“Fassungslos!”

Die offizielle Politik, namentlich die bundesdeutsche in Berlin, ist „fassungslos“ über das, was im Kapitol in Washington geschah.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

„Fas­sungs­los“ und „erschüt­tert“. Der Bür­ger, der ame­ri­ka­ni­sche wie der deut­sche, ver­hält sich augen­fäl­lig nicht so, wie er es soll­te und nach Maß­ga­ben der „Grund­ver­ein­ba­run­gen“ müß­te. Die offi­zi­el­le Poli­tik wünscht sich den Men­schen und Bür­ger so, wie sie ihn den Her­an­wach­sen­den in Sozi­al­kun­de­lehr­bü­chern beschreibt. Vor allem weiß ja wohl jeder: Sei­ne Wür­de ist unan­tast­bar; Wür­de eig­net ihm also. Per se!

In Washing­ton jedoch ver­hielt sich der Bür­ger, so die „Anstän­di­gen“, ent­grenzt und wür­de­los. Er „ent­weih­te“ einen Sym­bol­ort der Demo­kra­tie, er ran­da­lier­te und rich­te­te Scha­den an. Van­da­lis­mus! Das geht so nicht! Das kann nicht sein! Denn: So ist der Mensch nicht!

Abge­se­hen davon, daß ins­be­son­de­re über den schwie­ri­gen Begriff der Wür­de nur sehr auf­wen­dig nach­zu­den­ken ist und nach wie vor dahin­steht, ob dem Men­schen eine „Wür­de“ im kan­ti­schen Sin­ne über­haupt zukommt, liegt der Feh­ler eben in der Erwar­tung, der Mensch wäre nicht so, wie er sich vor dem Kapi­tol präsentierte.

Doch, der Mensch ist genau so. Und der Bür­ger ist – abge­se­hen von dem gut geschnit­te­nen Man­tel, den er sich umhängt – eben auch nur ein Mensch, unter ande­rem frus­triert, wenn sei­ne Anlie­gen von denen da oben nicht nur ver­ges­sen, son­dern wenn die da drau­ßen von denen da drin­nen mit kal­ter Arro­ganz behan­delt wer­den, weil die­se sich das Recht neh­men, jene als Kre­tins zu diskriminieren.

Arthur Scho­pen­hau­er: „Wenn man die, das Kant’sche Moral­prin­zip unter der belieb­ten Form der Wür­de des Men­schen Ver­tre­ten­den frag­te, wor­auf denn die­se angeb­li­che Wür­de des Men­schen beru­he; so wür­de die Ant­wort bald dahin gehen, daß es auf sei­ner Mora­li­tät sei. Also die Mora­li­tät auf der Wür­de, und die Wür­de auf der Mora­li­tät. — Aber hier­von auch abge­se­hen, ist der Begriff der Wür­de auf ein am Wil­len so sünd­li­ches, am Geis­te so beschränk­tes, am Kör­per so ver­letz­ba­res und hin­fäl­li­ges Wesen, wie der Mensch ist, nur iro­nisch anwendbar.“

Das bedeu­tet gera­de nicht, daß man auf Regeln, Geset­ze, Sank­tio­nen ver­zich­ten dürf­te. Bei­lei­be nicht! Aber es gilt gera­de für “Volks­ver­tre­ter”, den Men­schen, den sie zu ver­tre­ten mei­nen, in sei­nen exis­ten­ti­el­len Grund­be­dürf­nis­sen umfas­send anzu­schau­en und dabei von illu­sio­nä­ren Wunsch­vor­stel­lun­gen und Ver­klä­run­gen abzu­se­hen. Poli­tik ist wesent­lich kri­ti­sche Anthro­po­lo­gie, also das Nach­den­ken dar­über, wie der Mensch in Mög­lich­kei­ten und Unzu­läng­lich­kei­ten sei­ner Natur und sei­nem Wesen nach ist, um dar­aus Schlüs­se und Ent­schlüs­se für das Gemein­we­sen abzuleiten.

