1. Februar 2020

Heroisches Scheitern – Tolkiens Reich

Gastbeitrag

von David Engels
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Dezember 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Das sich vor unseren Augen abspielende Endstadium der abendländischen Zivilisation ist geprägt von einer großen Verwirrung. Dies war in der Weltgeschichte schon immer die Folge jener »Umwertung aller Werte«, in der sich der letzte Rest des Alten verzehrt, ohne daß viel Hoffnung auf eine Neugeburt bestünde.
Und dennoch müssen wir, dringender als je zuvor, Urteile fällen und rasch handeln, wollen wir zumindest ein wenig von dem guten Geist des alten Abendlands über jene »Jahre der Entscheidung« hinwegretten und für eine vielleicht ferne Zukunft fruchtbar machen.

Mehr denn je brauchen wir dabei geistige Nothelfer, um das Profil jener Erneuerung zu schärfen und uns klar darüber zu werden, was das »Eigentliche« ausmacht, das es zu bewahren gilt; und dabei könnte dem Werk von J.R.R. Tolkien eine kaum zu unterschätzende Bedeutung zukommen.
Tolkien, Professor für englische Philologie in Oxford, ist der Masse vor allem durch die jüngsten Verfilmungen des Hobbit und des Herrn der Ringe bekannt, welche auch das Interesse an seinen anderen Schriften wiedererweckt haben, unter denen das Silmarillion die beste Übersicht über seine Privatmythologie und die Briefe den sicher vollständigsten Einblick in seine tagtägliche Gedankenwelt liefern.

Ursprünglich mit dem spielerischen Gedanken begonnen, aus spekulativen Etymologien und erfundenen Sprachen eine »Mythologie« für England zu schaffen, welches mit der normannischen Eroberung seine eigentliche, angelsächsische Seele verloren hatte, wurde aus jenem philologischen Zeitvertreib rasch eine imposante »Sekundärschöpfung«, welche tief in Tolkiens katholischem Glauben verankert war und viele der persönlichen Fragen ihres Autors auf eine archetypische mythologische Ebene erhoben und
dort symbolisch beantworteten.

Tolkiens Werk ist aufgrund seiner Vielschichtigkeit und seines Traditionalismus eine wahre Fundgrube für den heutigen Konservativen; und es ist erstaunlich, daß die sich hieraus ergebenden Chancen gerade in Anbetracht der unermeßlichen Popularität Tolkiens bei jungen Menschen noch nicht einmal ansatzweise erkannt worden sind. Gott als historischer Akteur; Gut und Böse als unverhandelbare Größen; Ehre, Treue und Pflicht als höchste Tugenden; klare gesellschaftliche Hierarchien; feste Geschlechterrollen; Einsicht in die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns; Schönheit und Leid als einander bedingend; die Hoffnung auf die Wiederkehr des Königs – Tolkiens Gedankenwelt steht, genau betrachtet, eigentlich für all das, was im 21. Jahrhundert als »politisch unkorrekt« verteufelt wird, und auch Tolkien gab sich, was seine eigene Positionsbestimmung betraf, keinerlei Illusionen hin.

Daß Tolkiens Werke trotz oder gerade aufgrund jenes vergifteten Klimas inmitten unserer hochkapitalistischen, atomisierten Welteinheitskultur wieder millionenfach gelesen werden, beweist nur das gewaltige Potential seines Denkens. Im Folgenden wollen wir einige moderne Probleme des gegenwärtigen politischen Konservatismus im Lichte des Tolkienschen Werks betrachten und somit hoffentlich zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema anregen.

Die Umwertung aller Werte

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, daß eine Gesellschaft ohne transzendente Grundlage früher oder später zu Entartung und Scheitern verurteilt ist, ebenso, wie in Tolkiens mythischen Geschichtszyklen Hybris und Abwendung vom göttlichen Gesetz immer wieder in den Zusammenbruch führen; seien es die Verbrechen der Noldor in Beleriand, der Fall Numenors oder der langsame Niedergang Arnors und Gondors.

