Heroisches Scheitern – Tolkiens Reich

von David Engels
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Dezember 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Das sich vor unse­ren Augen abspie­len­de End­sta­di­um der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­ti­on ist geprägt von einer gro­ßen Ver­wir­rung. Dies war in der Welt­ge­schich­te schon immer die Fol­ge jener »Umwer­tung aller Wer­te«, in der sich der letz­te Rest des Alten ver­zehrt, ohne daß viel Hoff­nung auf eine Neu­ge­burt bestünde.
Und den­noch müs­sen wir, drin­gen­der als je zuvor, Urtei­le fäl­len und rasch han­deln, wol­len wir zumin­dest ein wenig von dem guten Geist des alten Abend­lands über jene »Jah­re der Ent­schei­dung« hin­weg­ret­ten und für eine viel­leicht fer­ne Zukunft frucht­bar machen.

Mehr denn je brau­chen wir dabei geis­ti­ge Not­hel­fer, um das Pro­fil jener Erneue­rung zu schär­fen und uns klar dar­über zu wer­den, was das »Eigent­li­che« aus­macht, das es zu bewah­ren gilt; und dabei könn­te dem Werk von J.R.R. Tol­ki­en eine kaum zu unter­schät­zen­de Bedeu­tung zukommen.
Tol­ki­en, Pro­fes­sor für eng­li­sche Phi­lo­lo­gie in Oxford, ist der Mas­se vor allem durch die jüngs­ten Ver­fil­mun­gen des Hob­bit und des Herrn der Rin­ge bekannt, wel­che auch das Inter­es­se an sei­nen ande­ren Schrif­ten wie­der­erweckt haben, unter denen das Sil­ma­ril­li­on die bes­te Über­sicht über sei­ne Pri­vat­my­tho­lo­gie und die Brie­fe den sicher voll­stän­digs­ten Ein­blick in sei­ne tag­täg­li­che Gedan­ken­welt liefern.

Ursprüng­lich mit dem spie­le­ri­schen Gedan­ken begon­nen, aus spe­ku­la­ti­ven Ety­mo­lo­gien und erfun­de­nen Spra­chen eine »Mytho­lo­gie« für Eng­land zu schaf­fen, wel­ches mit der nor­man­ni­schen Erobe­rung sei­ne eigent­li­che, angel­säch­si­sche See­le ver­lo­ren hat­te, wur­de aus jenem phi­lo­lo­gi­schen Zeit­ver­treib rasch eine impo­san­te »Sekun­där­schöp­fung«, wel­che tief in Tol­ki­ens katho­li­schem Glau­ben ver­an­kert war und vie­le der per­sön­li­chen Fra­gen ihres Autors auf eine arche­ty­pi­sche mytho­lo­gi­sche Ebe­ne erho­ben und
dort sym­bo­lisch beantworteten.

Tol­ki­ens Werk ist auf­grund sei­ner Viel­schich­tig­keit und sei­nes Tra­di­tio­na­lis­mus eine wah­re Fund­gru­be für den heu­ti­gen Kon­ser­va­ti­ven; und es ist erstaun­lich, daß die sich hier­aus erge­ben­den Chan­cen gera­de in Anbe­tracht der uner­meß­li­chen Popu­la­ri­tät Tol­ki­ens bei jun­gen Men­schen noch nicht ein­mal ansatz­wei­se erkannt wor­den sind. Gott als his­to­ri­scher Akteur; Gut und Böse als unver­han­del­ba­re Grö­ßen; Ehre, Treue und Pflicht als höchs­te Tugen­den; kla­re gesell­schaft­li­che Hier­ar­chien; fes­te Geschlech­ter­rol­len; Ein­sicht in die Ver­geb­lich­keit allen mensch­li­chen Tuns; Schön­heit und Leid als ein­an­der bedin­gend; die Hoff­nung auf die Wie­der­kehr des Königs – Tol­ki­ens Gedan­ken­welt steht, genau betrach­tet, eigent­lich für all das, was im 21. Jahr­hun­dert als »poli­tisch unkor­rekt« ver­teu­felt wird, und auch Tol­ki­en gab sich, was sei­ne eige­ne Posi­ti­ons­be­stim­mung betraf, kei­ner­lei Illu­sio­nen hin.

Daß Tol­ki­ens Wer­ke trotz oder gera­de auf­grund jenes ver­gif­te­ten Kli­mas inmit­ten unse­rer hoch­ka­pi­ta­lis­ti­schen, ato­mi­sier­ten Welt­ein­heits­kul­tur wie­der mil­lio­nen­fach gele­sen wer­den, beweist nur das gewal­ti­ge Poten­ti­al sei­nes Den­kens. Im Fol­gen­den wol­len wir eini­ge moder­ne Pro­ble­me des gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Kon­ser­va­tis­mus im Lich­te des Tol­ki­en­schen Werks betrach­ten und somit hof­fent­lich zu einer wei­te­ren Beschäf­ti­gung mit dem The­ma anregen.

Die Umwer­tung aller Werte

Die Ent­wick­lung der letz­ten Jahr­zehn­te hat gezeigt, daß eine Gesell­schaft ohne tran­szen­den­te Grund­la­ge frü­her oder spä­ter zu Ent­ar­tung und Schei­tern ver­ur­teilt ist, eben­so, wie in Tol­ki­ens mythi­schen Geschichts­zy­klen Hybris und Abwen­dung vom gött­li­chen Gesetz immer wie­der in den Zusam­men­bruch füh­ren; sei­en es die Ver­bre­chen der Nold­or in Bele­ri­and, der Fall Nume­nors oder der lang­sa­me Nie­der­gang Arnors und Gondors.

