Augustin Cochin: Die Revolutionsmaschine. Ausgewählte Schriften

Im Band 20 der Herderbücherei INITIATIVE mit dem bezeichnenden Titel Rückblick auf die Demokratie (1977) findet sich ein Aufsatz von Rudolf Zitelmann über Augustin Cochin, dem von heute aus gesehen nur wenig hinzuzufügen ist.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Damals muß­te Zitel­mann aus­schließ­lich auf fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­quel­len zurück­grei­fen. Auch das Werk Pen­ser la Révo­lu­ti­on Fran­çai­se des His­to­ri­kers Fran­çois Furet, das sich Cochin ein­ge­hend wid­met und aus dem im jetzt vor­lie­gen­den Band ein Aus­zug als Nach­wort abge­druckt ist, erschien erst ein Jahr spä­ter. Der Karo­lin­ger Ver­lag hat sich die Mühe gemacht, die fran­zö­si­sche Aus­ga­be von Cochins wich­tigs­ten Schrif­ten jetzt auf Deutsch her­aus­zu­brin­gen. Die Mühe hat sich gelohnt.

Cochin (gebo­ren 1867, gefal­len 1916) hat sich jah­re­lang in die Archi­ve aller mög­li­chen fran­zö­si­schen Dépar­te­ments bege­ben, um am Quel­len­ma­te­ri­al nach­zu­wei­sen, daß die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on weder wegen öko­no­mi­scher oder gesell­schaft­li­cher Wider­sprü­che, Unter­drü­ckung des drit­ten Stan­des etc. aus­brach, noch, wie Hip­po­ly­te Tai­ne sei­ner­zeit behaup­te­te, eine plötz­li­che Anwand­lung von »spon­ta­ner Anar­chie« im Vol­ke gewe­sen ist. Im Gegen­teil, ganz im Gegen­teil sogar: Um die Mit­te des 18. Jahr­hun­derts bil­den sich in ganz Frank­reich »phi­lo­so­phi­sche Gesell­schaf­ten«, soge­nann­te socié­tés de pen­sée.

Dabei han­delt es sich um Lese­zir­kel, wie Pil­ze aus dem Boden schie­ßen­de Logen, Zel­len, Aka­de­mien, lite­ra­ri­sche Klubs. Ihr Netz wird zuse­hends aus­ge­dehn­ter und eng­ma­schi­ger, bis jede Pro­vinz­stadt ihren Klub und ihre Zel­le hat. Cochin hat die Brie­fe, Memo­ran­den und Pro­to­kol­le der vor­re­vo­lu­tio­nä­ren »Denk­ge­sell­schaf­ten« ver­gli­chen – die Par­al­le­len spre­chen für Abspra­che und gehei­me Steue­rung. Inter­es­sant ist nun, gera­de wenn man mit dem heu­ti­gen Blick des ver­schwö­rungs­theo­rie­ge­plag­ten Beob­ach­ters an die Revo­lu­ti­ons­ma­schi­ne her­an­tritt, daß Cochin im Gegen­satz zu pro­mi­nen­ten Zeit­ge­nos­sen gera­de nicht »die Frei­mau­re­rei« als Hin­ter­grund­fo­lie auf­spannt. Zwei­fel­los spie­len ihre Logen eine Rol­le, aber die Mecha­nis­men, deret­we­gen Cochin von einer »Maschi­ne« spricht, funk­tio­nie­ren nicht nach Frei­mau­re­regu­la­ri­en, son­dern wie von selbst: Es ist nichts als die mensch­li­che Schwä­che, mit der die Maschi­ne arbei­tet. Die Eli­ten schlei­fen sich anein­an­der ab, das Volk wird aufgerieben.

