1. Februar 2020

Von Verlag zu Verlag

Gastbeitrag

von Bernd Wagner
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Zu den Konstanten des literarischen Gewerbes gehört es, daß ein fruchtbarer Geist zwar selten sich selbst, aber doch eine stattliche Anzahl von Germanisten, Redakteuren, Journalisten, Lektoren, Korrektoren, Buchhändlern und Verlegern zu ernähren in der Lage ist. Wenn ich aus der Schar von Zwischenhändlern des Wortes den Verleger herausgreife, hängt es damit zusammen, daß vor nicht allzu langer Zeit einer von ihnen mir in meiner Wohnung gegenübersaß und die Verhandlungen mit dem Satz »Was ist denn mit Ihnen und den Verlagen los?« eröffnete.

Die Frage bezog sich auf die keineswegs kurze Liste meiner Buchveröffentlichungen, der eine nicht viel weniger kurze von Verlagen gegenüberstand.
Ich konnte damals nicht ausführlich genug antworten, und da es sich dieser Verleger durch sein späteres Handeln verdient hat, möchte ich es jetzt nachholen.

Mein erster Verlag war der Aufbau-Verlag Berlin und Weimar mit Hauptsitz in der Französischen Straße in Ostberlin. Wie bekannt war der Aufbau-Verlag der größte und literarisch bedeutendste der deutschdemokratischen Staatsverlage und verströmte seit den Gründungstagen unter seinem aus dem mexikanischen Exil heimgekehrten Chef Bodo Uhse obendrein ein gewisses Aroma der Liberalität.
Wie ich dorthin gelangt bin, tut nichts zur Sache, wohl aber, was ich als junger Autor dort erlebte. Wenn ich an einem Winterdonnerstag neben meiner Mentorin Sarah Kirsch unter dem Glasdach des Innenhofes saß, um den Vorträgen unserer wissenschaftlichen Koryphäen zu lauschen, fühlte ich mich in den Parnaß der DDR-Literatur aufgenommen. Wir wurden dort Teilhaber eines Geheimwissens, das hinter vorgehaltener Hand mitgeteilt wurde.

In den Sommermonaten durften wir Autoren uns einige Tage am Schwielowsee ergehen, uns gegenseitig Texte vortragen und diskutieren. Die Arbeit am Text wurde nämlich über der ideologischen Schulung keineswegs vergessen. An keinem Verlag habe ich wieder ein derart gründliches Lektorat erlebt, und nicht nur aus Angst vor der Zensur. Die Gedichte meines ersten Lyrikbandes zierten, wenn sie Zustimmung fanden, die Signaturen von drei Gutachtern: von Gerhard Wolf (Kreis), Sarah Kirsch (Kreuz)
und meiner Lektorin, deren Namen ich vergessen habe (Haken).
Nicht vergessen habe ich den Namen des Verlagsleiters Fritz-Georg Voigt, weil er in meiner Akte als prominenter Informant des Ministeriums für Staatssicherheit auftauchte. Er berichtete über mich anläßlich eines Gesprächs, zu dem ich wegen meiner Unterschrift unter die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gebeten wurde.

Soweit ich den Akten entnehmen kann, war er einer der zahlreichen Spitzel, die es mit den Objekte ihrer Beobachtung ausgesprochen gut meinten. Seinen Auftraggebern teilte er mit, daß ich als der Jüngste seiner Schutzbefohlenen zu meiner Unterschrift verführt, ja zu ihr erpreßt worden sei. Wer in der DDR außer der Stasi selbst die Macht zu einer solchen Erpressung gehabt haben sollte, blieb mir ein Rätsel. Das Resultat jedenfalls war, daß ich in der Folgezeit ungeschoren blieb, während die meisten meiner Mitprotestanten aus dem Schriftstellerverband gejagt wurden oder frustriert das Land verließen.
Ich blieb völlig ratlos zurück: Der Akt der Auflehnung, zu dem ich mich in vollem Bewußtsein des damit verbundenen Risikos aufgeschwungen hatte, war zu einem Schlag ins Wasser geworden, das sich seinerseits nicht dazu bequemte, Wellen zu schlagen.