Was vie­le kri­ti­sche Den­ker schon seit dem 18. Jahr­hun­dert ahn­ten, ohne doch von den fort­schritts­be­rausch­ten Mas­sen ernst genom­men zu wer­den, ist schließ­lich ein­ge­trof­fen: Nach­dem sich auch die letz­ten Res­te von Anstand, Ehre, Treue, Fami­li­en­gefühl und Gewis­sen nach zähem Kampf ver­flüch­tigt haben, tre­ten uns die Fol­gen der geis­ti­gen Dik­ta­tur der angeb­li­chen »uni­ver­sel­len Rech­te« klar vor Augen, die an ihre Stel­le gerückt sind.

Aus der »Ach­tung der Men­schen­wür­de« wird die Gene­ral­voll­macht zur Abtrei­bung bis zum Tag der Geburt abge­lei­tet; aus der »Demo­kra­tie« ein büro­kra­ti­sches Mons­ter wie die EU; aus der »Gleich­heit« ein dua­les Sys­tem, in dem die Pro­ble­me nicht bei den »Eli­ten«, son­dern den »Bevöl­ke­run­gen« gesucht wer­den; aus der »Recht­staat­lich­keit« ein zyni­scher Rechts­po­si­ti­vis­mus; aus der »Nicht­dis­kri­mi­nie­rung« die Hetz­jagd auf »alte wei­ße Män­ner«; aus der Gleich­stel­lung der Geschlech­ter die Ver­schleie­rung als Sieg des Femi­nis­mus; aus der »Tole­ranz« der Frei­fahrt­schein für Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten und Sit­ten­ver­fall; aus der »Soli­da­ri­tät« der Ret­tungs­schirm für die Groß­ban­ken; etc. 

Bereits Tol­ki­en hat expli­zit fest­ge­hal­ten, daß Mor­go­ths Orks und Sar­umans Maschi­nen nichts ande­res sei­en als Sinn­bil­der einer aus ursprüng­lich guten Inten­tio­nen ent­stan­de­nen kol­lek­ti­vis­ti­schen und mecha­nis­ti­schen Welt­auf­fas­sung, wie er sie im Ersten
Welt­krieg erst­mals zu spü­ren bekam, und wie sie sich wäh­rend sei­ner spä­te­ren Lebens­zeit zuneh­mend ver­dich­te­te – nicht nur in den tota­li­ta­ris­ti­schen Staa­ten, son­dern ganz expli­zit auch in der »frei­en Welt«.

Daher irren auch all jene, wel­che glau­ben, ech­ter Kon­ser­va­tis­mus bedeu­te den Wunsch zur Rück­kehr in die angeb­lich »guten alten Zei­ten« etwa der 1980er, bloß weil die kata­stro­pha­len Kon­se­quen­zen des damals bereits fest ein­ge­rich­te­ten Links­li­be­ra­lis­mus noch nicht ihre gesam­te Trag­wei­te ent­fal­tet hat­ten: Was not tut, ist ein voll­stän­di­ges Umden­ken und eine Rück­kehr zu den Ursprüngen.
Denn wo der Mensch das Maß aller Din­ge ist, wird der­je­ni­ge, der Men­schen­tum defi­niert, zum unan­ge­foch­te­nen Allein­herr­scher – und zwar ohne, daß an der äuße­ren Form des Rechts ein Jota ver­än­dert wer­den müß­te, da die wah­re Macht sich längst in die Inter­pre­ta­ti­on, nicht Aus­for­mu­lie­rung des Geset­zes ver­la­gert hat.

Denn wo nur noch die Mecha­nik der Ein­zel­tei­le, nicht aber der tran­szen­den­te Sinn des Gan­zen ins Blick­feld gerät, muß es zu Tyran­nis und Kata­stro­phe kom­men, wie auch Tol­ki­en ein­dring­lich am Bei­spiel jener all­zu Wiß­be­gie­ri­gen wie Fea­nor, Sau­ron oder Sar­uman schil­der­te, die in pro­me­t­hei­scher Selbst­über­schät­zung letzt­lich zu Unmen­schen wer­den, denn »der­je­ni­ge, der etwas zer­bricht, um her­aus­zu­fin­den, was es ist, hat den Pfad der Weis­heit ver­las­sen«, wie schon Gan­dalf weiß.

Mehr denn je brau­chen wir also eine neue Rück­bin­dung unse­res Wer­te­sys­tems an eine tran­szen­den­te Grö­ße als ulti­ma­ti­ven und unver­än­der­li­chen Bezugs­punkt und Legi­ti­ma­ti­on einer jeden Hand­lung, eine sym­bo­li­sche »Rück­kehr des Königs«. Aber frei­lich: Wer wäre heu­te noch fähig, das gan­ze Aus­maß jener Ent­ar­tung über­haupt zu ermes­sen, da Eltern, Schu­len, Medi­en und Poli­tik bei den meis­ten Men­schen fast eine völ­li­ge Aus­höh­lung jeg­li­chen natür­li­chen Gefühls von Anstand und Wür­de so wie einen grund­le­gen­den Bruch mit den Tra­di­tio­nen der kol­lek­ti­ven Ver­gan­gen­heit bewirkt haben? 

