Vom rechten Gebrauch des Lesens

von Ivor Claire
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

War­um soll­te man, im Zeit­al­ter von You­Tube-Kanä­len, Hör­bü­chern und ande­ren Errun­gen­schaf­ten, über­haupt noch lesen? Wird nicht seit jeher beklagt, daß die »erzwun­ge­ne Lage und der Man­gel aller kör­per­li­chen Bewe­gung beym Lesen, in Ver­bin­dung mit der so gewalt­sa­men Abwech­se­lung von Vor­stel­lun­gen und Emp­fin­dun­gen«, üble Fol­gen zei­ti­ge wie »Schlaff­heit, Ver­schlei­mung, Blä­hun­gen und Ver­stop­fun­gen in den Ein­ge­wei­den, mit einem Wor­te Hypo­chon­drie, die bekann­ter­maaßen bey bey­den, nament­lich bey dem weib­li­chen Geschlecht, recht eigent­lich auf die Geschlechts­thei­le wirkt, Sto­ckun­gen und Ver­derb­niß im Blu­te, reitzende
Schär­fen und Abspan­nung im Ner­ven­sys­te­me, Siech­heit und Weich­lich­keit im gan­zen Körper«?
Einen nütz­li­chen Lehr­film oder bele­ben­den Musik­clip kann man über den Bild­schirm flim­mern, einen bil­den­den Roman von Goe­the sich kom­plett und wohl­klin­gend von der Medi­en­ma­schi­ne vor­le­sen las­sen – und neben­her sei­nen Leib üben, sei es Han­teln schwin­gend oder einer ande­ren nütz­li­chen Ver­rich­tung nachgehend.

Auf der Suche nach einem Weg, »dem Geschlechts­trie­be eine unschäd­li­che Rich­tung zu geben«, war der Leip­zi­ger Pre­di­ger Karl Gott­fried Bau­er schon 1791 jus­ta­ment gera­de auf das Lesen als ein übles Las­ter gesto­ßen, das ihm zufol­ge zur zivi­li­sa­to­ri­schen Ent­ar­tung sei­nes Publi­kums maß­geb­lich bei­trug – zumal »unter dem ent­setz­li­chen Hau­fen von Roma­nen, Gedich­ten, Erzäh­lun­gen, Impromp­tus, Schau­spie­len etc der täg­lich ver­schluckt wird, und sich täg­lich ver­viel­fäl­tigt«, das meis­te nur »ephe­me­res, unnüt­zes, geschmack­lo­ses«, ja sogar »ver­füh­re­ri­sches und sit­ten­ver­derb­li­ches Mach­werk« sei. 

Hat er nicht recht, der alte Theo­lo­ge? Haben wir heu­te, ange­sichts der Digi­ta­li­sie­rung von allem und jedem, nicht zudem sogar noch mit einem infor­ma­ti­on oder data over­load zu kämp­fen, zu einem gro­ßen Teil nach wie vor in Buch­sta­ben­form, der jene »Schlaff­heit«, »Siech­heit« und Zer­streu­ung wei­ter fördert?

»Wann wir lesen, denkt ein Ande­rer für uns«, erfah­ren wir über­dies beim gran­ti­gen Phi­lo­so­phen Arthur Scho­pen­hau­er, frei­lich dem geni­als­ten aller Men­schen, wie ihn Leo Tol­stoi nann­te: »Es ist damit, wie wenn beim Schrei­ben­ler­nen der Schü­ler die vom Leh­rer mit Blei­stift geschrie­be­nen Züge mit der Feder nach­zieht. Dem­nach ist beim Lesen die Arbeit des Den­kens uns zum größ­ten Thei­le abgenommen.« 