In dem toten, sich immer mehr zum Sumpf verdickenden Gewässer um mich her mußte ich mir Bewegung verschaffen. Ich veröffentlichte drei Bücher bei Aufbau, doch beim vierten nahm der Anteil der abgelehnten Texte solche Ausmaße an, daß ich begeistert auf Uwe Kolbes Idee reagierte, die von unseren östlichen Nachbarn gepflegte Tradition des Samisdat auch in Ostberlin einzuführen. Zusammen mit dem Dramatiker Lothar Trolle gründeten wir eine Vierteljahresschrift namens Mikado.
Wir gingen also unter die Verleger und waren nicht verlegen, vor allem uns selbst zu verlegen, dazu Texte geschätzter Autoren, die auf eine solche Gelegenheit gewartet hatten. Adolf Endler, Wolfgang Hilbig, Katja Lange-Müller, Barbara Honigmann und Monika Maron gesellten sich zu den Aktivsten der Prenzlauer-Berg-Szene und noch unbekannten Skribenten aus
der Provinz, die uns brisantes Material zuschickten.
Wir Herausgeber spielten dabei nicht nur die Rolle von Verlegern, auch die von Korrektoren, Druckern, Buchhändlern und Postboten. Die Arbeit begann damit, daß wir, wenn sich genügend Texte angesammelt hatten, sie auf dem Fußboden von Trolles Wohnung auslegten und so lange hin und herschoben, bis sie eine plausible Ordnung ergaben. Dann wurden sie einer Freundin zum Abschreiben übergeben, die ansonsten Sekretärin bei Heiner Müller war. Von ihr wanderten sie zu einem Bekannten Kolbes, der als Angestellter im Ministerium für Schwerindustrie Zugang zu einem der raren Vervielfältigungsgeräte hatte.
Da wir 100 Exemplare mit durchschnittlich 50 Seiten unter die Menschheit bringen wollten, mußte er 5000 Blatt Papier zuerst leer und, nachdem er die Texte auf Ormig abgezogen hatte, dann beschrieben am Pförtner vorbeischmuggeln. Sodann hatten die Blätter geordnet und zusammengeheftet, die von befreundeten Grafikern gestalteten Umschläge gedruckt, gefalzt und mit dem Inhalt gefüllt zu werden. Das geschah in meinem Hinterhof, wo ein Drucker durch die Aufträge der Weißenseer Kunsthochschule nicht ausgelastet war.

Eine göttliche Zeit, die im Nachhinein, nämlich nach Einsicht in die Stasiakten, noch dadurch veredelt wurde, daß keiner der Beteiligten dem zuständigen Ministerium Bericht erstattete und dieses deshalb erst spät hinter unsere ungenehmigte Verlegertätigkeit kam.
Sie währte sowieso nicht ewig. Die anfangs vollen Schubladen leerten sich, und der uns zufließende Strom von Texten wurde dünner. Außerdem war die wohl den Geist, doch nicht den Geldbeutel erfüllende Tätigkeit als Autor, Verleger, Lektor und Zeitschriftenverteiler nicht auf Dauer durchzuhalten. Ich mußte mich entscheiden, ob ich das alte Leben, in dem ich keinerlei offizielle Publikationsmöglichkeit mehr hatte, fortführen oder mit Mitte Dreißig ein neues anfangen konnte. Dieses war nur
im Westen zu haben, und dorthin zu gelangen half mir der Staat. Aus einer Redaktionssitzung des Sonntag erfuhr ich, daß ein Beitrag von mir mit der Begründung abgelehnt worden sei, ich hätte einen Ausreiseantrag gestellt. Als ich es dann tatsächlich tat, fand ich mich relativ schnell mit Frau, den Resten unseres Haushaltes und meiner Bibliothek in etwa fünf Kilometer Entfernung auf der anderen Seite der Mauer wieder.

