Sonntagsheld (169) – Das Leben nicht zu beleidigen

Hayao Miyazaki zum Achtzigsten

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Hayao Miya­za­ki zum Achtzigsten

Mit 10 Jah­ren sah ich das ers­te Mal einen Film von Hayao Miya­za­ki. Das dürf­te an Vor­mit­tag des 24.12.2003 gewe­sen sein. An die­sem Tag strahl­te der Pri­vat­sen­der RTL II zum ers­ten Mal sei­nen­Ani­ma­ti­ons­film Prin­zes­sin Monon­o­ke mit deut­schen Syn­chron­stim­men aus.

Tat­säch­lich erin­ne­re ich mich gut an die­sen Tag und an den tie­fen Ein­druck, den die Erzäh­lung vom Kampf der Wald­geis­ter gegen den Brenn­stoff­hun­ger der nahe­ge­le­ge­nen Eisen­hüt­te bei mir hin­ter­ließ. Das ging auch ande­ren so: Noch Wochen spä­ter war der Film Schulgespräch.

Auch heu­te noch gehö­ren Miya­za­kis Fil­me zu mei­nen Lieb­lings­fil­men – die dich­te Atmo­sphä­re ihrer Wel­ten, die mär­chen­haf­te Fan­tas­tik der dar­ge­stell­ten Wesen­hei­ten, der unor­tho­do­xe und ambi­va­len­te Erzähl­wei­se der Geschichts­strän­ge haben sei­nem Stu­dio Ghi­b­li zu Welt­ruhm verholfen.

Wie tief sein Werk dabei im japa­ni­schen Shin­to­is­mus ver­wur­zelt sind, das zeigt sich schon an Miya­za­kis ganz per­sön­li­chen Arbeits­rou­ti­ne: Sein Arbeits­tag beginnt in der Regel damit, daß er den Wesen­hei­ten in sei­nem idyl­lisch gele­ge­nen Pri­vat­stu­dio laut­stark einen guten Mor­gen wünscht, wäh­rend er die Vor­hän­ge zurück­schlägt. “Ich weiß nicht, wer sie sind – aber sie sind hier” sag­te er ein­mal in einer Dokumentation.

Die­ses Kon­zept der Durch­wirkt­heit der Welt und vor Allem der Natur mit aller­lei Geis­ter­we­sen und Enti­tä­ten ist ein Grund­pfei­ler zum Ver­ständ­nis sei­ner Fil­me. Wenn auf der Lein­wand ein Baum fällt, ein Tier ver­wun­det, oder ein Fluss ver­schmutzt wird, dann gibt es für die­sen Vor­gang eine Ent­spre­chung in der Geisterwelt.

Das Ver­hält­nis von Mensch, Tech­nik und Natur ist dabei das gro­ße Pro­blem in Miya­za­kis Opus. Auf der einen Sei­te bedie­nen sei­ne Prot­ago­nis­ten fan­tas­ti­sche Flug­ma­schi­nen und rei­sen in aben­teu­er­li­chen Dampf­rohr­kon­struk­ten, oft führt sie ihr Weg aber auch aus der Stadt hin­aus in den Wald, oder in ein­sa­me Berglandschaften.

Die ihnen gegen­über­ste­hen­den Ant­ago­nis­ten haben dage­gen ein ver­nut­zen­des Ver­hält­nis zur Natur und zur Tech­nik, wel­che wahl­wei­se ihrer Zer­stö­rungs­wut oder ihrer Gewinn­sucht dient. Die Idyl­len, die Miya­za­ki zeich­net, fin­den ihren Wider­part in apo­ka­lyp­ti­schen Feu­er­stür­men und trost­los ent­holz­ten (und damit ent-geis­ter­ten) Einöden:

„Die­se Böse­wich­te sind alle Tei­le von mir. Seit Jah­ren fra­ge ich mich, wie es wäre, wenn all die­se nega­ti­ven Ele­men­te auf die Sei­te der Haupt­fi­gur gezwun­gen wür­den. Ich kann einen Cha­rak­ter mit die­ser Art von Wut verstehen“.