Was viele kritische Denker schon seit dem 18. Jahrhundert ahnten, ohne doch von den fortschrittsberauschten Massen ernst genommen zu werden, ist schließlich eingetroffen: Nachdem sich auch die letzten Reste von Anstand, Ehre, Treue, Familiengefühl und Gewissen nach zähem Kampf verflüchtigt haben, treten uns die Folgen der geistigen Diktatur der angeblichen »universellen Rechte« klar vor Augen, die an ihre Stelle gerückt sind.

Aus der »Achtung der Menschenwürde« wird die Generalvollmacht zur Abtreibung bis zum Tag der Geburt abgeleitet; aus der »Demokratie« ein bürokratisches Monster wie die EU; aus der »Gleichheit« ein duales System, in dem die Probleme nicht bei den »Eliten«, sondern den »Bevölkerungen« gesucht werden; aus der »Rechtstaatlichkeit« ein zynischer Rechtspositivismus; aus der »Nichtdiskriminierung« die Hetzjagd auf »alte weiße Männer«; aus der Gleichstellung der Geschlechter die Verschleierung als Sieg des Feminismus; aus der »Toleranz« der Freifahrtschein für Parallelgesellschaften und Sittenverfall; aus der »Solidarität« der Rettungsschirm für die Großbanken; etc.

Bereits Tolkien hat explizit festgehalten, daß Morgoths Orks und Sarumans Maschinen nichts anderes seien als Sinnbilder einer aus ursprünglich guten Intentionen entstandenen kollektivistischen und mechanistischen Weltauffassung, wie er sie im Ersten
Weltkrieg erstmals zu spüren bekam, und wie sie sich während seiner späteren Lebenszeit zunehmend verdichtete – nicht nur in den totalitaristischen Staaten, sondern ganz explizit auch in der »freien Welt«.

Daher irren auch all jene, welche glauben, echter Konservatismus bedeute den Wunsch zur Rückkehr in die angeblich »guten alten Zeiten« etwa der 1980er, bloß weil die katastrophalen Konsequenzen des damals bereits fest eingerichteten Linksliberalismus noch nicht ihre gesamte Tragweite entfaltet hatten: Was not tut, ist ein vollständiges Umdenken und eine Rückkehr zu den Ursprüngen.
Denn wo der Mensch das Maß aller Dinge ist, wird derjenige, der Menschentum definiert, zum unangefochtenen Alleinherrscher – und zwar ohne, daß an der äußeren Form des Rechts ein Jota verändert werden müßte, da die wahre Macht sich längst in die Interpretation, nicht Ausformulierung des Gesetzes verlagert hat.

Denn wo nur noch die Mechanik der Einzelteile, nicht aber der transzendente Sinn des Ganzen ins Blickfeld gerät, muß es zu Tyrannis und Katastrophe kommen, wie auch Tolkien eindringlich am Beispiel jener allzu Wißbegierigen wie Feanor, Sauron oder Saruman schilderte, die in prometheischer Selbstüberschätzung letztlich zu Unmenschen werden, denn »derjenige, der etwas zerbricht, um herauszufinden, was es ist, hat den Pfad der Weisheit verlassen«, wie schon Gandalf weiß.

Mehr denn je brauchen wir also eine neue Rückbindung unseres Wertesystems an eine transzendente Größe als ultimativen und unveränderlichen Bezugspunkt und Legitimation einer jeden Handlung, eine symbolische »Rückkehr des Königs«. Aber freilich: Wer wäre heute noch fähig, das ganze Ausmaß jener Entartung überhaupt zu ermessen, da Eltern, Schulen, Medien und Politik bei den meisten Menschen fast eine völlige Aushöhlung jeglichen natürlichen Gefühls von Anstand und Würde so wie einen grundlegenden Bruch mit den Traditionen der kollektiven Vergangenheit bewirkt haben?

