­man­den ein Weg vor­bei, der sich ernst­lich mit kon­ser­va­ti­ver, rech­ter, natio­na­ler Poli­tik im 21. Jahr­hun­dert zu beschäf­ti­gen beabsichtigt. 

Hazo­nys Aus­gangs­ba­sis ist dabei sei­ne Maxi­me, daß er als »jüdi­scher Natio­na­list und Zio­nist«, so die Eigen­be­zeich­nung, das Ende der Natio­nal­staa­ten in einem glo­ba­len Welt­staat fürch­tet. Natio­na­le Selbst­be­haup­tung und iden­ti­tä­res Wol­len sei­en durch glo­ba­lis­ti­sche Akteu­re nach­hal­tig des­avou­iert; die Vor­stel­lung, daß die Welt am bes­ten gere­gelt sei, wenn Natio­nen ohne frem­de Ein­mi­schung ihren eige­nen Kurs fah­ren, ebenso. 

Um die­se Völ­ker und Natio­nen auf­lö­sen­de Ent­wick­lung umzu­keh­ren, bedür­fe es einer natio­na­lis­ti­schen Renais­sance, und die­se benö­ti­ge wie­der­um ursäch­lich eine eigen­stän­di­ge natio­na­lis­ti­sche poli­ti­sche Dok­trin. Natio­na­lis­mus defi­niert Hazo­ny hier­für als »anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Theo­rie, die eine Welt der frei­en und unab­hän­gi­gen Natio­nen schaf­fen möch­te«. Der abzu­leh­nen­de Impe­ria­lis­mus, als Gegen­spie­ler des Natio­na­lis­mus, sei dem­ge­gen­über eine Ideo­lo­gie, die »der gan­zen Welt Frie­den und Wohl­stand brin­gen will, indem er die Mensch­heit unter einem ein­zi­gen poli­ti­schen Sys­tem vereint«. 

In die­sem Sin­ne erschei­nen ihm Adolf Hit­ler und des­sen Gefolgs­leu­te eben­so als Impe­ria­lis­ten wie libe­ra­le Inter­ven­tio­nis­ten, die eine glo­ba­lis­ti­sche Ord­nung auf den Trüm­mern der Natio­nal­staa­ten errich­ten wol­len. Bei­de wären Wider­sa­cher jener »kol­lek­ti­ven Selbst­be­stimmt­heit«, die für Hazo­ny die Basis natio­na­lis­ti­scher Theo­rie und Pra­xis dar­stellt. Pro­ble­ma­tisch ist zu wer­ten, daß er die Gene­se die­ser genu­in poli­ti­schen Basis reli­gi­ös anhand der Bibel erklä­ren möch­te; stark sind hin­ge­gen jene Pas­sa­gen, in denen er den Staat als Fami­lie »in einem grö­ße­ren Maß­stab« vor Glo­bal-Impe­ria­lis­ten wie Lud­wig von Mises in Schutz nimmt und libe­ra­le wie liber­tä­re Axio­me glei­cher­ma­ßen negiert, indem er auf­zeigt, daß jedes Indi­vi­du­um durch Bin­dun­gen wech­sel­sei­ti­ger Loya­li­tät gegen­über sei­ner Fami­lie, sei­nem Stamm und eben sei­ner Nati­on gebun­den ist.

Aus die­sem nicht hin­ter­geh­ba­ren Grund sei es unmög­lich, die abs­trak­te Frei­heit des Ein­zel­nen her­zu­stel­len, ohne vor­her die kon­kre­te Frei­heit der Fami­lie, des Stam­mes oder eben der Nati­on erkämpft zu haben: »Wenn das Kol­lek­tiv zer­split­tert, ver­folgt, bedroht und geschmäht ist, dass kei­ne Hoff­nung dar­auf besteht, dass es sei­ne Zie­le und Ansprü­che errei­chen kön­nen wird, dann ist die­ses Kol­lek­tiv nicht frei, und der Ein­zel­ne ist es auch nicht.« 

Hazo­ny, und sein inte­gra­ler Argu­men­ta­ti­ons­weg zeigt dies unab­läs­sig, hat bei sei­ner vor­geb­lich all­ge­mei­nen natio­na­lis­ti­schen Theo­rie­bil­dung stets das beson­de­re Bei­spiel Isra­els vor Augen, was mit­un­ter pro­ble­ma­tisch für den euro­päi­schen Leser ist. Mar­tin Licht­mesz hat daher in sei­ner Stu­die Eth­nop­lu­ra­lis­mus (Schnell­ro­da 2020) Hazo­nys Werk berech­tigt als »eine poli­ti­sche Pro­gramm­schrift mit zum Teil sehr eigen­wil­li­gen judäo­zen­tri­schen Her­lei­tun­gen und his­to­ri­schen Ver­bie­gun­gen« bezeich­net. Bis­wei­len hält die­ser Zugang aber auch Erkennt­nis­se bereit, die für das mul­ti­kul­tu­rel­le Euro­pa von Mor­gen von Belang sind. 

Dazu muß Hazo­nys Refle­xi­on über Mehr­heits­na­ti­on und zuge­wan­der­te Min­der­hei­ten – eth­no­kul­tu­rel­le Vor­herr­schaf­ten in Natio­nal­staa­ten müs­sen »ein­deu­tig und unstrit­tig«, »Wider­stand zweck­los« sein – eben­so gerech­net wer­den wie sei­ne Absa­ge an Nur-Patrio­ten, die nicht begrei­fen wür­den, daß die Lie­be zum Eige­nen zwin­gend auch poli­tisch-kämp­fe­risch ver­tre­ten wer­den müs­se. Das alles ist zwei­fel­los rich­tig – nur ist es eben in deut­schen Natio­na­lis­mus­de­bat­ten von Arthur Moel­ler van den Bruck und Ernst von Salo­mon bis zu den Gebrü­dern Jün­ger bereits seit den 1920er Jah­ren prä­sent, in Frank­reich spä­tes­tens seit der zunächst natio­na­lis­ti­schen, dann natio­na­lis­mus­kri­ti­schen rech­ten Den­k­er­gar­de von Alain de Benoist bis Domi­ni­que Venner. 

Natio­na­lis­mus als Tugend ist somit Nach­hut und Vor­hut zu euro­päi­schen Debat­ten zugleich: Nach­hut, weil die­se Din­ge in unse­ren Brei­ten­gra­den bereits vor Jahr­zehn­ten dis­ku­tiert wur­den; Vor­hut, weil Hazo­nys Buch zeigt, wie die natio­na­le Fra­ge in Isra­el und den USA wie­der offe­ner aus­ge­han­delt wird, was neu­en Spiel­raum auch für euro­päi­sche Debat­ten schaf­fen könn­te. Hazo­ny bis dato gele­sen zu haben, dürf­te nicht schaden. 

Yoram Hazo­ny: Natio­na­lis­mus als Tugend. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Nils Weg­ner, Graz: Ares Ver­lag 2020. 272 S., 25 € – hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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