Der Anfang wurde mir erleichtert durch eine halbjährliche Krankschreibung und die anschließende Möglichkeit, den Lebensunterhalt als ABM-Kraft im Archiv der Deutschen Kinemathek zu verdienen. In der schreibenden Zunft hingegen war die Willkommenskultur gegenüber uns Republikflüchtlingen nicht so stark ausgeprägt. Vor allem wurde man gewarnt, sich mit den auch hier gehaßten Repräsentanten des Klassenfeindes vom Springer-Verlag einzulassen. Hatte es mit der Befürchtung zutun, mich in die falschen Hände geraten zu sehen, daß sich bei mir relativ bald eine Lektorin des mit Aufbau geschäftlich und ideell eng verbundenen Luchterhand-Verlages meldete?

Immerhin war es diese Lektorin, die einige Jahre später Klaus Schlesinger in der Zeit der Stasimitarbeit verdächtigte. Ich habe ihren Namen keineswegs vergessen, möchte ihn aber aus Pietätsgründen nicht nennen. Meine Untreue zu Verlagen und Institutionen hängt nämlich ursächlich mit einer genauso unzeitgemäßen Treue zu Personen zusammen. Als Luchterhand in den Besitz von zwei Schweizerinnen über- und meine Lektorin zu Rowohlt Berlin ging, folgte ich ihr und veröffentlichte meine Betrachtungen zum Mauerfall unter dem schwer verständlichen Titel Die Wut im Koffer in diesem neu gegründeten Verlag.

Da es meine Lektorin nicht lange bei ihm hielt und sie ein freiberufliches Dasein vorzog, mußte ich mich neu orientieren. Für die kleinen Werke gibt es Kleinverlage, die großen aber ziehen große, möglichst umfangreiche Romane vor. Als ich aus einem solchen in Klagenfurt vorlas, wurde Uwe Heldt, damals Lektor bei Piper, darauf aufmerksam und bot mir einen Vertrag an.

Unterschrieben habe ich allerdings einen Vertrag mit Ullstein, weil der Lektor von München nach Berlin wechselte. Meine
erwähnte personale Treue führte dazu, daß ich bei diesem Verlag drei Bücher publizierte und dann zum Steidl Verlag wechselte, als aus dem Lektor Uwe Heldt ein Literaturagent wurde.
Diese Episode ging zu Ende, als mein neuer Lektor Göttingen nicht mehr ertrug und wegzog. Wo ist Herr Schnürpel nur geblieben? Ich meinerseits hatte so viel vom Verlagsgewerbe mitbekommen, daß ich meine Hoffnungen reduzierte. Es genügt nämlich nicht, einen großen Roman zu schreiben, er muß auch so massenkompatibel sein, daß er auf dem Titelblatt der Programmvorschau angekündigt werden und die aus Rezensenten, Redakteuren und bestenlistenerstellenden Germanisten bestehende
Maschinerie der Publizitätsverstärker anwerfen kann, die aus ihm einen Bestseller macht. Das wollte mir aus verschiedenen Gründen nie gelingen.

In dunklen Stunden sah ich einen Grund darin, daß die von den Genossen der Staatssicherheit befolgte Strategie »Drucken ja, wenn es denn sein muß, aber – totschweigen« auch jetzt noch wirksam war.
Doch warum Verschwörungstheorien bemühen, wenn der Abwehrinstinkt der großen Menge gegen die Formen subversiven Außenseitertums in jeder Gesellschaftsordnung gleich weit verbreitet ist?
Zum Glück hatte ich in der DDR auch gelernt, meinen Lebensunterhalt nicht nur schreibend zu verdienen. Also heuerte ich als Vermessungshelfer bei einem Geodäten an, und als diesem die Aufträge ausblieben, kamen mir Gerhard Schröder und sein »Hartz IV« zu Hilfe. Ich war über den Umstand, nun regelmäßig Geld auf mein Konto fließen zu sehen, so glücklich, daß ich den Stadtführer Berlin für Arme schrieb, in dem ich die Segnungen des kostenlosen Museums- und verbilligten Theaterbesuches pries, Tips für Schwarzfahren, die Bärlauchernte und die besten Büffets der Botschaften gab.