Es sind zunächst die »Phi­lo­so­phen«, deren Gesell­schaf­ten eige­ne Sor­tie­rungs- und Ein­übungs­ge­set­ze ken­nen, die nach und nach vom gesun­den Men­schen­ver­stand abrü­cken und ein »Sprach­re­gime« (Micha­el Esders) an ­des­sen Stel­le set­zen. »Frei­heit«, »Volk«, »Demo­kra­tie« oder »Patrio­tis­mus« wer­den umco­diert, ohne daß es einen Plan dazu gäbe, denn die frei­schwe­ben­de Intel­li­genz formt die Welt nach ihrem Traum­bil­de, aus Mei­nun­gen wird irgend­wann unter der Hand »neue Wirk­lich­keit.« Die gesell­schaft­li­che Arbeit geht vom Angriff auf die Ver­tei­di­gung über: »um das Den­ken zu befrei­en, iso­liert sie es vom Leben, anstatt es sich zu unter­wer­fen«. Der nächs­te Schritt inner­halb der Denk­ge­sell­schaf­ten besteht dar­in, daß sich »jeder (dem) unter­wirft, wovon er glaubt, daß es alle bil­li­gen«. Der­glei­chen kommt uns Heu­ti­gen sehr bekannt vor, man den­ke nur an Gen­der­main­strea­ming oder Schulddiskurs.

Nach den Phi­lo­so­phen, die, so Cochin, den Tem­pel nie­der­ris­sen, kamen die Jako­bi­ner, um ihn wie­der neu auf­zu­bau­en. In den Augen der Ver­tei­di­ger des neu­en Regimes sind dann – schwupp­di­wupp! – die Gesell­schaf­ten = das Volk. Die neue Macht kann dar­auf ver­zich­ten, als legi­ti­mer Herr­scher aner­kannt zu wer­den, da sie mit der Metho­de der faits accom­plis ihre Herr­schaft immer schon gesi­chert hat, mit ande­ren Wor­ten: »alter­na­tiv­los« gewor­den ist. Es gibt kei­nen Wider­spruch mehr zwi­schen den Inter­es­sen des Vol­kes und Rous­se­aus volon­té géné­ra­le, weil es begriff­lich kei­ne Mög­lich­keit mehr gibt, das »Volk« jen­seits der bereits sieg­reich errun­ge­nen Volks­herr­schaft über­haupt noch zu den­ken. So geht Sozia­lis­mus: »Die Denk­ge­sell­schaf­ten sind nicht der Sozia­lis­mus, aber sie sind das Milieu, in dem der Sozia­lis­mus sprie­ßen, wach­sen und herr­schen kann, auch wenn ihn nichts ankün­digt, wie in den Logen von 1750.«

Cochins Buch liest sich stre­cken­wei­se wie Han­nah Arendts Ele­men­te und Ursprün­ge tota­ler Herr­schaft (1948), nur sprach­lich fei­ner auf den Punkt gebracht und wesent­lich kür­zer. Allein Cochins Ana­ly­se der Aus­trei­bung der Wirk­lich­keit aus den Denk­ge­sell­schaf­ten lohnt den Ver­gleich mit Arendt, genau­so wie sei­ne Beschrei­bung der Beherrsch­bar­keit des iso­lier­ten Men­schen oder die Gleich­schal­tungs­me­tho­de, die Zustim­mung des Vol­kes durch die Sug­ges­ti­on, über­all anders hät­te das Volk bereits zuge­stimmt, zu errei­chen. Arendt stellt nir­gend­wo die Fra­ge, w i e genau die­se Maschi­ne ope­riert, sie kri­ti­siert die tota­li­tä­ren Fol­gen der Ope­ra­tio­nen, wäh­rend Cochin aus den Ein­zel­quel­len die Ope­ra­tio­nen und dar­aus die Revo­lu­ti­ons­ma­schi­ne zusammenbaut.

Wer Genaue­res über die Gegen­wart erfah­ren will, der gehe zurück zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on – viel­leicht wird er dort an der Hand von Augus­tin Cochin man­chen Vor­aus­blick auf den bereits lau­fen­den Gre­at Reset, den Umbau des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus hin zu einer neu­en Ord­nung, wer­fen kön­nen. Denn Revo­lu­ti­on ist stets nicht nur die Zer­stö­rung des alten, son­dern eben­so der unver­züg­li­che und unbe­merkt ablau­fen­de Auf­bau des neu­en Tempels.

Augus­tin Cochin: Die Revo­lu­ti­ons­ma­schi­ne. Aus­ge­wähl­te Schrif­ten. Mit Bei­trä­gen von Patri­ce Guenif­fey und Fran­çois Furet. Wien: Karo­lin­ger Ver­lag 2020. 190 S., 24 € – hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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