Zwar bedarf der Mensch einer gesell­schaft­lich ver­ein­bar­ten und insti­tu­tio­na­li­sier­ten Recht­lich­keit und Staat­lich­keit, die­se aber soll­te ihn ken­nen. Geht man grund­ver­ein­bart vom ein­di­men­sio­nal guten, ver­nünf­ti­gen, mora­li­schen Men­schen aus, wie es die links­grü­ne Mei­nungs­do­mi­nanz didak­tisch prak­ti­ziert oder eher pro­ji­ziert, ist man eben andau­ernd „fas­sungs­los“, wenn der Mensch sich all­zu mensch­lich auf­führt. Die Rech­te wenigs­tens kennt sei­ne Schwä­chen, Defek­te und Abgrün­de, die Lin­ke will sie nicht sehen, schon gar nicht an sich selbst.

Man darf die Washing­to­ner Ereig­nis­se auch so sehen: Die Poli­tik kehrt in den öffent­li­chen Raum zurück, wenn es dafür Ursa­chen gibt. Nur geschieht dies nicht immer so dis­tin­gu­iert und pas­siv-gehor­sam, wie das Estab­lish­ment es sich wünscht. Solan­ge die Leu­te das ihnen Ver­ord­ne­te schlu­cken und sich allen­falls in Zim­mer­laut­stär­ke dage­gen aus­spre­chen, gel­ten sie als vor­bild­li­che „Demo­kra­ten“. Sobald sie sich pole­mi­scher ver­neh­men las­sen und die Kon­fron­ta­ti­on suchen, die nun mal zur Aus­ein­an­der­set­zung gehört, wer­den sie als „Mob“ abqua­li­fi­ziert. Plötz­lich sind die da drin­nen höchst kon­ster­niert über die da drau­ßen, und es packt sie das wür­de­lo­se Fracksausen.

Aber: Mit die­sem „Mob“ began­nen alle bür­ger­li­chen Revo­lu­tio­nen, auf die sich die brä­si­gen Abge­ord­ne­ten heu­te beru­fen. Tea Par­ty! Und der Zug der Markt­wei­ber nach Ver­sailles war auch nichts Fei­nes. – Was für ein Bild: Ver­kro­chen unter ihren wei­chen Sit­zungs­ses­seln, such­te die Legis­la­ti­ve Schutz vor dem Sou­ve­rän. Jeder Par­la­men­ta­ri­er soll­te sich fra­gen, wen er über­haupt und wie ver­tritt. Und ob ihm der Job, den er damit über­nahm, nicht zu schwie­rig und ris­kant ist.

Einer­lei aber, was man nun poli­tisch von den vita­len Aktio­nen in Washing­ton hal­ten mag, ist das, was dort geschah, ein Bei­spiel für das mytho­lo­gisch, reli­gi­ös und phi­lo­so­phisch viel­fach auf­ge­faß­te Dra­ma des Men­schen: Der ist eben mit­nich­ten eine rei­ne Licht­ge­stalt; es kenn­zeich­net ihn hin­term Kains­mal eine dunk­le Seite.

Mehr noch, die­se Nacht­sei­te, die­se dio­ny­si­sche oder mephis­to­phe­li­sche Dimen­si­on ist es, aus der uns ent­schei­den­de Kraft erwächst und die unse­re Krea­ti­vi­tät, aus­ge­hend durch­aus vom Destruk­ti­ven, erst ermög­licht. Ins­be­son­de­re Fried­rich Nietz­sche ver­wies vari­an­ten­reich genau darauf.

