Branko Milanović: Kapitalismus global

Ein Buch, das Ende 2019 in der Redaktion der Sezession begeistert aufgenommen und ­diskutiert wurde, war Das Licht, das erlosch (Berlin 2019).

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Ver­faßt haben es der Bul­ga­re Ivan Kras­t­ev und der US-Ame­ri­ka­ner Ste­phen Hol­mes. Der Kern­ge­dan­ke ihres Buchs kreist um die Arro­ganz der libe­ra­len Demo­kra­tie, deren Anhän­ger die Autoren gleich­wohl sind. Sie machen kei­nen Hehl aus ihrer Abnei­gung gegen die illi­be­ral-demo­kra­ti­schen Ent­wür­fe, die in Ungarn, in Polen oder in Ruß­land umge­setzt wer­den. Aber ihre Ver­ste­hens­be­mü­hung für deren Ent­wick­lung war bei­spiel­los, und ihre The­sen wirk­ten schlagend.

Nun erscheint gegen Ende des Fol­ge­jah­res ein Werk, das wie­der­um das Prä­di­kat »Mei­len­stein« ver­dient. Wäh­rend Kras­t­ev und Hol­mes den Fokus auf libe­ra­le vs. illi­be­ra­le Demo­kra­tie leg­ten, das heißt die poli­ti­sche Ebe­ne prio­ri­sier­ten (ohne die damit einerher­ge­hen­de öko­no­mi­sche und gesell­schaft­li­che Dimen­si­on zu negie­ren), kon­zen­triert sich Bran­ko Mila­no­vić auf die öko­no­mi­sche Ebe­ne (ohne die damit ein­her­ge­hen­de poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Dimen­si­on zu negie­ren). Auch der ser­bisch-ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler (Jg. 1953) ist kei­ner von »uns«. Wie sei­ne Kol­le­gen Kras­t­ev und Hol­mes ist er Anhän­ger eines libe­ral­de­mo­kra­tisch-ega­li­tä­ren Weges. Aber auch Mila­no­vić will zual­ler­erst ver­ste­hen und dar­stel­len, und sei­ne quel­len­sat­ten The­sen las­sen dem Leser Spiel­raum zum eigen­stän­di­gen Weiterdenken. 

Der Aus­gangs­punkt Mila­no­vićs ist die Fest­stel­lung, daß es der Kapi­ta­lis­mus – als wesent­lich auf Wachs­tum beru­hen­des Sys­tem – bes­ser als alle kon­kur­rie­ren­den Model­le ver­stan­den habe, jene Bedin­gun­gen zu schaf­fen, die ihm eine bei­spiel­lo­se Sta­bi­li­tät ver­schaf­fen. Dies gelingt ihm, indem die Majo­ri­tät der Indi­vi­du­en die hege­mo­nia­len Wer­te der Eli­ten, auf denen das Sys­tem beruht, bereit­wil­lig ver­tre­ten. Auf die­se Art wer­den sie ver­stärkt und legitimiert. 

Glo­bal habe sich kapi­ta­lis­ti­sches Wirt­schaf­ten bis auf mar­gi­na­le Nischen­räu­me indi­ge­ner Völ­ker und bewußt sepa­rier­ter Aus­stei­ger durch­ge­setzt. Augen­blick­lich gebe es ledig­lich ver­schie­de­ne Wege, den Kapi­ta­lis­mus aus­zu­ge­stal­ten und, sofern erwünscht, durch rigi­de Set­zun­gen zwar nicht final ein­zu­he­gen, aber doch in adäqua­te­re Rich­tun­gen zu len­ken. Die wich­tigs­ten Ver­tre­ter die­ses glo­bal reüs­sie­ren­den Sys­tems macht Mila­no­vić im »libe­ra­len meri­to­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus« der USA und im »poli­ti­schen Kapi­ta­lis­mus« Chi­nas aus, die er jeweils aus­führ­lich in ihren Stär­ken und Schwä­chen, mög­li­chen All­ge­mein­hei­ten und genui­nen Beson­der­hei­ten analysiert. 

Man kann treff­lich dar­über strei­ten, ob bei­de Arbeits­be­grif­fe ohne wei­te­res die ein­zig mög­li­chen Bezeich­nun­gen für die US-ame­ri­ka­ni­schen und chi­ne­si­schen Leit­mo­del­le sind (sie sind es sicher­lich nicht), aber akzep­tiert man die­se Prä­mis­se des Autors, ste­hen fast 400 Sei­ten zur Dis­kus­si­on her­aus­for­dern­de Lek­tü­re an, deren ein­zel­ne Kapi­tel auf­ein­an­der abfol­gend oder, wem die Lese­zeit rar scheint, auch ein­zeln vor­zu­neh­men sind. 