Schon Tolkien war äußerst skeptisch, was das menschliche Vermögen betrifft, lange Zeit ohne äußeren Druck sittlichen Wert zu bewahren, und es war kein Zufall, daß er seinen im Nachlaß erhaltenen Fortsetzungsentwurf des Herrn der Ringe (»A New Shadow«) nach einigen Seiten abbrach, da er rasch ins Dystopische abglitt.

Und doch: Das dem Menschen eingeborene Bedürfnis nach einer transzendenten Verankerung seines Lebens läßt sich niemals völlig unterdrücken und schlägt sich stets in einer unterschwelligen Sehnsucht nach Ordnung und Sinngebung nieder – und, wo eine solche sich nicht erreichen lassen sollte, dem unterbewußten Wunsch nach Zerstörung der gegenwärtigen Gesellschaft, um auf ihren Trümmern eine vielleicht archaischere, aber gesündere Struktur zu errichten, wie die Faszination für Zombie-, Fallout- oder sonstige apokalyptische Szenarien, das wiedererwachte Interesse an Magie und die Sehnsucht nach vormodernen Gesellschaftsmodellen von J.R.R. Tolkien über Andrzej Sapkowski bis George R.R. Martin zeigen.

Dieses Bedürfnis ist eine Gefahr und zugleich eine Chance für die konservativen Kräfte Europas: Eine Chance, da jener Sehnsucht ein gewaltiges politisches Potential innewohnt; eine Gefahr, da jenes Streben gegenwärtig von Medien und Konsumgesellschaft in eine Richtung gesteuert wird, welche vielen Grundvorstellungen der abendländischen Tradition zuwiderlaufen könnte. Dies ist um so schlimmer, als große Teile der Konservativen mittlerweile darüber uneins sind, was als eigentlicher Kern jener dringenden transzendenten Rückanbindung der abendländischen Gesellschaft zu betrachten ist.

Tolkiens Antwort auf diese Frage ist deutlich: Nur die Rückbesinnung auf die christliche Tradition, und zwar nicht in ihrer gegenwärtigen Schwundstufe, sondern in ihrer eigentlichen heroischen Größe, kann die abendländische Gesellschaft wieder ihrer eigentlichen Schicksalsbestimmung entgegenführen.

Heidnisches und christliches Abendland

Über mindestens tausend Jahre war es im Abendland das Christentum, das in Kombination mit lokalen Bräuchen und letzten Resten römischer Tradition den unhintergehbaren Bezugspunkt jeglicher Gesellschaftsordnung darstellte. Das bedeutet nicht, daß hiermit ein vollständiger Antwortenkomplex auf jegliche Frage vorlag, da auch die christliche Tradition einer dynamischen Entwicklung unterlag.
Trotzdem bestand immerhin die Bereitschaft, alle Probleme aus der Perspektive eines unwandelbaren Gottes- und Menschenbildes und auf Grundlage eines vielschichtigen Corpus an mündlichen Traditionen, biblischen Texten und kanonischen Auslegungen zu klären und dabei die Kategorien von Gut und Böse als absolut und jenseitig verankert vorauszusetzen – und nicht, wie heute, als »Verhandlungssache«.

Schon Tolkien machte dabei darauf aufmerksam, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn vom rechten Weg abgewichen und faule Kompromisse eingegangen werden: Am Anfang steht der als Idealismus kaschierte Ehrgeiz, am Ende die reine Dämonie; und opportunistische Köpfe, die inmitten dieser großen Verwirrung die letzten Aufrechten als Unruhestifter brandmarken, da »für schielende Augen die Wahrheit ein schiefes Gesicht haben mag«, wie von Grima Schlangenzunge berichtet wird, finden sich immer zuhauf.