Das Pro­blem liegt viel­mehr dar­in, daß die Poli­tik mit der Nacht­sei­te des Men­schen nicht umzu­ge­hen ver­steht, son­dern die­se patho­lo­gi­siert, weil sie den Men­schen nicht voll­stän­dig anzu­se­hen bereit ist, ja, ihn gemäß ihrer jewei­li­gen Zie­le gar nicht als das kom­ple­xe Wesen auf­fas­sen kann oder darf, das er nun mal ist. Solan­ge der Mensch sich nur schwach zeigt, geht das in Ord­nung; dafür gewährt die Poli­tik huld­voll-gnä­dig Nach­teils­aus­glei­che. Wird er aber böse, so ist das inak­zep­ta­bel, denn die herr­schen­de Poli­tik emp­fin­det sich selbst stets als gut und ver­nünf­tig, als anstän­dig und wür­de­voll. Und sie schafft sich den Men­schen jeweils nach ihrem Bilde.

Vorm Kapi­tol in Washing­ton offen­bar­te sich ein archai­sches Ele­ment. Des­we­gen paßt der bizar­re „QAnon-Scha­ma­ne“ Jake Ange­li mit sei­nem urmänn­lich täto­wier­ten Ober­kör­per, der Biber­müt­ze und den Büf­fel­hör­nern iko­no­gra­phisch genau zu die­ser Revol­te. Sein Bild läßt an einen Satyr oder an Pan den­ken. Er zeigt, was in uns steckt, und tauch­te gewis­ser­ma­ßen aus unser aller Unter­strö­mung auf – unge­zähmt, bedroh­lich unkul­ti­viert, nicht apol­li­nisch, son­dern dionysisch.

Aber die­sen bedroh­li­chen Auf­tritt des „wil­den Man­nes“ will die Kul­tur eben­so ver­mei­den wie die Poli­tik. Oder nur im Zir­kus und Thea­ter zei­gen, ins Mär­chen ban­nen oder in den Thril­ler, in Gen­res, die ohne den „Thrill“ nicht aus­kom­men, son­dern genau daher ihre künst­le­ri­sche Kraft beziehen.

Den Teil des Men­schen, den die Poli­tik nicht akzep­ta­bel fin­det, möch­te sie der foren­si­schen Psych­ia­trie über­las­sen. Den Rech­ten, gar den „Nazi“ kann sie nur als patho­lo­gisch den­ken, weil es ihn nach ihrer Auf­fas­sung „ver­nünf­ti­ger­wei­se“ ja gar nicht geben dürf­te. Er müß­te längst weger­zo­gen sein. Ist er es nicht, so muß er geheilt wer­den. Um so inter­es­san­ter, daß mit Trump eine erra­ti­sche Per­sön­lich­keit der Rech­ten zum Prä­si­den­ten gewählt wur­de. Dicht am Thril­ler: Das Unheim­li­che trat plötz­lich mit­ten in die gute Stu­be des Bür­gers. Der böse Jun­ge war wie­der da, den die Päd­ago­gik doch geläu­tert glaub­te. Und all die ver­nünf­ti­gen und wür­de­vol­len Bür­ger hat­ten den sogar gewählt. Unerklärlich!

Blick nach Ber­lin: Frag­lich, ob bei­spiels­wei­se Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er sei­ne eige­ne Nacht­sei­te kennt. Er wird eine haben, selbst­ver­ständ­lich. Aber sei­ne Rol­le spielt er im Licht, zumal in sei­nem Fall nicht allein sei­ner Per­son, son­dern sogar dem Amt, wie es heißt, Wür­de zukommt, aller­höchs­te sogar. Das Amt kann nur erfüllt wer­den vom aller­ers­ten Moral­apos­tel der Nation.

Ihm gegen­über wäre aus ver­ord­ne­ten Pie­täts­grün­den etwa nicht zu pro­ble­ma­ti­sie­ren, ob es gerecht­fer­tigt ist, wenn Figu­ren wie er – wie über­haupt der gesam­te Ber­li­ner Hof­staat oder all die Minis­ter mit Entou­ra­ge und Lakai­en in den Lan­des­re­gie­run­gen – sich unter Mit­nah­me enor­mer öffent­li­cher Gel­der dem Volks- und Lan­des­ver­mö­gen anwan­zen und den Staat, den sie ver­kör­pern, vor­züg­lich als Vehi­kel ihrer eige­nen Wohl­fahrt benut­zen und ausnutzen.