Schon Tol­ki­en war äußerst skep­tisch, was das mensch­li­che Ver­mö­gen betrifft, lan­ge Zeit ohne äuße­ren Druck sitt­li­chen Wert zu bewah­ren, und es war kein Zufall, daß er sei­nen im Nach­laß erhal­te­nen Fort­set­zungs­ent­wurf des Herrn der Rin­ge (»A New Shadow«) nach eini­gen Sei­ten abbrach, da er rasch ins Dys­to­pi­sche abglitt.

Und doch: Das dem Men­schen ein­ge­bo­re­ne Bedürf­nis nach einer tran­szen­den­ten Ver­an­ke­rung sei­nes Lebens läßt sich nie­mals völ­lig unter­drü­cken und schlägt sich stets in einer unter­schwel­li­gen Sehn­sucht nach Ord­nung und Sinn­ge­bung nie­der – und, wo eine sol­che sich nicht errei­chen las­sen soll­te, dem unter­be­wuß­ten Wunsch nach Zer­stö­rung der gegen­wär­ti­gen Gesell­schaft, um auf ihren Trüm­mern eine viel­leicht archai­sche­re, aber gesün­de­re Struk­tur zu errich­ten, wie die Fas­zi­na­ti­on für Zombie‑, Fall­out- oder sons­ti­ge apo­ka­lyp­ti­sche Sze­na­ri­en, das wie­der­erwach­te Inter­es­se an Magie und die Sehn­sucht nach vor­mo­der­nen Gesell­schafts­mo­del­len von J.R.R. Tol­ki­en über Andrzej Sap­kow­ski bis Geor­ge R.R. Mar­tin zeigen.

Die­ses Bedürf­nis ist eine Gefahr und zugleich eine Chan­ce für die kon­ser­va­ti­ven Kräf­te Euro­pas: Eine Chan­ce, da jener Sehn­sucht ein gewal­ti­ges poli­ti­sches Poten­ti­al inne­wohnt; eine Gefahr, da jenes Stre­ben gegen­wär­tig von Medi­en und Kon­sum­ge­sell­schaft in eine Rich­tung gesteu­ert wird, wel­che vie­len Grund­vor­stel­lun­gen der abend­län­di­schen Tra­di­ti­on zuwi­der­lau­fen könn­te. Dies ist um so schlim­mer, als gro­ße Tei­le der Kon­ser­va­ti­ven mitt­ler­wei­le dar­über uneins sind, was als eigent­li­cher Kern jener drin­gen­den tran­szen­den­ten Rück­an­bin­dung der abend­län­di­schen Gesell­schaft zu betrach­ten ist. 

Tol­ki­ens Ant­wort auf die­se Fra­ge ist deut­lich: Nur die Rück­be­sin­nung auf die christ­li­che Tra­di­ti­on, und zwar nicht in ihrer gegen­wär­ti­gen Schwund­stu­fe, son­dern in ihrer eigent­li­chen heroi­schen Grö­ße, kann die abend­län­di­sche Gesell­schaft wie­der ihrer eigent­li­chen Schick­sals­be­stim­mung entgegenführen.

Heid­ni­sches und christ­li­ches Abendland

Über min­des­tens tau­send Jah­re war es im Abend­land das Chris­ten­tum, das in Kom­bi­na­ti­on mit loka­len Bräu­chen und letz­ten Res­ten römi­scher Tra­di­ti­on den unhin­ter­geh­ba­ren Bezugs­punkt jeg­li­cher Gesell­schafts­ord­nung dar­stell­te. Das bedeu­tet nicht, daß hier­mit ein voll­stän­di­ger Ant­wor­ten­kom­plex auf jeg­li­che Fra­ge vor­lag, da auch die christ­li­che Tra­di­ti­on einer dyna­mi­schen Ent­wick­lung unterlag.
Trotz­dem bestand immer­hin die Bereit­schaft, alle Pro­ble­me aus der Per­spek­ti­ve eines unwan­del­ba­ren Got­tes- und Men­schen­bil­des und auf Grund­la­ge eines viel­schich­ti­gen Cor­pus an münd­li­chen Tra­di­tio­nen, bibli­schen Tex­ten und kano­ni­schen Aus­le­gun­gen zu klä­ren und dabei die Kate­go­rien von Gut und Böse als abso­lut und jen­sei­tig ver­an­kert vor­aus­zu­set­zen – und nicht, wie heu­te, als »Ver­hand­lungs­sa­che«.

Schon Tol­ki­en mach­te dabei dar­auf auf­merk­sam, wel­che Schwie­rig­kei­ten ent­ste­hen, wenn vom rech­ten Weg abge­wi­chen und fau­le Kom­pro­mis­se ein­ge­gan­gen wer­den: Am Anfang steht der als Idea­lis­mus kaschier­te Ehr­geiz, am Ende die rei­ne Dämo­nie; und oppor­tu­nis­ti­sche Köp­fe, die inmit­ten die­ser gro­ßen Ver­wir­rung die letz­ten Auf­rech­ten als Unru­he­stif­ter brand­mar­ken, da »für schie­len­de Augen die Wahr­heit ein schie­fes Gesicht haben mag«, wie von Gri­ma Schlan­gen­zun­ge berich­tet wird, fin­den sich immer zuhauf.

