1. Februar 2020

Linke Lektüre. Eine Anleitung

Benedikt Kaiser

PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Dezember 2020

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Wenn seitens des Autors dieser Zeilen bisweilen positiv über linke Autoren, Lektüren, Leseerfahrungen räsoniert wird, erfolgt dies von einem »neurechten« Standpunkt aus. Im weitesten Sinne »linke« Ideen als im weitesten Sinne »Rechter« zu rezipieren, erscheint lediglich auf den ersten Blick als ein augenfälliger Widerspruch. Denn die sogenannte Neue Rechte, die in den 1960er Jahren in Frankreich und einige Jahre später in der BRD entstand, war – bei aller weiterhin angezeigten Kritik an
dem Phänomen und der Begriffsschöpfung – nicht das, was heute oftmals mit ihr verbunden wird, wenn man sich beispielsweise erst seit 2015, dem Sommer der Migration, näher mit der vielfältigen politischen Sphäre rechts der »Mitte« beschäftigt.

Der seit 2015 anhaltende Rechtsrutsch bringt es mit sich, daß heute sogar hedonistisch-neokonservative Kreise zum »neurechten« Komplex gerechnet werden – eine lästige Begriffsverwirrung. »Neue Rechte« bedeutet nämlich ganz sicher nicht, aus einem infantilem Trotz heraus stets jene Auffassung zu vertreten, die dem, was als »links« (oder »linksgrün«) gilt, diametral entgegengesetzt sein dürfte.
Die Neue Rechte war und ist aber, bei aller damals wie heute gebotenen Heterogenität artikulierter Standpunkte, keine Veranstaltung für Verkürzungen der Denkwege oder für egomanische Verhaltenslibertäre, sondern primär für jene,

- die aufgeschlossen und wach ihre Sinne für Veränderungen im gesellschaftlichen Rahmen schärfen;

- die nicht zeitgeistig, aber doch auf der Höhe der Zeit geistig tätig sind;

- die eine realistisch-nüchterne und präzise Lageanalyse einem ideologischen Bekenntnis- und Gesinnungszwang vorziehen;

- und die im Sinne einer »metapolitischen« Ausrichtung erkannt haben, daß die Veränderung des Alltagsverstands der Menschen im vorpolitischen, kulturellen, medialen Raum für eine wirkliche Umgestaltung der Realität wichtiger sei als ein, zwei Prozentpunkte mehr im parlamentarischen Raum, wichtiger auch als ein, zwei große Anfragen und Gesetzesvorlagen, als ein oder zwei mehr oder weniger kluge Koalitionsbeteiligungen einer »rechten« Kraft.

Diese Aspekte zählen für die heutige Neue Rechte ebenso wie für ihre Pioniere einige Jahrzehnte vorher. Denn die Neue Rechte war in ihrem Ursprungsland Frankreich von Anbeginn der Versuch, die Selbstbeschränkung einer politischen Richtung, die sich aus falsch verstandener Prinzipienfestigkeit im Links-Mitte-Rechts-Koordinatensystem verorten wollte, zu überwinden. Die Neue Rechte war der aus der Zeit heraus objektiv notwendige Versuch, ein Denken in Synthesen zu wagen, Dinge zu kombinieren und zu etwas anderem, eben Neuem zu verschmelzen, geradeweil stete Entwicklungen in Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik einfache Schwarz-Weiß- oder einfache Links-Rechts-Antworten aussichtslos werden ließen.

Diese angedeuteten Erkenntnisse zu verinnerlichen hieß und heißt freilich nicht, daß man alles, was die genuin rechten Traditionslinien vergangener Generationen beinhaltet, über Bord werfen sollte. Diese Linien muß man aufnehmen und sich aneignen, wenn es sinnvoll ist, korrigieren, wo es nötig, und weiterführen, wo es überzeugend erscheint.