Das wie­der­um gehört zur Nacht­sei­te der offi­zi­el­len Poli­tik, deren Legen­de, sim­pel aus­ge­drückt, in Fol­gen­dem besteht: Wir sind die Guten, des­halb habt ihr anstän­di­gen und ver­nünf­ti­gen Bür­ger uns ja gewählt, was wie­der­um der Beweis eurer Ver­nunft war. Nun ist’s nur recht und bil­lig, wenn ihr für unse­ren Unter­halt sorgt.

Cre­do der Legi­ti­ma­ti­on: „Wir sind mehr!“ Also sind wir befugt, euch zu füh­ren und uns neben­her an eurem Ver­mö­gen zu mäs­ten. So sind die Regeln, hal­tet die ein, sonst erweist ihr euch als unver­nünf­tig und mit­hin als unwür­dig. Kul­tur gibt es nur mit uns. Wir sind dazu da, eure natür­li­chen und archai­schen Affek­te zu domes­ti­zie­ren, damit ihr nicht ins wil­de Hau­en und Ste­chen des Natur­zu­stan­des zurück­fallt. Dafür habt ihr – min­des­tens im Sin­ne von Tho­mas Hob­bes‘ Levia­than – den Gesell­schafts­ver­trag geschlos­sen. Brecht ihn nicht, sonst lauft ihr wie­der mit frei­em Ober­kör­per und Büf­fel­hör­nern her­um und mutiert zum Minotaurus.

Es gibt aber – zum Glück – nicht nur den sozi­al­de­mo­kra­tisch und auf Kir­chen­ta­gen vor­ge­stell­ten Men­schen, nicht nur die durch­mo­ra­li­sier­te Welt nach den Wün­schen Kat­rin Göring-Eckardts und Hap­pe­nings mit „Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let“, nein, es gibt aus kon­kret beschreib­ba­ren Ursa­chen her­aus sich ver­tie­fen­den Unmut, der nicht so ein­fach mit Attri­bu­ten wie gut und böse zu umschrei­ben ist. Zum Selbst­ver­ständ­nis des selt­sa­men links­öko­lo­gisch-christ­de­mo­kra­ti­schen Macht­bünd­nis­ses der soge­nann­ten Mit­te gehört erklär­ter­ma­ßen Tole­ranz, die man wohl unter­ein­an­der pflegt, die aber den ande­ren, schon der AfD, aber erst recht den quer­den­ken­den Kri­ti­kern da drau­ßen, gera­de nicht gewährt wird. Wer mit­spre­chen darf, das defi­niert die herr­schen­de Trup­pe. Genau das bringt die leb­haf­te­re Oppo­si­ti­on in Harnisch.

Wesent­li­cher Teil der obrig­keits­staat­lich-vor­mund­schaft­li­chen Coro­na-Poli­tik ist es nicht zuletzt, dem Men­schen sei­ne dio­ny­si­sche Sei­te zu ver­bie­ten. So, wie man Par­tei­en ver­bie­ten kann, läßt sich jedoch nicht alles ver­bie­ten, was wir an schwie­ri­gen Antei­len in uns tragen.

Die Poli­tik hät­te den Men­schen oder eher den Unter­ta­nen gegen­wär­tig nur all­zu gern ste­ril – nicht nur so durch­des­in­fi­ziert und durch­ge­impft wie durch­mo­ra­li­siert, son­dern am liebs­ten ver­ein­zelt auf Distanz, also im Home-Office ver­bun­kert, nur digi­tal kor­re­spon­die­rend und Ter­mi­ne bei den Macht­ha­bern artig online bean­tra­gend, anstatt in sei­ner unmit­tel­ba­ren Gegen­wär­tig­keit ein­fach so an frei­er Luft ohne Mund­schutz auf­zu­tre­ten, schon gar nicht so, wie es vorm Kapi­tol geschah.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

