1. Dezember 2020

Katharina Nocun, Pia Lamberty: Fake Facts.

Ellen Kositza

Zugegeben, die Schnittmenge zwischen »Rechten« und »Verschwörungstheoretikern« ist beträchtlich. Exakt läßt sich das kaum benennen oder beziffern. Die Etiketten sind ungenau, die Milieus äußerst heterogen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Bringt dieses vielgelobte Buch zweier »Expertinnen« (auf sogenannte Expertise geben die beiden jungen, teils nasenberingten »Forscherinnen« viel) Licht ins Dunkel? Kaum. Wenig überraschend weisen Frau Nocun (»Bürgerrechtlerin, Netzaktivistin«) und Frau Lamberty (Psychologin) darauf hin, daß wir nicht von »Verschwörungstheorien«, sondern vielmehr von -mythen oder- erzählungen sprechen sollten. Es handele sich bei diesen Diskursen um keine »wissenschaftlich nachprüfbare Annahme über die Welt«.

Was wissenschaftlich nachprüfbar ist, bestimmen nämlich sie. Wo sie es eben nicht nachprüfen können, werden sie moralisch. Das ist ein so durchsichtiges Verfahren, daß es kaum der Rede wert wäre. Die Autorinnen machen es sich einfach. Sie packen (die durchaus zahlreichen) Menschen, die an die Herrschaft von Reptiloiden (die Queen wäre in Wahrheit ein Reptil, das die Weltherrschaft anstrebe) glauben oder davon ausgehen, daß »Chemtrails« weiße Menschen unfruchtbar machen, in eine Kiste mit solchen, die vermuten, daß an »9 / 11« etwas faul ist oder die an gewisse Lenkungsmechanismen innerhalb der Medien glauben.

Das Autorinnenduo, sich hauptsächlich entlang »neuester Studien« entlanghangelnd, macht einige wenige Punkte: Verschwörungsaffin sind vor allem Menschen, die einen akuten Kontrollverlust erfahren haben. Es sind Leute, die ein besonderes Bedürfnis nach Einzigartigkeit haben. Personen mit einer gewissen »Verschwörungsmentalität« (deren Existenz evident ist) hängen solchen Erzählungen eher an, wenn sie gerade als besonders unpopulär dargestellt werden. Hier scheint sich die berühmte »Schweigespirale« von Noelle-Neumann punktuell in ihr Gegenteil verkehrt zu haben – das ist eigentlich eine Zäsur!
Interessant ist auch der Befund, daß die Verschwörungsgläubigkeit international schwankt. Beispielsweise Mexikaner, US-Bürger und Franzosen seien besonders skeptisch gegenüber offiziösen Narrativen. In Deutschland glaubten 1981 »fast 49 Prozent an das Narrativ der ›Lügenpresse‹«. Mehr als 20 Prozent meinten, daß die »Bundesregierung eine Marionette von Amerikas Gnaden« sei. Die Autorinnen sprechen von »Ankerheuristiken«: Da wir Netznutzer mit einer Menge »alternativer Fakten« konfrontiert würden, bestimmten diese informellen »Anker«, daß wir bestimmte weitere Zusammenhänge für plausibel halten. Das klingt nach einer Mißtrauensspirale. Ob es analog auch eine naive »Vertrauensspirale« gibt, darüber schweigen sich unsere Autorinnen aus.

In vierzehn nachdenklichmachensollenden Kapiteln, sprachlich dürftig (meist ist es gerade Herbst, ein »kühler Herbstmittag«, ein »sonniger Herbsttag« oder ein »lauer Herbstabend«) gehen die beiden Damen den Verschwörungsgläubigen ebenso nach wie solchen, die in ihrem »persönlichen Umfeld« unter Verschwörungsfreunden leiden. Reportage­artige Versuche (»Er [Greta-Fan] lacht. Dann wird er wieder ernst«; »Paula, Name geändert, freut sich sichtlich, uns zu treffen«) fließen mit »Analysen« in eins. In der Sprache der Autorinnen: »Es macht was mit einem, wenn man ständig mit Geschichten über eine mutmaßliche Verschwörung konfrontiert ist.« Oder: »Im Netz finden sich zahlreiche Inhalte, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse bestritten werden.« Oder: »Das mittlerweile verbotene Buch Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert wurde unter Gymnasiasten verliehen und stand bei Hausfrauen im Buchregal.« Gab es keinen Lektor? Der wenigstens die hier abgedruckte Anweisung »kursiv!« hätte streichen können?
Die Kapitel lauten etwa: »Zwischen Holocaust-Leugnung, Weltuntergangsfantasien und Größenwahn: Verschwörungsideologien der extremen Rechten« oder »Papa glaubt an Chemtrails? Tipps und Strategien zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen«. Dem Autorenduo ist es allerdings »wichtig zu verstehen: Verschwörungserzählungen finden sich nicht nur am rechten Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft, bei Minoritäten und eben auch im linken politischen Spektrum. Auch wir haben das schon öfter mitbekommen.« Wer sind also diese Entlastungslinken, die eine neutrale Position der Schreiberinnen bezeugen sollen? Natürlich geht es hier nicht um genuin linke Verschwörungsmythen wie die ominösen »rechtsradikalen Netzwerke« oder statistische Schummeleien, wo NS-Schmierereien als »rechte Propaganda­delikte« von Linken zur Mythenbildung mißbraucht werden. Gemeint sind hingegen Leute aus dem Spektrum der (gemeinhin als »rechts« apostrophierten) Zeitschriften Compact und wir selbst oder Publizisten wie Daniele Ganser und Ken Jebsen. Heißt: Ominösen Theorien hängt man doch nur rechts an!
Nun gibt es ein Problem: In »Studien« konnte gezeigt werden, daß »bereits der bloße Kontakt mit Verschwörungserzählungen« äußerst gefährlich sein kann. Darum der Ruf an alle: Selbst beim Appell gegen Verschwörungsmythen niemals deren Thesen wiederholen! »So kann das Risiko minimiert werden, bei einer Gegenrede versehentlich die irreführenden Informationen zu verfestigen.« Soviel für heute zum Thema »Der mündige Bürger.«

Katharina Nocun, Pia Lamberty: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen, Köln: Quadriga 2020. 348 S.,
19.90 € - hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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