Damit hat Scho­pen­hau­er für uns Popu­lis­ten auch eine Erklä­rung parat, war­um gera­de von Professor*innen der Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, über­haupt von ver­meint­lich Gebil­de­ten so vie­le welt­frem­de, manch­mal absurd schei­nen­de Ansich­ten zu den aktu­el­len Ent­wick­lun­gen unse­rer Zeit geäu­ßert wer­den: Sol­ches kom­me näm­lich daher, so der Phi­lo­soph, »daß wer sehr
viel und fast den gan­zen Tag liest, dazwi­schen aber sich in gedan­ken­lo­sem Zeit­ver­trei­be erholt, die Fähig­keit, selbst zu den­ken, all­mä­lig verliert«.
Genau das sei »der Fall sehr vie­ler Gelehr­ten: sie haben sich dumm­ge­le­sen. Denn bestän­di­ges, in jedem frei­en Augen­bli­cke sogleich wie­der auf­ge­nom­me­nes Lesen ist noch geis­tes­läh­men­der, als bestän­di­ge Hand­ar­beit; da man bei die­ser doch den eige­nen Gedan­ken nach­hän­gen kann.
Aber wie eine Spring­fe­der durch den anhal­ten­den Druck eines frem­den Kör­pers ihre Elasti­ci­tät end­lich ein­büßt; so der Geist die sei­ne, durch fort­wäh­ren­des Auf­drin­gen frem­der Gedan­ken. Und wie man durch zu vie­le Nah­rung den Magen ver­dirbt und dadurch dem gan­zen Lei­be scha­det; so kann man auch durch zu vie­le Geis­tes­nah­rung den Geist über­fül­len und ersticken.«

War­um also lesen? Auch der stren­ge Theo­lo­ge, den wir zitier­ten, kennt frei­lich wert­vol­le Lek­tü­re, aber eben nur jene, die allein mora­lisch ein­wand­freie und erbau­li­che Schrif­ten umfas­sen soll. Hier spricht sich aller­dings der öde bür­ger­li­che Wil­le zur Gän­ge­lung und Zen­sur abwei­chen­der Ver­hal­tens- und Denk­wei­sen aus, die fade Lust an der geis­ti­gen Dres­sur, am mora­li­schen Zwangs­kor­sett für Unbot­mä­ßi­ge. Die­se Hal­tung ist uns nur zu gut bekannt aus der Pra­xis der heu­ti­gen Moral­bour­geoi­sie und
ihrer Bigot­te­rie, sie gehört mit den Aus­las­sun­gen von Lite­ra­tur­kri­ti­kern wie Denis Scheck ohne Zwei­fel »ab in die Tonne«.

Scho­pen­hau­er wie­der­um weist uns nach sei­ner Kri­tik am kon­su­mie­ren­den Lesen dann doch einen rech­ten Weg zum rech­ten Lesen: Sinn­voll wird das Gele­se­ne, so sein ers­ter Hin­weis, durch Aneig­nung und Anver­wand­lung – indem man sich die Zeit nimmt, gründ­lich zu lesen und eben­so dar­über nach­zu­den­ken. »Liest man hin­ge­gen immer­fort, ohne spä­ter­hin wei­ter dar­an zu den­ken; so faßt es nicht Wur­zel und geht meis­tens ver­lo­ren. Ueber­haupt aber geht es mit der geis­ti­gen Nah­rung nicht anders, als mit der leib­li­chen: kaum der funfzigs­te Theil von dem, was man zu sich nimmt, wird assi­mi­lirt: das Ueb­ri­ge geht durch Evaporation,
Respi­ra­ti­on, oder sonst ab.« 

Und wie bei der Nah­rung kommt es daher dar­auf an, mit Bedacht aus­zu­wäh­len, nicht alles in sich hin­ein­zu­fres­sen, was einem vor Augen kommt oder emp­foh­len wird, sodann bedäch­tig zu kau­en und ruhig zu ver­dau­en. In die­sem Sin­ne rät uns der Philosoph
zwei­tens, der Leser möge stets das ihm Gemä­ße in den Schrif­ten suchen, die er liest – also nur das lesen, was eige­ne Poten­tia­le weckt und ent­spre­chen­de Tätig­keit anregt: »indem es näm­lich uns den Gebrauch lehrt, den wir von unsern eige­nen Natur­ga­ben machen kön­nen; also immer nur unter Vor­aus­set­zung die­ser. Ohne sol­che hin­ge­gen erler­nen wir durch Lesen nichts, als kal­te tod­te Manier, und wer­den zu seich­ten Nachahmern.«

