10. Januar 2021

Sonntagsheld (169) – Das Leben nicht zu beleidigen

Till-Lucas Wessels / 12 Kommentare

Hayao Miyazaki zum Achtzigsten

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Mit 10 Jahren sah ich das erste Mal einen Film von Hayao Miyazaki. Das dürfte an Vormittag des 24.12.2003 gewesen sein. An diesem Tag strahlte der Privatsender RTL II zum ersten Mal seinenAnimationsfilm Prinzessin Mononoke mit deutschen Synchronstimmen aus.

Tatsächlich erinnere ich mich gut an diesen Tag und an den tiefen Eindruck, den die Erzählung vom Kampf der Waldgeister gegen den Brennstoffhunger der nahegelegenen Eisenhütte bei mir hinterließ. Das ging auch anderen so: Noch Wochen später war der Film Schulgespräch.

Auch heute noch gehören Miyazakis Filme zu meinen Lieblingsfilmen – die dichte Atmosphäre ihrer Welten, die märchenhafte Fantastik der dargestellten Wesenheiten, der unorthodoxe und ambivalente Erzählweise der Geschichtsstränge haben seinem Studio Ghibli zu Weltruhm verholfen.

Wie tief sein Werk dabei im japanischen Shintoismus verwurzelt sind, das zeigt sich schon an Miyazakis ganz persönlichen Arbeitsroutine: Sein Arbeitstag beginnt in der Regel damit, daß er den Wesenheiten in seinem idyllisch gelegenen Privatstudio lautstark einen guten Morgen wünscht, während er die Vorhänge zurückschlägt. “Ich weiß nicht, wer sie sind – aber sie sind hier” sagte er einmal in einer Dokumentation.

Dieses Konzept der Durchwirktheit der Welt und vor Allem der Natur mit allerlei Geisterwesen und Entitäten ist ein Grundpfeiler zum Verständnis seiner Filme. Wenn auf der Leinwand ein Baum fällt, ein Tier verwundet, oder ein Fluss verschmutzt wird, dann gibt es für diesen Vorgang eine Entsprechung in der Geisterwelt.

Das Verhältnis von Mensch, Technik und Natur ist dabei das große Problem in Miyazakis Opus. Auf der einen Seite bedienen seine Protagonisten fantastische Flugmaschinen und reisen in abenteuerlichen Dampfrohrkonstrukten, oft führt sie ihr Weg aber auch aus der Stadt hinaus in den Wald, oder in einsame Berglandschaften.

Die ihnen gegenüberstehenden Antagonisten haben dagegen ein vernutzendes Verhältnis zur Natur und zur Technik, welche wahlweise ihrer Zerstörungswut oder ihrer Gewinnsucht dient. Die Idyllen, die Miyazaki zeichnet, finden ihren Widerpart in apokalyptischen Feuerstürmen und trostlos entholzten (und damit ent-geisterten) Einöden:

„Diese Bösewichte sind alle Teile von mir. Seit Jahren frage ich mich, wie es wäre, wenn all diese negativen Elemente auf die Seite der Hauptfigur gezwungen würden. Ich kann einen Charakter mit dieser Art von Wut verstehen“.

Daß es Gutes und Böses in der Welt gibt, steht für den nun 80jährigen außer Frage. Das zeigte sich etwa an Miyazakis Reaktion, als ihm eine Gruppe junger Unternehmer vor einigen Jahren ein KI-Projekt vorstellte, mit dessen Hilfe neue, groteske Animationsmuster – z.B. für Horrorfilme – generiert werden können. Als Anschauungsbeispiel für diese Lernfähigkeit wählten sie einen entstellten Zombie mit komplett verdrehtem Körper, der seinen Kopf zur Fortbewegung nutzte.

Miyazaki sah sich die Demo mit versteinerter Mine an, anschließend stellte er nüchtern fest:Wer auch immer diese Sachen entwirft, hat absolut keine Ahnung davon, was körperliche Schmerzen bedeuten. Mich widert das an. Wenn Ihr unbedingt gruseliges Zeug machen wollt, könnt Ihr das machen; Ich habe kein Interesse daran, diese Technologie auf irgendeine Art und Weise in meine Arbeit einzubauen. Ich habe das starke Gefühl, dass das eine Beleidigung gegen das Leben selbst ist.“

Zur Zeit arbeitet Miyazaki an einem weiteren Animationsfilm, der innerhalb der nächsten zwei Jahre erscheinen soll. Er trägt den Titel "Wie willst Du leben?" ("How Do You Live?") und ist seinem Enkel gewidmet. Wie genau man heute leben soll, davon hat der Meister des Bewegten Bildes dabei eine kontroverse Vorstellung: „Das moderne Leben ist so dünn und seicht und falsch. Ich freue mich auf den Tag, an dem die Entwickler alle Pleite gehen, Japan ärmer wird und die wilden Gräser wieder übernehmen."


