Von Verlag zu Verlag

von Bernd Wagner
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Zu den Kon­stan­ten des lite­ra­ri­schen Gewer­bes gehört es, daß ein frucht­ba­rer Geist zwar sel­ten sich selbst, aber doch eine statt­li­che Anzahl von Ger­ma­nis­ten, Redak­teu­ren, Jour­na­lis­ten, Lek­to­ren, Kor­rek­to­ren, Buch­händ­lern und Ver­le­gern zu ernäh­ren in der Lage ist. Wenn ich aus der Schar von Zwi­schen­händ­lern des Wor­tes den Ver­le­ger her­aus­grei­fe, hängt es damit zusam­men, daß vor nicht all­zu lan­ger Zeit einer von ihnen mir in mei­ner Woh­nung gegen­über­saß und die Ver­hand­lun­gen mit dem Satz »Was ist denn mit Ihnen und den Ver­la­gen los?« eröffnete. 

Die Fra­ge bezog sich auf die kei­nes­wegs kur­ze Lis­te mei­ner Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen, der eine nicht viel weni­ger kur­ze von Ver­la­gen gegenüberstand.
Ich konn­te damals nicht aus­führ­lich genug ant­wor­ten, und da es sich die­ser Ver­le­ger durch sein spä­te­res Han­deln ver­dient hat, möch­te ich es jetzt nachholen.

Mein ers­ter Ver­lag war der Auf­bau-Ver­lag Ber­lin und Wei­mar mit Haupt­sitz in der Fran­zö­si­schen Stra­ße in Ost­ber­lin. Wie bekannt war der Auf­bau-Ver­lag der größ­te und lite­ra­risch bedeu­tends­te der deutsch­de­mo­kra­ti­schen Staats­ver­la­ge und ver­ström­te seit den Grün­dungs­ta­gen unter sei­nem aus dem mexi­ka­ni­schen Exil heim­ge­kehr­ten Chef Bodo Uhse oben­drein ein gewis­ses Aro­ma der Liberalität.
Wie ich dort­hin gelangt bin, tut nichts zur Sache, wohl aber, was ich als jun­ger Autor dort erleb­te. Wenn ich an einem Win­ter­don­ners­tag neben mei­ner Men­to­rin Sarah Kirsch unter dem Glas­dach des Innen­ho­fes saß, um den Vor­trä­gen unse­rer wis­sen­schaft­li­chen Kory­phä­en zu lau­schen, fühl­te ich mich in den Par­naß der DDR-Lite­ra­tur auf­ge­nom­men. Wir wur­den dort Teil­ha­ber eines Geheim­wis­sens, das hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand mit­ge­teilt wurde.

In den Som­mer­mo­na­ten durf­ten wir Autoren uns eini­ge Tage am Schwie­low­see erge­hen, uns gegen­sei­tig Tex­te vor­tra­gen und dis­ku­tie­ren. Die Arbeit am Text wur­de näm­lich über der ideo­lo­gi­schen Schu­lung kei­nes­wegs ver­ges­sen. An kei­nem Ver­lag habe ich wie­der ein der­art gründ­li­ches Lek­to­rat erlebt, und nicht nur aus Angst vor der Zen­sur. Die Gedich­te mei­nes ers­ten Lyrik­ban­des zier­ten, wenn sie Zustim­mung fan­den, die Signa­tu­ren von drei Gut­ach­tern: von Ger­hard Wolf (Kreis), Sarah Kirsch (Kreuz)
und mei­ner Lek­to­rin, deren Namen ich ver­ges­sen habe (Haken).
Nicht ver­ges­sen habe ich den Namen des Ver­lags­lei­ters Fritz-Georg Voigt, weil er in mei­ner Akte als pro­mi­nen­ter Infor­mant des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit auf­tauch­te. Er berich­te­te über mich anläß­lich eines Gesprächs, zu dem ich wegen mei­ner Unter­schrift unter die Peti­ti­on gegen die Aus­bür­ge­rung Wolf Bier­manns gebe­ten wurde. 

