Wolfgang Schühly (Hrsg.): Zeichen in die Esche geritzt.

Eine Rezension von Konrad Gill

 Gastbeitrag

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Rolf Schil­ling ist ein gro­ßer Unbe­kann­ter der Gegen­warts­li­te­ra­tur. Sei­ne Freun­de und Leser, die ihn als »Meis­ter« teils seit Jahr­zehn­ten umge­ben, ver­eh­ren ihn ihm den wich­tigs­ten leben­den Dich­ter deut­scher Zun­ge, die ­lite­ra­tur­in­ter­es­sier­te ­soge­nann­te Öffent­lich­keit dage­gen nimmt von ihm kei­ne Notiz. Schil­ling ist außer­halb klei­ner kon­ser­va­tiv-dis­si­den­ter Krei­se nahe­zu inexis­tent. Die­se Rand­stän­dig­keit hat Grün­de, poli­ti­sche Grün­de und wohl auch in der ver­wüs­te­ten oder schon ver­nich­te­ten Ästhe­tik der grell­bun­ten Repu­blik, aber den­noch ist sie erstaun­lich. Denn Schil­ling ist eben kei­ner der Frei­zeit­poe­ten, die im Selbst­ver­lag ver­su­chen, dem im Ren­ten­al­ter ent­deck­ten Talent Glanz zu ver­lei­hen und dafür von den ganz Unbe­gab­ten bewun­dert wer­den. Ganz und gar nicht (sie­he Sezes­si­on 95 / 2020).

Die zu Schil­lings 70. Geburts­tag zur Gabe auf­ge­leg­te Fest­schrift ist schwer faß­bar und reich­hal­tig zugleich. Von der jugend­be­geis­ter­ten Apo­lo­ge­tik bis zur nost­al­gi­schen Anek­do­tik, vom sehr per­sön­li­chen Freun­des­gruß bis zur ver­spon­nen-ego­ma­ni­schen Selbst­in­sze­nie­rung ist hier ­ver­tre­ten, was immer ein Autor sich nur aus­den­ken kann. Bei aller Unter­schied­lich­keit in Güte und Län­ge, von der Minia­tur, der Skiz­ze, bis zum fast acht­zigsei­ti­gen Trak­tat – kei­ner der Tex­te wirkt wie eine Gefäl­lig­keits­ar­beit, kei­ner ist schnell dahin­ge­wor­fen. Hier haben sich Freun­de und Weg­ge­fähr­ten vie­ler Jah­re um einen ver­sam­melt, um ihm Geschen­ke zu brin­gen, und kei­nes ist wie das ande­re. Der Her­aus­ge­ber hat sich nicht die Auf­ga­be gestellt, die Bei­trä­ge in eine inne­re Ord­nung zu brin­gen, son­dern sie alpha­be­tisch nach dem Urhe­ber hin­ter­ein­an­der­ge­druckt und dazwi­schen weni­ge Gemäl­de befreun­de­ter Maler gesetzt. All dies gibt dem Buch die Anmu­tung einer ver­wir­rend-fas­zi­nie­ren­den Schatz­tru­he, in der man vor lau­ter Fun­keln nicht weiß, wohin zuerst grei­fen (manch­mal sind es nur Glas­per­len), oder eines Kuriositätenkabinetts.

Denn kuri­os sind vie­le Bei­trä­ge, auf eine die Neu­gier­de wecken­de Wei­se. Ein Bei­trä­ger berich­tet die sehr komi­sche Anek­do­te, die DDR-Staats­si­cher­heit habe an Schil­lings Spra­che erkannt, wie unge­eig­net er sei, ande­re zum Umsturz auf­zu­sta­cheln: »Es wer­den Wor­te gebraucht, die kein nor­ma­ler Mensch ver­steht.« – harm­los also! Die in der Tat her­me­ti­sche Bild­welt des Musen­soh­nes aus Thü­rin­gen scheint sich man­cher der Autoren zum Vor­bild genom­men zu haben. Es wim­melt mit­un­ter nur so vor Sprach­schöp­fun­gen aus der Schil­ling-Schu­le, manch ein Satz dehnt sich über hal­be Sei­ten und nicht immer bleibt klar, ob die Wort­mäch­ti­gen noch wuß­ten, wor­auf ihr Text hin­aus­kom­men soll­te. Wer den­noch durch das Dickicht dringt und sich auch von der miß­ra­te­nen Ein­band­ge­stal­tung nicht abschre­cken läßt, wird mit man­cher Ein­sicht, Kost­bar­kei­ten des kon­ser­va­ti­ven Kos­mos und nicht zuletzt eini­gem Anlaß zum Schmun­zeln belohnt. Beson­ders her­vor­ge­ho­ben sei­en die Aus­ar­bei­tun­gen von Peter Bicken­bach (der aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve Nietz­sches Moral­kri­tik und unser hyper­mo­ra­li­sches Zeit­al­ter über­ein­an­der­legt) sowie ein aus der bal­ti­schen Mytho­lo­gie schöp­fen­der Gedicht­zy­klus von Baal Müller.

Wolf­gang Schüh­ly (Hrsg.): Zei­chen in die Esche geritzt. Rolf Schil­ling zum sieb­zigs­ten Geburts­tag, Neu­stadt an der Orla: Arns­h­au­gk 2020. 366 S., 38 € – hier bestel­len.

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