Daß es Gutes und Böses in der Welt gibt, steht für den nun 80jährigen außer Fra­ge. Das zeig­te sich etwa an Miya­za­kis Reak­ti­on, als ihm eine Grup­pe jun­ger Unter­neh­mer vor eini­gen Jah­ren ein KI-Pro­jekt vor­stell­te, mit des­sen Hil­fe neue, gro­tes­ke Ani­ma­ti­ons­mus­ter – z.B. für Hor­ror­fil­me – gene­riert wer­den kön­nen. Als Anschau­ungs­bei­spiel für die­se Lern­fä­hig­keit wähl­ten sie einen ent­stell­ten Zom­bie mit kom­plett ver­dreh­tem Kör­per, der sei­nen Kopf zur Fort­be­we­gung nutzte.

Miya­za­ki sah sich die Demo mit ver­stei­ner­ter Mine an, anschlie­ßend stell­te er nüch­tern fest:Wer auch immer die­se Sachen ent­wirft, hat abso­lut kei­ne Ahnung davon, was kör­per­li­che Schmer­zen bedeu­ten. Mich widert das an. Wenn Ihr unbe­dingt gru­se­li­ges Zeug machen wollt, könnt Ihr das machen; Ich habe kein Inter­es­se dar­an, die­se Tech­no­lo­gie auf irgend­ei­ne Art und Wei­se in mei­ne Arbeit ein­zu­bau­en. Ich habe das star­ke Gefühl, dass das eine Belei­di­gung gegen das Leben selbst ist.“

Zur Zeit arbei­tet Miya­za­ki an einem wei­te­ren Ani­ma­ti­ons­film, der inner­halb der nächs­ten zwei Jah­re erschei­nen soll. Er trägt den Titel “Wie willst Du leben?” (“How Do You Live?”) und ist sei­nem Enkel gewid­met. Wie genau man heu­te leben soll, davon hat der Meis­ter des Beweg­ten Bil­des dabei eine kon­tro­ver­se Vor­stel­lung: „Das moder­ne Leben ist so dünn und seicht und falsch. Ich freue mich auf den Tag, an dem die Ent­wick­ler alle Plei­te gehen, Japan ärmer wird und die wil­den Grä­ser wie­der übernehmen.”

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (12)

Dieter Rose

10. Januar 2021 17:38

Den letzten Wunsch hätte ich auch für Deutschland. 

Aber nicht im Sinne der grünen und FFF-Bewegung!

Lotta Vorbeck

10. Januar 2021 22:55

@Dieter Rose - 10. Januar 2021 - 05:38 PM

Den letzten Wunsch hätte ich auch für Deutschland. 

Aber nicht im Sinne der grünen und FFF-Bewegung!

---

---> für Sie, @Dieter Rose

RMH

11. Januar 2021 07:21

Das Eindringen fremder Kultur in Kurzform:

Speed Racer, Anfang der 70er in der BR: Skandal! Absetzen! Sendung wird trotz hohen Erfolgs bei der Zielgruppe abgesetzt.

Captain Future, Anfang der 80er:  Man "bearbeitet" (sprich: schneidet) die Serie großzügig, es gibt noch ein bisschen Protest und "Warnungen", aber im Übrigen schauen es sich die Unter- und Mittelschichtskinder begierig an. Die Kinder der Oberschicht auch, wenn sie es schaffen, der elterlichen Kontrolle ("diesen Schund schaut mein Kind nicht!") einmal zu entwischen, bspw. durch Besuch beim bei den Eltern nicht so beliebten Freund aus der Mittel- /Unterschicht (aber da war ja gerade die Zeit der Sozialdemokratie in Deutschland und auch die Oberschicht zeigte Toleranz gegenüber den Kontakten ihrer Kinder zu andere "Kreisen", Inklusion im 20 Jhdt. eben - solange der Geigen- oder Cellounterricht darunter nicht leidet!).

