Ute Frevert: Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Deutsche Geschichte seit 1900

Das war einigermaßen folgerichtig: daß nach den historiographischen Querschnittsmoden der »Oral History« (der rein mündlichen ­Tradierung im Zeitalter der Moderne) und der »Geschichte von unten« (nicht Könige und Feldherren, sondern die »kleinen« Leute stehen im Fokus) nun die »Gefühlsgeschichte« populär wird.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Das alles hat gute Grün­de, zwar womög­lich frag­wür­di­ge Absich­ten, doch einen reich­hal­ti­gen Out­put. Daten, Schlach­ten, Ver­trä­ge: Das ist Män­nerzeug, HISto­ry, ein kal­tes Werk. Solch »gest­ri­ge« ­Geschichts­schrei­bung ergibt ein eher­nes Bild, das unter Ein­be­zie­hung »wei­cher« Kom­po­nen­ten nicht not­wen­dig schwam­mi­ger, son­dern viel­schich­ti­ger wer­den kann. Hier aller­dings: nicht.

Autorin Ute Fre­vert (geb. 1954) lei­tet seit lan­gen Jah­ren den For­schungs­be­reich »Geschich­te der Gefüh­le« am Ber­li­ner Max-Planck-Insti­tut für Bil­dungs­for­schung. Ab 2018 kura­tier­te sie mit ihrer Toch­ter Bet­ti­na Fre­vert eine an 2500 Orten (VHS, Rat­häu­sern, Stadt­bi­blio­the­ken etc.) gezeig­te Pla­kat­aus­stel­lung titels »Die Macht der Gefüh­le«. Zwan­zig Pos­ter mit knap­pen Erläu­te­run­gen hin­gen aus. Das habe »gro­ße Auf­merk­sam­keit und Lob erfah­ren.« Da sich von den bild­be­trach­ten­den Men­schen (wir docken hier sanft an den Schreib­duk­tus der Autorin an) viel­fach mehr »Kon­text« gewünscht wur­de, kommt Frau Fre­vert sen. nun die­ser Bit­te knapp fünf­hun­dert­sei­ten­lang nach. Kurz gesagt: Es ist nerv­tö­tend, artig und öde, wo es doch so viel­sa­gend und reich­hal­tig hät­te sein kön­nen. Die fast zeit­gleich erschie­ne­ne Geschich­te der Gefüh­le des in Ber­lin leh­ren­den Rob Bod­di­ce beweist es ja! Sehr lücken­haft, äußerst unge­fähr, näm­lich will­kür­lich dekli­niert Frau Fre­vert die Zeit­läuf­te zwi­schen 1900 und 2020 anhand von zwan­zig Gefühls­ar­ten durch, die bei­spiels­wei­se wie folgt (und es paßt zu ihrer Spar­kas­sen-Atti­tü­de, daß es hier wirk­lich von »A bis Zett« geht) rubri­ziert wer­den: Angst, Demut, Ehre, Ekel, Neid, Stolz, Wut.

