12. Januar 2021

„Fassungslos!“

Heino Bosselmann / 23 Kommentare

Die offizielle Politik, namentlich die bundesdeutsche in Berlin, ist „fassungslos“ über das, was im Kapitol in Washington geschah.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

„Fassungslos“ und „erschüttert“. Der Bürger, der amerikanische wie der deutsche, verhält sich augenfällig nicht so, wie er es sollte und nach Maßgaben der „Grundvereinbarungen“ müßte. Die offizielle Politik wünscht sich den Menschen und Bürger so, wie sie ihn den Heranwachsenden in Sozialkundelehrbüchern beschreibt. Vor allem weiß ja wohl jeder: Seine Würde ist unantastbar; Würde eignet ihm also. Per se!

In Washington jedoch verhielt sich der Bürger, so die „Anständigen“, entgrenzt und würdelos. Er „entweihte“ einen Symbolort der Demokratie, er randalierte und richtete Schaden an. Vandalismus! Das geht so nicht! Das kann nicht sein! Denn: So ist der Mensch nicht!

Abgesehen davon, daß insbesondere über den schwierigen Begriff der Würde nur sehr aufwendig nachzudenken ist und nach wie vor dahinsteht, ob dem Menschen eine „Würde“ im kantischen Sinne überhaupt zukommt, liegt der Fehler eben in der Erwartung, der Mensch wäre nicht so, wie er sich vor dem Kapitol präsentierte.

Doch, der Mensch ist genau so. Und der Bürger ist – abgesehen von dem gut geschnittenen Mantel, den er sich umhängt – eben auch nur ein Mensch, unter anderem frustriert, wenn seine Anliegen von denen da oben nicht nur vergessen, sondern wenn die da draußen von denen da drinnen mit kalter Arroganz behandelt werden, weil diese sich das Recht nehmen, jene als Kretins zu diskriminieren.

Arthur Schopenhauer: „Wenn man die, das Kant'sche Moralprinzip unter der beliebten Form der Würde des Menschen Vertretenden fragte, worauf denn diese angebliche Würde des Menschen beruhe; so würde die Antwort bald dahin gehen, daß es auf seiner Moralität sei. Also die Moralität auf der Würde, und die Würde auf der Moralität. — Aber hiervon auch abgesehen, ist der Begriff der Würde auf ein am Willen so sündliches, am Geiste so beschränktes, am Körper so verletzbares und hinfälliges Wesen, wie der Mensch ist, nur ironisch anwendbar.“

Das bedeutet gerade nicht, daß man auf Regeln, Gesetze, Sanktionen verzichten dürfte. Beileibe nicht! Aber es gilt gerade für "Volksvertreter", den Menschen, den sie zu vertreten meinen, in seinen existentiellen Grundbedürfnissen umfassend anzuschauen und dabei von illusionären Wunschvorstellungen und Verklärungen abzusehen. Politik ist wesentlich kritische Anthropologie, also das Nachdenken darüber, wie der Mensch in Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten seiner Natur und seinem Wesen nach ist, um daraus Schlüsse und Entschlüsse für das Gemeinwesen abzuleiten.

Zwar bedarf der Mensch einer gesellschaftlich vereinbarten und institutionalisierten Rechtlichkeit und Staatlichkeit, diese aber sollte ihn kennen. Geht man grundvereinbart vom eindimensional guten, vernünftigen, moralischen Menschen aus, wie es die linksgrüne Meinungsdominanz didaktisch praktiziert oder eher projiziert, ist man eben andauernd „fassungslos“, wenn der Mensch sich allzu menschlich aufführt. Die Rechte wenigstens kennt seine Schwächen, Defekte und Abgründe, die Linke will sie nicht sehen, schon gar nicht an sich selbst.

Man darf die Washingtoner Ereignisse auch so sehen: Die Politik kehrt in den öffentlichen Raum zurück, wenn es dafür Ursachen gibt. Nur geschieht dies nicht immer so distinguiert und passiv-gehorsam, wie das Establishment es sich wünscht. Solange die Leute das ihnen Verordnete schlucken und sich allenfalls in Zimmerlautstärke dagegen aussprechen, gelten sie als vorbildliche „Demokraten“. Sobald sie sich polemischer vernehmen lassen und die Konfrontation suchen, die nun mal zur Auseinandersetzung gehört, werden sie als „Mob“ abqualifiziert. Plötzlich sind die da drinnen höchst konsterniert über die da draußen, und es packt sie das würdelose Fracksausen.