Jene Zeiten sind mittlerweile spätestens seit 1789 vorbei, und selbst die letzten Reste kulturchristlicher Leitkultur erliegen heute dem doppelten Ansturm von Linksliberalismus und Islamismus. Doch es ist nicht nur das Verschwinden des Christentums aus dem Miteinander und den Herzen der Menschen, das eine langfristige Bedrohung für die Stabilität unserer dem Relativismus preisgegebenen Gesellschaft darstellt (von ihrem Seelenheil ganz zu schweigen) – noch schlimmer ist die Anpassung dessen, was von den christlichen Institutionen noch übrig ist, an den Ungeist der Zeit; ebenso, wie auch in Tolkiens Welt der Verrat selbst ehrwürdigste Institutionen aushöhlt, sei es das Königreich Gondolin, das Statthalteramt über Gondor oder den Vorsitz des magischen Rates.

Christentum, das ist heute eine Gemeinschaft geworden, welche längst den Bezug auf den christlichen Gott aufgegeben hat, ebenso wie die philosophische Tiefe des trinitarischen Dogmas, den stolzen Anspruch auf absolute Wahrheit, den Mut zur heroischen Verteidigung des Eigenen und zum Haß auf den Feind, die Einsicht, daß das Heil immer nur Resultat einer göttlichen Gnade ist, und nicht zuletzt den Stolz auf die eigene Vergangenheit. An ihre Stelle getreten ist die Reduktion spiritueller Komplexität auf die Plattheit des Kantschen Imperativs, die bewußte Relativierung des eigenen Glaubens, die als Pazifismus bemäntelte Zahnlosigkeit und vieles mehr.

Gitarrengeklimper statt Bachscher Oratorien, brutalistische Sichtbetonhütten statt gotischer Kathedralen, politisch korrekter Zeitgeist statt mutiger Überzeitlichkeit, pastorale Stammelei statt jahrtausendealtem Ritus – das ist aus der Kirche des 21. Jahrhunderts geworden, wie bereits Tolkien fürchtete, dem schon das Zweite Vatikanum größte Bauchschmerzen bereitete, und der sich starr des Lateinischen bediente.

Kein Wunder also, daß viele Konservative sich von der christlichen Tradition abgewandt haben und diese entweder als eine Art vormoderne »Hinführung« zum gegenwärtigen linksliberalen Sozialstaat sehen, oder die christliche Botschaft aufgrund ihrer Universalität, ihres kritischen Menschenbilds und ihres Liebesgebots als eigentliche Ursache für Globalisierung, Selbsthaß oder Überfremdung fehlverstehen. Während aber nun jene postchristlichen, linksliberalen Konservativen nur die Konsequenzen, nicht aber die eigentlichen Grundlagen des gegenwärtigen Verfalls scheuen, liegt bei den außerchristlichen Konservativen immerhin das Bedürfnis nach einer neuen transzendenten Fundamentierung unserer Gesellschaft vor, welche aber zunehmend außerhalb des Christentums gesucht wird, etwa im Heidentum.

Die Versuchung des Neopaganismus

Für viele jener Suchenden stellt gerade Tolkiens heroische Mittelerde mit ihrer scheinbaren Immanenz des Göttlichen eine ideale Projektionsfläche neuheidnischer Sehnsüchte dar – ein flagrantes Mißverständnis, welches die grundlegend christliche Dimension von Tolkiens Sekundärschöpfung völlig verkennt. Denn Mittelerde ist nur auf den ersten Blick heidnisch:

Die »Valar«, denen zur Ehre selbst die späten Gondorianer im Herrn der Ringe »still ihre Becher gen Westen erheben«, sind nur nachgeordnete, engelhafte Gestalten, die ihre Kraft allein dem Schöpfergott Iluvatar verdanken, ebenso wie Morgoth, ihr diabolischer Gegenspieler, der doch nur ungewollt zur Erfüllung des Guten beiträgt.
Kennzeichnend für die spirituelle Entwicklung Mittelerdes – und in symbolischer Weise auch für die des »realen« Kosmos – ist dabei der zunehmende Rückzug des Übernatürlichen aus der realen Welt: Während die Valar zunächst leibhaftig das Weltgeschick regelten, zogen sie sich darauf in das umzäunte Valinor zurück, welches dann ganz dem Erdkreis entrückt wurde und schließlich nur noch durch Boten, Zauberer und schließlich den Sohn Gottes an das Diesseits angebunden ist.