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Kommentare (22)

Maiordomus

12. Januar 2021 12:09

Würde die Demonstration in Washington nicht mit "dionysisch" im Sinne von Nietzsche bezeichnen. Es genügt, dass der Kriminalitätsgrad des Mob unter 10 % des Sturms auf die Bastille ausfiel, wo damals auch schon gelogen wurde, dass sich die Balken biegen, siehe das Märchen über Marie Antoinette betr. Kuchen statt Brot usw. Wenn es die Richtigen machen, gibt es die berühmteste Nationalhymne der Welt, machen es die Falschen, ist es nun halt der Mob, wobei für 1789 die öffentliche Meinung in Europa auch klar Richtung Mob ging. Auch Schiller verwechselte solche Aktionen nicht mit "ästhetischer Erziehung der Menschheit". Also nichts idealisieren, es genügt, dass der Schaden von einem Tag Lockdown in Europa eher hundertfach ist als zehnfach im Vergleich zum Schaden in Washington. 

RMH

12. Januar 2021 14:52

"Thymotisch" war mal die Umschreibung vor einiger Zeit ...(Jongen)

Wie auch immer, was will man viel anderes außer neudeutsches "omg"- Gekreische erwarten, wenn die Weiber, egal ob im Einzelfall männlich oder dämlich, herrschen?

Maiordomus

12. Januar 2021 15:24

@RMH. "Thymotisch" ist ein Lieblingsausdruck von Sloterdijk, also bei Jongen: His masters voice. Da gab es zur Zeit von Criticon noch in der Tat noch andere, gern hätte ich bessere gesagt. 

MARCEL

12. Januar 2021 15:24

Anders als 1961 wird die Mauer heute um jeden Einzelnen gezogen. Digitalisierung hilft dabei.

Der Totalitarismus hat im 20. Jahrhundert seine Karten noch nicht ausgespielt...

Aus den vielen Schlupflöchern, Alternativ-Biotopen, großen und kleinen Verweigerungen, aus kreativen Schummeleien und echten Verstößen muss mit der Zeit ernsthafter Widerstand erwachsen. Aber wie? Womit rechnet das System nicht?

Sicher wird Lenins Devise auch in Zukunft ihr Wahres haben: Die Waffe der Schwachen ist Organisation.

 

Carsten Lucke

12. Januar 2021 16:09

Wieder ein hervorragender Text - ein echter Bosselmann! Dank dafür!

PS: Fassungslos blieb ich heute Morgen nach der Information zurück, nach der eine NGO Martin Sellner als den achtgefährlichsten Menschen des Planeten auf eine öffentliche Liste gesetzt hat!

https://www.thesun.co.uk/news/13647848/worlds-most-dangerous-men-and-women/

 

Loki

12. Januar 2021 16:12

Möge bald die dunkle Seite hinter dem Kainsmal hervortreten und sich Bahn brechen. Das Fracksausen hat mancher schon eräugt, beim Zittern des Hosenanzuges zum Lied der Deutschen.

 

 

Der_Juergen

12. Januar 2021 16:36

Eine ausgezeichnete Analyse des "Sturms auf das Kapitol" liefert Valeri Pyakin in seiner gestrigen Sendung. Wer Russisch versteht, schaue sich die Sendung an, insbesondere ab Minute 50.08

https://mediamera.ru/post/33530

Imagine

12. Januar 2021 17:27

1/2

Wenn das Establishment moralisiert, dann ist dies zynische Heuchelei. Denn tatsächlich verachten diese Herrenmenschen zutiefst die „Untermenschen“, also die Masse der Arbeits- und Nutzmenschen.

Nur wissen das die meisten „Normalos“ nicht oder wollen es nicht wahrhaben. Zum einen, weil sie nicht wissen, wie das Establishment denkt, weil sie von deren Welt ausgeschlossen sind. Zum anderen, weil sie es nicht wissen wollen, obwohl sie es wissen könnten. Denn so wie eine Madeleine Albright über irakische Kinder denkt, so denken die Herrenmenschen generell über die Menschen aus der Klasse der arbeitenden Menschen.