Aber: Mit diesem „Mob“ begannen alle bürgerlichen Revolutionen, auf die sich die bräsigen Abgeordneten heute berufen. Tea Party! Und der Zug der Marktweiber nach Versailles war auch nichts Feines. – Was für ein Bild: Verkrochen unter ihren weichen Sitzungssesseln, suchte die Legislative Schutz vor dem Souverän. Jeder Parlamentarier sollte sich fragen, wen er überhaupt und wie vertritt. Und ob ihm der Job, den er damit übernahm, nicht zu schwierig und riskant ist.

Einerlei aber, was man nun politisch von den vitalen Aktionen in Washington halten mag, ist das, was dort geschah, ein Beispiel für das mythologisch, religiös und philosophisch vielfach aufgefaßte Drama des Menschen: Der ist eben mitnichten eine reine Lichtgestalt; es kennzeichnet ihn hinterm Kainsmal eine dunkle Seite.

Mehr noch, diese Nachtseite, diese dionysische oder mephistophelische Dimension ist es, aus der uns entscheidende Kraft erwächst und die unsere Kreativität, ausgehend durchaus vom Destruktiven, erst ermöglicht. Insbesondere Friedrich Nietzsche verwies variantenreich genau darauf.

Das Problem liegt vielmehr darin, daß die Politik mit der Nachtseite des Menschen nicht umzugehen versteht, sondern diese pathologisiert, weil sie den Menschen nicht vollständig anzusehen bereit ist, ja, ihn gemäß ihrer jeweiligen Ziele gar nicht als das komplexe Wesen auffassen kann oder darf, das er nun mal ist. Solange der Mensch sich nur schwach zeigt, geht das in Ordnung; dafür gewährt die Politik huldvoll-gnädig Nachteilsausgleiche. Wird er aber böse, so ist das inakzeptabel, denn die herrschende Politik empfindet sich selbst stets als gut und vernünftig, als anständig und würdevoll. Und sie schafft sich den Menschen jeweils nach ihrem Bilde.

Vorm Kapitol in Washington offenbarte sich ein archaisches Element. Deswegen paßt der bizarre „QAnon-Schamane“ Jake Angeli mit seinem urmännlich tätowierten Oberkörper, der Bibermütze und den Büffelhörnern ikonographisch genau zu dieser Revolte. Sein Bild läßt an einen Satyr oder an Pan denken. Er zeigt, was in uns steckt, und tauchte gewissermaßen aus unser aller Unterströmung auf – ungezähmt, bedrohlich unkultiviert, nicht apollinisch, sondern dionysisch.

Aber diesen bedrohlichen Auftritt des „wilden Mannes“ will die Kultur ebenso vermeiden wie die Politik. Oder nur im Zirkus und Theater zeigen, ins Märchen bannen oder in den Thriller, in Genres, die ohne den „Thrill“ nicht auskommen, sondern genau daher ihre künstlerische Kraft beziehen.

Den Teil des Menschen, den die Politik nicht akzeptabel findet, möchte sie der forensischen Psychiatrie überlassen. Den Rechten, gar den „Nazi“ kann sie nur als pathologisch denken, weil es ihn nach ihrer Auffassung „vernünftigerweise“ ja gar nicht geben dürfte. Er müßte längst wegerzogen sein. Ist er es nicht, so muß er geheilt werden. Um so interessanter, daß mit Trump eine erratische Persönlichkeit der Rechten zum Präsidenten gewählt wurde. Dicht am Thriller: Das Unheimliche trat plötzlich mitten in die gute Stube des Bürgers. Der böse Junge war wieder da, den die Pädagogik doch geläutert glaubte. Und all die vernünftigen und würdevollen Bürger hatten den sogar gewählt. Unerklärlich!