Es fand sich ein Verlag, der im vorderen Teil seines Namens »Eichborn« und im hinteren »Berlin« hieß. Es gibt ihn nicht mehr, den Cheflektor in anderem Hause aber sehr wohl. Er hatte es für angemessen befunden, das Lektorat des schmalen Manuskriptes seiner Sekretärin als eine Probearbeit zu überlassen. Sie kam mit einer Mappe, doppelt so dick wie meine. Als ich auf all ihre Änderungswünsche nur, wie einstmals Chruschtschow, mit »Nein!« antworten konnte, verließ sie weinend das Sekretariat.

Das Buch erschien trotzdem und wurde mein bis dato größter Erfolg, der allerdings meinen Ruf als ernstzunehmender Schriftsteller nicht gefördert haben dürfte. Deswegen bin ich keineswegs böse, denn was hätte es mir gebracht, wenn ich von einer Preisverleihung zur nächsten, einem Symposium, Kongreß, Podiumsgespräch zum anderen gereicht worden wäre?

Ich hätte niemals die Erfahrungen machen können, die mich zu neuen Gedichten, Erzählungen und, noch einmal, zu einem »großen« Roman inspirierten. Allerdings hatte ich die Hoffnung auf einen Verlag, der sich für mich als seinen Autor einsetzt, aufgegeben. Sollte ich noch einmal einen Agenten bemühen, noch einmal ein Manuskript an einen Verlag verschicken, um die Antwort zu erhalten »Wenn Sie in einem halben Jahr nichts von uns gehört haben, betrachten Sie das als Ablehnung«?

Nein. Die Zeit war zweifellos wieder reif für Samisdat.Ich möchte nicht dahingehend mißverstanden werden, daß ich die
Gegenwart mit den letzten Jahren des real existierenden Sozialismus gleichsetze. Neben einigen anderen Unterschieden gibt es einen unwiderlegbaren: die DDR hatte den Westen als ihren Antipoden, während uns jetzt dieses Schreckgespenst, diese Hoffnung und Alternative fehlt. Alles ist Westen, und in diesem ist es völlig gefahrlos möglich, ein Buch zu drucken und zu verteilen.

Man geht mit seinem Stick in einen Copyshop, läßt die entsprechende Datei ausdrucken, die Blätter beschneiden und kartonieren und erhält für rund 200 Euro rund zwanzig Exemplare, die man wie zu alten Zeiten bei einer Hinterhoflesung verschenken oder
verkaufen kann.

Eines dieser Produkte war in die Hand jenes sehr bärtigen Mannes geraten, der mich zu Beginn dieses Berichtes gefragt hat: »Was ist eigentlich mit Ihnen und den Verlagen los?«
Auch seinen Namen habe ich nicht vergessen, aber ich möchte hier nur andeuten, daß er an einen Beisitzer im Gericht erinnert. Daß er mir in meiner Wohnung gegenübersaß, nahm ich als Zeichen einer ungewohnten Zuwendung des Verlegers zu seinem
künftigen Autor. Denn jener wollte unbedingt den Roman Die Sintflut in Sachsen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Ich bemerkte dazu, daß es mir weniger darauf ankommt, ein weiteres Buch zu publizieren, als auf einen Verlag, der sich mir als Autor und seinem Werk insgesamt annimmt. Das sei selbstverständlich, meinte der Verleger, und ohnehin Philosophie (!) seines Hauses. Von meinen vergriffenen Büchern solle ich mir schleunigst die Rechte zurückgeben lassen, damit er sie neu herausbringen könne.
Und auch, was aus meinen gut gefüllten Schubladen zuerst dem Roman folgen sollte, wurde besprochen: die kommentierten Tagebücher aus den Ost- und den Westberliner Jahren, die unter dem Titel Verlassene Werke die Fortsetzung meines autobiographischen Romans bedeuten und mit dem Mauerfall enden würden, dessen Jubiläum bevorstand.