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (12)

Dieter Rose

10. Januar 2021 17:38

Den letzten Wunsch hätte ich auch für Deutschland. 

Aber nicht im Sinne der grünen und FFF-Bewegung!

Lotta Vorbeck

10. Januar 2021 22:55

@Dieter Rose - 10. Januar 2021 - 05:38 PM

Den letzten Wunsch hätte ich auch für Deutschland. 

Aber nicht im Sinne der grünen und FFF-Bewegung!

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---> für Sie, @Dieter Rose

RMH

11. Januar 2021 07:21

Das Eindringen fremder Kultur in Kurzform:

Speed Racer, Anfang der 70er in der BR: Skandal! Absetzen! Sendung wird trotz hohen Erfolgs bei der Zielgruppe abgesetzt.

Captain Future, Anfang der 80er:  Man "bearbeitet" (sprich: schneidet) die Serie großzügig, es gibt noch ein bisschen Protest und "Warnungen", aber im Übrigen schauen es sich die Unter- und Mittelschichtskinder begierig an. Die Kinder der Oberschicht auch, wenn sie es schaffen, der elterlichen Kontrolle ("diesen Schund schaut mein Kind nicht!") einmal zu entwischen, bspw. durch Besuch beim bei den Eltern nicht so beliebten Freund aus der Mittel- /Unterschicht (aber da war ja gerade die Zeit der Sozialdemokratie in Deutschland und auch die Oberschicht zeigte Toleranz gegenüber den Kontakten ihrer Kinder zu andere "Kreisen", Inklusion im 20 Jhdt. eben - solange der Geigen- oder Cellounterricht darunter nicht leidet!).

Jahre später, Anfang der 20er des neuen Jahrtausends (die Kinder der 70er und 80er des vorherigen Jahrhunderts dachten in ihrer Kindheit, dass 2020 zumindest der Mars bereits besiedelt sei, aber gemach: jetzt hoffen sie ganz bescheiden, dass sie die Rente noch lebend erreichen und auch ein solche gezahlt bekommen):

Ein "neurechter" Autor preist ausgerechnet "Prinzessin Mononoke" als prägendes Kindheits- und Jugenderlebnis und dessen Macher widmet er eine kleine Hommage ...

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.

Gracchus

11. Januar 2021 09:52

Sehr schön! Ich habe erst einen Film von Miyazaki gesehen, und der hat mir sehr gut gefallen. 

Dem Wunsch von Dieter Rose und Lotta Vorbeck kann ich mich nur anschließen. 

Ihren Beitrag, @RMH, verstehe ich beim besten Willen nicht. 

Lotta Vorbeck

11. Januar 2021 11:47

@Gracchus - 11. Januar 2021 - 09:52 AM

Ihren Beitrag, @RMH, verstehe ich beim besten Willen nicht.

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Bin nicht @RMH, kann Ihnen aber dennoch antworten:

Die Titel der Serien waren während der 1970er Jahre andere.

Das elterliche Verdikt schloß auch bestimmte Arten von zu "Schund- und Schmutzliteratur" erklärter Lektüre mit ein.

Die mißliebigen Freunde mußten gar nicht dem entstammen, was sich heutzutage Prekariat nennt, es genügte vollkommen, wenn sich die eigenen Eltern dünkten, "zu den besseren Leuten zu gehören".

Das versteht nur, wer's am eigenen Leibe verspürt und diese teils von der anderen Seite des Streckmetallzaunes über die Elbe hinweg ins Land strahlenden Westmedien befeuerten, seltsamen Erziehungsexperimente selbst erfahren und selbst durchlitten hat.

 

Laurenz

11. Januar 2021 12:39

 

@Lotta Vorbeck & RMH & Gracchus

Walt Disney machte während des Krieges Kriegspropaganda der untersten Schublade und konnte nach dem Krieg seine Bildergeschichten für blöde Amis auch hier verkaufen. Wenn man das kritisiert, muß einem klar sein, daß die Freiheit des einzelnen, wenn man sie ihm läßt, desöfteren in die kollektive Unfreiheit führt. Mich persönlich hatten "Comics" nur wenig interessiert, ich las lieber Karl May, der auch nicht jugendfrei ist.

@TLW

Danke für Ihre Bresche, die Sie dem Heidentum, dem Schamanismus schlagen.

Der Shintoismus hatte anders, als sonst auf der Welt, tatsächlich alle geistigen Degenerations-Stufen über Vielgötterei, Monotheismus und zuletzt Materialismus (Gott- oder besser Geistlosigkeit) fast ohne Blessuren überstanden.

Der für das Leben elementare Unterschied zu westlichen Werten und ihrer Geschichte ist, daß "Gut & Böse" überall und in jeder Wesenheit selbst sind und universales Gleichgewicht brauchen. Der hier importierte antike Orientalismus hat uns das komplett versaut und uns in den Materialismus geführt.