Blick nach Berlin: Fraglich, ob beispielsweise Bundespräsident Steinmeier seine eigene Nachtseite kennt. Er wird eine haben, selbstverständlich. Aber seine Rolle spielt er im Licht, zumal in seinem Fall nicht allein seiner Person, sondern sogar dem Amt, wie es heißt, Würde zukommt, allerhöchste sogar. Das Amt kann nur erfüllt werden vom allerersten Moralapostel der Nation.

Ihm gegenüber wäre aus verordneten Pietätsgründen etwa nicht zu problematisieren, ob es gerechtfertigt ist, wenn Figuren wie er – wie überhaupt der gesamte Berliner Hofstaat oder all die Minister mit Entourage und Lakaien in den Landesregierungen – sich unter Mitnahme enormer öffentlicher Gelder dem Volks- und Landesvermögen anwanzen und den Staat, den sie verkörpern, vorzüglich als Vehikel ihrer eigenen Wohlfahrt benutzen und ausnutzen.

Das wiederum gehört zur Nachtseite der offiziellen Politik, deren Legende, simpel ausgedrückt, in Folgendem besteht: Wir sind die Guten, deshalb habt ihr anständigen und vernünftigen Bürger uns ja gewählt, was wiederum der Beweis eurer Vernunft war. Nun ist’s nur recht und billig, wenn ihr für unseren Unterhalt sorgt.

Credo der Legitimation: „Wir sind mehr!“ Also sind wir befugt, euch zu führen und uns nebenher an eurem Vermögen zu mästen. So sind die Regeln, haltet die ein, sonst erweist ihr euch als unvernünftig und mithin als unwürdig. Kultur gibt es nur mit uns. Wir sind dazu da, eure natürlichen und archaischen Affekte zu domestizieren, damit ihr nicht ins wilde Hauen und Stechen des Naturzustandes zurückfallt. Dafür habt ihr – mindestens im Sinne von Thomas Hobbes‘ Leviathan – den Gesellschaftsvertrag geschlossen. Brecht ihn nicht, sonst lauft ihr wieder mit freiem Oberkörper und Büffelhörnern herum und mutiert zum Minotaurus.

Es gibt aber – zum Glück – nicht nur den sozialdemokratisch und auf Kirchentagen vorgestellten Menschen, nicht nur die durchmoralisierte Welt nach den Wünschen Katrin Göring-Eckardts und Happenings mit „Feine Sahne Fischfilet“, nein, es gibt aus konkret beschreibbaren Ursachen heraus sich vertiefenden Unmut, der nicht so einfach mit Attributen wie gut und böse zu umschreiben ist. Zum Selbstverständnis des seltsamen linksökologisch-christdemokratischen Machtbündnisses der sogenannten Mitte gehört erklärtermaßen Toleranz, die man wohl untereinander pflegt, die aber den anderen, schon der AfD, aber erst recht den querdenkenden Kritikern da draußen, gerade nicht gewährt wird. Wer mitsprechen darf, das definiert die herrschende Truppe. Genau das bringt die lebhaftere Opposition in Harnisch.

Wesentlicher Teil der obrigkeitsstaatlich-vormundschaftlichen Corona-Politik ist es nicht zuletzt, dem Menschen seine dionysische Seite zu verbieten. So, wie man Parteien verbieten kann, läßt sich jedoch nicht alles verbieten, was wir an schwierigen Anteilen in uns tragen.

Die Politik hätte den Menschen oder eher den Untertanen gegenwärtig nur allzu gern steril – nicht nur so durchdesinfiziert und durchgeimpft wie durchmoralisiert, sondern am liebsten vereinzelt auf Distanz, also im Home-Office verbunkert, nur digital korrespondierend und Termine bei den Machthabern artig online beantragend, anstatt in seiner unmittelbaren Gegenwärtigkeit einfach so an freier Luft ohne Mundschutz aufzutreten, schon gar nicht so, wie es vorm Kapitol geschah.


Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Kommentare (23)

Maiordomus

12. Januar 2021 12:09

Würde die Demonstration in Washington nicht mit "dionysisch" im Sinne von Nietzsche bezeichnen. Es genügt, dass der Kriminalitätsgrad des Mob unter 10 % des Sturms auf die Bastille ausfiel, wo damals auch schon gelogen wurde, dass sich die Balken biegen, siehe das Märchen über Marie Antoinette betr. Kuchen statt Brot usw. Wenn es die Richtigen machen, gibt es die berühmteste Nationalhymne der Welt, machen es die Falschen, ist es nun halt der Mob, wobei für 1789 die öffentliche Meinung in Europa auch klar Richtung Mob ging. Auch Schiller verwechselte solche Aktionen nicht mit "ästhetischer Erziehung der Menschheit". Also nichts idealisieren, es genügt, dass der Schaden von einem Tag Lockdown in Europa eher hundertfach ist als zehnfach im Vergleich zum Schaden in Washington. 

RMH

12. Januar 2021 14:52

"Thymotisch" war mal die Umschreibung vor einiger Zeit ...(Jongen)

Wie auch immer, was will man viel anderes außer neudeutsches "omg"- Gekreische erwarten, wenn die Weiber, egal ob im Einzelfall männlich oder dämlich, herrschen?

Maiordomus

12. Januar 2021 15:24

@RMH. "Thymotisch" ist ein Lieblingsausdruck von Sloterdijk, also bei Jongen: His masters voice. Da gab es zur Zeit von Criticon noch in der Tat noch andere, gern hätte ich bessere gesagt. 

MARCEL

12. Januar 2021 15:24

Anders als 1961 wird die Mauer heute um jeden Einzelnen gezogen. Digitalisierung hilft dabei.

Der Totalitarismus hat im 20. Jahrhundert seine Karten noch nicht ausgespielt...

Aus den vielen Schlupflöchern, Alternativ-Biotopen, großen und kleinen Verweigerungen, aus kreativen Schummeleien und echten Verstößen muss mit der Zeit ernsthafter Widerstand erwachsen. Aber wie? Womit rechnet das System nicht?

Sicher wird Lenins Devise auch in Zukunft ihr Wahres haben: Die Waffe der Schwachen ist Organisation.

 

Carsten Lucke

12. Januar 2021 16:09

Wieder ein hervorragender Text - ein echter Bosselmann! Dank dafür!

PS: Fassungslos blieb ich heute Morgen nach der Information zurück, nach der eine NGO Martin Sellner als den achtgefährlichsten Menschen des Planeten auf eine öffentliche Liste gesetzt hat!

https://www.thesun.co.uk/news/13647848/worlds-most-dangerous-men-and-women/

 

Loki

12. Januar 2021 16:12

Möge bald die dunkle Seite hinter dem Kainsmal hervortreten und sich Bahn brechen. Das Fracksausen hat mancher schon eräugt, beim Zittern des Hosenanzuges zum Lied der Deutschen.

 

 

Der_Juergen

12. Januar 2021 16:36

Eine ausgezeichnete Analyse des "Sturms auf das Kapitol" liefert Valeri Pyakin in seiner gestrigen Sendung. Wer Russisch versteht, schaue sich die Sendung an, insbesondere ab Minute 50.08

https://mediamera.ru/post/33530

Imagine

12. Januar 2021 17:27

1/2

Wenn das Establishment moralisiert, dann ist dies zynische Heuchelei. Denn tatsächlich verachten diese Herrenmenschen zutiefst die „Untermenschen“, also die Masse der Arbeits- und Nutzmenschen.

Nur wissen das die meisten „Normalos“ nicht oder wollen es nicht wahrhaben. Zum einen, weil sie nicht wissen, wie das Establishment denkt, weil sie von deren Welt ausgeschlossen sind. Zum anderen, weil sie es nicht wissen wollen, obwohl sie es wissen könnten. Denn so wie eine Madeleine Albright über irakische Kinder denkt, so denken die Herrenmenschen generell über die Menschen aus der Klasse der arbeitenden Menschen.

HB: „Die offizielle Politik wünscht sich den Menschen und Bürger so, wie sie ihn den Heranwachsenden in Sozialkundelehrbüchern beschreibt.

Genau dies ist ein zentrales Problem der Lehrer. Als Staatsdiener müssen sie ein falsches Menschenbild vermitteln, ansonsten geraten sie in Konflikt mit ihrer Berufsrolle und werden als „rechter“ Lehrer exkludiert.