Wohin der Hase läuft, wird bereits in den ers­ten Abschnit­ten klar. Frau Fre­vert fragt rhe­to­risch, ob wir »die Welt« nicht bes­ser ver­stün­den, wenn »wir auf Gefüh­le acht­ge­ben und das, was sie tun, unter die Lupe neh­men?« Die spon­ta­ne Ant­wort lau­tet »ja«: Allein, weil die rechts­ex­tre­mis­ti­schen Mor­de in Hanau im Febru­ar 2020 »in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung Trau­er, Wut und Scham aus­lös­ten.« Man füge hin­zu: natür­lich sämt­li­che Gefüh­le rund um das Coro­na-Virus. Hier macht Frau Fre­vert das Gefühl »Soli­da­ri­tät« aus »für die­je­ni­gen, die am töd­lichs­ten gefähr­det sind.« Sprach­ge­fühl, soviel wird rasch klar: Man­gel­wa­re. Die Autorin macht über­deut­lich: Gefühl ist immer und über­all. Gefühl ist aktu­ell und ewig zugleich! »His­to­ri­sche Erfah­run­gen« sor­gen dafür: »In Deutsch­land weck­ten die Bil­der ver­zwei­fel­ter Men­schen, die aus ihrer von Bür­ger­krieg und Gewalt zer­stör­ten Hei­mat flo­hen, Erin­ne­run­gen an Flucht und Ver­trei­bung, die Mil­lio­nen Fami­li­en nach dem Zwei­ten Welt­krieg am eige­nen Leib erlebt hat­ten.« War das wirk­lich ein anschau­li­cher Ver­gleich für die alten Schle­si­er und Ost­preu­ßen? Fünf Jah­re spä­ter (Moi­ra 2020) habe sich die­ser Gefühls­aus­bruch »ver­dünnt« wiederholt. 

Autorin Fre­vert ist eine Träu­me­rin. In ihrem Reich gibt es »Bür­ger und Bür­ge­rin­nen«, die sich »ihre Gefüh­le nicht vor­schrei­ben« las­sen und »trot­zig reagie­ren, wenn sie Mani­pu­la­tio­nen wit­tern.« Mani­pu­liert wird in ihren Augen, logisch, nur von rechts. Daher gäbe es etwa »ech­te Demut«, wie sie sich im »spon­ta­nen« Knie­fall von Wil­ly Brandt 1970 anläß­lich des Besuchs des vor­ma­li­gen War­schau­er Ghet­tos zeig­te – und fal­sche, die bei­spiels­wei­se Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg zeig­te, als er »in Demut« um Ent­schul­di­gung für sei­ne in Absät­zen pla­gi­ier­te Dis­ser­ta­ti­on bat. Einen Man­gel an Demut beschei­nigt die Autorin auch dem Papst und der deut­schen Bischofskonferenz. 

Frau Fre­vert hat so einen Gefühls­rie­cher. Ech­ten »Haß« von links gäbe es zwar, er sei aber sehr sel­ten. »Wut«, die­ses ambi­va­len­te Gefühl, beklagt sie, stie­ße auf Reso­nanz, wenn sie von Götz Kubit­schek pro­kla­miert wür­de, wohin­ge­gen »Wut­aus­brü­che links­au­to­no­mer Akti­vis­ten« auf wenig Reso­nanz stie­ßen. Das ver­ma­le­dei­te Gefühl »Ehre« sei zum Glück unlängst mit »Wür­de« aus­ge­tauscht wor­den, was nun ein »inklu­si­ver« Begriff sei und allen Men­schen zuge­spro­chen wer­de. Nun gibt es aller­dings ein Pro­blem mit der Wür­de von AfD-Poli­ti­kern, die Frau Fre­vert als »rechts­ra­di­kal« recht offen ver­ab­scheut. (»Abscheu« fehlt als Lem­ma!) AfD-Leu­te hät­ten, schreibt sie zum Stich­wort »Ekel«, bereits von »Para­si­ten« und »dege­ne­rier­ter Spe­zi­es« gespro­chen. Mit wel­chen Wor­ten (von »Rat­ten« bis »Abschaum«) die AfD ihrer­seits bedacht wur­de, wird hier tun­lichst ver­schwie­gen. Die­ses Buch ist in jeder Hin­sicht haar­sträu­bend. Wir reden hier von der deut­schen Gefühls­for­sche­rin und von einem der größ­ten deut­schen Publi­kums­ver­la­ge. Das Lem­ma »Pein­lich­keit« fehlt übrigens.

Ute Fre­vert: Mäch­ti­ge Gefüh­le. Von A wie Angst bis Z wie Zunei­gung. Deut­sche Geschich­te seit 1900, Frank­furt a. M.: S. Fischer Ver­lag 2020. 496 S., 28 € – hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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