Ähnlich das Böse: Nachdem seine Kräfte durch die Erschaffung verschiedenster Ungeheuer und dann das Verstreuen von Lügen ganz in die materielle Welt eingeflossen sind, macht es nur noch wenig aus, daß zunächst Morgoth, dann Sauron den Weltkreis verlassen: Der Kampf zwischen Gut und Böse hat sich im Einklang mit dem Heilsplan des Schöpfergotts nur von der physischen auf die seelische Ebene verlagert, wie auch die vielfältigen Anspielungen auf die christliche Offenbarung zeigen, welche das Tolkiensche Werk durchziehen.
Das »Heidentum« ist also nur eine Stufe innerhalb eines umfassenderen Heilsplans, und wenn die auf den ersten Blick klarer umrissenen Fronten jenes »heroischen« Zeitalters aus der heutigen Perspektive auch durchaus attraktiv erscheinen mögen, wäre eine Rückkehr dorthin nicht nur eine widernatürliche Regression, sondern auch ein Verrat an unserer heilsgeschichtlichen Mission und darüber hinaus auch ein nicht nur offensichtlich künstliches, sondern auch problematisches, falsches, ja sogar gefährliches Unterfangen.

Problematisch, da die bewußte »Konstruktion« einer Religion durch das selektive Heraussuchen genehmer Elemente aus den spärlichen Fetzen unserer Überlieferung nicht von ungefähr an die Herausbildung jener anderen alternativen Identitäten (Gender, Veganismus, New Age, X-tinction) erinnert, die unsere moderne Welt in eine Vielfalt künstlicher und rivalisierender Parallelgesellschaften aufgesplittert haben:
Die artifizielle Rückkehr zu einer fiktiven Authentizität ist daher kein echter Beitrag zur Überwindung der gegenwärtigen Probleme, sondern vielmehr nur ein Symptom unseres »Unbehagens in der Kultur« und erinnert nicht von ungefähr an Denethors Wunsch, zu den barbarischen Bestattungssitten der alten Herrscher aus der Zeit zurückzukehren, »ehe je ein Schiff hierher segelte aus dem Westen«, denn »der Westen ist gescheitert!«.

Falsch, weil das Heidentum erst dann zur »Religion« wurde, als es auf das Christentum traf: Vorher war es eine unhinterfragte Ansammlung verschiedenster Riten und Erzählungen, welche keinen »Glauben« erforderte, sondern bloßes Handeln, und welche in solchem Maße an die Naturerfahrung angebunden war, daß ein Zweifel an der »Wahrheit« jener Vorstellungen gar nicht erst aufkommen konnte.
Erst der ungleich komplexere, da philosophischere Wahrheitsanspruch des Christentums ließ das Problem des Glaubens überhaupt aufkommen, hinter das aus dem geistigen Horizont des 21. Jahrhunderts nicht mehr zurückzugehen ist. Gefährlich, weil jeder Umgang mit dem Göttlichen, wenn er nicht bloßer oberflächlicher Lifestyle bleiben will, gleichzeitig auch ein Spiel mit der Gefahr ist: Wer in ehrlichen Kontakt mit dem Göttlichen tritt, muß auch mit einer Antwort rechnen, und daß eine solche im Heidentum nicht nur positiv, sondern auch negativ ausfallen kann, sollte jedem bewußt sein.