Eine neue Denkweise in Synthesen von rechts her zu erschließen heißt zu erkennen, daß neue Probleme, Konstellationen und Widersprüche eben mit neuen Methoden und Erkenntniswegen einhergehen müssen.
So auch in der Gründungszeit der »Neuen Rechten«: Man stürzte sich in verschiedene wissenschaftliche Zweige, vertiefte Erkenntnisse der Anthropologie, der Verhaltenslehre, der Biologie und der Soziologie. Man rüstete theoretisch auf, weil die politische Rechte diese Arbeit in den Jahren vorher diesseits wie jenseits des Rheins aus habituellen und ideologischen Motiven heraus vernachlässigt hatte.
Zu diesen theoretischen Erkenntnisprozessen – inklusive einiger später korrigierter Ableitungsfehler rund um einen biologistischen Reduktionismus – kam der naheliegende praktische Zug. Denn es steht außer Zweifel, daß sich die – wiederum: äußerst heterogene – Linke in den 1960ern lebendiger, lesebegeisterter, theoriehungriger und erfolgreicher denn je präsentierte.
Kurz: Sie war das krasse Gegenteil von dem, was man heute mit ihr verbinden dürfte. So war es konsequent, daß man von »neurechter« Positionierung aus den Blick nach links wandte und sich durch Regalmeter Literatur wühlte. Eben so kam es, verkürzt dargestellt, daß die erste neurechte Generation in Frankreich um Alain de Benoist und Dominique Venner bzw. in Deutschland um Henning Eichberg neben rechtem Aktionismus und rechter Ideenpolitik vor allem linke Lektüren pflegte und gewisse Früchte der Auseinandersetzung in das eigene Weltbild integrierte. Bei den französischen Neurechten um Benoist und in seinen drei Periodika – éléments, Krisis, Nouvelle École – hält diese linke Lektüre bis heute konstruktiv an.

Benoist teilte auch dieser Zeitschrift 2014 mit, was die Grundhaltung des originär neurechten Herantastens an Begriffe, Ideen, Denkweisen auch linker Provenienz ausmache. Er nannte linke Autoren, in deren Büchern er Erkenntnisse zu finden glaubte. Gerade auch, weil über den Nutzen der Lektüre einiger von ihnen trefflich gestritten werden darf, wird einmal mehr deutlich, daß jeder persönliche Zugänge zu Analysen und Theorien über eigene Anknüpfungspunkte und Interessensgebiete finden muß; einen goldnen Weg gibt es auch bei der Auswahl linker Lektüre für Rechte nicht.

Ohnehin: Linke Lektüre für undogmatische, aufgeschlossene Rechte – das kann im schlechten Fall zu anderen Ergebnissen führen als zur Integration adaptionsfähiger Gedanken des politischen Gegners in das eigene Weltbild. Bei Henning Eichberg etwa sorgte es für den sukzessiven Übergang in das andere politische Lager. Letztlich nämlich arbeitete er nicht, wie sein temporärer Gefährte Alain de Benoist, an einer links-rechts-synthetisierenden Politik mit rechten Persönlichkeiten, sondern versuchte eine dezidiert linke Politik mit dezidiert linken Menschen zu gestalten. Daran ist nicht nur zu erinnern, weil Eichberg einst der Gründungsvater der deutschsprachigen Neuen Rechten gewesen ist (als der er heute noch durch die Sekundär- und Tertiärliteratur tingelt, ohne – grosso modo – überhaupt weiterhin als inspirierende Quelle gelesen zu werden). Dessen gilt es sich vielmehr deshalb zu entsinnen, weil linke Lektüren für jede einzelne Person die Option offenhalten, sich von ihnen überzeugen zu lassen, und zwar: gänzlich überzeugen zu lassen.

Ohne Eichberg als vielschichtigen Denker pauschal zu verwerfen, muß konstatiert werden, daß ein festes Fundament, ein ausgeprägtes weltanschauliches Bewußtsein und – so kann ganz idealistisch angenommen werden – auch ein bestimmter Charaktertyp vorliegen sollte, wenn man sich als (Neu)Rechter in linke Gedankenmodelle einarbeiten möchte, um sie als Steinbruch auszubeuten.

Es ist notwendig, sich bei allen möglichen Schnittmengen, die sich beim Zugriff auf linke Werke andeuten, an entscheidende Differenzen zu erinnern. Alain de Benoist als Philosoph und Universalgelehrter muß ein solches Erfordernis nicht eigens betonen, aber wer nicht »nur« geistig schöpferisch wirken möchte, sondern auch realpolitische Veränderungen anstrebt und auf die Bildung junger Multiplikatoren abzielt, sollte sich bei ideenhistorischen wie aktuellen Examinierungen linker Ansätze der
nur schwer veränderlichen Trennlinien bewußt bleiben.

