Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen

Eine Rezension von Jörg Seidel

 Gastbeitrag

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Den Him­mel zum Spre­chen brin­gen schließt an ver­schie­de­ne offen lie­gen­ge­las­se­ne Fäden an. Zum einen schreibt Slo­ter­di­jk die Aus­füh­run­gen des ame­ri­ka­ni­schen Phi­lo­so­phen und Psy­cho­lo­gen Wil­liam James (1842 – 1910) wei­ter, der in Die Viel­falt reli­giö­ser Erfah­rung (1902) dem Rät­sel der regio­na­len und zeit­li­chen Aus­dif­fe­ren­zie­rung eines all­ge­mei­nen Phä­no­mens auf die Spur kom­men und in Der Wil­le zum Glau­ben die dahin­ter­lie­gen­den Psycho­energien deut­lich machen woll­te. Nicht zufäl­lig schrieb Slo­ter­di­jk das Vor­wort zur Neu­aus­ga­be der Viel­falt. Zum ande­ren steigt Slo­ter­di­jk in selbst getre­te­ne Spu­ren: In Welt­fremd­heit (1993) wid­me­te er sich der inne­ren Dyna­mik reli­giö­ser Segre­ga­ti­on am Bei­spiel des Ana­cho­re­ten­tums, in Got­tes Eifer (2007) – einem Bei­fang der Über­le­gun­gen zum Thy­mos (Zorn und Zeit) – frag­te er nach den Antriebs­en­er­gien und den Akze­le­ra­ti­ons­lo­gi­ken der mono­the­is­ti­schen Reli­gio­nen auf ihrem unab­än­der­li­chen Weg zur Zivi­li­sie­rung, und in Nach Gott (2017) wid­me­te er sich der theo­lo­gi­schen Aufklärung. 

