Jürgen Trabant: Sprachdämmerung. Eine Verteidigung

Jürgen Trabant (geb. 1942) ist emeritierter Professor für Sprachwissenschaft.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Er hat­te sich bereits 2007 mit einem streit­ba­ren FAZ-Arti­kel (»Die gebell­te Spra­che«) als kun­di­ger Für­spre­cher des deut­schen Idi­oms her­vor­ge­tan. Zusam­men­ge­faßt: Tra­bant sieht das Deut­sche von zwei­er­lei Rich­tun­gen bedrängt – von »unten« (dem Pro­le­ta­ri­at) wie von »oben« (den wis­sen­schaft­li­chen Eli­ten), was es im fol­gen­den näher aus­zu­füh­ren gilt. Tra­bants Buch mit dem irri­gen Titel (als ob es eine pes­si­mis­ti­sche »Sprach­däm­me­rung« zu ver­tei­di­gen gel­te) ist äußert lesenswert. 

Die drei­ßig hier ver­sam­mel­ten Sach­tex­te und Essays hat er in sechs Über­ka­pi­tel auf­ge­teilt. Lei­der ist aus­ge­rech­net das ers­te – »Spra­che: Licht der Men­schen« – zwar glanz­voll, aber in sei­nem sprach­phi­lo­so­phi­schen Duk­tus pas­sa­gen­wei­se der­art vor­aus­set­zungs­reich, daß wohl nur Ger­ma­nis­ten, denen Begrif­fe wie Dei­xis, Verna­ku­lar­spra­che, Whorf und de Sas­su­re unmit­tel­bar etwas sagen, Tra­bants ela­bo­rier­ten Über­le­gun­gen fol­gen kön­nen. Dabei sind die­se Erkun­dun­gen wert­voll: Es geht mit Wil­helm von Hum­boldt um die »sym­bo­li­schen« Eigen­schaf­ten des Lau­tes, um sei­ne iko­ni­sche Eigen­schaft und um sei­ne Mate­ria­li­tät, wes­we­gen es nicht »voll­kom­men das­sel­be« sei, ob einer »hip­pos, equus oder Pferd« sage. Oder: Was beim Farb­se­hen (und den Farb­be­zeich­nun­gen) ist Natur, was Kul­tur? Sprach­li­che Kate­go­ri­sie­run­gen wir­ken sich auf das Den­ken jen­seits der Spra­che aus – drum ist die je eige­ne Mut­ter­spra­che von so emi­nen­ter Bedeu­tung. Deutsch als Mut­ter­spra­che stellt Tra­bant in den fol­gen­den Kapi­teln der auto­ri­tä­ren Vater­spra­che (dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch und dem »Glo­ba­le­sisch«) gegen­über. Er fürch­tet, das Deut­sche kön­ne voll­ends »in die Rap­pu­se« gehen. Das ist ein Wort aus der Lands­knecht­spra­che und bedeu­tet: Kriegs­beu­te werden.

Tra­bant ist von die­ser Wen­dung sicht­lich begeis­tert, er ver­wen­det sie unge­zähl­te Male. Bereits nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg sei­en die Deut­schen zur Kul­tur der Sie­ger über­ge­lau­fen. Leib­niz (geb. 1646) hat­te vor sprach­li­chen »Xenis­men« gewarnt, er emp­fand zu vie­le Wör­ter aus ande­ren Spra­chen als zer­stö­re­risch. Das schrieb der Rich­ti­ge: 40 Pro­zent sei­ner eige­nen Text­pro­duk­ti­on fand auf Latei­nisch statt, wei­te­re 35 Pro­zent auf Fran­zö­sisch! Leib­ni­zens Vor­schlä­ge, wie der deut­sche Wort­schatz aus­ge­baut wer­den könn­te, beinhal­te­te neben »schö­nen alten Wör­tern« auch Neo­lo­gis­men und Ent­leh­nun­gen aus vor allem ger­ma­ni­schen Spra­chen. Das wird man wohl Ambi­gui­täts­to­le­ranz nen­nen dür­fen! Tra­bant zählt sprach­schüt­ze­ri­sche Pro­jek­te durch die Jahr­hun­der­te auf, glaubt aber – klas­sisch kul­tur­pes­si­mis­tisch – nicht dar­an, daß das Deut­sche noch vor dem »Abstieg aus den Höhen einer voll­aus­ge­bau­ten Kul­tur­spra­che« geret­tet wer­den kön­ne. Er selbst hat in Deutsch­land an einer eng­lisch­spra­chi­gen Uni­ver­si­tät gelehrt – eine intel­lek­tu­el­le und per­for­ma­ti­ve Her­aus­for­de­rung, ein Semi­nar mit Stu­den­ten zu lei­ten, die acht ver­schie­de­ne Mut­ter­spra­chen pflegen. 