Soweit ich den Akten ent­neh­men kann, war er einer der zahl­rei­chen Spit­zel, die es mit den Objek­te ihrer Beob­ach­tung aus­ge­spro­chen gut mein­ten. Sei­nen Auf­trag­ge­bern teil­te er mit, daß ich als der Jüngs­te sei­ner Schutz­be­foh­le­nen zu mei­ner Unter­schrift ver­führt, ja zu ihr erpreßt wor­den sei. Wer in der DDR außer der Sta­si selbst die Macht zu einer sol­chen Erpres­sung gehabt haben soll­te, blieb mir ein Rät­sel. Das Resul­tat jeden­falls war, daß ich in der Fol­ge­zeit unge­scho­ren blieb, wäh­rend die meis­ten mei­ner Mit­pro­tes­tan­ten aus dem Schrift­stel­ler­ver­band gejagt wur­den oder frus­triert das Land verließen.
Ich blieb völ­lig rat­los zurück: Der Akt der Auf­leh­nung, zu dem ich mich in vol­lem Bewußt­sein des damit ver­bun­de­nen Risi­kos auf­ge­schwun­gen hat­te, war zu einem Schlag ins Was­ser gewor­den, das sich sei­ner­seits nicht dazu bequem­te, Wel­len zu schlagen.

In dem toten, sich immer mehr zum Sumpf ver­di­cken­den Gewäs­ser um mich her muß­te ich mir Bewe­gung ver­schaf­fen. Ich ver­öf­fent­lich­te drei Bücher bei Auf­bau, doch beim vier­ten nahm der Anteil der abge­lehn­ten Tex­te sol­che Aus­ma­ße an, daß ich begeis­tert auf Uwe Kol­bes Idee reagier­te, die von unse­ren öst­li­chen Nach­barn gepfleg­te Tra­di­ti­on des Samis­dat auch in Ost­ber­lin ein­zu­füh­ren. Zusam­men mit dem Dra­ma­ti­ker Lothar Trol­le grün­de­ten wir eine Vier­tel­jah­res­schrift namens Mika­do.
Wir gin­gen also unter die Ver­le­ger und waren nicht ver­le­gen, vor allem uns selbst zu ver­le­gen, dazu Tex­te geschätz­ter Autoren, die auf eine sol­che Gele­gen­heit gewar­tet hat­ten. Adolf End­ler, Wolf­gang Hil­big, Kat­ja Lan­ge-Mül­ler, Bar­ba­ra Honig­mann und Moni­ka Maron gesell­ten sich zu den Aktivs­ten der Prenz­lau­er-Berg-Sze­ne und noch unbe­kann­ten Skri­ben­ten aus
der Pro­vinz, die uns bri­san­tes Mate­ri­al zuschickten.
Wir Her­aus­ge­ber spiel­ten dabei nicht nur die Rol­le von Ver­le­gern, auch die von Kor­rek­to­ren, Dru­ckern, Buch­händ­lern und Post­bo­ten. Die Arbeit begann damit, daß wir, wenn sich genü­gend Tex­te ange­sam­melt hat­ten, sie auf dem Fuß­bo­den von Trol­les Woh­nung aus­leg­ten und so lan­ge hin und her­scho­ben, bis sie eine plau­si­ble Ord­nung erga­ben. Dann wur­den sie einer Freun­din zum Abschrei­ben über­ge­ben, die ansons­ten Sekre­tä­rin bei Hei­ner Mül­ler war. Von ihr wan­der­ten sie zu einem Bekann­ten Kol­bes, der als Ange­stell­ter im Minis­te­ri­um für Schwer­indus­trie Zugang zu einem der raren Ver­viel­fäl­ti­gungs­ge­rä­te hatte.
Da wir 100 Exem­pla­re mit durch­schnitt­lich 50 Sei­ten unter die Mensch­heit brin­gen woll­ten, muß­te er 5000 Blatt Papier zuerst leer und, nach­dem er die Tex­te auf Ormig abge­zo­gen hat­te, dann beschrie­ben am Pfört­ner vor­bei­schmug­geln. Sodann hat­ten die Blät­ter geord­net und zusam­men­ge­hef­tet, die von befreun­de­ten Gra­fi­kern gestal­te­ten Umschlä­ge gedruckt, gefalzt und mit dem Inhalt gefüllt zu wer­den. Das geschah in mei­nem Hin­ter­hof, wo ein Dru­cker durch die Auf­trä­ge der Wei­ßen­seer Kunst­hoch­schu­le nicht aus­ge­las­tet war. 