Rich­ti­ges Lesen gebiert schließ­lich den »Selbst­den­ker«, der Urteils­kraft hat und ein frei­er Geist ist.
All das beant­wor­tet den­noch nicht die Fra­ge: Wozu denn heu­te noch lesen? Ich kann die­ses mir Gemä­ße doch auch über zeit­ge­mä­ße Medi­en, auf You­Tube, über Pod­casts oder in Fil­men suchen, dann dar­über nach­den­ken und es mir so aneig­nen. Die Fra­ge nach dem Lesen stellt sich, will man sie ernst­haft beden­ken, heu­te tat­säch­lich anders als in den ver­gan­ge­nen 250 Jah­ren. Ange­sichts jener Medi­en­re­vo­lu­ti­on durch Film und Radio mit ihrer rasan­ten Beschleu­ni­gung und Inten­si­vie­rung durch die Digi­ta­li­sie­rung in den letz­ten 30 Jah­ren ist es inzwi­schen eine Bin­sen­weis­heit, was man­cher fran­zö­si­sche Essay­ist in den 1970ern zu rau­nen anhub, in der Fol­ge auch man­cher bun­des­deut­sche Phi­lo­so­phatsch auf­griff: daß sich mit dem Medi­en­ge­brauch auch Art und Wei­se unse­rer Wahr­neh­mung, ja auch unser Wahr­neh­mungs­ap­pa­rat ver­än­dert. Selbst wenn wir heu­te alte Bücher lesen, lesen wir sie anders als unse­re Altvorderen. 

Die Fra­ge nach dem Sinn des Lesens wäre also nun­mehr min­des­tens in zwei Rich­tun­gen zu stel­len: Wel­chen Wert kann das Lesen für uns per­sön­lich im Zeit­al­ter digi­ta­ler Medi­en noch haben, und wel­che Bedeu­tung oder wel­chen Nut­zen hat es als Kul­tur­tech­nik für einen Staat, eine Gesell­schaft oder eine Gemeinschaft?

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Kul­tur­kri­ti­ker Ber­nard Stiegler, ein Mann mit einem inter­es­san­ten Lebens­lauf, stell­te die Fra­ge nach der media­len Form und Prä­gung der Wahr­neh­mung in den 2000er Jah­ren in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang, vor allem mit Blick auf das domi­nan­te Mas­sen­me­di­um des aus­ge­hen­den letz­ten Jahr­hun­derts, das Fern­se­hen, in sei­ner Ein­bet­tung in den öko­no­misch-poli­ti­schen Kom­plex: Ohne eine Ver­schwö­rung sinis­trer Kapi­ta­lis­ten zu pro­pa­gie­ren, wies er dar­auf hin, daß die Illu­si­ons­in­dus­trie unser Begeh­ren und zugleich die Kon­sum­ver­spre­chen durch die audio­vi­su­el­len Medi­en wie nie zuvor anhei­zen könne,wodurch die Dif­fe­renz zwi­schen erwach­se­ner Mün­dig­keit und kind­li­cher Unmün­dig­keit ver­wischt wer­de, in der media­len Dar­stel­lung eben­so wie im psy­chi­schen Appa­rat der Mediennutzer. 

Die »Waren­ge­dich­te der Wer­bung«, wie Wolf­gang Fritz Haug die Psy­cho­tech­ni­ken zur Erzeu­gung eines magi­schen Scheins des Käuf­li­chen einst nann­te, leis­ten die­ser Les­art zufol­ge eine ganz ande­re Form einer Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt, als
sich die Roman­ti­ker dies um 1800 noch als Uto­pie der Frei­heit in Bin­dung vor­stell­ten. Zum einen ent­fal­tet sich heu­te in den fil­mi­schen Medi­en eine umfas­sen­de Welt des Scheins vor unse­ren Augen, als blick­ten wir aus dem Fens­ter – die Gren­zen zwi­schen Mar­vel-Uni­ver­sum, Wer­be­welt und unse­rer eige­nen schei­nen flie­ßend; dies bin­det unse­re Auf­merk­sam­keit nicht nur, son­dern saugt sie auf und for­miert sie gleich­zei­tig auch.
Damit geht, Stiegler zufol­ge, der alte Effekt der Ablen­kung von Pro­ble­men der rea­len poli­ti­schen Welt ein­her, der sich nun aber mit einer durch die Form der Medi­en erzeug­ten habi­tu­el­len Zer­streu­ung ver­bin­det: dies könn­te kul­tu­rell weit­rei­chen­de Fol­gen haben.