Jene Zei­ten sind mitt­ler­wei­le spä­tes­tens seit 1789 vor­bei, und selbst die letz­ten Res­te kul­tur­christ­li­cher Leit­kul­tur erlie­gen heu­te dem dop­pel­ten Ansturm von Links­li­be­ra­lis­mus und Isla­mis­mus. Doch es ist nicht nur das Ver­schwin­den des Chris­ten­tums aus dem Mit­ein­an­der und den Her­zen der Men­schen, das eine lang­fris­ti­ge Bedro­hung für die Sta­bi­li­tät unse­rer dem Rela­ti­vis­mus preis­ge­ge­be­nen Gesell­schaft dar­stellt (von ihrem See­len­heil ganz zu schwei­gen) – noch schlim­mer ist die Anpas­sung des­sen, was von den christ­li­chen Insti­tu­tio­nen noch übrig ist, an den Ungeist der Zeit; eben­so, wie auch in Tol­ki­ens Welt der Ver­rat selbst ehr­wür­digs­te Insti­tu­tio­nen aus­höhlt, sei es das König­reich Gon­do­lin, das Statt­hal­ter­amt über Gon­dor oder den Vor­sitz des magi­schen Rates.

Chris­ten­tum, das ist heu­te eine Gemein­schaft gewor­den, wel­che längst den Bezug auf den christ­li­chen Gott auf­ge­ge­ben hat, eben­so wie die phi­lo­so­phi­sche Tie­fe des tri­ni­ta­ri­schen Dog­mas, den stol­zen Anspruch auf abso­lu­te Wahr­heit, den Mut zur heroi­schen Ver­tei­di­gung des Eige­nen und zum Haß auf den Feind, die Ein­sicht, daß das Heil immer nur Resul­tat einer gött­li­chen Gna­de ist, und nicht zuletzt den Stolz auf die eige­ne Ver­gan­gen­heit. An ihre Stel­le getre­ten ist die Reduk­ti­on spi­ri­tu­el­ler Kom­ple­xi­tät auf die Platt­heit des Kant­schen Impe­ra­tivs, die bewuß­te Rela­ti­vie­rung des eige­nen Glau­bens, die als Pazi­fis­mus bemän­tel­te Zahn­lo­sig­keit und vie­les mehr.

Gitar­ren­ge­klim­per statt Bach­scher Ora­to­ri­en, bru­ta­lis­ti­sche Sicht­be­ton­hüt­ten statt goti­scher Kathe­dra­len, poli­tisch kor­rek­ter Zeit­geist statt muti­ger Über­zeit­lich­keit, pas­to­ra­le Stam­me­lei statt jahr­tau­sen­de­al­tem Ritus – das ist aus der Kir­che des 21. Jahr­hun­derts gewor­den, wie bereits Tol­ki­en fürch­te­te, dem schon das Zwei­te Vati­ka­num größ­te Bauch­schmer­zen berei­te­te, und der sich starr des Latei­ni­schen bediente.

Kein Wun­der also, daß vie­le Kon­ser­va­ti­ve sich von der christ­li­chen Tra­di­ti­on abge­wandt haben und die­se ent­we­der als eine Art vor­mo­der­ne »Hin­füh­rung« zum gegen­wär­ti­gen links­li­be­ra­len Sozi­al­staat sehen, oder die christ­li­che Bot­schaft auf­grund ihrer Uni­ver­sa­li­tät, ihres kri­ti­schen Men­schen­bilds und ihres Lie­bes­ge­bots als eigent­li­che Ursa­che für Glo­ba­li­sie­rung, Selbst­haß oder Über­frem­dung fehl­ver­ste­hen. Wäh­rend aber nun jene post­christ­li­chen, links­li­be­ra­len Kon­ser­va­ti­ven nur die Kon­se­quen­zen, nicht aber die eigent­li­chen Grund­la­gen des gegen­wär­ti­gen Ver­falls scheu­en, liegt bei den außer­christ­li­chen Kon­ser­va­ti­ven immer­hin das Bedürf­nis nach einer neu­en tran­szen­den­ten Fun­da­men­tie­rung unse­rer Gesell­schaft vor, wel­che aber zuneh­mend außer­halb des Chris­ten­tums gesucht wird, etwa im Heidentum.

Die Ver­su­chung des Neopaganismus

Für vie­le jener Suchen­den stellt gera­de Tol­ki­ens heroi­sche Mit­tel­er­de mit ihrer schein­ba­ren Imma­nenz des Gött­li­chen eine idea­le Pro­jek­ti­ons­flä­che neu­heid­ni­scher Sehn­süch­te dar – ein fla­gran­tes Miß­ver­ständ­nis, wel­ches die grund­le­gend christ­li­che Dimen­si­on von Tol­ki­ens Sekun­där­schöp­fung völ­lig ver­kennt. Denn Mit­tel­er­de ist nur auf den ers­ten Blick heidnisch:

Die »Valar«, denen zur Ehre selbst die spä­ten Gondo­ria­ner im Herrn der Rin­ge »still ihre Becher gen Wes­ten erhe­ben«, sind nur nach­ge­ord­ne­te, engel­haf­te Gestal­ten, die ihre Kraft allein dem Schöp­fer­gott Ilu­vatar ver­dan­ken, eben­so wie Mor­go­th, ihr dia­bo­li­scher Gegen­spie­ler, der doch nur unge­wollt zur Erfül­lung des Guten beiträgt.
Kenn­zeich­nend für die spi­ri­tu­el­le Ent­wick­lung Mit­tel­er­des – und in sym­bo­li­scher Wei­se auch für die des »rea­len« Kos­mos – ist dabei der zuneh­men­de Rück­zug des Über­na­tür­li­chen aus der rea­len Welt: Wäh­rend die Valar zunächst leib­haf­tig das Welt­ge­schick regel­ten, zogen sie sich dar­auf in das umzäun­te Vali­nor zurück, wel­ches dann ganz dem Erd­kreis ent­rückt wur­de und schließ­lich nur noch durch Boten, Zau­be­rer und schließ­lich den Sohn Got­tes an das Dies­seits ange­bun­den ist.

Ähn­lich das Böse: Nach­dem sei­ne Kräf­te durch die Erschaf­fung ver­schie­dens­ter Unge­heu­er und dann das Ver­streu­en von Lügen ganz in die mate­ri­el­le Welt ein­ge­flos­sen sind, macht es nur noch wenig aus, daß zunächst Mor­go­th, dann Sau­ron den Welt­kreis ver­las­sen: Der Kampf zwi­schen Gut und Böse hat sich im Ein­klang mit dem Heils­plan des Schöp­fer­gotts nur von der phy­si­schen auf die see­li­sche Ebe­ne ver­la­gert, wie auch die viel­fäl­ti­gen Anspie­lun­gen auf die christ­li­che Offen­ba­rung zei­gen, wel­che das Tol­ki­en­sche Werk durchziehen.
Das »Hei­den­tum« ist also nur eine Stu­fe inner­halb eines umfas­sen­de­ren Heils­plans, und wenn die auf den ers­ten Blick kla­rer umris­se­nen Fron­ten jenes »heroi­schen« Zeit­al­ters aus der heu­ti­gen Per­spek­ti­ve auch durch­aus attrak­tiv erschei­nen mögen, wäre eine Rück­kehr dort­hin nicht nur eine wider­na­tür­li­che Regres­si­on, son­dern auch ein Ver­rat an unse­rer heils­ge­schicht­li­chen Mis­si­on und dar­über hin­aus auch ein nicht nur offen­sicht­lich künst­li­ches, son­dern auch pro­ble­ma­ti­sches, fal­sches, ja sogar gefähr­li­ches Unterfangen.

Pro­ble­ma­tisch, da die bewuß­te »Kon­struk­ti­on« einer Reli­gi­on durch das selek­ti­ve Her­aus­su­chen geneh­mer Ele­men­te aus den spär­li­chen Fet­zen unse­rer Über­lie­fe­rung nicht von unge­fähr an die Her­aus­bil­dung jener ande­ren alter­na­ti­ven Iden­ti­tä­ten (Gen­der, Vega­nis­mus, New Age, X‑tinction) erin­nert, die unse­re moder­ne Welt in eine Viel­falt künst­li­cher und riva­li­sie­ren­der Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten auf­ge­split­tert haben:
Die arti­fi­zi­el­le Rück­kehr zu einer fik­ti­ven Authen­ti­zi­tät ist daher kein ech­ter Bei­trag zur Über­win­dung der gegen­wär­ti­gen Pro­ble­me, son­dern viel­mehr nur ein Sym­ptom unse­res »Unbe­ha­gens in der Kul­tur« und erin­nert nicht von unge­fähr an Den­ethors Wunsch, zu den bar­ba­ri­schen Bestat­tungs­sit­ten der alten Herr­scher aus der Zeit zurück­zu­keh­ren, »ehe je ein Schiff hier­her segel­te aus dem Wes­ten«, denn »der Wes­ten ist gescheitert!«.

Falsch, weil das Hei­den­tum erst dann zur »Reli­gi­on« wur­de, als es auf das Chris­ten­tum traf: Vor­her war es eine unhin­ter­frag­te Ansamm­lung ver­schie­dens­ter Riten und Erzäh­lun­gen, wel­che kei­nen »Glau­ben« erfor­der­te, son­dern blo­ßes Han­deln, und wel­che in sol­chem Maße an die Natur­er­fah­rung ange­bun­den war, daß ein Zwei­fel an der »Wahr­heit« jener Vor­stel­lun­gen gar nicht erst auf­kom­men konnte.
Erst der ungleich kom­ple­xe­re, da phi­lo­so­phi­sche­re Wahr­heits­an­spruch des Chris­ten­tums ließ das Pro­blem des Glau­bens über­haupt auf­kom­men, hin­ter das aus dem geis­ti­gen Hori­zont des 21. Jahr­hun­derts nicht mehr zurück­zu­ge­hen ist. Gefähr­lich, weil jeder Umgang mit dem Gött­li­chen, wenn er nicht blo­ßer ober­fläch­li­cher Life­style blei­ben will, gleich­zei­tig auch ein Spiel mit der Gefahr ist: Wer in ehr­li­chen Kon­takt mit dem Gött­li­chen tritt, muß auch mit einer Ant­wort rech­nen, und daß eine sol­che im Hei­den­tum nicht nur posi­tiv, son­dern auch nega­tiv aus­fal­len kann, soll­te jedem bewußt sein. 