Eine gött­li­che Zeit, die im Nach­hin­ein, näm­lich nach Ein­sicht in die Sta­si­ak­ten, noch dadurch ver­edelt wur­de, daß kei­ner der Betei­lig­ten dem zustän­di­gen Minis­te­ri­um Bericht erstat­te­te und die­ses des­halb erst spät hin­ter unse­re unge­neh­mig­te Ver­le­ger­tä­tig­keit kam.
Sie währ­te sowie­so nicht ewig. Die anfangs vol­len Schub­la­den leer­ten sich, und der uns zuflie­ßen­de Strom von Tex­ten wur­de dün­ner. Außer­dem war die wohl den Geist, doch nicht den Geld­beu­tel erfül­len­de Tätig­keit als Autor, Ver­le­ger, Lek­tor und Zeit­schrif­ten­ver­tei­ler nicht auf Dau­er durch­zu­hal­ten. Ich muß­te mich ent­schei­den, ob ich das alte Leben, in dem ich kei­ner­lei offi­zi­el­le Publi­ka­ti­ons­mög­lich­keit mehr hat­te, fort­füh­ren oder mit Mit­te Drei­ßig ein neu­es anfan­gen konn­te. Die­ses war nur
im Wes­ten zu haben, und dort­hin zu gelan­gen half mir der Staat. Aus einer Redak­ti­ons­sit­zung des Sonn­tag erfuhr ich, daß ein Bei­trag von mir mit der Begrün­dung abge­lehnt wor­den sei, ich hät­te einen Aus­rei­se­an­trag gestellt. Als ich es dann tat­säch­lich tat, fand ich mich rela­tiv schnell mit Frau, den Res­ten unse­res Haus­hal­tes und mei­ner Biblio­thek in etwa fünf Kilo­me­ter Ent­fer­nung auf der ande­ren Sei­te der Mau­er wieder.

Der Anfang wur­de mir erleich­tert durch eine halb­jähr­li­che Krank­schrei­bung und die anschlie­ßen­de Mög­lich­keit, den Lebens­un­ter­halt als ABM-Kraft im Archiv der Deut­schen Kine­ma­thek zu ver­die­nen. In der schrei­ben­den Zunft hin­ge­gen war die Will­kom­mens­kul­tur gegen­über uns Repu­blik­flücht­lin­gen nicht so stark aus­ge­prägt. Vor allem wur­de man gewarnt, sich mit den auch hier geh­aß­ten Reprä­sen­tan­ten des Klas­sen­fein­des vom Sprin­ger-Ver­lag ein­zu­las­sen. Hat­te es mit der Befürch­tung zutun, mich in die fal­schen Hän­de gera­ten zu sehen, daß sich bei mir rela­tiv bald eine Lek­to­rin des mit Auf­bau geschäft­lich und ideell eng ver­bun­de­nen Luch­ter­hand-Ver­la­ges meldete?