Kuri­os nur: Auch die Fakul­täts­ver­samm­lun­gen (mit lau­ter Deut­schen plus zwei per­fekt deutsch spre­chen­den Hol­län­dern) fan­den auf Eng­lisch statt! Als Grund für die neu­er­li­che »Rap­pu­se« der deut­schen Spra­che sieht Tra­bant nicht in ers­ter Linie die Zwän­ge der Glo­ba­li­sie­rung, son­dern die anhal­ten­de Nach­kriegs­de­pres­si­on, die deut­sche Selbst­ver­ach­tung. Tra­bant zeigt sich als ech­ter Scharf­se­her: »Die ver­füh­re­ri­sche Stim­me des AFN und das Begeh­ren der [nach­kriegs­deut­schen] Hören­den haben sich zu gewal­ti­gen Befehls­struk­tu­ren und weit­ge­hen­der Unter­wer­fung radi­ka­li­siert. Die welt­wei­te Öko­no­mie bit­tet nicht nur ›Love me ten­der‹ oder ›Put your head on my shoul­der‹, son­dern sie ver­langt bru­tal Gefolg­schaft. Aus dem Ent­ge­gen­hor­chen (ob-audire) ist längst Gehor­sam (obedience) gewor­den.« Kin­der von Eltern, die etwas auf sich hal­ten, »wer­den gleich in der hohen Spra­che der Auf­sichts­rä­te, der Wis­sen­schaft und Hol­ly­woods sozialisiert.« 

Mit Tra­bant fra­gen wir uns, war­um Migran­ten über­haupt die­se uncoo­le deut­sche Spra­che ler­nen soll­ten? Wäh­rend die Eli­ten (der Autor kari­kiert sub­til das »Schwäb­lisch«, in dem Gün­ter Oettin­ger das Eng­li­sche zur »Arbeits­spra­che« der Deut­schen dekre­tier­te) ihr »kos­mo­po­li­ti­sches Näs­chen rümp­fen« über reel­le Ent­frem­dungs­er­fah­run­gen, macht sich Tra­bant stark für den Dia­lekt, den Akzent und leben­di­ges Deutsch: »Daß in der Stra­ße, in der ich auf­ge­wach­sen bin, mei­ne Spra­che nun kaum mehr zu hören ist, ist kei­ne harm­lo­se Ver­än­de­rung, son­dern eine tief­grei­fen­de Ver­än­de­rung mei­ner Umwelt.« Der Roma­nist ist sich sicher: »Nicht die Ber­li­ner Prolls gefähr­den das Hoch­deutsch, eben­so­we­nig die Pro­test-Bür­ger, wohl aber die bil­dungs­be­flis­se­nen Kin­der der letz­te­ren, die sich in Schwa­bing und im Prenz­lau­er Berg nie­der­ge­las­sen haben und dort dem Auf­ruf des ehe­ma­li­gen Minis­ter­prä­si­den­ten Oettin­ger Fol­ge leis­ten.« Die­ses Buch hat es in sich.

Jür­gen Tra­bant: Sprach­däm­me­rung. Eine Ver­tei­di­gung, Mün­chen: Ver­lag C. H. Beck 2020. 240 S., 29.95 € – hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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