Das heroische Christentum als identitäre Grundlage des Abendlands

Doch noch wesentlicher: Das Heidentum ist vor mehr als 1000 Jahren nahezu überall in Europa durch das Christentum aufgehoben worden, und eine disruptive Rückkehr zu vorchristlichen Zuständen wäre nicht nur widernatürlich, sie würde auch die eigentliche Natur jener »Aufhebung« völlig verkennen. Bereits Hegel führte aus, daß dieser Begriff einen dreifachen Wortsinn beinhaltet: nicht nur den der bloßen Negation, sondern auch der Bewahrung wichtiger Bestandteile des Alten im Neuen und schließlich der Transzendierung jenes Alten hin auf eine übergeordnete Stufe.

Eine Rückkehr zum heidnischen status quo ante wäre somit nicht nur in jeder Hinsicht ein Rückschritt, sie würde auch die Gefahr bergen, zusammen mit dem Christentum zentrale, da hier noch lebendige Elemente des echten, ursprünglichen Heidentums aufzugeben und mit einer chimärischen, ganz aus dem heutigen Denken abgeleiteten Kunstreligion zu ersetzen, welche wohl paradoxerweise weniger mit dem Empfinden der echten Heiden zu tun hätte als das, was sich davon im Christentum bruchlos erhalten hat.

Gerade dies ist sicher auch eine der Ursachen für die Faszination von Tolkiens Werk, denn anstatt wie so viele phantastische Autoren bloßen Eskapismus zu bieten, ist es ihm gelungen, eine Welt zu entwerfen, in der die scheinbar heidnischen, also außer- oder vorchristlichen Elemente sinnvoll auf den traditionellen abendländischen Legendenschatz und die christliche Heilsgeschichte hin angeordnet sind.
Damit ist Mittelerde trotz ihrer scheinbaren Fremdartigkeit ein integraler Teil der abendländischen Kultur; eine ganz auf unser (nordwest-)europäisches Welt- und Menschenbild zugeschnittene Mythologie: Die Liebe zur Tolkien-Lektüre, wie sie zunehmend junge Menschen erfaßt, ist nur scheinbar ein Zeichen von Weltflucht, sondern in Wirklichkeit ein Hinweis auf die Ablehnung einer kulturzerstörerischen, gegen- und unterweltlichen Moderne und eine unbewußte Hinwendung zu einer gleichsam kondensierten Zusammenfassung dessen, was es über Jahrhunderte hinweg bedeutete, ein Abendländer zu sein.

Zentral für das »innere Abendland« schienen Tolkien zwei Dinge zu sein. Zum einen ist sein Werk durchzogen von jenem beständigen, abendländisch-»faustischen« Streben, das in Mittelerde in Gestalt des »hesperialistischen« Sehnens der Elben und Menschen nach dem »Westen« auch ganz konkrete Form annimmt und in Earendil kulminiert, der eine Scharnierfunktion zwischen christlichem und heidnischem Lichtbringer einnimmt.

Zum anderen wäre das mutige Ausharren auf aussichtsloser Position als weiteres Charakteristikum des Tolkienschen Menschenbilds zu erwähnen – ein Zug, der sich im realen Westen nicht nur im »nordischen« Geist der Tolkien so wichtigen germanischen Sagenwelt spiegelt, sondern der auch genuin christlich ist.
Denn da Mensch und Schöpfung (in Mittelerde wie im Abendland) vom Makel des Bösen behaftet sind, steht jedes Streben nach Dauerhaftigkeit, Wissen oder Schönheit zwar unter göttlichem Schutz, ist aber zum Scheitern verurteilt und kann nur durch den Gnadenakt des Eingreifens von außen zur Erfüllung gebracht werden.
Die heroische Tradition des nordischen Abendlands mußte Tolkien daher wie eine Vorwegnahme jenes christlichen Gedankens scheinen, so daß es kein Wunder ist, daß beide einander in Tolkiens Sekundärschöpfung ergänzen und nicht widersprechen.