Immer­hin war es die­se Lek­to­rin, die eini­ge Jah­re spä­ter Klaus Schle­sin­ger in der Zeit der Sta­si­mit­ar­beit ver­däch­tig­te. Ich habe ihren Namen kei­nes­wegs ver­ges­sen, möch­te ihn aber aus Pie­täts­grün­den nicht nen­nen. Mei­ne Untreue zu Ver­la­gen und Insti­tu­tio­nen hängt näm­lich ursäch­lich mit einer genau­so unzeit­ge­mä­ßen Treue zu Per­so­nen zusam­men. Als Luch­ter­hand in den Besitz von zwei Schwei­ze­rin­nen über- und mei­ne Lek­to­rin zu Rowohlt Ber­lin ging, folg­te ich ihr und ver­öf­fent­lich­te mei­ne Betrach­tun­gen zum Mau­er­fall unter dem schwer ver­ständ­li­chen Titel Die Wut im Kof­fer in die­sem neu gegrün­de­ten Verlag.

Da es mei­ne Lek­to­rin nicht lan­ge bei ihm hielt und sie ein frei­be­ruf­li­ches Dasein vor­zog, muß­te ich mich neu ori­en­tie­ren. Für die klei­nen Wer­ke gibt es Klein­ver­la­ge, die gro­ßen aber zie­hen gro­ße, mög­lichst umfang­rei­che Roma­ne vor. Als ich aus einem sol­chen in Kla­gen­furt vor­las, wur­de Uwe Heldt, damals Lek­tor bei Piper, dar­auf auf­merk­sam und bot mir einen Ver­trag an. 

Unter­schrie­ben habe ich aller­dings einen Ver­trag mit Ull­stein, weil der Lek­tor von Mün­chen nach Ber­lin wech­sel­te. Meine
erwähn­te per­so­na­le Treue führ­te dazu, daß ich bei die­sem Ver­lag drei Bücher publi­zier­te und dann zum Steidl Ver­lag wech­sel­te, als aus dem Lek­tor Uwe Heldt ein Lite­ra­tur­agent wurde.
Die­se Epi­so­de ging zu Ende, als mein neu­er Lek­tor Göt­tin­gen nicht mehr ertrug und weg­zog. Wo ist Herr Schnür­pel nur geblie­ben? Ich mei­ner­seits hat­te so viel vom Ver­lags­ge­wer­be mit­be­kom­men, daß ich mei­ne Hoff­nun­gen redu­zier­te. Es genügt näm­lich nicht, einen gro­ßen Roman zu schrei­ben, er muß auch so mas­sen­kom­pa­ti­bel sein, daß er auf dem Titel­blatt der Pro­gramm­vor­schau ange­kün­digt wer­den und die aus Rezen­sen­ten, Redak­teu­ren und bes­ten­lis­ten­er­stel­len­den Ger­ma­nis­ten bestehende
Maschi­ne­rie der Publi­zi­täts­ver­stär­ker anwer­fen kann, die aus ihm einen Best­sel­ler macht. Das woll­te mir aus ver­schie­de­nen Grün­den nie gelingen.

In dunk­len Stun­den sah ich einen Grund dar­in, daß die von den Genos­sen der Staats­si­cher­heit befolg­te Stra­te­gie »Dru­cken ja, wenn es denn sein muß, aber – tot­schwei­gen« auch jetzt noch wirk­sam war.
Doch war­um Ver­schwö­rungs­theo­rien bemü­hen, wenn der Abwehr­in­stinkt der gro­ßen Men­ge gegen die For­men sub­ver­si­ven Außen­sei­ter­tums in jeder Gesell­schafts­ord­nung gleich weit ver­brei­tet ist?
Zum Glück hat­te ich in der DDR auch gelernt, mei­nen Lebens­un­ter­halt nicht nur schrei­bend zu ver­die­nen. Also heu­er­te ich als Ver­mes­sungs­hel­fer bei einem Geo­dä­ten an, und als die­sem die Auf­trä­ge aus­blie­ben, kamen mir Ger­hard Schrö­der und sein »Hartz IV« zu Hil­fe. Ich war über den Umstand, nun regel­mä­ßig Geld auf mein Kon­to flie­ßen zu sehen, so glück­lich, daß ich den Stadt­füh­rer Ber­lin für Arme schrieb, in dem ich die Seg­nun­gen des kos­ten­lo­sen Muse­ums- und ver­bil­lig­ten Thea­ter­be­su­ches pries, Tips für Schwarz­fah­ren, die Bär­lau­ch­ern­te und die bes­ten Büf­fets der Bot­schaf­ten gab. 