Vielleicht zünden Sie für Herrn Miyazaki zur Feier des Tages eine Kerze an und trinken ein Glas auf sein Wohl.

RMH

11. Januar 2021 14:13

@Gracchus,

L.V. hat es schon richtig erkannt und hinsichtlich der "Schichten" auch präziser und besser formuliert. Früher war "Zeichentrick" Schund - egal, ob dies im Einzelfall zutraf oder nicht.

Heute kann sich sogar ein Neurechter für "Anime", vormals deutsch Zeichentrick, erwärmen. So ändern sich die Zeiten.

Lotta Vorbeck

11. Januar 2021 15:17

@Laurenz - 11. Januar 2021 - 12:39 PM

@Lotta Vorbeck & RMH & Gracchus

Walt Disney machte während des Krieges Kriegspropaganda der untersten Schublade und konnte nach dem Krieg seine Bildergeschichten für blöde Amis auch hier verkaufen. Wenn man das kritisiert, muß einem klar sein, daß die Freiheit des einzelnen, wenn man sie ihm läßt, desöfteren in die kollektive Unfreiheit führt. Mich persönlich hatten "Comics" nur wenig interessiert, ich las lieber Karl May, der auch nicht jugendfrei ist.

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Einspruch, Euer Ehren!

Da wo Lotta Vorbeck sozialisiert und während der prägenden Lebensphase mental gezielt mehr oder minder deformiert worden ist, waren für den Normalo ohne schmuggelerfahrene Westverwandtschaft keine Bildergeschichten für blöde Amis verfügbar.

Karl May gab's - aufgenommen in den Bergen Dalmataniens - via Westfernsehen, in papierener Form höchst selten und nur unkomplett aus Vorkriegbeständen. Erst in der späten DDR, als die Preußen wieder hoffähig wurden und der alte Fritz in Bronze auf den Ostberliner Prachtboulevard zurückgekehrt war, erschienen im Verlag Junge Welt (?) die Bücher des sächsischen Indinana Jones, dessen Museum in Radebeul bei Dresden zu der Zeit als er offiziell ungelitten gewesen ist unter dem Titel "Indianermuseum" weiterhin durchgehend geöffnet blieb.

t.gygax

11. Januar 2021 15:36

RMH  " früher war Zeichentrick Schund"

 

So einfach stimmt das nicht , schaute mit 13 Jahren 1970 den ersten Peanuts Film an- Charlie Brown war damals  eine hintergründige und tiefsinnige Angelegenheit; später las ich theologische Abhandlungen über die Figuren von Charles M. Schulz.... in der linken Szene an der Uni waren die französischen Erwachsenen-Comics der 60er Jahre ( Barbarella und ähnliches Zeug...) sehr angesagt. Daß es in diesem Bereich auch massenhaft Müll gibt, ist keine Frage, aber trotzdem; es gibt Anime Filme, die hoch philosophisch angelegt sind und nur mit einem Mantel von Action/Sex etc. umhängt werden, damit man halt was zum Schauen hat. "Ghost in the shell " hat noch in jedem meiner Seminare mit jungen Erwachsenen zu nachhaltigen Gesprächen geführt.

Laurenz

12. Januar 2021 05:02

 

@Lotta Vorbeck

Ja, natürlich. Aber im Westen waren 60 Mio. zuhause, in der Mitte 14 Mio.

Und dafür mußte man in der Mitte auch noch viel Zeit damit verschwenden, so zu tun, als wüßte man, wer alles Held der Sowjetunion oder Held der Werktätigen ist.

Laurenz

12. Januar 2021 05:22

 

@t.gygax

Man kann Asterix anführen. Da hatten beiden Autoren/Maler auch mal nachgelesen, bevor sie etwas in die Druckerpresse gaben.

Auch aus "Der Herr der Ringe" wurde erstmal ein Zeichentrick-Film, weil seinerzeit die Filmtechnik noch nicht so weit war, visualisierte Magie, Riesen, Halblinge oder Zwerge sinnig darzustellen.

Comics sind quasi langsame Filme zum lesen, lassen aber der Phantasie weniger Spielraum als Bücher.

Die erfolgreichste deutsche Nachkriegs-Literatur (keine Comics, nur erklärende Zeichnungen) überhaupt, ist Perry Rhodan. Da können sich weltweit unsere amerikanischen Hollywood-Freunde gehackt legen. Perry Rhodan hatte auf viele Jugendliche im vor-digitalen Zeitalter eine extreme Suchtwirkung. Bei diesem Erfolg wird auch die Schundfrage schwierig.

https://de.wikipedia.org/wiki/Perry_Rhodan

anatol broder

12. Januar 2021 14:06

ich mag miyazakis werke.

der shintoismus ist aus meiner sicht ein versuch, den aberglauben in den griff zu bekommen. wer sich schon mit dem thema et in arcadia ego beschäftigte, dem empfehle ich das bild höllenkurtisane (ca 1880) von kyosai.

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