Das falsche Menschen- und Gesellschaftsbild wird ihnen zu „zweiten Natur“, wie auch Journalisten; Moderatoren, Politikern etc. Sie alle werden dafür bezahlt, dass sie ein illusionäres Bild von der Realität vermitteln.

Imagine

12. Januar 2021 17:28

2/2

Das in rechten Kreisen vorherrschende Menschenbild ist sozialdarwinistisch. Sie meinen, dass Konkurrenz und Kapitalismus der Natur des Menschen entsprächen.

Das Menschenbild der konformistischen Linken und Grünen entspricht jenem des Establishments. Denn sie halten insgeheim den normalen Menschen für minderwertig und anfällig für das Böse. Deshalb wollen sie als Gutmenschen die Normalos mit Moral disziplinieren und alles eliminieren, was die Normalos auf unerwünschte Gedanken bringt. Deshalb die Tendenz dieser Linksgrünen zu einer Gutmenschen-Diktatur, wo sie vorschreiben, wie die Normalos sich zu verhalten haben, welche Worte sie zu gebrauchen haben, welche nicht, wie sie autofahren, reisen, essen etc. sollen.

Und natürlich steht ihnen als Gutmenschen der gesellschaftliche Aufstieg in privilegierte und höchste Positionen zu. So wie die Nazis sich als höherwertige Menschen und als neuer Adel ansahen.

Daher die herrschende Doppelmoral des Establishment und die Dominanz der Moralheuchler.

Und die Unterdogs finden es gut, wenn ihr dummes, angepasstes und unterwürfiges Verhalten oder Denunziantentum als Ausdruck von Moral gelobt wird.

Das schmeichelt ihrem Narzissmus.

heinrichbrueck

12. Januar 2021 19:38

24xMensch. Nach Imagine (17xMensch), Suchfunktion: 43xMensch. „Problematisch.“

Politik ist Interessenvertretung. Wessen Interessen werden vertreten? Kein Mensch steht außerhalb der Politik.

Twitter sperrt „den mächtigsten Mann der Welt“. Info: Twitter ist mächtiger. Merkel: „problematisch“ etc. Die Sperrung oder die Sichtbarmachung der Machtverhältnisse?

Deutschland. Wie lautet die prodeutsche Ideologie? Welcher Machtblock muß verlieren, soll der Machtblock des Eigenen eine Zukunft haben? Entscheidungspflicht. Entscheidet der kleine Demokrat gegen sein eigenes Volk, gewinnen andere Völker.

Silent Reader

12. Januar 2021 20:54

@Der_Jürgen

Wenn Sie Russisch sehr gut können, warum lesen Sie oder hören Sie sich genuine russische Nationalisten nicht an? Z.B. Kwatschkow oder Saweljew. Diese Männer sind radikal gegen das heutige Regime in Russland, das in manchen Dingen ungefähr so rechts wie das Merkels ist. Im Jahr 2021 kann kein aufrichtiger Rechter ein Putin-Fan bleiben. Pjakin ist ein Putinunterstützer und deshalb kein Oppositioneller.

Imagine

12. Januar 2021 22:17

1/2

Das Menschenbild hat entscheidenden Einfluss auf die Identität eines Menschen.

Nach dem christlichen Menschenbild sind alle Menschen Brüder, weil alle(!) Menschen Gottes Kinder sind.

Das humanistische Menschenbild fußt auf dem christlichen. Denn auch beim Humanismus ist eine grundlegende Differenz zwischen Mensch und Tier konstitutiv.
Entscheidend für die Differenz zum Tier ist die Vernunftbegabung, der „Götterfunke“. Weniger religiös ausgedrückt, ist es die psychosoziale Entwicklungsoffenheit des Menschen, welche das Potential zur Entwicklung zu eine vernünftigen Wesen und damit zu einer grundlegenden Differenz zum Tier eröffnet. Aber diese Entwicklung ist abhängig sowohl von den vorgefundenen materiellen Bedingungen wie auch vom psychosozialem Kontext. Die Menschen machen einander.

Die Entwicklung des Menschen wird – anders als beim Tier - nicht von einem Programm endogenetisch gesteuert. Deshalb ist die Entwicklung der konkreten Menschen auch so unterschiedlich. Ein nicht humanistisch erzogener oder verwahrloster Mensch ähnelt in seinem psychosozialen Verhalten einem Tier. Er hält sein sozialdarwinistisches, anti-soziales oder barbarisches Verhalten für natürlich. So wie dies die Nazis taten.