Die Zeit bis zum Erscheinen des Romans war mit süßen Träumen angefüllt. Nun, im Herbst des Lebens, schien ich endlich die Früchte meiner Beharrlichkeit ernten zu können. Schöffling – jetzt ist der Name doch herausgerutscht – versicherte mir, daß er sich einen langen Atem bei seinen Autoren leisten könne, da der Hauptumsatz des Verlages mit den beliebten Katzenkalendern seiner Frau gemacht würde. Richtig: Katzen fangen Mäuse, und in dem gewaltigen Verlegerbart war Platz für ganze Nester
von ihnen. Auch mit der Resonanz auf mein Buch konnte er zufrieden sein.
Zwar löste es keine Sintflut aus, aber doch eine deutliche Wellenbewegung unter den Lesern, die noch verstärkt wurde, als es im MDR in fast voller Länge gelesen und eine zweite Auflage gedruckt wurde; außerdem trat ich in diesem Sommer das Amt des Stadtschreibers von Dresden an.

Dann aber geschah Seltsames. Auf meine Frage nach einem Vertrag für die Tagebücher wurde erst reagiert, als es zu spät geworden war, sie noch einem anderen Verlag für diesen Herbst anzubieten. Beim Blick in den Vertrag glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Der rund 500seitige Text (immerhin reflektiert er die zwei entscheidenden Jahrzehnte meines Lebens) sollte maximal 250 Seiten umfassen, den niemals zuvor genannten Titel Deutsches Tagebuch (seit Kantorowicz unverwendbar) erhalten, der Honoraranteil des Autors auf sechs Prozent sinken – ein Vertrag mithin, den ich gar nicht unterschreiben konnte.
Daß es genau darauf abgesehen war, wurde aus der umgehenden Antwort klar, die ich auf das Schreiben erhielt, in dem ich meine Einwände formuliert und ein klärendes Gespräch angeboten hatte: die Vorstellungen von Autor und Verlag lägen so weit auseinander, daß sich nun unsere Wege trennen müßten; der Roman bleibe selbstverständlich im Handel, viel Erfolg für die Verlassenen Werke.
Was konnte diese plötzliche Zurückweisung nicht nur eines Manuskriptes, sondern seines Verfassers ausgelöst haben? Ich war auf Vermutungen angewiesen. Gleichzeitig mit der Sintflut hatte ich dem Verlag eine Satire angeboten, in der Mao, durch einen daoistischen Priester in die Unsterblichkeit versetzt, mithilfe magischer Zwiebeln das Weltgeschehen der letzten 50 Jahre gesteuert hat.
Auf meine Frage, ob sein Desinteresse an einer Veröffentlichung politische Gründe habe, hatte Schöffling in salomonischer Weisheit geantwortet: »Vielleicht.« Zweifellos legte er Wert auf eine politisch korrekte Haltung seines Verlages. Gleich zu Beginn hatte mich ein Fragebogen erstaunt, in dem ich unter anderem nach meiner heutigen Haltung zur braunen Gesinnung meines Vaters (der sicher äußerst vielfarbig, aber niemals auf diese eine Farbe zu reduzieren war) befragt wurde, ob ich noch Verbindungen zu Schulkameraden unterhalte und wie ich zur Neonaziszene meiner Heimatstadt Wurzen stehe.

Ich habe so lapidar wie möglich geantwortet. Ein zweites Mal stutzte ich, als mir die Pressemappe zugeschickt wurde. Zu meinem Unglück hatte nicht nur der linke konkret, sondern auch die auf der Gegenseite verorteten Junge Freiheit und Sezession den Roman mit durchaus ähnlicher Zustimmung besprochen. Was für eine Gelegenheit bot sich dem Verlag, die erstaunliche Bandbreite positiver Reaktionen zu dokumentieren!
Aber nein: An den Rändern der unwillkommenen Artikel las ich Kommentare wie Nicht zitieren! und Woher haben sie überhaupt das Buch? Von uns nicht! Von mir auch nicht, aber reichte es schon, durch Rezensionen in den Verdacht der Komplizenschaft mit der rechten Szene zu geraten?
Meine Stadtschreibergänge über das heikle Pflaster von Dresden dürften diesen Verdacht bestärkt haben. Als das Buchhaus Loschwitz mich zu einer Lesung einlud, sah ich keinen Grund für eine Ablehnung.
Zwar wußte ich, daß seine Betreiber auf der falschen Seite der geistigen Bürgerkriegsfront standen, die diese Stadt durchzieht, aber in der DDR habe ich mir eine gewisse Störrischkeit zugelegt, wenn man von mir Treuebekundungen verlangt.