Es fand sich ein Ver­lag, der im vor­de­ren Teil sei­nes Namens »Eich­born« und im hin­te­ren »Ber­lin« hieß. Es gibt ihn nicht mehr, den Chef­lek­tor in ande­rem Hau­se aber sehr wohl. Er hat­te es für ange­mes­sen befun­den, das Lek­to­rat des schma­len Manu­skrip­tes sei­ner Sekre­tä­rin als eine Pro­be­ar­beit zu über­las­sen. Sie kam mit einer Map­pe, dop­pelt so dick wie mei­ne. Als ich auf all ihre Ände­rungs­wün­sche nur, wie einst­mals Chruscht­schow, mit »Nein!« ant­wor­ten konn­te, ver­ließ sie wei­nend das Sekretariat.

Das Buch erschien trotz­dem und wur­de mein bis dato größ­ter Erfolg, der aller­dings mei­nen Ruf als ernst­zu­neh­men­der Schrift­stel­ler nicht geför­dert haben dürf­te. Des­we­gen bin ich kei­nes­wegs böse, denn was hät­te es mir gebracht, wenn ich von einer Preis­ver­lei­hung zur nächs­ten, einem Sym­po­si­um, Kon­greß, Podi­ums­ge­spräch zum ande­ren gereicht wor­den wäre? 

Ich hät­te nie­mals die Erfah­run­gen machen kön­nen, die mich zu neu­en Gedich­ten, Erzäh­lun­gen und, noch ein­mal, zu einem »gro­ßen« Roman inspi­rier­ten. Aller­dings hat­te ich die Hoff­nung auf einen Ver­lag, der sich für mich als sei­nen Autor ein­setzt, auf­ge­ge­ben. Soll­te ich noch ein­mal einen Agen­ten bemü­hen, noch ein­mal ein Manu­skript an einen Ver­lag ver­schi­cken, um die Ant­wort zu erhal­ten »Wenn Sie in einem hal­ben Jahr nichts von uns gehört haben, betrach­ten Sie das als Ablehnung«?

Nein. Die Zeit war zwei­fel­los wie­der reif für Samisdat.Ich möch­te nicht dahin­ge­hend miß­ver­stan­den wer­den, daß ich die
Gegen­wart mit den letz­ten Jah­ren des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus gleich­set­ze. Neben eini­gen ande­ren Unter­schie­den gibt es einen unwi­der­leg­ba­ren: die DDR hat­te den Wes­ten als ihren Anti­po­den, wäh­rend uns jetzt die­ses Schreck­ge­spenst, die­se Hoff­nung und Alter­na­ti­ve fehlt. Alles ist Wes­ten, und in die­sem ist es völ­lig gefahr­los mög­lich, ein Buch zu dru­cken und zu verteilen. 

Man geht mit sei­nem Stick in einen Copy­shop, läßt die ent­spre­chen­de Datei aus­dru­cken, die Blät­ter beschnei­den und kar­to­nie­ren und erhält für rund 200 Euro rund zwan­zig Exem­pla­re, die man wie zu alten Zei­ten bei einer Hin­ter­hof­le­sung ver­schen­ken oder
ver­kau­fen kann.