HB: „Die offizielle Politik wünscht sich den Menschen und Bürger so, wie sie ihn den Heranwachsenden in Sozialkundelehrbüchern beschreibt.

Genau dies ist ein zentrales Problem der Lehrer. Als Staatsdiener müssen sie ein falsches Menschenbild vermitteln, ansonsten geraten sie in Konflikt mit ihrer Berufsrolle und werden als „rechter“ Lehrer exkludiert.

Das falsche Menschen- und Gesellschaftsbild wird ihnen zu „zweiten Natur“, wie auch Journalisten; Moderatoren, Politikern etc. Sie alle werden dafür bezahlt, dass sie ein illusionäres Bild von der Realität vermitteln.

Imagine

12. Januar 2021 17:28

2/2

Das in rechten Kreisen vorherrschende Menschenbild ist sozialdarwinistisch. Sie meinen, dass Konkurrenz und Kapitalismus der Natur des Menschen entsprächen.

Das Menschenbild der konformistischen Linken und Grünen entspricht jenem des Establishments. Denn sie halten insgeheim den normalen Menschen für minderwertig und anfällig für das Böse. Deshalb wollen sie als Gutmenschen die Normalos mit Moral disziplinieren und alles eliminieren, was die Normalos auf unerwünschte Gedanken bringt. Deshalb die Tendenz dieser Linksgrünen zu einer Gutmenschen-Diktatur, wo sie vorschreiben, wie die Normalos sich zu verhalten haben, welche Worte sie zu gebrauchen haben, welche nicht, wie sie autofahren, reisen, essen etc. sollen.

Und natürlich steht ihnen als Gutmenschen der gesellschaftliche Aufstieg in privilegierte und höchste Positionen zu. So wie die Nazis sich als höherwertige Menschen und als neuer Adel ansahen.

Daher die herrschende Doppelmoral des Establishment und die Dominanz der Moralheuchler.

Und die Unterdogs finden es gut, wenn ihr dummes, angepasstes und unterwürfiges Verhalten oder Denunziantentum als Ausdruck von Moral gelobt wird.

Das schmeichelt ihrem Narzissmus.

heinrichbrueck

12. Januar 2021 19:38

24xMensch. Nach Imagine (17xMensch), Suchfunktion: 43xMensch. „Problematisch.“

Politik ist Interessenvertretung. Wessen Interessen werden vertreten? Kein Mensch steht außerhalb der Politik.

Twitter sperrt „den mächtigsten Mann der Welt“. Info: Twitter ist mächtiger. Merkel: „problematisch“ etc. Die Sperrung oder die Sichtbarmachung der Machtverhältnisse?

Deutschland. Wie lautet die prodeutsche Ideologie? Welcher Machtblock muß verlieren, soll der Machtblock des Eigenen eine Zukunft haben? Entscheidungspflicht. Entscheidet der kleine Demokrat gegen sein eigenes Volk, gewinnen andere Völker.

Silent Reader

12. Januar 2021 20:54

@Der_Jürgen

Wenn Sie Russisch sehr gut können, warum lesen Sie oder hören Sie sich genuine russische Nationalisten nicht an? Z.B. Kwatschkow oder Saweljew. Diese Männer sind radikal gegen das heutige Regime in Russland, das in manchen Dingen ungefähr so rechts wie das Merkels ist. Im Jahr 2021 kann kein aufrichtiger Rechter ein Putin-Fan bleiben. Pjakin ist ein Putinunterstützer und deshalb kein Oppositioneller.

Imagine

12. Januar 2021 22:17

1/2

Das Menschenbild hat entscheidenden Einfluss auf die Identität eines Menschen.

Nach dem christlichen Menschenbild sind alle Menschen Brüder, weil alle(!) Menschen Gottes Kinder sind.