Das heroi­sche Chris­ten­tum als iden­ti­tä­re Grund­la­ge des Abendlands

Doch noch wesent­li­cher: Das Hei­den­tum ist vor mehr als 1000 Jah­ren nahe­zu über­all in Euro­pa durch das Chris­ten­tum auf­ge­ho­ben wor­den, und eine dis­rup­ti­ve Rück­kehr zu vor­christ­li­chen Zustän­den wäre nicht nur wider­na­tür­lich, sie wür­de auch die eigent­li­che Natur jener »Auf­he­bung« völ­lig ver­ken­nen. Bereits Hegel führ­te aus, daß die­ser Begriff einen drei­fa­chen Wort­sinn beinhal­tet: nicht nur den der blo­ßen Nega­ti­on, son­dern auch der Bewah­rung wich­ti­ger Bestand­tei­le des Alten im Neu­en und schließ­lich der Tran­szen­die­rung jenes Alten hin auf eine über­ge­ord­ne­te Stufe. 

Eine Rück­kehr zum heid­ni­schen sta­tus quo ante wäre somit nicht nur in jeder Hin­sicht ein Rück­schritt, sie wür­de auch die Gefahr ber­gen, zusam­men mit dem Chris­ten­tum zen­tra­le, da hier noch leben­di­ge Ele­men­te des ech­ten, ursprüng­li­chen Hei­den­tums auf­zu­ge­ben und mit einer chi­mä­ri­schen, ganz aus dem heu­ti­gen Den­ken abge­lei­te­ten Kunst­re­li­gi­on zu erset­zen, wel­che wohl para­do­xer­wei­se weni­ger mit dem Emp­fin­den der ech­ten Hei­den zu tun hät­te als das, was sich davon im Chris­ten­tum bruch­los erhal­ten hat.

Gera­de dies ist sicher auch eine der Ursa­chen für die Fas­zi­na­ti­on von Tol­ki­ens Werk, denn anstatt wie so vie­le phan­tas­ti­sche Autoren blo­ßen Eska­pis­mus zu bie­ten, ist es ihm gelun­gen, eine Welt zu ent­wer­fen, in der die schein­bar heid­ni­schen, also außer- oder vor­christ­li­chen Ele­men­te sinn­voll auf den tra­di­tio­nel­len abend­län­di­schen Legen­den­schatz und die christ­li­che Heils­ge­schich­te hin ange­ord­net sind.
Damit ist Mit­tel­er­de trotz ihrer schein­ba­ren Fremd­ar­tig­keit ein inte­gra­ler Teil der abend­län­di­schen Kul­tur; eine ganz auf unser (nordwest-)europäisches Welt- und Men­schen­bild zuge­schnit­te­ne Mytho­lo­gie: Die Lie­be zur Tol­ki­en-Lek­tü­re, wie sie zuneh­mend jun­ge Men­schen erfaßt, ist nur schein­bar ein Zei­chen von Welt­flucht, son­dern in Wirk­lich­keit ein Hin­weis auf die Ableh­nung einer kul­tur­zer­stö­re­ri­schen, gegen- und unter­welt­li­chen Moder­ne und eine unbe­wuß­te Hin­wen­dung zu einer gleich­sam kon­den­sier­ten Zusam­men­fas­sung des­sen, was es über Jahr­hun­der­te hin­weg bedeu­te­te, ein Abend­län­der zu sein.

Zen­tral für das »inne­re Abend­land« schie­nen Tol­ki­en zwei Din­ge zu sein. Zum einen ist sein Werk durch­zo­gen von jenem bestän­di­gen, abendländisch-»faustischen« Stre­ben, das in Mit­tel­er­de in Gestalt des »hespe­ria­lis­ti­schen« Seh­nens der Elben und Men­schen nach dem »Wes­ten« auch ganz kon­kre­te Form annimmt und in Earen­dil kul­mi­niert, der eine Schar­nier­funk­ti­on zwi­schen christ­li­chem und heid­ni­schem Licht­brin­ger einnimmt. 

Zum ande­ren wäre das muti­ge Aus­har­ren auf aus­sichts­lo­ser Posi­ti­on als wei­te­res Cha­rak­te­ris­ti­kum des Tol­ki­en­schen Men­schen­bilds zu erwäh­nen – ein Zug, der sich im rea­len Wes­ten nicht nur im »nor­di­schen« Geist der Tol­ki­en so wich­ti­gen ger­ma­ni­schen Sagen­welt spie­gelt, son­dern der auch genu­in christ­lich ist.
Denn da Mensch und Schöp­fung (in Mit­tel­er­de wie im Abend­land) vom Makel des Bösen behaf­tet sind, steht jedes Stre­ben nach Dau­er­haf­tig­keit, Wis­sen oder Schön­heit zwar unter gött­li­chem Schutz, ist aber zum Schei­tern ver­ur­teilt und kann nur durch den Gna­den­akt des Ein­grei­fens von außen zur Erfül­lung gebracht werden.
Die heroi­sche Tra­di­ti­on des nor­di­schen Abend­lands muß­te Tol­ki­en daher wie eine Vor­weg­nah­me jenes christ­li­chen Gedan­kens schei­nen, so daß es kein Wun­der ist, daß bei­de ein­an­der in Tol­ki­ens Sekun­där­schöp­fung ergän­zen und nicht widersprechen.