Imagine

12. Januar 2021 22:18

2/2

Je weniger die Vernunftbegabung eines Menschen entwickelt wurde, umso mehr bleibt er auf der psychosozialen Stufe eines Tieres und wird mit anderen Menschen wie mit Tieren umgehen. Er selbst hat keine Menschenwürde entwickelt und achtet daher nicht die Menschenwürde, also die Differenz zum Tier, bei anderen Menschen.

Es ist das Stadium der Vernunftentwicklung, also von Verstand und Moral, welche dazu führt, dass sich ein Mensch als Mensch und damit Teil der Menschheit begreift, und sich mit der Menschheit und der Menschlichkeit identifiziert. Diese Bewusstseins- und Identitätsentwicklung ist Voraussetzung dafür, dass ein Mensch die Würde anderer Menschen anerkennt und diese nicht würdelos behandelt.

Ein Leben nach dem kategorischen Imperativ unterscheidet humanes Handeln von tierischen Verhalten. Das Raubtier kennt keine Moral und frisst andere Tiere, ohne sich mit seinen Opfern zu identifizieren.

Der_Juergen

12. Januar 2021 22:29

@Silent Reader

Danke, ich kenne Kwatschkow und Saweljew. Ebenso wie Panarin ist auch Pjakin in der Tat ein Putin-Unterstützer. Dies heisst jedoch nicht automatisch, dass seine weltpolitischen Analysen von vorne herein falsch sein müssen. Ich sehe mir seine Sendungen regelmässig an und glaube, dass Wertvolle vom Propagandistischen scheiden zu können. - Persönlich habe ich kein Vertrauen mehr in Putin, seitdem er den Coronaschwindel mitmacht und sein Land dadurch an die Wand fährt. Immerhin hat er jedoch den Sturz Lukaschenkos und den totalen Triumph Erdogans verhindert.

Gracchus

12. Januar 2021 23:39

Wer will HB da widersprechen? Ich grüble noch, wann das anfing mit der neuen Moral. Die 90er habe ich eher als durch das Ästhetische dominiert empfunden (gepaart mitunter mit Zynismus; Vorbild: Patrick Batemann), die Nullerjahre als desorientiert - und dann kam, wie Kierkegaard bestätigend, die Moral - jetzt müsster das Religiöse folgen, was die peinliche Wortwahl deutscher Kommentatoren (Heiligtum der Demokratie, das Herz der Demokratie) auch nahelegt. 

anatol broder

13. Januar 2021 00:18

@ imagine 22:17

[…] welche dazu führt, dass sich ein Mensch als Mensch und damit Teil der Menschheit begreift, und sich mit der Menschheit und der Menschlichkeit identifiziert.

ich verdeutliche die einzelnen schritte:

  1. mensch gleich mensch.
  2. mensch teil von menschheit.
  3. mensch gleich menschheit.
  4. mensch gleich menschlichkeit.

warum sind imagine und die mengenlehre keine freunde? relotius meldete 1974:

Psychiater Held hat eine "wissenschaftliche Aktionsgemeinschaft" gegründet und will durchsetzen, daß die "Mengenlehre an unseren Grundschulen" abgeschafft wird.

Das gleiche Ziel versucht das Augsburger Elternpaar Kragler per Urteil zu erreichen: Der Bayrische Verfassungsgerichtshof entscheidet auf seinen Antrag hin am 28. März darüber, ob der Unterricht in Mengenlehre gegen die Verfassung des Freistaates verstößt. Menschenwürde, Jugendschutz und Elternrecht würden verletzt, so die Eltern.

Es geht um jenen Unterricht, der 1968 von den deutschen Kultusministern einstimmig beschlossen und in den meisten Bundesländern vom Schuljahr 1972/73 an, in einigen ab 1973/74 für alle Grundschulen obligatorisch wurde.

franzheister

13. Januar 2021 08:38

Zitat: Was für ein Bild: Verkrochen unter ihren weichen Sitzungssesseln, suchte die Legislative Schutz vor dem Souverän. 