Das humanistische Menschenbild fußt auf dem christlichen. Denn auch beim Humanismus ist eine grundlegende Differenz zwischen Mensch und Tier konstitutiv.
Entscheidend für die Differenz zum Tier ist die Vernunftbegabung, der „Götterfunke“. Weniger religiös ausgedrückt, ist es die psychosoziale Entwicklungsoffenheit des Menschen, welche das Potential zur Entwicklung zu eine vernünftigen Wesen und damit zu einer grundlegenden Differenz zum Tier eröffnet. Aber diese Entwicklung ist abhängig sowohl von den vorgefundenen materiellen Bedingungen wie auch vom psychosozialem Kontext. Die Menschen machen einander.

Die Entwicklung des Menschen wird – anders als beim Tier - nicht von einem Programm endogenetisch gesteuert. Deshalb ist die Entwicklung der konkreten Menschen auch so unterschiedlich. Ein nicht humanistisch erzogener oder verwahrloster Mensch ähnelt in seinem psychosozialen Verhalten einem Tier. Er hält sein sozialdarwinistisches, anti-soziales oder barbarisches Verhalten für natürlich. So wie dies die Nazis taten.

Imagine

12. Januar 2021 22:18

2/2

Je weniger die Vernunftbegabung eines Menschen entwickelt wurde, umso mehr bleibt er auf der psychosozialen Stufe eines Tieres und wird mit anderen Menschen wie mit Tieren umgehen. Er selbst hat keine Menschenwürde entwickelt und achtet daher nicht die Menschenwürde, also die Differenz zum Tier, bei anderen Menschen.

Es ist das Stadium der Vernunftentwicklung, also von Verstand und Moral, welche dazu führt, dass sich ein Mensch als Mensch und damit Teil der Menschheit begreift, und sich mit der Menschheit und der Menschlichkeit identifiziert. Diese Bewusstseins- und Identitätsentwicklung ist Voraussetzung dafür, dass ein Mensch die Würde anderer Menschen anerkennt und diese nicht würdelos behandelt.

Ein Leben nach dem kategorischen Imperativ unterscheidet humanes Handeln von tierischen Verhalten. Das Raubtier kennt keine Moral und frisst andere Tiere, ohne sich mit seinen Opfern zu identifizieren.

Der_Juergen

12. Januar 2021 22:29

@Silent Reader

Danke, ich kenne Kwatschkow und Saweljew. Ebenso wie Panarin ist auch Pjakin in der Tat ein Putin-Unterstützer. Dies heisst jedoch nicht automatisch, dass seine weltpolitischen Analysen von vorne herein falsch sein müssen. Ich sehe mir seine Sendungen regelmässig an und glaube, dass Wertvolle vom Propagandistischen scheiden zu können. - Persönlich habe ich kein Vertrauen mehr in Putin, seitdem er den Coronaschwindel mitmacht und sein Land dadurch an die Wand fährt. Immerhin hat er jedoch den Sturz Lukaschenkos und den totalen Triumph Erdogans verhindert.

Gracchus

12. Januar 2021 23:39

Wer will HB da widersprechen? Ich grüble noch, wann das anfing mit der neuen Moral. Die 90er habe ich eher als durch das Ästhetische dominiert empfunden (gepaart mitunter mit Zynismus; Vorbild: Patrick Batemann), die Nullerjahre als desorientiert - und dann kam, wie Kierkegaard bestätigend, die Moral - jetzt müsster das Religiöse folgen, was die peinliche Wortwahl deutscher Kommentatoren (Heiligtum der Demokratie, das Herz der Demokratie) auch nahelegt. 

anatol broder

13. Januar 2021 00:18

@ imagine 22:17

[…] welche dazu führt, dass sich ein Mensch als Mensch und damit Teil der Menschheit begreift, und sich mit der Menschheit und der Menschlichkeit identifiziert.

ich verdeutliche die einzelnen schritte:

  1. mensch gleich mensch.
  2. mensch teil von menschheit.
  3. mensch gleich menschheit.
  4. mensch gleich menschlichkeit.

warum sind imagine und die mengenlehre keine freunde? relotius meldete 1974:

Psychiater Held hat eine "wissenschaftliche Aktionsgemeinschaft" gegründet und will durchsetzen, daß die "Mengenlehre an unseren Grundschulen" abgeschafft wird.