Stiegler, der im geläu­fi­gen name drop­ping der intel­lek­tu­el­len Capos in der BRD ver­hält­nis­mä­ßig wenig prä­sent ist, geht über die Kri­tik an der »Kul­tur­in­dus­trie« von Hork­hei­mer und Ador­no hin­aus und ver­dien­te eine eige­ne Behand­lung – sei­ne Ana­ly­sen im Ges­tus Michel Fou­caults zie­len dar­auf, daß der Kom­plex von Public Rela­ti­ons, Mar­ke­ting und Flim­mer­me­di­en eine Psy­cho­macht bil­de, die das tra­di­tio­nel­le und bewähr­te Genera­tio­nen- und Fami­li­en­gefü­ge zer­set­ze: Die­ses »alte« Gefü­ge aber habe in der gegen­sei­ti­gen per­sön­li­chen Zuwen­dung den Pro­zeß des Erzie­hens und Mün­dig­wer­dens aller­erst ermög­licht und sei damit die Vor­aus­set­zung jeder Auf­klä­rung als Befrei­ung aus jener selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit, die allein diesen
Namen verdient.
Stieglers Anlie­gen ist es fol­ge­rich­tig, »die Psy­cho­tech­ni­ken, die Dumm­heit pro­du­zie­ren, weil sie die Auf­merk­sam­keit zer­stö­ren«, durch den rech­ten Gebrauch »zu Tech­no­lo­gien für die Ent­wick­lung einer indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Intelligenz«
umzu­mün­zen, was hier nicht wei­ter aus­zu­füh­ren ist.

Der Kern­punkt die­ser Dia­gno­se ist die Unter­schei­dung ver­schie­de­ner For­men der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie, die sich mit
unter­schied­li­chen Medi­en ent­wi­ckeln. Man könn­te davon spre­chen, daß das alte Lesen zu einer »lang­sa­men« Tie­fen­auf­merk­sam­keit erzieht, wäh­rend die jun­gen Flim­mer­me­di­en, auch wenn sie Buch­sta­ben trans­por­tie­ren, einer »schnel­len« Ober­flä­chen­auf­merk­sam­keit ent­spre­chen und zuarbeiten. 

In Anleh­nung an Wil­helm von Hum­boldts Über­le­gun­gen zu Buch­sta­ben­schrift und Sprach­bau könn­te man sagen, daß die Schrift­lich­keit es ermög­licht, kom­ple­xe Gedan­ken in ange­mes­sen kom­ple­xer Spra­che aus­zu­drü­cken und im gründ­li­chen, wie­der­ho­len­den Lesen ent­spre­chend nach­zu­voll­zie­hen, also zu verstehen.
Wer es lernt und übt, etwa die span­nen­den Erzäh­lun­gen des preu­ßi­schen Dich­ters Hein­rich von Kleist mit ihren lan­gen, prä­zi­sen Schach­tel­sät­zen zu lesen, dabei all­mäh­lich gefes­selt wird von den atem­be­rau­ben­den Plots, der ver­setzt sich auch in die
Lage, »spä­ter­hin wei­ter dar­an zu den­ken« und die dar­in ent­hal­te­nen gro­ßen und grund­le­gen­den Fra­gen zu reflek­tie­ren. Lesen, wenn man es rich­tig lernt, hat dem­nach das Poten­ti­al, eine Tie­fen­auf­merk­sam­keit sys­te­ma­tisch zu schu­len, die es dann ermög­licht, auch Fil­me, Spie­le (Games) und sozia­le Kon­stel­la­tio­nen so zu lesen, daß die­se über die »Chats« hinaus
im Scho­pen­hau­er­schen Sin­ne bedacht, reflek­tiert wer­den können. 

Man darf sich frei­lich nichts vor­ma­chen: ähn­li­che Beden­ken, wie sie gegen den­über­mä­ßi­gen Gebrauch der »neu­en Medi­en« vor­ge­bracht wer­den, hat man seit Sokra­tes immer wie­der auch gegen die Schrift­lich­keit geäu­ßert, dage­gen auf Prä­senz in Münd­lich­keit oder im Bild gesetzt, und daß dem Lesen von Büchern ähn­li­che jugend­ver­derb­li­che Fol­gen unter­stellt wur­den wie heu­te Com­pu­ter­spie­len, Net­flix-Seri­en und You­Tube-Influ­en­cern war ja bereits am bra­ven Pfar­rer Bau­er zu sehen.