1. Das skeptische Menschenbild ist eine entscheidende Trennlinie: Mit Arnold Gehlen, Konrad Lorenz und Alexis Carrel gehen wir davon aus, daß der Mensch ein Mängelwesen ist, das der Gemeinschaft und der stabilisierenden Institutionen bedarf. Als Mängelwesen zum Guten wie zum Schlechten fähig, sind es tragende Säulen einer gemeinschaftlichen Ordnung, die den Individuen Orientierung und Normen des Zusammenlebens mitgeben. Sie sind unverzichtbar und nicht beliebig. Ein neurechter Standpunkt verwirft bei einer grundlegenden Position wie dem skeptischen Menschenbild jede Form der Beliebigkeit, denn er glaubt nicht an die Totalemanzipation der Persönlichkeit zu einem von Bindungen und Pflichten gelösten, frei oszillierenden Individuum.

2. In neurechten Weltbildern kommen keine abstrakten Menschen in einer abstrakten Menschheit vor. Das Interesse gilt dem Plastischen, dem Lebendigen, gewissermaßen dem Organischen. Der Mensch existiert als konkreter Mensch, als Persönlichkeit in einem bestimmten, vielschichtigen Zusammenhang. Man kann gemäß neurechter Vorstellung des Lebens familiäre, regionale, volkliche oder nationale Identitäten nicht willkürlich gestalten. Vorhandene und übermittelte identitäre Marker sind dabei keine absoluten Determinanten, und fast jedes Individuum weist eine relative Gestaltungsfreiheit und -hoheit auf. Aber die Vorprägungen verorten und verwurzeln den Einzelnen, sie geben ihm jenes Fundament, von dem aus er seine eigene Persönlichkeitswerdung und gestalterische Lebensführung überhaupt erst gedeihen lassen kann.

3. Dieser Entwicklungsgedanke führt zu einer weiteren unumstößlichen Differenz zwischen neurechten und linken Denkwelten: Neurechte Akteure arbeiten mit dem, was sie haben, um schrittweise zu jenem Fernziel zu kommen, das unter Berücksichtigung des skeptischen und identitären Menschenbildes – skizziert als 1. und 2. – praktikabel oder zumindest am Horizont denkbar erscheint. Anders als Gärtnerkonservative und bloße Traditionskompanien im rechten Beritt erkennt man die mobilisierende Rolle von nationalen und sozialen Mythen und, situativ, von politischen Utopien durchaus an. Doch wirken sie – und eben dies macht ja den Unterschied zu linken Ideologien aus – im Rahmen dieser Standpunkte als Stimulanz, als dynamisierendes Element, und gerade nicht als Selbstzweck; sie geben keine Grundlage für ein Menschenbild ab, sie dienen nicht als Folie für eine integrale Weltanschauung oder politische Theorie.

Akzeptieren wir diese drei Gesichtspunkte als Unterscheidungen zwischen links und neurechts, kann man sich auf interessante, fruchtbare Ausflüge in linke Gefilde begeben. Es gibt dabei aber zwei bedenkenswerte technische »Richtlinien«, wenn man als »Rechter« linke Autoren – Klassiker oder auch aktuelle Denker – liest: Man rezipiert als eine Person, die dort, wo es sinnvoll erscheint, durch Erkenntnisse des »Gegners« lernen will.

Linke Lektüre dient nicht der theoretischen Selbstunterhaltung, sondern, zumindest à la longue dazu, Realitäten zu verändern, die aber erst substantiell verstanden und durchblickt werden müssen. Hier können, um ein Beispiel anzuführen, linke Analytiker kapitalistischer Prozesse – Stichworte: Entfremdung, Kommodifizierung des Lebens, Vermögensspreizung, Postpolitik – hilfreich sein.

Der zweite Aspekt besteht darin, sich bewußt zu werden, daß eine lernende Lektüre nicht gleichzusetzen ist mit einer nachahmenden Lektüre im Sinne einer kritiklosen Übernahme oder Selbstanpassung an linke Grundüberzeugungen und Standpunkte.
Wenn mit Helmut Kellershohn einer der klügeren gegnerischen Beobachter der neurechten Szenerie in einem aktuellen Sammelband moniert, der Autor dieser Zeilen interessiere sich bei linker Lektüre vor allem für solche Aspekte, die aus heutiger Sicht – und speziell aus Sicht der Rechten – von Bedeutung sein können, trifft er untrüglich den Punkt: Was anderes als dies sollte eine synthetisierende rechte Lektüre auch bezwecken?