Es wür­de frei­lich die­sen klei­nen Auf­satz spren­gen, detail­lier­ter dar­auf zu ver­wei­sen, was alles an heid­ni­schem Brauch­tum und Welt­ge­fühl auch in der »rea­len Welt« in das Chris­ten­tum der Spät­an­ti­ke und des Früh­mit­tel­al­ters über­nom­men wor­den ist, und das in den meis­ten Fäl­len durch­aus frei­wil­lig, bedenkt man etwa, daß jene Ger­ma­nen, wel­che das römi­sche Reich beerb­ten, sich größ­ten­teils bereits zum Chris­ten­tum bekehrt hat­ten, ohne doch einem unmit­tel­ba­ren poli­ti­schen Druck aus­ge­setzt wor­den zu sein wie spä­ter die Sach­sen oder die Sla­wen: Die Bekeh­rung war frei­wil­lig und wird daher auch nicht unter dem Aspekt eines schmerz­li­chen »Ver­lus­tes« eige­ner Tra­di­ti­on von­stat­ten gegan­gen sein, son­dern viel­mehr unter dem des Gewinns einer zusätz­li­chen Dimension.

Und was zuerst unver­bun­den neben­ein­an­der stand, wie es in vie­len früh­mit­tel­al­ter­li­chen Hel­den­sa­gen deut­lich wird (wie etwa dem Tol­ki­en so wich­ti­gen »Beowulf«), wuchs nach eini­ger Zeit zu einer ech­ten Sym­bio­se zusam­men und schuf somit die eigent­li­chen Grund­la­gen der abend­län­di­schen Kul­tur, wie sie uns seit der Karo­lin­ger- und vor allem der Otto­nen­zeit entgegentritt.

Vom heid­ni­schen zum christ­li­chen Hel­den ist es nur ein klei­ner, aber wesent­li­cher Schritt, näm­lich der der Ein­glie­de­rung des in der ger­ma­ni­schen (und grie­chi­schen) Hel­den­epik noch nicht pro­ble­ma­ti­sier­ten mora­li­schen Dua­lis­mus zwi­schen einem nicht nur sitt­lich, son­dern auch tran­szen­dent ver­an­ker­ten Gut und Böse. Von der Chris­tia­ni­sie­rung der Sagen um König Arthur und sei­nen Hof über die Ger­ma­ni­sie­rung des Evan­ge­li­en­be­richts im »Heli­and« bis hin zur Ein­glie­de­rung des Grals­stoffs in den hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Rit­ter­ro­man ent­stand hier der Aus­gangs­punkt eines neu­en Men­schen- und Gesell­schafts­ide­als, das die radi­ka­le Eigen­ver­ant­wor­tung und Ein­sam­keit des vor­christ­li­chen Hel­den und das Ide­al des kämp­fe­ri­schen Trot­zes selbst gegen die größ­te Über­macht mit dem Ide­al der »Ques­te«, dem Stre­ben nach tran­szen­den­ter Erfül­lung, höchs­ten sitt­li­chen Selbst­an­for­de­run­gen und täti­ger Nächs­ten­lie­be im Dienst der Schwa­chen ver­band – alles Cha­rak­ter­zü­ge, wel­che auch den Tol­ki­en­schen Hel­den vom früh­zeit­li­chen Bele­ri­and bis zur »Ring­ge­mein­schaft« des spä­ten Drit­ten Zeit­al­ters gemein­sam sind.

Daß jenes gläu­big-heroi­sche Men­schen­ide­al zu Beginn der Neu­zeit all­mäh­lich in den Schat­ten trat, war daher auch kaum dem Ein­fluß des Chris­ten­tums zuzu­schrei­ben, wie in neo­pa­ga­nen Milieus oft zu lesen ist, son­dern viel­mehr dem des mer­kan­ti­len Den­kens der auf­stre­ben­den Kauf­leu­te auf der einen und dem ter­ri­to­ria­len Hun­ger der neu­en Lan­des­fürs­ten auf der ande­ren Seite. 

Nichts­des­to­we­ni­ger soll­te das Ide­al des christ­li­chen Rit­ter­tums noch bis weit in das 17. Jahr­hun­dert hin­ein trotz veränderter
Rah­men­be­din­gun­gen Erzie­hung und Selbst­bild der abend­län­di­schen Eli­te prä­gen und in den im 18. Jahr­hun­dert ent­ste­hen­den Typus des »Gen­tle­man« ein­flie­ßen, der sei­ner­seits erst in den Schüt­zen­grä­ben des Ers­ten und den tota­li­tä­ren Aus­schwei­fun­gen des Zwei­ten Welt­kriegs sein Ende erleb­te und heu­te als »old white man« den Gna­den­stoß erhält.

Nur die Anknüp­fung an jene heroi­sche christ­li­che Tra­di­ti­on, kei­nes­falls aber ihre Ableh­nung kann es daher über­haupt ermög­li­chen, die gegen­wär­ti­ge Zivi­li­sa­ti­ons­kri­se zu über­win­den und dem Abend­land aller inne­ren wie äuße­ren Bedräng­nis zum Trotz zumin­dest zu einem wür­di­gen Abschluß zu ver­hel­fen. Daß in unse­rer Spät­zeit die Erin­ne­rung an die frü­hes­ten Tage unse­rer Kul­tur erneut her­auf­däm­mert, ist aus die­ser Per­spek­ti­ve viel­leicht sogar ein posi­ti­ves Zei­chen dafür, daß uns in schlimms­ter Not aus den ver­deck­ten Tie­fen­schich­ten unse­res Unter­be­wuß­ten letz­te Kräf­te zuwach­sen könnten. 