Es wäre also schon aus his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve Zurück­hal­tung ange­bracht und der Gebrauch zeit­ge­mä­ßer Medi­en nicht grund­sätz­lich zu ver­dam­men, mit dem Schlag­wort einer »digi­ta­len Demenz« etwa, wie es der popu­lä­re Psych­ia­ter und »Neu­ro­di­dak­ti­ker« Man­fred Spit­zer geprägt hat. Spit­zers For­de­rung aller­dings, daß man den Kon­sum von Bild­schirmm­edi­en bei Kin­dern dras­tisch ein­schrän­ken müs­se, und sei­ne neu­ro­bio­lo­gi­schen Begrün­dun­gen dafür, daß tra­di­tio­nel­les Spie­len unter Ein­satz aller fünf Sin­ne zu för­dern sei, ent­spre­chen auch den Befun­den der älte­ren Psy­cho­lo­gie, und sie pas­sen zu Stieglers Analysemodell. 

Wie Fried­rich Kitt­ler 1985 in sei­ner Stu­die über die Auf­schrei­be­sys­te­me 1800/1900 gezeigt hat, ist die Wis­sens­ex­plo­si­on seit dem 18. Jahr­hun­dert, die zu jener gro­ßen – seit­her nicht wie­der erreich­ten – Zahl der Nobel­prei­se im Kai­ser­reich geführt hat­te, eng mit der Alpha­be­ti­sie­rung ver­knüpft. Vor dem Ers­ten Welt­krieg konn­te man in Deutsch­land auch nahe­zu eine Voll­al­pha­be­ti­sie­rung kon­sta­tie­ren. Die Erzie­hung zum Lesen im Bür­ger­tum fiel im 18. Jahr­hun­dert in die Ver­ant­wor­tung der Frau­en, die mit der Eta­blie­rung der Kern­fa­mi­lie von der Erwerbs­ar­beit frei­ge­stellt wur­den, um sich um die Alpha­be­ti­sie­rung ihrer Kin­der zu küm­mern. In per­sön­li­cher Zuwen­dung erlern­te das – damals phil­an­thro­pisch neu defi­nier­te – Kind nun
mit der Lau­tier­me­tho­de, dem Vor­spre­chen des Buch­sta­ben­lauts durch die Mut­ter, das Lesen. Eine Mut­ter­schafts- und Kind­heits­me­ta­phy­sik stütz­ten die­ses Modell der erzie­he­ri­schen Zuwen­dung im Bür­ger­tum fort­an, und es konn­te eine inter­ge­nera­tio­nel­le Kon­stel­la­ti­on ent­ste­hen, die mit der sich aus­brei­ten­den Fähig­keit zu inten­si­ver Lek­tü­re jene enor­me Wis­sens­pro­duk­ti­on frei­setz­te, von der wir alle heu­te noch zehren.

War­um also lesen? Als Kul­tur­tech­nik dürf­te der Wert des Lesens unbe­streit­bar sein und müß­te bil­dungs­po­li­tisch ent­spre­chend den Befun­den Stieglers und Spit­zers mit ande­rer Akzen­tu­ie­rung sicher­ge­stellt wer­den, als es heu­te geschieht. Für uns per­sön­lich soll­te sich der Wert des Lesens indes­sen nicht in jener kogni­ti­ven Schu­lung unse­rer Tie­fen­auf­merk­sam­keit erschöp­fen, die wir benö­ti­gen, um den medi­o­po­li­ti­schen und ‑öko­no­mi­schen Kom­plex als Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang durch­schau­en zu
können.
Im Lesen guter Bücher und Fil­me fin­den wir immer auch wohn­li­che­re Quar­tie­re, in die wir wech­seln kön­nen, wenn es uns unge­müt­lich wird, wie es Ernst Jün­ger ein­mal for­mu­liert hat. Das hat nichts mit Eska­pis­mus oder Welt­flucht zu tun, son­dern ent­spricht einer geis­ti­gen Kur, die uns befä­higt, sodann um so bes­ser unse­ren Mann zu ste­hen und uns als Frau zu behaupten.

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