Es geht um die Ausdehnung des neurechten Horizonts um Erkenntnisse, die auf bestimmten Themenfeldern mitunter eher aus den Reihen der »Gegenseite« formuliert werden, und seltener in der eigenen Hemisphäre Beachtung und Würdigung finden. Man gibt seine eigenen Standpunkte nicht preis, wenn eingeräumt wird, daß – damals wie heute – auch links der Konsens-»Mitte« patente,
anschlußfähige Denker wirken, deren Urteilskräfte man kontextbezogen in eigene Dienste stellt. (Ob dieses Methode auf Gegenliebe stößt oder nicht, ist gänzlich unerheblich.)

Weil sich überdies die aktivistische Linke der Bundesrepublik als »Bewegungslinke« in ideologische Sackgassen individualistischer »Antidiskriminierungspolitik« verrennt und noch jeden nicht rationalisierbaren Wahnsinn auf die Spitze treibt, weil also die heutige Linke der Praxis überwiegend nur noch eine Verfallserscheinung darstellt, fehlen aber den diversen anschlußfähigen Theoretikern von links starke Resonanzräume und jene Empfängerkreise, die ihre Analysen aufnehmen, verinnerlichen, modifizieren oder herunterbrechen und in Massenpolitik umsetzen können. Man zitiert von links zwar ohne Unterlaß seine Granden, wie beispielshalber Wolfgang Streeck und dessen Analyse über die Gekaufte Zeit (Berlin 2013/2018), aber man hat verlernt, selbstkritische Ansätze ernst zu nehmen. Streecks Schilderung etwa der Rolle jener »68er«, die einst gegen den »Konsumterror« opponierten, um hernach einer Periode der beispiellosen Kommerzialisierung und des Konsumismus freie Bahn zu verschaffen, verpuffte ebenso im luftleeren Raum wie seine Warnung an die vom Kampf gegen Rechts einseitig besessene Linke, daß »nicht mehr der Nationalismus die größte Gefahr (darstelle), schon gar nicht der deutsche, sondern der hayekianische Marktliberalismus«.

Diese Kritik bleibt erfreulicherweise ohne Resonanz; die Linke steckt trotz Streeck gemeinsam mit dem liberalen Juste Milieu in der konformistischen Rebellionsblase, in der wir sie auch belassen sollten. Denn just hier kommt recht eigentlich die Neue Rechte ins Spiel, die ertragreiche Untersuchungen und Betrachtungen durch die klügeren linken Autoren im deutschsprachigen Raum fast exklusiv aufnehmen, modifizieren oder herunterbrechen und, eingebettet in weiterführende Positionen, in praktische Massenpolitik umsetzen kann. Denn was bemerkenswert erscheint: Anders als teils in rechten Gefilden zeichnet sich links eine inhaltlich sehr breit aufgestellte Grundkonstellation ab. Man beschäftigt sich bei den befähigten Restlinken nicht einseitig mit Gender Mainstreaming oder Geschichtspolitik, sondern deckt die unterschiedlichsten Felder ab, von Wirtschaft bis Psychologie und von populistischen Experimenten bis zur Polemik gegen das linksliberale Kartell der Herrschenden.

Konkret gefaßt zählen zur heterogenen Linken heute Soziologen wie Streeck, Wirtschaftsexperten wie Thomas Piketty, Psychologen wie Rainer Mausfeld, Polemiker wie Slavoj Žižek, freie Radikale wie Alain Badiou, Populismusdenker wie Chantal Mouffe, Dramaturgen wie Bernd Stegemann oder Politiker wie Sahra Wagenknecht. Sie zu lesen, im Rahmen einer »unterscheidenden Lektüre« (Rolf Peter Sieferle), gehört zu einem auf den eigenen Fundamenten aufbauenden und nach Erkenntniserweiterung und Profilschärfung strebenden politischen Milieu unweigerlich dazu.

Eine damit verbundene positive Rezeption linker Texte, also eine konstruktive linke Lektüre, will dabei zweierlei nicht und zweierlei explizit. Es geht erstens nicht allein darum, zu zeigen, daß es gerade im Analysebereich gescheite Restlinke gibt. Und es geht zweitens überhaupt nicht darum, diese Köpfe innerhalb ihres Milieus stärker zu machen. Es ist gut, wie es ist, und das meint hier: Es ist gut, daß sie ihrer Resonanzräume im eigenen Lager verlustig gehen, daß sie eher angefeindet als herangezogen werden, daß sie ihre konstruktiven Untersuchungen in ein – vermeintliches – Vakuum hineinschreiben.