Es würde freilich diesen kleinen Aufsatz sprengen, detaillierter darauf zu verweisen, was alles an heidnischem Brauchtum und Weltgefühl auch in der »realen Welt« in das Christentum der Spätantike und des Frühmittelalters übernommen worden ist, und das in den meisten Fällen durchaus freiwillig, bedenkt man etwa, daß jene Germanen, welche das römische Reich beerbten, sich größtenteils bereits zum Christentum bekehrt hatten, ohne doch einem unmittelbaren politischen Druck ausgesetzt worden zu sein wie später die Sachsen oder die Slawen: Die Bekehrung war freiwillig und wird daher auch nicht unter dem Aspekt eines schmerzlichen »Verlustes« eigener Tradition vonstatten gegangen sein, sondern vielmehr unter dem des Gewinns einer zusätzlichen Dimension.

Und was zuerst unverbunden nebeneinander stand, wie es in vielen frühmittelalterlichen Heldensagen deutlich wird (wie etwa dem Tolkien so wichtigen »Beowulf«), wuchs nach einiger Zeit zu einer echten Symbiose zusammen und schuf somit die eigentlichen Grundlagen der abendländischen Kultur, wie sie uns seit der Karolinger- und vor allem der Ottonenzeit entgegentritt.

Vom heidnischen zum christlichen Helden ist es nur ein kleiner, aber wesentlicher Schritt, nämlich der der Eingliederung des in der germanischen (und griechischen) Heldenepik noch nicht problematisierten moralischen Dualismus zwischen einem nicht nur sittlich, sondern auch transzendent verankerten Gut und Böse. Von der Christianisierung der Sagen um König Arthur und seinen Hof über die Germanisierung des Evangelienberichts im »Heliand« bis hin zur Eingliederung des Gralsstoffs in den hochmittelalterlichen Ritterroman entstand hier der Ausgangspunkt eines neuen Menschen- und Gesellschaftsideals, das die radikale Eigenverantwortung und Einsamkeit des vorchristlichen Helden und das Ideal des kämpferischen Trotzes selbst gegen die größte Übermacht mit dem Ideal der »Queste«, dem Streben nach transzendenter Erfüllung, höchsten sittlichen Selbstanforderungen und tätiger Nächstenliebe im Dienst der Schwachen verband – alles Charakterzüge, welche auch den Tolkienschen Helden vom frühzeitlichen Beleriand bis zur »Ringgemeinschaft« des späten Dritten Zeitalters gemeinsam sind.

Daß jenes gläubig-heroische Menschenideal zu Beginn der Neuzeit allmählich in den Schatten trat, war daher auch kaum dem Einfluß des Christentums zuzuschreiben, wie in neopaganen Milieus oft zu lesen ist, sondern vielmehr dem des merkantilen Denkens der aufstrebenden Kaufleute auf der einen und dem territorialen Hunger der neuen Landesfürsten auf der anderen Seite.

Nichtsdestoweniger sollte das Ideal des christlichen Rittertums noch bis weit in das 17. Jahrhundert hinein trotz veränderter
Rahmenbedingungen Erziehung und Selbstbild der abendländischen Elite prägen und in den im 18. Jahrhundert entstehenden Typus des »Gentleman« einfließen, der seinerseits erst in den Schützengräben des Ersten und den totalitären Ausschweifungen des Zweiten Weltkriegs sein Ende erlebte und heute als »old white man« den Gnadenstoß erhält.

Nur die Anknüpfung an jene heroische christliche Tradition, keinesfalls aber ihre Ablehnung kann es daher überhaupt ermöglichen, die gegenwärtige Zivilisationskrise zu überwinden und dem Abendland aller inneren wie äußeren Bedrängnis zum Trotz zumindest zu einem würdigen Abschluß zu verhelfen. Daß in unserer Spätzeit die Erinnerung an die frühesten Tage unserer Kultur erneut heraufdämmert, ist aus dieser Perspektive vielleicht sogar ein positives Zeichen dafür, daß uns in schlimmster Not aus den verdeckten Tiefenschichten unseres Unterbewußten letzte Kräfte zuwachsen könnten.