Doch darf eine sol­che Stär­kung nicht vor sich gehen um den Preis einer Ableh­nung des­sen, was unse­re Kul­tur eigent­lich aus­macht: Das abend­län­di­sche Chris­ten­tum mit allen sei­nen Höhen und Tie­fen ist und bleibt der ulti­ma­ti­ve Rah­men, wel­cher dem euro­päi­schen Men­schen in den letz­ten tau­send Jah­ren die Erschlie­ßung sei­nes Ichs wie auch sei­ner Umwelt ermög­licht hat.

Euka­ta­stro­phe und Hesperialismus

Nun scheint frei­lich eine sol­che abschlie­ßen­de Rück­kehr zur alten christ­li­chen Tra­di­ti­on und ihrem his­to­ri­schen Men­schen­ide­al, die sich zudem gegen den Wider­stand der heu­ti­gen Kir­chen voll­zie­hen müß­te, noch in fer­ner Zukunft gele­gen. Doch ist es meist gera­de in der dun­kels­ten Stun­de, daß die Ret­tung am nächs­ten ist, doch nur um den Preis eines zähen und bedin­gungs­lo­sen Durchhaltens.
Auch hier­für lie­fert Tol­ki­ens Werk einen Anknüp­fungs­punkt, näm­lich sei­ne Theo­rie der »Euka­ta­stro­phe«, einer Schick­sals­wen­dung, die auf der Ein­sicht in die grund­le­gend feh­ler­haf­te Natur des Men­schen beruht, der bei dem Ver­such, selbst mit reins­tem Her­zen allein durch sei­ne eige­ne Kraft zu obsie­gen, nur schei­tern kann. 

Doch ist es gera­de im Moment jenes Schei­terns, daß die Hil­fe von oben kommt und die Anstren­gun­gen doch noch – manch­mal auf uner­war­te­te Wei­se – zum Gelin­gen brin­gen kann, sei es in der posi­ti­ven Gestalt der »Adler« oder der ret­ten­den Valar, sei es durch das eigent­lich eher nega­ti­ve Ein­grei­fen von Per­so­nen wie Gol­lum, deren Bos­heit letzt­lich unge­wollt zum Guten bei­trägt – eine hoch­in­ter­es­san­te Denk­fi­gur, wel­che das intrinsi­sche Schei­tern des Men­schen, wie es die Tra­gö­die kenn­zeich­net, mit dem Hero­is­mus des Dra­mas kom­bi­niert und erneut von christ­li­chem Den­ken aus­geht, wo Sün­den­fall, ste­tes Rin­gen um das Gute, ulti­ma­ti­ves Schei­tern und gött­li­che Barm­her­zig­keit ähn­lich untrenn­bar sind.

Daher wol­len auch wir die Hoff­nung nicht auf­ge­ben, daß das Fest­hal­ten an unse­rem Men­schen­bild, die Treue zu unse­rem Glau­ben und die Lie­be zu unse­rer Geschich­te am Ende, trotz oder gera­de wegen ihres mög­li­chen Schei­terns, auf unge­ahn­te Wei­se doch noch Früch­te tra­gen und durch eine gleich­sam »hespe­ria­lis­ti­sche« letz­te Blü­te des Abend­lands belohnt wer­den könn­te – doch selbst ohne die­se schwa­che Hoff­nung wäre es ein Ver­rat an der Grö­ße unse­rer Kul­tur, woll­ten wir in der Stun­de größ­ter Not untreu wer­den und uns mit dem Nie­der- und Unter­gang abfinden.

Erhof­fen wir daher auch für das Abend­land einen letz­ten »Spät­herbst« vor dem Win­ter, einen »gol­de­nen Abend«, um Theo­den zu zitie­ren, und erin­nern wir uns dar­an, daß auch das bit­ter­sü­ße Ende des »Herrn der Rin­ge« den Wor­ten sei­nes Schöp­fers zufol­ge eine Ana­lo­gie zu einer »Wie­der­her­stel­lung eines Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches mit dem Sitz in Rom« dar­stel­len soll­te. Es wäre nicht das ers­te­mal in der Geschich­te der gro­ßen Hoch­kul­tu­ren, daß auf die End­pha­se zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­falls eine letz­te, gleich­sam »augus­tei­sche« Spät­blü­te erfolgt, wel­che dem gesam­ten Ver­lauf der jewei­li­gen Ver­gan­gen­heit erst Sinn und Ziel verleiht.
Und selbst, soll­te die­se Hoff­nung trü­gen, wol­len wir doch inmit­ten der Häß­lich­keit der moder­nen Welt beden­ken, daß gera­de im heroi­schen Schei­tern die eigent­li­che Schön­heit des Daseins begrif­fen liegt, die »teu­er, aber wohl­feil« erkauft ist, wie Man­wes Herold von den Lie­dern der Elben sag­te. Zumin­dest die­se letz­te Ehre soll­ten wir uns nicht neh­men lassen.

 Gastbeitrag

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