Das gleiche Ziel versucht das Augsburger Elternpaar Kragler per Urteil zu erreichen: Der Bayrische Verfassungsgerichtshof entscheidet auf seinen Antrag hin am 28. März darüber, ob der Unterricht in Mengenlehre gegen die Verfassung des Freistaates verstößt. Menschenwürde, Jugendschutz und Elternrecht würden verletzt, so die Eltern.

Es geht um jenen Unterricht, der 1968 von den deutschen Kultusministern einstimmig beschlossen und in den meisten Bundesländern vom Schuljahr 1972/73 an, in einigen ab 1973/74 für alle Grundschulen obligatorisch wurde.

Uwe Lay

13. Januar 2021 13:03

Wie würden die Medien in den USA und dem "freien Westen" diese Aktion bejubeln,wenn politisch Korrekte, etwa: "Schwarzes Leben zählt", Feministin, Abtreibungsbefürworter oder Anti-CO2 Aktivisten diesen Sturm auf die Demokratie vollzogen hätten! Ihre Kreativität und Gewaltlosgkeit würde in höchsten Tönen gelobt und die Parlamentarier aufgefordert, auf diese authentische Stimme des Volkes zu hören. Es waren aber eben die Falschen und nur darum empören sich die Medien.

Uwe C. Lay

 

 

alter weisser Mann

14. Januar 2021 12:13

Gestern sagte die GOP Abgeordnete Marjotie Tayler im US Räpräsitantenhaus während der Impeachment Debatte: „der Impeachment Artikel wird bald Anwendung gegen Biden finden“

So wird es wohl kommen, 

Der_Juergen

14. Januar 2021 14:05

@alter weisser Mann

Auch Sie gehören also zu den Gutgläubigen (da Sie ja schon alt sind, verzichte ich höflichkeitshalber auf einen härteren Ausdruck), die unbeirrt glauben, in den USA liesse sich auf rechtlichem Wege noch irgendetwas verbessern. "Numai spada mai poate hotari", lautete die Losung der Eisernen Garde. Sie gilt heute auch für Amerika.

Ein gebuertiger Hesse

14. Januar 2021 14:11

Meine Güte, wie handzahm ist die jüngste Ansprache Trumps: https://www.youtube.com/watch?v=rmqRnfWhEsI

Hinter den labberigen Worten einen getarnten Löwen wähnen zu wollen, der bis nächsten Mittwoch DOCH NOCH losbrechen wird, erinnert an die Hoffnung unglücklicher Ehepartner, die immer wieder aufs Neue hoffen, daß der andere DIESMAL den eigenen, wenn auch noch so gerechtfertigen Wünschen entspricht. Er wird es nie tun.

Oder etwa doch?

Ein gebuertiger Hesse

14. Januar 2021 14:54

Nochmal zu Trump und seinem gestrigen Videodingsbums: Wenn er betreffs der Capitol-Erstürmung von einer "Calamity" spricht, bezieht er damit, da er sie nicht separat (oder überhaupt) erwähnt, notwendig auch die ehemalige Soldatin Ashli Babbitt ein, die in seinem Namen erschossen worden ist. Shame on him für so wenig Anerkennung - allemal falls da nichts nachfolgt, aber auch jetzt schon.

alter weisser Mann

14. Januar 2021 18:48

@der_juergen

?? In der Tat bin ich nicht mehr jung und manche nennen mich alt. Aber hier täuschen sie sich. In 51 Jahre politischer Arbeit habe ich zu keinem Zeitpunkt geglaubt, "auf rechtlichem Wege ließe sich was verbessern“. Ich antworte auf Ihren Beitrag, weil ich Ihnen zustimme!

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