Doch darf eine solche Stärkung nicht vor sich gehen um den Preis einer Ablehnung dessen, was unsere Kultur eigentlich ausmacht: Das abendländische Christentum mit allen seinen Höhen und Tiefen ist und bleibt der ultimative Rahmen, welcher dem europäischen Menschen in den letzten tausend Jahren die Erschließung seines Ichs wie auch seiner Umwelt ermöglicht hat.

Eukatastrophe und Hesperialismus

Nun scheint freilich eine solche abschließende Rückkehr zur alten christlichen Tradition und ihrem historischen Menschenideal, die sich zudem gegen den Widerstand der heutigen Kirchen vollziehen müßte, noch in ferner Zukunft gelegen. Doch ist es meist gerade in der dunkelsten Stunde, daß die Rettung am nächsten ist, doch nur um den Preis eines zähen und bedingungslosen Durchhaltens.
Auch hierfür liefert Tolkiens Werk einen Anknüpfungspunkt, nämlich seine Theorie der »Eukatastrophe«, einer Schicksalswendung, die auf der Einsicht in die grundlegend fehlerhafte Natur des Menschen beruht, der bei dem Versuch, selbst mit reinstem Herzen allein durch seine eigene Kraft zu obsiegen, nur scheitern kann.

Doch ist es gerade im Moment jenes Scheiterns, daß die Hilfe von oben kommt und die Anstrengungen doch noch – manchmal auf unerwartete Weise – zum Gelingen bringen kann, sei es in der positiven Gestalt der »Adler« oder der rettenden Valar, sei es durch das eigentlich eher negative Eingreifen von Personen wie Gollum, deren Bosheit letztlich ungewollt zum Guten beiträgt – eine hochinteressante Denkfigur, welche das intrinsische Scheitern des Menschen, wie es die Tragödie kennzeichnet, mit dem Heroismus des Dramas kombiniert und erneut von christlichem Denken ausgeht, wo Sündenfall, stetes Ringen um das Gute, ultimatives Scheitern und göttliche Barmherzigkeit ähnlich untrennbar sind.

Daher wollen auch wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß das Festhalten an unserem Menschenbild, die Treue zu unserem Glauben und die Liebe zu unserer Geschichte am Ende, trotz oder gerade wegen ihres möglichen Scheiterns, auf ungeahnte Weise doch noch Früchte tragen und durch eine gleichsam »hesperialistische« letzte Blüte des Abendlands belohnt werden könnte – doch selbst ohne diese schwache Hoffnung wäre es ein Verrat an der Größe unserer Kultur, wollten wir in der Stunde größter Not untreu werden und uns mit dem Nieder- und Untergang abfinden.

Erhoffen wir daher auch für das Abendland einen letzten »Spätherbst« vor dem Winter, einen »goldenen Abend«, um Theoden zu zitieren, und erinnern wir uns daran, daß auch das bittersüße Ende des »Herrn der Ringe« den Worten seines Schöpfers zufolge eine Analogie zu einer »Wiederherstellung eines Heiligen Römischen Reiches mit dem Sitz in Rom« darstellen sollte. Es wäre nicht das erstemal in der Geschichte der großen Hochkulturen, daß auf die Endphase zivilisatorischen Verfalls eine letzte, gleichsam »augusteische« Spätblüte erfolgt, welche dem gesamten Verlauf der jeweiligen Vergangenheit erst Sinn und Ziel verleiht.
Und selbst, sollte diese Hoffnung trügen, wollen wir doch inmitten der Häßlichkeit der modernen Welt bedenken, daß gerade im heroischen Scheitern die eigentliche Schönheit des Daseins begriffen liegt, die »teuer, aber wohlfeil« erkauft ist, wie Manwes Herold von den Liedern der Elben sagte. Zumindest diese letzte Ehre sollten wir uns nicht nehmen lassen.


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