Roel van Duijn: Himmlers holländische Muse.

Was für ein wunderliches, putziges wie hochinteressantes Buch! Beginnen wir mit dem Autor: Roel van Duijn, Jahrgang 1943, ist in den Niederlanden ein enfant terrible.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

In den sech­zi­ger Jah­ren war er maß­geb­lich in der Frie­dens­be­we­gung aktiv und arbei­te­te als Redak­teur für eine anar­chis­ti­sche Zeitung.
Er war als Bio­bau­er tätig und kan­di­dier­te zunächst für »De Groe­nen«, dann für »Gro­en­Links«. Eins sei­ner Bücher, Ein­lei­tung ins pro­vo­zie­ren­de Den­ken, wur­de mehr­mals auch in deut­scher Spra­che aufgelegt.
2008 zog sich van Dujin aus dem Poli­tik­ge­schäft zurück, um als The­ra­peut zu arbei­ten. Aus Grün­den, die nicht voll­ends deut­lich wer­den, hat er sich nun unter erheb­li­chem Recher­che­auf­wand (559 Fuß­no­ten!) auf die Spu­ren der wohl bekann­tes­ten nie­der­län­di­schen Natio­nal­so­zia­lis­ten Julia Op ten Noort (geb. 1919 in Ams­ter­dam, gest. 1994 in Ful­da) bege­ben. Gewid­met ist das Buch »allen Freund*innen Juli­as, die dach­ten, sie gut zu ken­nen, aber die Gefahr, daß auch ein Mensch mit einem viel­leicht guten Cha­rak­ter zum Instru­ment einer gif­ti­gen Ideo­lo­gie wer­den kann, nicht erkann­ten.« Eine Wid­mung an bereits Ver­stor­be­ne, vermutlich.
Van Dujin macht kei­nen Hehl aus sei­ner Fas­zi­na­ti­on für jene Frau, die sich mit Mit­te drei­ßig nach lan­ger Lei­den­schaft für die »Leh­re vom ger­ma­ni­schen Blut« ein Kind zeu­gen ließ, des­sen Vater gerüch­te­wei­se Hein­rich Himm­ler war. In holp­ri­ges Deutsch über­setzt liest sich das so: »Julia war auf­rei­zend, anzie­hend und krea­tiv. Sie such­te fie­ber­haft nach dem höchs­ten Stan­dard mensch­li­chen Zusam­men­le­bens. Als jun­ge Frau ver­band sie sich mit Haut und Haa­ren mit zwei uner­hör­ten Pro­jek­ten der Nazis: der Ver­nich­tung der einen und der Erschaf­fung einer neu­en, ver­meint­lich über­le­ge­nen Menschenrasse.«
Mit einer bei­spiel­lo­sen Akri­bie (bis hin zur Berech­nung ihrer mut­maß­lich »frucht­ba­ren Tage«) unter­sucht der Autor jede Weg­mar­ke im Leben die­ser dun­kel­haa­ri­gen, gro­ßen, blau­äu­gi­gen Ade­li­gen, die Anfang der drei­ßi­ger Jah­re als tief­gläu­bi­ge Chris­tin für die evan­ge­li­ka­le »Oxford-Grup­pe« ­(spä­ter: »Mora­li­sche Auf­rüs­tung«; in Utrecht tra­fen sich 1937 100 000 Glau­bens­strei­ter unter die­sem Ban­ner) Mis­si­ons­tä­tig­kei­ten unter­nahm. 1934 lern­te sie bei einer sol­chen Bekeh­rungs­tour in Bres­lau (Roel van Dujin: »Ober­schle­si­en«) Himm­ler ken­nen: »Der eso­te­ri­sche SS-Chef wur­de nicht zum Chris­ten und die Evan­ge­lis­tin ließ sich zu einer ger­ma­ni­schen Ras­sis­tin bekeh­ren.« 1938 folg­te die Baro­ness dem Impuls der Reichs­frau­en­füh­re­rin Ger­trud Scholtz-Klink, eine nie­der­län­di­sche Orga­ni­sa­ti­on nach dem Vor­bild der NS-Frau­en­schaft zu grün­den, ohne dann aller­dings selbst den Vor­sitz die­ser »Natio­naal Socia­lis­ti­sche Vrou­wen Orga­ni­sa­tie« ein­zu­neh­men, die bis 1941 auf 6500 Mit­glie­der anwach­sen soll­te. Die ver­zwick­te Geschich­te rund um Zeu­gung und Geburt des Soh­nes Hein­rich im Febru­ar 1944 im Lebens­born­heim Stein­hö­ring / Ober­bay­ern (Julia an ihren Bru­der: »… nach Hein­rich I, des­sen Blut er trägt, und nach dem leben­den Vor­bild des Reichs­füh­rers«) wäre Stoff für die Gala oder die Bun­te – zumal auch die­ses Buch mit einer Fül­le an Pho­to­gra­phien auf­trump­fen kann.
Eine Vater­schaft Himm­lers hält übri­gens van Dujin nach rea­lis­ti­scher Aus­wer­tung aller Indi­zi­en für äußerst unwahr­schein­lich. Streng genom­men war »Julia« nicht ein­mal »Himm­lers Muse«. Nach dem Krieg wur­de Julia Op ten Noort wegen Kol­la­bo­ra­ti­on zu zwei­ein­halb Jah­ren ver­ur­teilt, von denen sie 15 Mona­te absaß. Nach dem Krieg leben Mut­ter und Sohn in Deutsch­land. Die Natio­nal­so­zia­lis­tin bekehrt sich 1972 zum Hin­du­is­mus, 1980 zum Bud­dhis­mus. Ihren Sohn wird sie um 14 Jah­re überleben. 

Roel van Dui­jn: Himm­lers hol­län­di­sche Muse. Die zwei Leben der Baro­ness Julia Op ten Noort, Stutt­gart: Schmet­ter­ling Ver­lag 2020. 340 S., 22.80 € – hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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