Jahre später, Anfang der 20er des neuen Jahrtausends (die Kinder der 70er und 80er des vorherigen Jahrhunderts dachten in ihrer Kindheit, dass 2020 zumindest der Mars bereits besiedelt sei, aber gemach: jetzt hoffen sie ganz bescheiden, dass sie die Rente noch lebend erreichen und auch ein solche gezahlt bekommen):

Ein "neurechter" Autor preist ausgerechnet "Prinzessin Mononoke" als prägendes Kindheits- und Jugenderlebnis und dessen Macher widmet er eine kleine Hommage ...

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.

Gracchus

11. Januar 2021 09:52

Sehr schön! Ich habe erst einen Film von Miyazaki gesehen, und der hat mir sehr gut gefallen. 

Dem Wunsch von Dieter Rose und Lotta Vorbeck kann ich mich nur anschließen. 

Ihren Beitrag, @RMH, verstehe ich beim besten Willen nicht. 

Lotta Vorbeck

11. Januar 2021 11:47

@Gracchus - 11. Januar 2021 - 09:52 AM

Ihren Beitrag, @RMH, verstehe ich beim besten Willen nicht.

---

Bin nicht @RMH, kann Ihnen aber dennoch antworten:

Die Titel der Serien waren während der 1970er Jahre andere.

Das elterliche Verdikt schloß auch bestimmte Arten von zu "Schund- und Schmutzliteratur" erklärter Lektüre mit ein.

Die mißliebigen Freunde mußten gar nicht dem entstammen, was sich heutzutage Prekariat nennt, es genügte vollkommen, wenn sich die eigenen Eltern dünkten, "zu den besseren Leuten zu gehören".

Das versteht nur, wer's am eigenen Leibe verspürt und diese teils von der anderen Seite des Streckmetallzaunes über die Elbe hinweg ins Land strahlenden Westmedien befeuerten, seltsamen Erziehungsexperimente selbst erfahren und selbst durchlitten hat.

 

Laurenz

11. Januar 2021 12:39

 

@Lotta Vorbeck & RMH & Gracchus

Walt Disney machte während des Krieges Kriegspropaganda der untersten Schublade und konnte nach dem Krieg seine Bildergeschichten für blöde Amis auch hier verkaufen. Wenn man das kritisiert, muß einem klar sein, daß die Freiheit des einzelnen, wenn man sie ihm läßt, desöfteren in die kollektive Unfreiheit führt. Mich persönlich hatten "Comics" nur wenig interessiert, ich las lieber Karl May, der auch nicht jugendfrei ist.

@TLW

Danke für Ihre Bresche, die Sie dem Heidentum, dem Schamanismus schlagen.

Der Shintoismus hatte anders, als sonst auf der Welt, tatsächlich alle geistigen Degenerations-Stufen über Vielgötterei, Monotheismus und zuletzt Materialismus (Gott- oder besser Geistlosigkeit) fast ohne Blessuren überstanden.

Der für das Leben elementare Unterschied zu westlichen Werten und ihrer Geschichte ist, daß "Gut & Böse" überall und in jeder Wesenheit selbst sind und universales Gleichgewicht brauchen. Der hier importierte antike Orientalismus hat uns das komplett versaut und uns in den Materialismus geführt.

Vielleicht zünden Sie für Herrn Miyazaki zur Feier des Tages eine Kerze an und trinken ein Glas auf sein Wohl.

RMH

11. Januar 2021 14:13

@Gracchus,

L.V. hat es schon richtig erkannt und hinsichtlich der "Schichten" auch präziser und besser formuliert. Früher war "Zeichentrick" Schund - egal, ob dies im Einzelfall zutraf oder nicht.

Heute kann sich sogar ein Neurechter für "Anime", vormals deutsch Zeichentrick, erwärmen. So ändern sich die Zeiten.

Lotta Vorbeck

11. Januar 2021 15:17

@Laurenz - 11. Januar 2021 - 12:39 PM

@Lotta Vorbeck & RMH & Gracchus

Walt Disney machte während des Krieges Kriegspropaganda der untersten Schublade und konnte nach dem Krieg seine Bildergeschichten für blöde Amis auch hier verkaufen. Wenn man das kritisiert, muß einem klar sein, daß die Freiheit des einzelnen, wenn man sie ihm läßt, desöfteren in die kollektive Unfreiheit führt. Mich persönlich hatten "Comics" nur wenig interessiert, ich las lieber Karl May, der auch nicht jugendfrei ist.