Dieses Verkriechen haftet denen an, die etwas zu verbergen haben. Nur wer sich in der Dunkelheit feige und intrigant seiner Verantwortung entzieht, indem er nur seinen eigenen Vorteil sucht, der verkriecht sich am Ende unter seinem weichen Sessel. Charakterlich gefestigte Persönlichkeiten hätten mit den performativen Eindringlingen das Gespräch gesucht. Wahrscheinlich haben die "Erstürmer" des Kapitols genau darauf gehofft, auf Medienbilder, die Hoffnung machen auf eine bessere Welt, die ikonisch in den Geschichtsbüchern der Zukunft eine Wende ankündigen. Weshalb sollte man hier nicht von einer vorsätzlich herbeigeführten Revolte sprechen, die letztlich einem ganz anderen Ziel zu dienen hat. Stattdessen serviert man dem Durchschnittsmenschen des aufgeklärten Westens eine immer fantastischere Parallelwelt des permanenten Unfugs. Selbst die "wahren" Restverbände der linken Sozialkritik geraten immer mehr in die Falle der zur Passivität verdammten Ratlosen. 

Mitmachen wollen wir nie

Kunst. Politik. Berlin. Cemile.

Uwe Lay

13. Januar 2021 13:03

Wie würden die Medien in den USA und dem "freien Westen" diese Aktion bejubeln,wenn politisch Korrekte, etwa: "Schwarzes Leben zählt", Feministin, Abtreibungsbefürworter oder Anti-CO2 Aktivisten diesen Sturm auf die Demokratie vollzogen hätten! Ihre Kreativität und Gewaltlosgkeit würde in höchsten Tönen gelobt und die Parlamentarier aufgefordert, auf diese authentische Stimme des Volkes zu hören. Es waren aber eben die Falschen und nur darum empören sich die Medien.

Uwe C. Lay

 

 

alter weisser Mann

14. Januar 2021 12:13

Gestern sagte die GOP Abgeordnete Marjotie Tayler im US Räpräsitantenhaus während der Impeachment Debatte: „der Impeachment Artikel wird bald Anwendung gegen Biden finden“

So wird es wohl kommen, 

Der_Juergen

14. Januar 2021 14:05

@alter weisser Mann

Auch Sie gehören also zu den Gutgläubigen (da Sie ja schon alt sind, verzichte ich höflichkeitshalber auf einen härteren Ausdruck), die unbeirrt glauben, in den USA liesse sich auf rechtlichem Wege noch irgendetwas verbessern. "Numai spada mai poate hotari", lautete die Losung der Eisernen Garde. Sie gilt heute auch für Amerika.

Ein gebuertiger Hesse

14. Januar 2021 14:11

Meine Güte, wie handzahm ist die jüngste Ansprache Trumps: https://www.youtube.com/watch?v=rmqRnfWhEsI

Hinter den labberigen Worten einen getarnten Löwen wähnen zu wollen, der bis nächsten Mittwoch DOCH NOCH losbrechen wird, erinnert an die Hoffnung unglücklicher Ehepartner, die immer wieder aufs Neue hoffen, daß der andere DIESMAL den eigenen, wenn auch noch so gerechtfertigen Wünschen entspricht. Er wird es nie tun.

Oder etwa doch?

Ein gebuertiger Hesse

14. Januar 2021 14:54

Nochmal zu Trump und seinem gestrigen Videodingsbums: Wenn er betreffs der Capitol-Erstürmung von einer "Calamity" spricht, bezieht er damit, da er sie nicht separat (oder überhaupt) erwähnt, notwendig auch die ehemalige Soldatin Ashli Babbitt ein, die in seinem Namen erschossen worden ist. Shame on him für so wenig Anerkennung - allemal falls da nichts nachfolgt, aber auch jetzt schon.

alter weisser Mann

14. Januar 2021 18:48

@der_juergen

?? In der Tat bin ich nicht mehr jung und manche nennen mich alt. Aber hier täuschen sie sich. In 51 Jahre politischer Arbeit habe ich zu keinem Zeitpunkt geglaubt, "auf rechtlichem Wege ließe sich was verbessern“. Ich antworte auf Ihren Beitrag, weil ich Ihnen zustimme!

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.