Die Theo­lo­gie wird nun hin­ter sich gelas­sen; sein jet­zi­ges Ansin­nen spie­gelt das Zen­tral­wort »The­o­poe­sie« wie­der. Es soll den Rede­ver­kehr zwi­schen Gott und Men­schen ein­fan­gen. Da es auf der Erde ein star­kes und zuneh­men­des Bedürf­nis – in den ver­schie­de­nen reli­giö­sen Aus­for­mun­gen – nach Gott gab und gibt, die­ser sich aber als oft schweig­sa­mer, rät­sel­haf­ter oder zumin­dest unbe­re­chen­ba­rer Gesprächs­part­ner erwie­sen hat, der nur weni­gen Aus­er­wähl­ten die Gna­de einer direk­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on zuteil­wer­den ließ, haben Men­schen immer wie­der auf mehr oder weni­ger poe­ti­sche Art und Wei­se ver­sucht, den Herrn zum Spre­chen zu brin­gen oder doch wenigs­tens zu erra­ten, was er sagen wür­de, wenn es ihn gäbe und zu spre­chen gelüs­te­te. Frei­lich, im Begriff der poei­sis (Erschaf­fung) liegt ein not­wen­di­ger Affront den Erschaf­fe­nen oder sich als erschaf­fen Wäh­nen­den gegenüber.
Im ers­ten Teil beruft sich Slo­ter­di­jk auf einen alt­grie­chi­schen Thea­ter­trick: Man ließ den Gott mit­hil­fe einer tech­ni­schen Kon­struk­ti­on, die den zukunfts­schwan­ge­ren Namen »theo­log­ei­on« trug, in die Are­na schwe­ben, um ihn an den Sor­gen, Kämp­fen und Sün­den der Erd­lin­ge aktiv teil­neh­men zu las­sen. Die­se Meta­pher wird durch die Zei­ten ver­folgt bis hin zu den spä­ten theo­lo­gi­schen Kurio­si­tä­ten­samm­lun­gen. Im zwei­ten Teil durch­leuch­tet er die häu­figs­ten Stil- und Ziel­mit­tel der The­o­poe­sie wie »Zusam­men­ge­hö­rig­keit«, »Geduld«, »Über­trei­bung«, »Keryg­ma«, »Suche« usw. Auch wenn das als »abge­ho­ben« erschei­nen mag, so sind die Rück­be­zü­ge in die Gegen­wart jeder­zeit sicht­bar, wenn auch nicht immer so klar ersicht­lich wie in den recht unzeit­ge­mä­ßen Äuße­run­gen zu Islam und Koran oder der Kri­tik sol­cher Kampf­be­grif­fe wie »Volk«, »Nati­on« oder »Iden­ti­tät«. War­um frei­lich die poe­ti­schen Selbst­bil­dungs­kräf­te in Hin­blick auf Gott kon­sti­tu­tiv sein, beim Volk – also einer »Demos­poe­sie« – ver­sa­gen sol­len, ist nicht ausgeführt.
Immer­hin lernt der Leser in die­ser kom­men­tier­ten Aus­ga­be der gesam­mel­ten theo­lo­gi­schen Para­do­xien, daß Glau­ben, des­sen Rech­nung logisch auf­geht, unmög­lich ist. Im letz­ten Abschnitt zieht Slo­ter­di­jk die Fäden sei­ner bis dahin schein­bar schwe­ben­den gedan­ken­sat­ten Asso­zia­tio­nen über­ra­schend straff zusam­men – hier klärt sich die Fra­ge »wozu?« end­gül­tig – und begrün­det den not­wen­di­gen Auto­ri­täts­ver­lust des Reli­giö­sen in der Moder­ne: Sich ver­selb­stän­di­gen­de »Dies­seits­prak­ti­ken« haben der Reli­gi­on und ihren Insti­tu­tio­nen die Kom­pe­ten­zen ent­zo­gen, befrie­di­gen mit eige­nen Mit­teln den numi­no­sen Bedarf; Reli­gi­on ist »der Rest, der nach dem Abzug von allem bestehen bleibt, was in die Wis­sen­schaft, die Öko­no­mie, das Jus­tiz­we­sen, die Phi­lo­so­phie usw. abwan­dert« und eine »Bei­hil­fe zur Aus­le­gung des Daseins« dar­stellt. Der Begriff der Reli­gi­ons­frei­heit erhält hier eine dop­pel­te Bedeu­tung: die Reli­gi­on sei frei, ihre sozia­len Funk­tio­nen zu ent­las­sen, sie müs­se den sozia­len Ensem­bles kei­ne Zusam­men­halts­mo­ti­ve mehr lie­fern – die­se sind also auch frei von der Reli­gi­on –, sie müß­ten sich zum zwei­ten einer neu­en Kon­kur­renz um die Exis­tenz­deu­tung stel­len, nament­lich der Phi­lo­so­phie und der Küns­te. Reli­gi­on erringt eine »erhe­ben­de, skan­da­lö­se Nutz­lo­sig­keit, sie ist so über­flüs­sig wie die Musik«. Sie erlangt Luxus­cha­rak­ter, ihre Insti­tu­ti­on dür­fe nun den Rang einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts beanspruchen.
Die sprach­li­che Kunst­fer­tig­keit, in der Slo­ter­di­jk die­se Erkennt­nis­se klei­det, ist ein Para­de­bei­spiel eines Tex­tes – letzt­lich löst er damit das nicht gehal­te­ne Ver­spre­chen post­mo­der­nen Schrei­bens ein –, der ver­let­zungs­frei, ohne jeg­li­ches Zün­deln über wah­ren Explo­siv­stoff spricht und zudem genü­gend Selbst­si­che­run­gen ein­baut, die vor welt­an­schau­li­chem Miß­brauch schüt­zen (sol­len). Even­tu­ell auf­tre­ten­de Ver­span­nun­gen wer­den durch eine immer wie­der auf­blit­zen­de Hei­ter­keit und Iro­nie gekontert. 

Peter Slo­ter­di­jk: Den Him­mel zum Spre­chen brin­gen. Über The­o­poe­sie, Frank­furt a. M.: Suhr­kamp Ver­lag 2020. 344 S. 24.80 € – hier bestel­len.

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