---

Einspruch, Euer Ehren!

Da wo Lotta Vorbeck sozialisiert und während der prägenden Lebensphase mental gezielt mehr oder minder deformiert worden ist, waren für den Normalo ohne schmuggelerfahrene Westverwandtschaft keine Bildergeschichten für blöde Amis verfügbar.

Karl May gab's - aufgenommen in den Bergen Dalmataniens - via Westfernsehen, in papierener Form höchst selten und nur unkomplett aus Vorkriegbeständen. Erst in der späten DDR, als die Preußen wieder hoffähig wurden und der alte Fritz in Bronze auf den Ostberliner Prachtboulevard zurückgekehrt war, erschienen im Verlag Junge Welt (?) die Bücher des sächsischen Indinana Jones, dessen Museum in Radebeul bei Dresden zu der Zeit als er offiziell ungelitten gewesen ist unter dem Titel "Indianermuseum" weiterhin durchgehend geöffnet blieb.

t.gygax

11. Januar 2021 15:36

RMH  " früher war Zeichentrick Schund"

 

So einfach stimmt das nicht , schaute mit 13 Jahren 1970 den ersten Peanuts Film an- Charlie Brown war damals  eine hintergründige und tiefsinnige Angelegenheit; später las ich theologische Abhandlungen über die Figuren von Charles M. Schulz.... in der linken Szene an der Uni waren die französischen Erwachsenen-Comics der 60er Jahre ( Barbarella und ähnliches Zeug...) sehr angesagt. Daß es in diesem Bereich auch massenhaft Müll gibt, ist keine Frage, aber trotzdem; es gibt Anime Filme, die hoch philosophisch angelegt sind und nur mit einem Mantel von Action/Sex etc. umhängt werden, damit man halt was zum Schauen hat. "Ghost in the shell " hat noch in jedem meiner Seminare mit jungen Erwachsenen zu nachhaltigen Gesprächen geführt.

Laurenz

12. Januar 2021 05:02

 

@Lotta Vorbeck

Ja, natürlich. Aber im Westen waren 60 Mio. zuhause, in der Mitte 14 Mio.

Und dafür mußte man in der Mitte auch noch viel Zeit damit verschwenden, so zu tun, als wüßte man, wer alles Held der Sowjetunion oder Held der Werktätigen ist.

Laurenz

12. Januar 2021 05:22

 

@t.gygax

Man kann Asterix anführen. Da hatten beiden Autoren/Maler auch mal nachgelesen, bevor sie etwas in die Druckerpresse gaben.

Auch aus "Der Herr der Ringe" wurde erstmal ein Zeichentrick-Film, weil seinerzeit die Filmtechnik noch nicht so weit war, visualisierte Magie, Riesen, Halblinge oder Zwerge sinnig darzustellen.

Comics sind quasi langsame Filme zum lesen, lassen aber der Phantasie weniger Spielraum als Bücher.

Die erfolgreichste deutsche Nachkriegs-Literatur (keine Comics, nur erklärende Zeichnungen) überhaupt, ist Perry Rhodan. Da können sich weltweit unsere amerikanischen Hollywood-Freunde gehackt legen. Perry Rhodan hatte auf viele Jugendliche im vor-digitalen Zeitalter eine extreme Suchtwirkung. Bei diesem Erfolg wird auch die Schundfrage schwierig.

https://de.wikipedia.org/wiki/Perry_Rhodan

anatol broder

12. Januar 2021 14:06

ich mag miyazakis werke.

der shintoismus ist aus meiner sicht ein versuch, den aberglauben in den griff zu bekommen. wer sich schon mit dem thema et in arcadia ego beschäftigte, dem empfehle ich das bild höllenkurtisane (ca 1880) von kyosai.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.