Eines die­ser Pro­duk­te war in die Hand jenes sehr bär­ti­gen Man­nes gera­ten, der mich zu Beginn die­ses Berich­tes gefragt hat: »Was ist eigent­lich mit Ihnen und den Ver­la­gen los?«
Auch sei­nen Namen habe ich nicht ver­ges­sen, aber ich möch­te hier nur andeu­ten, daß er an einen Bei­sit­zer im Gericht erin­nert. Daß er mir in mei­ner Woh­nung gegen­über­saß, nahm ich als Zei­chen einer unge­wohn­ten Zuwen­dung des Ver­le­gers zu seinem
künf­ti­gen Autor. Denn jener woll­te unbe­dingt den Roman Die Sint­flut in Sach­sen einer brei­te­ren Öffent­lich­keit zugäng­lich machen. Ich bemerk­te dazu, daß es mir weni­ger dar­auf ankommt, ein wei­te­res Buch zu publi­zie­ren, als auf einen Ver­lag, der sich mir als Autor und sei­nem Werk ins­ge­samt annimmt. Das sei selbst­ver­ständ­lich, mein­te der Ver­le­ger, und ohne­hin Phi­lo­so­phie (!) sei­nes Hau­ses. Von mei­nen ver­grif­fe­nen Büchern sol­le ich mir schleu­nigst die Rech­te zurück­ge­ben las­sen, damit er sie neu her­aus­brin­gen könne.
Und auch, was aus mei­nen gut gefüll­ten Schub­la­den zuerst dem Roman fol­gen soll­te, wur­de bespro­chen: die kom­men­tier­ten Tage­bü­cher aus den Ost- und den West­ber­li­ner Jah­ren, die unter dem Titel Ver­las­se­ne Wer­ke die Fort­set­zung mei­nes auto­bio­gra­phi­schen Romans bedeu­ten und mit dem Mau­er­fall enden wür­den, des­sen Jubi­lä­um bevorstand.

Die Zeit bis zum Erschei­nen des Romans war mit süßen Träu­men ange­füllt. Nun, im Herbst des Lebens, schien ich end­lich die Früch­te mei­ner Beharr­lich­keit ern­ten zu kön­nen. Schöff­ling – jetzt ist der Name doch her­aus­ge­rutscht – ver­si­cher­te mir, daß er sich einen lan­gen Atem bei sei­nen Autoren leis­ten kön­ne, da der Haupt­um­satz des Ver­la­ges mit den belieb­ten Kat­zen­ka­len­dern sei­ner Frau gemacht wür­de. Rich­tig: Kat­zen fan­gen Mäu­se, und in dem gewal­ti­gen Ver­le­ger­b­art war Platz für gan­ze Nester
von ihnen. Auch mit der Reso­nanz auf mein Buch konn­te er zufrie­den sein.
Zwar lös­te es kei­ne Sint­flut aus, aber doch eine deut­li­che Wel­len­be­we­gung unter den Lesern, die noch ver­stärkt wur­de, als es im MDR in fast vol­ler Län­ge gele­sen und eine zwei­te Auf­la­ge gedruckt wur­de; außer­dem trat ich in die­sem Som­mer das Amt des Stadt­schrei­bers von Dres­den an.