Es geht demgegenüber explizit um zweierlei, um etwas Inhaltliches und etwas Strategisches. Erstens geht es inhaltlich um das Sich-Aneignen einer umfassenden Lektüre, wozu eben auch linke Lektüre zählt. Alain de Benoist hat dies, zusammenfassend dargestellt, so erklärt: Wenn man einer »Neuen Rechten« angehört, kann man sich von einem festen Fundament aus auch bestimmten linken Ideen verbunden fühlen. Auch deren Theorien sind, bei allem berechtigten Widerspruch gegen sie, keine isolierten Systeme, und es gab immer schon optionale Verbindungswege zwischen einzelnen Denksträngen von »ihnen« und »uns«.

Er sehe keinen Widerspruch darin, sich neben den obligatorischen Namen wie Heidegger, Jünger oder Schmitt auch auf linke Vordenker zu beziehen. Denn eine Neue Rechte habe den neoliberalen Kapitalismus schon lange als »Hauptgegner« erkannt, die linken Spielarten währenddessen als unterschiedliche »Nebengegner«, die wiederum erst den einflußreicheren Hauptgegner als Grundlage für ihr Handeln benötigen.
Es sei hier auch an Armin Mohlers Gleichnis des Primär- und Sekundärgegners erinnert, also des Liberalen einerseits und des Linken andererseits, der erst die geschaffenen Zustände des Erstgenannten benötigt, um wirken zu können. Daher, so Benoist, interessiere sich die Neue Rechte »selbstverständlich für die bis dato schärfsten und besten Kritiker des Kapitalismus« und seiner Verhältnisse. Zumal dann, so ließe sich ergänzen, wenn es »rechts« auf bestimmten unverzichtbaren Feldern und zu bestimmten unverzichtbaren Sujets keine vergleichbaren wissenschaftlichen Analysen gibt.

Zweitens geht es strategisch um ein synthetisierendes Denken. Dieses Denken in Widersprüchen und konstruktiven Verbindungen kann dazu führen, daß intern vorhandene Schwachpunkte durch externe Stärken ausgeglichen werden. Es geht darum, das Eigene, das Neurechte, differenzierter, substantieller, wirkungsvoller und kohärenter werden zu lassen. Dies umreißt das Hauptziel.

Eine in alle Richtungen inhaltlich und analytisch tastende, suchende, sich korrigierende Neue Rechte hat es auch in einer komplexer werdenden zukünftigen Realität nicht nötig, auf der linken Seite nach Partnern, etwa für eine unter den gegebenen Verhältnissen irreale »Querfront«, zu suchen. Sie würde dann aus eigener Kraft eine intellektuelle Alternative zum postpolitischen Status quo verkörpern.
Das kann zusätzlich und akzidentiell den graziösen Nebeneffekt aufweisen, jene Restlinken anzuziehen, die in ihrem Lager an der Verengung des Sagbaren leiden und die aufgrund ihrer realistischen Auffassungsgabe angefeindet werden.
Aber dies ist kein Selbstzweck, keine sentimentale subjektive Versuchung.

Linke Lektüre von rechts heißt eben auch: »ausschlachtend« und zergliedernd lesen, und dort zuzupacken, wo es zu helfen verspricht. Ob Gegner ein solches Prozedere dann als »Diskurspiraterie« oder »Eklektizismus« schelten, kann gelassen zur Kenntnis genommen werden.
Es geht auch bei neurechter politischer Theorie und ihrer Genese um die Veränderung der Zustände in Deutschland und Europa – und nicht um Bestnoten für ideenhistorische Reinheit, für ideenhistorischen Benimm.
Bestnoten sind etwas für Verfechter einer reinen Lehre, bemüht Schöngeistige oder auch altkonservativ Distinguierte. Uns geht es um viel mehr:
Wir wissen, daß das Denken kein Selbstzweck ist, keine bloße Koketterie. Wir bejahen darüber hinaus, daß »das Denken nicht von der Praxis trennbar ist« und »gegen die Logik des Kapitals, gegen die Entwurzelung der Völker und die Ausmerzung der Kulturen« nur ankämpfen kann, wer »über ein alternatives Theoriewerk verfügt« (Alain de Benoist). Dieses fällt nicht vom Himmel, man muß es sich erarbeiten. Neue Rechte – das heißt einmal mehr Work in Progress.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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