Lothar Fritze: Angriff auf den freiheitlichen Staat

Der sächsische Politikwissenschaftler Lothar Fritze (geb. 1954) scheut sich nicht, bedrohliche Entwicklungstendenzen der offenen Gesellschaft samt ideologischer Verortungen und Volten ihrer Mittelsmänner zu analysieren.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

In Der böse gute Wil­le (vgl. Sezes­si­on 75) griff der ehe­ma­li­ge außer­plan­mä­ßi­ge Pro­fes­sor der TU Chem­nitz zur Feder, um dem mora­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus der laut­star­ken Zuwan­de­rungs­be­für­wor­ter auf die Pel­le zu rücken. Nun legt Frit­ze mit dem Angriff auf den frei­heit­li­chen Staat ein Kom­pen­di­um zur Ideo­lo­gie- und Herr­schafts­kri­tik vor. Über Macht und ideo­lo­gi­sche Vor­herr­schaft, so der Unter­ti­tel, reflek­tiert Frit­ze, und das Ergeb­nis fällt ange­sichts der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Malai­se erwart­bar scho­nungs­los aus. 

»Erwart­bar« impli­ziert indes nicht, daß eine Lek­tü­re obso­let wäre. Im Gegen­teil. Frit­ze nutzt das gesam­te Besteck poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens und phi­lo­so­phi­schen Den­kens, um ein Werk vor­zu­le­gen, das ver­schie­de­ne Strän­ge gesell­schafts­kri­ti­schen Den­kens aus dezi­diert frei­heit­li­cher Per­spek­ti­ve zu einem klu­gen Ban­de ver­knüpft. Gewiß: Wer sich aktiv am poli­ti­schen Zeit­ge­sche­hen betä­tigt, wird die ein oder ande­re Erkennt­nis über Herr­schafts­me­tho­den und ‑prak­ti­ken des links­li­be­ral aus­ge­rich­te­ten polit­me­dia­len Kom­ple­xes zur Genü­ge ken­nen. Und auch ein Ste­cken­pferd Frit­zes – die Kri­tik an der libe­ral-uni­ver­sa­lis­ti­schen Grund­ori­en­tie­rung des hyper­mo­ra­lisch agie­ren­den Estab­lish­ments – kann womög­lich als bekannt vor­aus­ge­setzt werden.
Doch der beson­de­re Wert des Buches ist gera­de in sei­ner Voll­stän­dig­keit zu suchen: Ob die geis­ti­ge Situa­ti­on der BRD oder die Rol­le der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie als Eli­ten­herr­schaft; ob Betrach­tun­gen zu den Kampf­me­tho­den des links­li­be­ra­len Kar­tells; ob Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hält­nis­se der Leit­me­di­en und Bloß­stel­lung ihrer Gesin­nungs­ve­he­menz; ob Nach­den­ken über die anhal­ten­de Selbst­ver­dum­mung der Deut­schen oder über die Aus­gren­zung via mora­li­scher Äch­tung; ob Zer­stö­rung der Gedan­ken- und Mei­nungs­frei­heit durch den herr­schen­den Block oder der neue Kul­tur­kampf gegen Fami­lie, Volk und den neu­tra­len Staat – Frit­ze setzt Bau­stein auf Bau­stein und kommt zu sei­nem skep­tisch-resi­gnie­ren­den Aus­blick auf eine bun­des­deut­sche Demo­kra­tie, die sich auf tota­li­tä­re Abwe­ge begibt.
Natur­ge­mäß sind jene Pas­sa­gen beson­ders auf­schluß­reich, in denen der lang­jäh­ri­ge (1993 – 2019) For­scher des Han­nah-Arendt-Insti­tuts für Tota­li­ta­ris­mus­for­schung (TU Dres­den) sei­ne urei­ge­nen Metiers seziert. Ver­wie­sen wer­den kann etwa auf Frit­zes Dar­le­gung der Bereit­schaft zur ideo­lo­gi­schen Kon­for­mi­tät unter den öko­no­misch abhän­gi­gen Wis­sen­schaft­lern oder auf die media­le Zer­trüm­me­rung sei­ner Hei­mat­stadt Chem­nitz im Nach­gang von fik­ti­ven und längst wider­leg­ten »Hetz­jag­den« auf Aus­län­der 2018 ff. Als Leser spürt man Frit­zes Ver­är­ge­rung über einen Staat, der sich von einer links­li­be­ra­len Zivil­ge­sell­schaft sei­nes Wesens ent­frem­den läßt und im Zuge die­ses Pro­zes­ses auf anti­frei­heit­li­che Abwe­ge gera­ten ist, deren Wir­kun­gen sich ste­tig verschlimmern.

Ein roter Faden des gelehr­ten wie enga­gier­ten Buches ist ganz in die­sem Sin­ne Frit­zes Lei­den an einem einst frei­heit­li­chen Staat, der sei­ne Bür­ger mit einer Ideo­lo­gie aus­stat­ten möch­te, anstatt sich welt­an­schau­lich neu­tral zu ver­hal­ten und poli­tisch-kor­rek­ter Zen­sur zu ver­wei­gern. Frit­ze gelingt es hier­bei, den Kampf um Hege­mo­nie sei­tens der Macht­ha­ber ent­lang ihrer ein­sei­tig indi­vi­dua­lis­ti­schen und mora­lisch-uni­ver­sa­lis­ti­schen Aus­rich­tung zu beschrei­ben. Daß er als For­scher und Autor ein sel­te­ner Ver­tre­ter jener sorg­fäl­tig wie auf­rich­tig arbei­ten­den »alten Schu­le« ist, rea­li­siert man dann nicht zuletzt anhand der breit auf­ge­stell­ten ver­wen­de­ten Lite­ra­tur: Staats­tra­gen­de Wis­sen­schaft­ler wie Eck­hard Jes­se und Uwe Backes wer­den eben­so ein­be­zo­gen wie alter­na­ti­ve Köp­fe von Domi­ni­que Ven­ner bis Thor v. Wald­stein. Daß allein dies schon für das Gros der poli­to­lo­gi­schen Kol­le­gen Lothar Frit­zes einem Skan­dal gleich­kom­men dürf­te, beweist nichts weni­ger als die Rich­tig­keit der in die­sem Buch dar­ge­leg­ten Sor­ge um den Fort­be­stand frei­er Rede in einem frei­en Staat.

Lothar Frit­ze: Angriff auf den frei­heit­li­chen Staat. Über Macht und ideo­lo­gi­sche Vor­herr­schaft, Mar­burg: Basi­lis­ken-Pres­se 2020. 284 S., 24.80 € – hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

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