Dann aber geschah Selt­sa­mes. Auf mei­ne Fra­ge nach einem Ver­trag für die Tage­bü­cher wur­de erst reagiert, als es zu spät gewor­den war, sie noch einem ande­ren Ver­lag für die­sen Herbst anzu­bie­ten. Beim Blick in den Ver­trag glaub­te ich mei­nen Augen nicht zu trau­en. Der rund 500seitige Text (immer­hin reflek­tiert er die zwei ent­schei­den­den Jahr­zehn­te mei­nes Lebens) soll­te maxi­mal 250 Sei­ten umfas­sen, den nie­mals zuvor genann­ten Titel Deut­sches Tage­buch (seit Kan­to­ro­wicz unver­wend­bar) erhal­ten, der Hono­rar­an­teil des Autors auf sechs Pro­zent sin­ken – ein Ver­trag mit­hin, den ich gar nicht unter­schrei­ben konnte.
Daß es genau dar­auf abge­se­hen war, wur­de aus der umge­hen­den Ant­wort klar, die ich auf das Schrei­ben erhielt, in dem ich mei­ne Ein­wän­de for­mu­liert und ein klä­ren­des Gespräch ange­bo­ten hat­te: die Vor­stel­lun­gen von Autor und Ver­lag lägen so weit aus­ein­an­der, daß sich nun unse­re Wege tren­nen müß­ten; der Roman blei­be selbst­ver­ständ­lich im Han­del, viel Erfolg für die Ver­las­se­nen Wer­ke.
Was konn­te die­se plötz­li­che Zurück­wei­sung nicht nur eines Manu­skrip­tes, son­dern sei­nes Ver­fas­sers aus­ge­löst haben? Ich war auf Ver­mu­tun­gen ange­wie­sen. Gleich­zei­tig mit der Sint­flut hat­te ich dem Ver­lag eine Sati­re ange­bo­ten, in der Mao, durch einen dao­is­ti­schen Pries­ter in die Unsterb­lich­keit ver­setzt, mit­hil­fe magi­scher Zwie­beln das Welt­ge­sche­hen der letz­ten 50 Jah­re gesteu­ert hat.
Auf mei­ne Fra­ge, ob sein Des­in­ter­es­se an einer Ver­öf­fent­li­chung poli­ti­sche Grün­de habe, hat­te Schöff­ling in salo­mo­ni­scher Weis­heit geant­wor­tet: »Viel­leicht.« Zwei­fel­los leg­te er Wert auf eine poli­tisch kor­rek­te Hal­tung sei­nes Ver­la­ges. Gleich zu Beginn hat­te mich ein Fra­ge­bo­gen erstaunt, in dem ich unter ande­rem nach mei­ner heu­ti­gen Hal­tung zur brau­nen Gesin­nung mei­nes Vaters (der sicher äußerst viel­far­big, aber nie­mals auf die­se eine Far­be zu redu­zie­ren war) befragt wur­de, ob ich noch Ver­bin­dun­gen zu Schul­ka­me­ra­den unter­hal­te und wie ich zur Neo­na­zi­sze­ne mei­ner Hei­mat­stadt Wur­zen stehe.

Ich habe so lapi­dar wie mög­lich geant­wor­tet. Ein zwei­tes Mal stutz­te ich, als mir die Pres­se­map­pe zuge­schickt wur­de. Zu mei­nem Unglück hat­te nicht nur der lin­ke kon­kret, son­dern auch die auf der Gegen­sei­te ver­or­te­ten Jun­ge Frei­heit und Sezes­si­on den Roman mit durch­aus ähn­li­cher Zustim­mung bespro­chen. Was für eine Gele­gen­heit bot sich dem Ver­lag, die erstaun­li­che Band­brei­te posi­ti­ver Reak­tio­nen zu dokumentieren!
Aber nein: An den Rän­dern der unwill­kom­me­nen Arti­kel las ich Kom­men­ta­re wie Nicht zitie­ren! und Woher haben sie über­haupt das Buch? Von uns nicht! Von mir auch nicht, aber reich­te es schon, durch Rezen­sio­nen in den Ver­dacht der Kom­pli­zen­schaft mit der rech­ten Sze­ne zu geraten?
Mei­ne Stadt­schrei­ber­gän­ge über das heik­le Pflas­ter von Dres­den dürf­ten die­sen Ver­dacht bestärkt haben. Als das Buch­haus Losch­witz mich zu einer Lesung ein­lud, sah ich kei­nen Grund für eine Ablehnung.
Zwar wuß­te ich, daß sei­ne Betrei­ber auf der fal­schen Sei­te der geis­ti­gen Bür­ger­kriegs­front stan­den, die die­se Stadt durch­zieht, aber in der DDR habe ich mir eine gewis­se Stör­risch­keit zuge­legt, wenn man von mir Treue­be­kun­dun­gen verlangt. 

Jen­seits aller poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen gilt mein Respekt jedem, der sei­ne in der Min­der­heit befind­li­che Mei­nung ohne Schaum vor dem Mund vertritt.
Das unter­schei­det den Autoren vom Ver­le­ger. Wäh­rend der Ver­le­ger, da er mit sei­nen Pro­duk­ten Geld ver­die­nen will, immer die größt­mög­li­che Majo­ri­tät im Auge hat, muß ein Autor sie igno­rie­ren kön­nen, um zu der ihm ein­zig wich­ti­gen, im Schöp­fungs­akt lie­gen­den Befrie­di­gung zu gelan­gen. Zwi­schen Autor und Leser ste­hen neben den Ver­le­gern die die­sen Pro­zeß behin­dern­den oder för­dern­den, auf jeden Fall kana­li­sie­ren­den Mann- und Frau­en­schaf­ten des berufs­mä­ßig ver­fer­tig­ten öffent­li­chen Wortes.