Für rechts­ori­en­tier­te Leser unver­zicht­bar sind bei­spiels­wei­se Mila­no­vićs Über­le­gun­gen zum »Wohl­fahrts­staat in der Ära der Glo­ba­li­sie­rung«, wobei es die anglo­ame­ri­ka­ni­sche Sozia­li­sa­ti­on des Autors bedingt, daß er »Wohl­fahrts­staat« und »Sozi­al­staat« syn­onym ver­wen­det, was gera­de aus kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­scher Per­spek­ti­ve zu bemän­geln ist. Aber es erin­nert an eine zeit­ge­mä­ße und mit aktu­el­len Daten gestütz­te Wei­ter­ent­wick­lung der Denk­ar­beit Rolf Peter Sie­fer­les, wenn Mila­no­vić auf die Kern­be­rei­che eines jeden Sozi­al­staats hin­weist und die­se analysiert. 

Für einen auch im Main­stream rezi­pier­ten Autoren beacht­lich ist, daß Mila­no­vić nicht ver­schweigt, was das Kern­ele­ment eines jeden funk­tio­nie­ren­den und effi­zi­en­ten Sozi­al­staats ist: Er wur­de errich­tet, um Leis­tun­gen für eige­ne Staats­bür­ger zu bie­ten, die in unver­meid­li­chen (Schwan­ger­schaft, Eltern­zeit, Kin­der­geld etc.) oder sehr ver­brei­te­ten (Unfall­ver­si­che­rung am Arbeits­platz, Gesund­heits­für­sor­ge, Kran­ken­geld etc.) Situa­tio­nen im Leben der Bür­ger nötig sind. Der Sozi­al­staat beru­he stets »auf der Annah­me eines ähn­li­chen Ver­hal­tens aller Mit­glie­der der Gesell­schaft, anders aus­ge­drückt auf ihrer kul­tu­rel­len und viel­fach auch eth­ni­schen Homo­ge­ni­tät«, wes­halb das his­to­ri­sche Ent­ste­hen eines Sozi­al­staa­tes unwei­ger­lich »zahl­rei­che natio­na­lis­ti­sche Ele­men­te aufwies«.
Nun aber unter­gra­ben Glo­ba­li­sie­rungs­fol­gen die­se Gege­ben­hei­ten. Schrump­fung der Mit­tel­schicht, Arm-Reich-Pola­ri­sie­rung und Migra­ti­on unter­mi­nie­ren die Bestän­de des Sozi­al­staats, des­sen Vor­aus­set­zung (!), so der Autor, »Homo­ge­ni­tät« sei. Es mag die­ser Ein­sicht Mila­no­vićs geschul­det sein, daß er als erklär­ter libe­ra­ler und ega­li­tä­rer Kapi­ta­list und gleich­wohl rea­lis­ti­scher Den­ker eine »grund­le­gen­de Ver­än­de­rung der Ein­wan­de­rung« in Rich­tung von »befris­te­ten Bewe­gun­gen von Arbeits­kräf­ten« ein­for­dert, »die kei­nen auto­ma­ti­schen Zugang zur Staats­bür­ger­schaft und dem gesam­ten Ange­bot an Sozi­al­leis­tun­gen haben«. 

Mila­no­vić recht­fer­tigt nichts ande­res als rela­ti­ve eth­no­kul­tu­rel­le Homo­ge­ni­tät und rela­ti­ve sozia­le Homo­ge­ni­tät als dop­pel­te Basis eines auch im 21. Jahr­hun­dert noch denk­ba­ren und durch­set­zungs­fä­hi­gen Sozi­al­staa­tes. Sei­ne Ana­ly­sen kön­nen daher der wei­te­ren inhalt­li­chen Fun­die­rung eines Soli­da­ri­schen Patrio­tis­mus die­nen. Spä­tes­tens damit aber gilt für Mila­no­vićs Kapi­ta­lis­mus glo­bal das­sel­be, was Götz Kubit­schek über Das Licht, das erlosch for­mu­lier­te. Das Buch müs­se »von uns wei­ter­ge­dacht, das heißt: über­tra­gen wer­den auf unse­re deut­sche Lage«.

Bran­ko Mila­no­vić: Kapi­ta­lis­mus glo­bal. Über die Zukunft des Sys­tems, das die Welt beherrscht, Ber­lin: Suhr­kamp Ver­lag 2020.
404 S., 26 € – hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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