Ingeborg Villinger: Gretha Jünger. Die unsichtbare Frau

Jeder Jünger-Leser weiß, daß Ernst auf Reisen ging, wenn ein Wohnortwechsel anstand.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Den Umzug über­ließ er sei­ner Frau Gre­tha Jün­ger, geb. von Jein­sen. Wenn die­se Voll­zug ­mel­de­te, kehr­te er zurück an den Schreib­tisch und zur kor­rekt auf­ge­stell­ten Biblio­thek. Auch wenn Gre­tha Jün­ger nicht jede Kis­te allein schlep­pen muß­te, son­dern dafür Hil­fe in Anspruch nahm, bringt die­se Kon­stel­la­ti­on ein gewis­ses Miß­ver­hält­nis zum Aus­druck – zumin­dest dann, wenn man, wie Jün­gers, nicht auf eine umfang­rei­che Die­ner­schaft zurück­grei­fen konnte.

Das Umzugs­ver­hal­ten ist nur ein Rand­aspekt einer grund­sätz­li­chen Schief­la­ge, die Inge­borg Vil­lin­ger in den Mit­tel­punkt ihrer Bio­gra­phie gestellt hat. Dabei geht es ihr oft weni­ger um die Ehe­leu­te Jün­ger als ganz all­ge­mein um die aus ihrer Sicht pro­ble­ma­ti­schen Geschlech­ter­rol­len in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Grethas Leben dient oft nur als Bei­spiel für die­ses Ver­hält­nis, so daß ihre Per­sön­lich­keit und Geschich­te im all­ge­mei­nen Kon­text zu ver­sin­ken droht. Auf die­se Art ist auch der erstaun­li­che Umfang der Bio­gra­phie zustan­de gekom­men, die zudem eini­ge päd­ago­gisch moti­vier­te Red­un­dan­zen aufweist.
Vil­lin­ger, die bis 2005 Poli­tik­wis­sen­schaft in Frei­burg lehr­te und bereits den Brief­wech­sel zwi­schen Gre­tha und Carl Schmitt her­aus­ge­ge­ben hat, stützt sich vor allem auf zwei Quel­len: die bei­den auto­bio­gra­phi­schen Bücher, die Gre­tha 1949 und 1955 unter ihrem Mäd­chen­na­men ver­öf­fent­lich­te, und den umfang­rei­chen Brief­wech­sel Grethas mit den ver­schie­dens­ten Freun­den und Bekann­ten. Her­vor­zu­he­ben sind vor allem die Brief­wech­sel mit ihrem Ver­trau­ten Fritz Lin­de­mann, einem etwas wun­der­li­chen Pri­vat­ge­lehr­ten und Eso­te­ri­ker, und mit ihrem Ehe­mann (der bald erschei­nen soll).

Bei­de lern­ten sich 1922 in Han­no­ver ken­nen. Die aus ver­arm­tem Adel stam­men­de Gre­tha, der Vater war als tech­ni­scher Zeich­ner bei der Stadt Han­no­ver ange­stellt, ging nach der Schu­le zu einem befreun­de­ten Pfar­rerehe­paar, um die Haus­wirt­schaft zu erler­nen, lern­te anschlie­ßend Kla­vier und mach­te sich Hoff­nun­gen auf eine Kar­rie­re als Schau­spie­le­rin. Der strah­len­de Kriegs­held Jün­ger konn­te sie 1925 nur hei­ra­ten, weil er sei­nen Abschied vom Mili­tär genom­men hat­te, als Leut­nant hät­te er kei­ne Hei­rats­er­laub­nis bekom­men. Es folg­ten zwei Kin­der, Ernst (1925 – 1944) und Alex­an­der (1934 – 1993), und das Drein­fin­den Grethas in die Rol­le der Ehe­frau eines recht ich-bezo­ge­nen Ernst Jün­gers in einem unter stän­di­gem Geld­man­gel lei­den­den Haus­halt. Des­sen Affä­ren, Dro­gen-expe­ri­men­te und beton­te Lieb­lo­sig­keit führ­ten dazu, daß Gre­tha immer wie­der für begrenz­te Zeit die Flucht ergriff und ein­mal sogar die Schei­dung ein­reich­te, die sie aber bald zurücknahm.

Das ehe­li­che Miß­ver­hält­nis hat Gre­tha bis zu ihrem frü­hen Krebs­tod (1960) beschäf­tigt, und sie war immer bemüht Aus­gleich zu schaf­fen, dafür zu sor­gen, daß jeder sei­nen Platz behaup­ten konn­te. Jün­gers Rei­sen kamen ihr daher nicht unge­le­gen, war sie dann doch von der anstren­gen­den Rol­le der Gast­ge­be­rin befreit. Aber: Gre­tha sah das Ver­hält­nis zu ihrem Gat­ten durch­aus viel­schich­ti­ger, als das Vil­lin­ger durch die Geschlech­ter­rol­len­bril­le wahr­ha­ben will. Das wird schon dadurch deut­lich, daß sie Jün­ger immer (uniro­nisch) als Gebie­ter anre­de­te, des­sen prak­ti­sche Lebens­un­tüch­tig­keit in ihr müt­ter­li­che Gefüh­le her­vor­rief. Daß Jün­ger die­se Kon­stel­la­ti­on ent­ge­gen­kam und er sich dar­in ein­rich­te­te, steht auf einem ande­ren Blatt – wie auch die Tat­sa­che, daß ihn die­se Lebens­un­tüch­tig­keit auf sei­nen (Solo-)Reisen nicht ereilte. 

Inge­borg Vil­lin­ger: Gre­tha Jün­ger. Die unsicht­ba­re Frau, Stutt­gart: Klett-Cot­ta Ver­lag 2020. 463 S., 26 € – hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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