Dazu gehört natür­lich auch die Mehr­zahl der Schrift­stel­ler mit ihren fei­nen Nasen für die jeweils herr­schen­de Wind­rich­tung. Das ist heu­te nicht anders, als es in der DDR war. In ihr gab es den Begriff der Staats­treue, mit dem der nicht unbe­deu­ten­de Teil der Bür­ger­schaft cha­rak­te­ri­siert wur­de, der sei­nen gesell­schaft­li­chen Auf­stieg mit dem Ver­zicht auf per­sön­li­che Ansich­ten bezahl­te. Heu­te wird die­ser Begriff nicht mehr gebraucht, aber die damit bezeich­ne­te Hal­tung wie­der ein­ge­for­dert, und zwar merk­wür­di­ger­wei­se beson­ders von jenen, die die­sen Staat ein­mal am hef­tigs­ten bekämpft haben, jedoch nun, nach­dem sie, Maos Devi­se vom Marsch durch die Insti­tu­tio­nen fol­gend, ihn in ihre Hand bekom­men haben, sei­ne eif­rigs­ten Ver­tei­di­ger gewor­den sind.

Der Autor aber hat außer sich selbst nie­man­den treu zu sein, am wenigs­ten einem wie auch immer gear­te­ten Staat. Beharrt er dar­auf, so fin­det er sich schnell im Abseits wie­der, wie es Mar­tin Wal­ser geschah. Ich mei­ne nicht sei­ne Sym­pa­thie für die DKP, die ihm gern ver­zie­hen wur­de, son­dern daß er in sei­ner Pauls­kir­chen­re­de den selbst­ver­ständ­li­chen Umstand benann­te, daß, wie alle his­to­ri­schen Ereig­nis­se, auch der Völ­ker­mord an den Juden instru­men­ta­li­siert wer­den könne. 

Schlim­mer traf es Akif Pirin­çci. Wenn es ein Bei­spiel für die gelun­ge­ne Inte­gra­ti­on tür­ki­scher Zuwan­de­rer gibt, dann ist er es. Sein Kater­de­tek­tiv ist der legi­ti­me Nach­fol­ger von Kater Murr, liest und zitiert Scho­pen­hau­er. Was hat er getan, daß er aus den Ver­lags­pro­gram­men und Buch­hand­lun­gen ver­bannt wur­de? Er hat Reden in Dres­den gehal­ten. Nun ist das öffentliche
Reden­schwin­gen für mich ohne­hin nicht bewun­derns­wert, aber die von Hein­rich Mann, Anna Seg­hers oder Her­mann Kant vor Schrift­stel­ler­ver­bän­den und Aka­de­mien haben zurecht nicht zum Boy­kott ihrer Wer­ke geführt.

Und was, wenn nicht stu­pi­des­te Staats- oder Par­tei­treue, kann den Suhr­kamp-Ver­lag bewegt haben, sich im Zwitscher­ka­nal des Inter­nets von den gesell­schafts­po­li­ti­schen Äuße­run­gen Uwe Tell­kamps zu distanzieren?
Wohin soll das füh­ren? Nun, in mei­nem Fall wohl dazu, daß auch ich mich im Lager der neu­en Rech­ten wie­der­fin­de, was vom Stand­punkt der Lebens­er­war­tung zwar vor­teil­haf­ter ist als den alten Lin­ken anzu­ge­hö­ren, aber dem Genuß des ver­län­ger­ten Lebens­abends hin­der­lich sein kann. Wir wer­den sehen.

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