Jenseits aller politischen Überzeugungen gilt mein Respekt jedem, der seine in der Minderheit befindliche Meinung ohne Schaum vor dem Mund vertritt.
Das unterscheidet den Autoren vom Verleger. Während der Verleger, da er mit seinen Produkten Geld verdienen will, immer die größtmögliche Majorität im Auge hat, muß ein Autor sie ignorieren können, um zu der ihm einzig wichtigen, im Schöpfungsakt liegenden Befriedigung zu gelangen. Zwischen Autor und Leser stehen neben den Verlegern die diesen Prozeß behindernden oder fördernden, auf jeden Fall kanalisierenden Mann- und Frauenschaften des berufsmäßig verfertigten öffentlichen Wortes.

Dazu gehört natürlich auch die Mehrzahl der Schriftsteller mit ihren feinen Nasen für die jeweils herrschende Windrichtung. Das ist heute nicht anders, als es in der DDR war. In ihr gab es den Begriff der Staatstreue, mit dem der nicht unbedeutende Teil der Bürgerschaft charakterisiert wurde, der seinen gesellschaftlichen Aufstieg mit dem Verzicht auf persönliche Ansichten bezahlte. Heute wird dieser Begriff nicht mehr gebraucht, aber die damit bezeichnete Haltung wieder eingefordert, und zwar merkwürdigerweise besonders von jenen, die diesen Staat einmal am heftigsten bekämpft haben, jedoch nun, nachdem sie, Maos Devise vom Marsch durch die Institutionen folgend, ihn in ihre Hand bekommen haben, seine eifrigsten Verteidiger geworden sind.

Der Autor aber hat außer sich selbst niemanden treu zu sein, am wenigsten einem wie auch immer gearteten Staat. Beharrt er darauf, so findet er sich schnell im Abseits wieder, wie es Martin Walser geschah. Ich meine nicht seine Sympathie für die DKP, die ihm gern verziehen wurde, sondern daß er in seiner Paulskirchenrede den selbstverständlichen Umstand benannte, daß, wie alle historischen Ereignisse, auch der Völkermord an den Juden instrumentalisiert werden könne.

Schlimmer traf es Akif Pirinçci. Wenn es ein Beispiel für die gelungene Integration türkischer Zuwanderer gibt, dann ist er es. Sein Katerdetektiv ist der legitime Nachfolger von Kater Murr, liest und zitiert Schopenhauer. Was hat er getan, daß er aus den Verlagsprogrammen und Buchhandlungen verbannt wurde? Er hat Reden in Dresden gehalten. Nun ist das öffentliche
Redenschwingen für mich ohnehin nicht bewundernswert, aber die von Heinrich Mann, Anna Seghers oder Hermann Kant vor Schriftstellerverbänden und Akademien haben zurecht nicht zum Boykott ihrer Werke geführt.

Und was, wenn nicht stupideste Staats- oder Parteitreue, kann den Suhrkamp-Verlag bewegt haben, sich im Zwitscherkanal des Internets von den gesellschaftspolitischen Äußerungen Uwe Tellkamps zu distanzieren?
Wohin soll das führen? Nun, in meinem Fall wohl dazu, daß auch ich mich im Lager der neuen Rechten wiederfinde, was vom Standpunkt der Lebenserwartung zwar vorteilhafter ist als den alten Linken anzugehören, aber dem Genuß des verlängerten Lebensabends hinderlich sein kann. Wir werden sehen.


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